Erwin Laszlo

Das menschliche Bewusstsein: Evolution und Weiterentwicklung
(in: Peter Walde, Pier Luigi Luisi 
Vom Ursprung des Universums zur Evolution des Geistes, 
vdf Hochschulverlag ETH 2001)
 
 

Für den größten Teil des 20. Jahrhunderts glaubte man, die Evolution sei auf die Welt der Organismen beschränkt: sie wurde definiert als wir Prozess, der neue biologische Spezies entstehen lässt. Aber in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts wurde der Begriff der Evolution breiter und allgemeiner. In den sechziger Jahren zeigte die allgemeine Evolutionstheorie, dass sich Systeme in ganz unterschiedlichen Bereichen der physischen Welt im Grunde auf ähnliche Weise verhalten. In den siebziger und 80er Jahren zeigte die Thermodynamik und die allgemeiner Evolutionstheorie, dass in diesen Bereichen nicht nur das Verhalten, sondern auch die Entwicklung der Systeme ähnlich ist. Letztere Theorie, entwickelt die allgemeinen Prinzipien, anhand derer wir die Evolution sowohl der biologischen Welt als auch des Universums erklären können sowie auch die Entwicklung des menschlichen Geistes und Bewusstseins.

Für die allgemeine Evolutionstheorie liegt der Evolution der Prozess der Bifurkation (Gabelung) zugrunde. Dieser Begriff kam ursprünglich aus der Thermodynamik und fand später in der Chaos-Theorie breitere Verwendung. Er bezieht sich auf den unbestimmbaren Prozess, der stattfindet, wenn komplexe Systeme die Grenzen ihrer Stabilität erreichen: sie werden dann chaotisch - genauer gesagt, chaotische Attraktoren treten in ihnen auf. 

Dies führt dazu, dass sich ihr evolutionärer Weg gabelt. Gabelung findet statt, wenn offene Systeme in ihrem dritten Stadium weit von thermischem und chemischem Gleichgewicht entfernt auf die Grenzen des dynamischen Gleichgewichts stoßen (der erste Zustand offene Systeme ist thermodynamisches Gleichgewicht, und der zweite Zustand ist nah am Gleichgewicht - solche Systeme verhalten sich völlig anders als jene, die weit vom dynamischen Gleichgewicht entfernt sind).

Der evolutionäre Prozess von abwechselnd dynamischer Stabilität und kritischer Instabilität  führt zu einer zunehmenden Komplexität in der physischen Welt, vom physischen Substratum der Quarks und elementarer Teilchen über Atome und die Elemente, die Moleküle, die manche dieser Atome bildeten, und, in einer geeigneten planetarischen Umgebung, die Makromoleküle und Zellen, die sich aus manchen der Moleküle bildeten.

Dieser Prozess führt weiter zu Einzellern und Mehrzellern, die auf makro-molekularen und zellulären Komponenten basieren, und zu den Ökosystemen, die aus diesen sequenziell "konvergierenden" physischen Systemen entstehen. Der evolutionäre Prozess in unserem Lebensraum führt zur Evolution von biologischen Spezies innerhalb von Ökosystemen. Der hat zur Evolution der Gattung Homo geführt.

Mit Homo Sapiens verlagerte sich die Evolution aus dem Biologischen in den soziokulturellen Bereich. 

Die Evolution menschlicher Gruppen zu Gemeinschaften basierend auf Inter- Kommunikation oder Verwandtschaft ist in den Chroniken der Geschichte beschrieben. Dies ist ein komplexer Prozess. 

In der physischen Welt lassen sich Gabelung an meistens mit Differenzialgleichungen beschreiben, die das Verhalten von Systemen und die hauptsächlichen Beschränkungen, denen sie unterliegen, darstellen. 

In menschlichen Systemen dagegen unterliegen Gabelung an zusätzlichen Beschränkungen. Menschen haben die Freiheit, auf verschiedene Art und Weise bewusst oder unbewusst mit ihrer eigenen Evolution zu interagieren. 

Nichtsdestotrotz ist die Evolution von Gruppen, die einzelne Menschen bilden, der Evolution der biologischen Welt ähnlich: auch in der Geschichte treten gelegentlich zwischen stabileren Zeiträumen Gabelung an auf. 

Die periodischen Instabilitäten, die zu Gabelungen führen, sind auf die hoch entwickelten manipulativen Fähigkeiten der Menschen zurückzuführen. Die Geschichte wird vorangetrieben von den technischen Innovationen, die menschliche Gesellschaften in ihrem Lebensraum periodisch destabilisieren. 

Solche durch Technologie vorangetriebenen Revolutionen kommen in der Geschichte immer wieder vor. Dadurch konnte Homo sapiens Sprache, konzeptionelles Denken und Verwendung von Werkzeugen entwickeln sowie die Zusammenarbeit in Gruppen. 

Neue Techniken führten vor etwa 10'000 Jahren zum Übergang von der paläolithischen in die neolithische Zeit. Die entscheidende Innovation waren Tierhaltung und Landwirtschaft: die Domestizierung von Tieren und Pflanzen. 

Durch spätere Innovationen - Erfindung der Schrift, die Entwicklung der Fähigkeit, über größere Entfernungen zu kommunizieren, und die Stratifizierung von Gesellschaften vom Ältestenrat eines Stammes bis hin zum organisierten Staat, entstanden aus neolithischen, Ackerbau und Viehzucht treibenden Gemeinschaften die uralten Reiche von Babylonien, Ägypten, Indien und China.

Vor weniger als 4000 Jahren fand am Rand des Mittelmeeres eine weitere Gabelung statt die griechische römische Zivilisation betrat die Bühne der Geschichte. Im klassischen Griechenland wandten die Naturphilosophen den Weg für die neue kulturelle Wandlung. Sie ersetzten mythische Konzepte durch Theorien, die auf Beobachtungen beruhten und durch logisches Denken erweitert worden. 

Die vorsokratischen Philosophen entwickelten aus dem heroischen Geist, der in den Werken von Homer und in den frühen Heldengeschichten anzutreffen war, den visionären und theoretischen Geist. Dieser Prozess erreichte mit Sokrates als dem rationalen Geist seinen Höhepunkt und wurde durch Plato und Aristoteles verkörpert. Der Logos wurde zum zentralen Konzept: er bildete den Kern sowohl der Philosophie als auch der Religion. Zusammen mit dem Konzept des quantitativen Messens - Metron - gab er der westlichen Zivilisation die geistigen Grundlagen, auf die sie für fast 2000 Jahre bauen sollte.

Nach dem Niedergang des römischen Reiches im Westen und der Gründung des byzantinischen Reichs 476 v. Chr. gab es eine weitere Änderung der in der Lebensweise, dem Bewusstsein und der Organisation europäischer Gesellschaften. Der Aufstieg des Christentum veränderte die klassische Kultur des Logos. Sein Glaubensystem fügte zu den klassischen Konzepten einen göttlichen Ursprung hinzu, den man als den Schöpfer der Welt, deren treibende Kraft und den endgültigen Richter erachtete. Der Logos wurde jetzt in der heiligen Dreifaltigkeit und die Menschen, der Schöpfung Gottes, verkörpert. Der mittelalterliche Logos, dessen Prinzipien von Augustin und Thomas von Aquin ausgearbeitet wurden, beherrschte die europäische Zivilisation bis zum Anbruch des modernen Zeitalters.

Die Herrschaft des mittelalterliche Logos war aber nicht von ewiger Dauer. Eine weitere Änderung im europäischen Geistesleben fand im 16. und 17. Jahrhundert statt. Sie baute auf der Rationalität der Griechen, die - von den Römern entlehnt und ausgearbeitet - in mittelalterlichen Lehensgütern und Fürstentümern bewahrt wurde, trotz der hinzugekommenen christlichen Einflüsse. Sie fand Ausdruck außerhalb der mittelalterlichen Klöster in der Herstellung und Verwendung von mechanischen Geräten die Uhren, Windmühlen und von Nutzieren gezogenen landwirtschaftlichen Geräten und Wagen.

Im 17. Jahrhundert gipfelte der europäische, mechanistisch geprägte Logos im Konzept von der Welt als einer riesigen Maschine, ausgearbeitet von Giordano Bruno und Galileo Galilei. Newtons mathematische Beweis für die universalen Bewegungsgesetze bestätigte Galileos bahnbrechende Einsichten und lieferte die Basis für ein umfassendes Weltkonzept, dass die ganze moderner Zeit kennzeichnete. Dieses neue Konzept setzte sich sowohl auf dem europäischen Festland als auch in Großbritannien durch. Es erklärt das Verhalten von Körpern auf der Erde, genauso wie im Himmel, durch mechanische Prinzipien. Das Universum war ein durch Gott geschaffenes Uhrwerk, das durch einen Urheber in Bewegung gesetzt wurde und dann in aller Ewigkeit harmonisch lief. Man glaubte, dass es nach strengen Naturgesetze funktionierte. Die Kenntnis dieser Gesetze, so ließ es, befähige den rationalen Geist, alles Vergangene, Gegenwärtige und Künftige zu wissen. Gott des Platz in diesem System beschränkte sich auf die Rolle des Urhebers. Um das Funktionieren des Systems zu erklären, war Gott, wie Laplace zu Napoleon gesagt haben soll, eine Hypothese, für die kein Bedarf mehr bestand.

Das moderner Zeitalter begann mit einer ganzen Reihe von technischen Innovationen. Unter anderem wurde die Kraft von Dampf und später Öl nutzbar gemacht, und Massenproduktion für Massenmärkte wurde entwickelt.

Vor 200 Jahren begann in Europa das Industriezeitalter, aber am Anfang des 21. Jahrhunderts findet wieder ein Übergang statt, nämlich in ein postindustrielles Zeitalter. Dies wurde durch die zweite Industrierevolution ausgelöst - eine Revolution, die durch das Aufkommen von Information- und Kommunikationstechnologien gekennzeichnet ist. Diese Technologien sind leistungsfähiger und entwickeln sich um mehrere Dimensionen schneller als die klassische, auf fossilen Brennstoffen basierende Industrierevolution.

Dank einer Reihe von immer leistungsfähigeren Innovationen in immer kleineren Zeitabständen wurde Homo Sapiens die herrschende Spezies auf diesem Planeten. Aber seine Herrschaft ist nicht sicher. Die industrielle Zivilisation ist in ihrer gegenwärtigen Form nicht mehr haltbar. Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, was passieren kann oder wird, wenn sich das Industriezeitalter wiederum in ein postindustrielles Zeitalter "gabelt". Dies wird nicht lediglich ein wirtschaftlicher oder technologischer Prozess sein, auch wenn die treibende Kraft die durch die Wirtschaft geförderte Technologie ist. 

Die nächste Stufe in der historischen Evolution der Menschheit wird, wie alle vorherigen Stufen, durch eine Änderung in der herrschenden Denkweise gekennzeichnet sein, das heißt eine Änderung im charakteristischen Bewusstsein moderner Gesellschaften.

Die Evolution der Letzten 200 Jahre wurde vom Logos des modernen Zeitalters geprägt. Diese mechanistische Weltanschauung, unterstützt durch die Anwendung der modernen Wissenschaften, um auf Mensch und Natur einzuwirken, führte zu einer sprunghaften Steigerung von Größe, Komplexität und Ort eines Aktion Grad menschliche Gesellschaften und zu deren räumlicher Ausdehnung sowie deren Auswirkung auf die Umwelt. 

Dies war im Grunde ein " extensiver " Evolutionsmodus, der inzwischen nicht mehr haltbar ist. Er ist über das Ziel hinaus geschlossen und steht jetzt vor dem Kollaps. Wenn er sich fortsetzte, dann würde dies zu einer Reihe von lokalen Krisen und schließlich zu einem globalen Zusammenbruch führen.

Der extensiver Evolutionsmodus stößt an Grenzen, die damit in Zusammenhang stehen, dass der Raum und die Ressourcen auf dem Planeten begrenzt sind. Man stößt an diese Grenzen, weil:
1. die Bevölkerungszahl weiterhin rapide wächst
2. die Ausnutzung der physikalischen Ressourcen und der biologischen Systeme zur Lebenserhaltung, über die der Planet verfügt, rapide zunimmt
3. vielen nichtregenerative Ressourcen ausgeschöpft werden und deren Generation zu Möglichkeiten vieler erneuerbarer Ressourcen beeinträchtigt sind.

Eine lineare Fortsetzung dieser Tendenzen würde dazu führen, dass mehr Menschen nach mir Ressourcen verlangen, als der Planet hergeben kann. Das wäre einmalig in der Geschichte.

Für den größten Teil der 10'000 jahrelangen Geschichte der extensiven Evolution waren die Auswirkungen auf Umwelt und Ressourcen geringfügig und örtlich begrenzt. Auch wenn Gemeinschaften ihre örtliche Umwelt und ihre lokalen Ressourcen erschöpft hatten, gab es immer andere Gebiete zur Kolonisierung und andere Ressourcen, die sie ausschöpfen konnten.

Aber im 21. Jahrhundert wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich auf 8 bis 10 Milliarden wachsen, und mit ihren leistungsfähigen Technologien könnten die Menschen die Ressourcen und ihre Umwelt soweit ausnutzen, dass sie völlig erschöpft sein werden.

Es leuchtet ein, dass sich im 21. Jahrhunderts der herrschende Modus der menschlichen Evolution ändern muss. Dies bedeutet nicht, dass die historische Evolution mit ihren gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften zu Ende gehen muss, sondern nur, dass ein anderer Modus herrschen muss. Die Evolution kann sich in anderen Dimensionen und mit anderen Parametern fortsetzen. Es gibt eine Alternative zur extensiver Evolution, nämlich die intensive Evolution.

Wir können die intensive Evolution am besten definieren, in dem wir Sie mit der extensiver Evolution vergleichen. Anders als die extensiver Evolution verläuft die intensive Evolution über eine andere Achse. Sie erstreckt sich nicht über eine zweidimensionale Ebene auf der Erdoberfläche, sondern bewegt sich eine senkrechte Achse entlang. Sie geht tiefer in die Struktur menschliche Gesellschaften und strebt weiter nach oben in der Entwicklung der menschlichen Kommunikation und des menschlichen Bewusstseins.

Die Mittel und die Ziele der beiden Evolution formen unterscheiden sich gewaltig. Die Ziele der extensiven Evolution kann man unter den Übergriffen Eroberung, Kolonisierung und Konsum zusammenfassen. Eroberung zielt darauf, die Macht des Menschen über immer größere Gebiete des Planeten auszubreiten. Traditioneller Weise erfolgte dies durch die Unterjochung der Natur oder anderer, schwächerer oder weniger extensiv orientierter Völker. Erfolgreiche Eroberung führte zur Kolonisierung der Natur und anderer Völker, meist durch Waffengewalt. Heute werden Eroberung und Kolonisierung durch eine andere Form der Herrschaft ergänzt: das Aufzwingen des Willens und der Wertvorstellungen von mächtigen Staaten und wohlhabenden Unternehmen auf breite Bevölkerungsschichten. Das Ziel der Staaten ist die territoriale Souveränität, worunter auch die Souveränität über die menschlichen und natürlichen Ressourcen der Gebiete zu zählen ist. Das diesem entsprechende Ziel für globale Konzerne besteht darin, Nachfrage, die zu Gewinn bringendem Konsum führt, zu befriedigen oder nötigenfalls zu erregen.

Den grundlegenden Zielen von Eroberung, Kolonisierung und Konsum wurde und wird noch durch verschiedene entsprechende Technologien gedient. Erstens durch Technologien, welche die Materie verwenden und verwandeln: die Technologien der Produktion. Zweitens durch Technologien, welche die Energie erzeugen, um die Produktion anzutreiben: Energieerzeugende Technologien. Und drittens durch Technologien zum Töten und Vernichten, die sowohl von legitimen als auch von illegitimen Kräften verwendet werden, und sich Menschen und andere Lebensformen durch Gewalt oder mindestens die Androhung von Gewalt untertan zumachen.

Im modernen Zeitalter wurde mit Technologien der ersten Art menschliche Behausungen mit Transport- und Kommunikationsnetzen und immer leistungsfähigeren Produktionsstrukturen gebaut, aus denen eine immer größere Vielfalt von Produkten hervorging. Technologien der zweiten Art machten die Kräfte der Natur nutzbar, um diese Technologien anzutreiben. Und die dritte Art brachte die Arsenale von Militär, Polizei, Verbrechen wischen und terroristischen Organisationen hervor, um den Willen derer, die die Technologien beherrschen, dienen, die ihnen ausgesetzt sind, aufzuzwingen.

Die Mittel und die Ziele der intensiven Evolution sind anders. Sie können auch unter drei Übergriffen zusammengefasst werden, aber sie lauter nicht Eroberung, Kolonisierung und Konsum, sondern Vernetzung, Kommunikation und Bewusstsein.
 

Übergang von extensiver zu intensiver Evolution

Die Mittel und Ziele der intensiven Evolution sind anders. Sie können auch unter drei Übergriffen zusammengefasst werden, aber sie lauten nicht Eroberung, Kolonisierung und Konsum, sondern Vernetzung, Kommunikation und Bewusstsein. 

Fangen wir mit Vernetzung an. Einer der großen Mythen des Industriezeitalters ist der von seiner Haut umschlossene einzelne Mensch, der von anderen Menschen und der Natur getrennt ist und dessen eigene Interessen von den Interessen anderer getrennt sind. Der erste Aspekt dieses Mythos beruht auf der klassischen Physik und Ihrem Erfolg auf den Gebieten der Technik.

Wie Newtons Massenpunkte und Steine, Ziegelsteine sowie Bauteile der Mechanik schienen Menschen in sich geschlossene, voneinander unabhängige Stücke organisierter Materie zu sein, die nur räumlich miteinander und mit ihrer Umwelt in Zusammenhang standen. Die klassische Volkswirtschaftslehre untermauerte diesen Mythos, indem sie einzelne Menschen als egozentrisch Agierende betrachtete, die ihre eigenen Interessen verfolgten, die bestenfalls mit den Interessen anderer durch die Marktmechanismen harmonierten. 

Heute aber setzen sich die neuen Wissenschaften über die Idee des Getrenntseins hinweg. Ihrer Ansicht nach ist jedes Quantum intrinsisch mit jedem anderen Quantum im Universum und jeder Organismus mit jedem anderen Organismus in der Biosphäre verbunden. 

Das heutige Wirtschaftssystem stellt wiederum eine entscheidende und unmittelbare Verbindung zwischen den Interessen von Einzelpersonen, von einzelnen Staaten und von Unternehmen und der Funktionsweise der globalisierten Wirtschafts- und Finanzsysteme her.

Neben den neuen Wissenschaften bieten auch traditioneller Kulturen wichtige Einsichten in Bezug auf die Verbindungsleitungen, über die Menschen mit sich selbst, miteinander und mit der Natur kommunizieren. In traditionellen östlichen und westlichen Kulturen sind Menschen Teil einer größeren Realität, die Natur und Universum umfasst. In der westlichen Welt wurden diese Verbindungen geschwächt durch den privilegierten Status, den die judeo-christlichen Kirchen den Menschen gaben. Ihnen gemäß wurde allein der Mensch als Gottes Abbild geschaffen, und ihr allein besitzt eine unsterbliche Seele, die der Rettung würdig ist. 

Grundlegende Bindungen wurden weiter durchschnitten am Anfang des modernen Zeitalters, als die Kirchen eine Spaltung zwischen den "Naturwissenschaften" und den "Moralwissenschaften" verordneten. Diese Spaltung führte letztlich zur Spaltung der modernen Gesellschaft in zwei Kulturen. 

Gegenwärtig aber gehen die neuen Wissenschaften über die klassischen Spaltungen hinaus und zeigen uns ein Universum, in dem alles miteinander verbunden ist. Das neue wissenschaftliche Weltbild könnte eine gesellschaftlich legitimierter Grundlage liefern für die immer währende Vision von Einheit zwischen einem Menschen und dem andern und zwischen allen Menschen und der Natur.

Das zweite Ziel der intensiven Evolution steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem ersten. Es besteht darin, die Kommunikation zu vertiefen und die Bewusstseinsebene der Kommunizierenden zu erhöhen.

Die Kommunikation muss auf mehreren Ebenen stattfinden. Erstens müssen Menschen mit sich selbst kommunizieren und für ihr Inneres selbst sorgen und es entwickeln. Menschen, die "mit sich selbst in Fühlung" sind, sind ausgeglichener und können besser mit ihrer Umwelt kommunizieren. Menschen müssen auch mit denen, die ihre unmittelbares Umfeld bilden - Familie, Gemeinde und Beruf - besser in Fühlung sein. Noch breitere Kommunikationsebenen sind ebenso notwendig: Kommunikation zwischen Menschen, ob nah oder fern, im eigenen Land oder in anderen Ländern und Kulturen, sowie Kommunikation mit der Natur - sowohl im metaphorischen als auch im wörtlichen Sinne.

Die Kommunikation durch und unter Menschen, wie alle Kommunikation in der Natur, wird durch Verbindungen ermöglicht, aber bei Menschen spielt ein weiterer Faktor einer Rolle: das Bewusstsein.

Das volle Potenzial der menschlichen Kommunikation entfaltet sich nur, wenn sie die Verbindungsleitungen, durch die sie kommunizieren, begreifen. 

Eine hohe Kommunikationsebene erfordert eine hohe Bewusstseinsebene, damit die Menschen von den vielen Leitungen, die sie miteinander und mit der Welt verbinden, Gebrauch machen können. 

Sich dieser Leitungen bewusst zu sein, ist ein wichtiger Faktor für die weitere menschliche Evolution, denn dadurch steigt das Bewusstsein der Kommunizierenden von einer ego-, gemeinde- und nationzentrierten Orientierung in eine breitere kultur- und letztlich spezieszentrierte Dimension.

Wenn die intensive Evolution die extensive Evolution ersetzt, wird das Streben nach Größe und Komplexität in der Gesellschaft durch das Streben nach Vernetzung und Kommunikation ersetzt. Gesellschaften, die sich im Intensivmodus entwickelten, werden nachhaltig sein. Der Energie und Materialverbrauch wird bescheiden, die Verwendung von Energie und Material effizient sein, und der Ausschuss von überschüssiger Energie und überschüssigem Material wird begrenzt sein. 

Die Evolution wird sich nicht nach Eroberung und Konsum orientieren, sondern nach einer tieferen Struktur gesellschaftlicher Beziehungen und einer höheren Bewusstseinsebene.

Wir können jetzt versuchen, die Frage zu beantworten: was kann oder wird passieren, wenn sich das Industriezeitalter in eine postindustrielle Zeit gabelt? 

Es ist klar, dass für einen historischen Wendepunkt erreicht haben. Der seit zehn Jahrtausenden herrschende Evolutionsmodus muss sich ändern. Dieser Änderung hängt von einer Änderung der herrschenden Denkweise, das heißt des menschlichen Bewusstseins, ab. 

Ein wandelndes Bewusstseins ist nicht unmöglich: das herrschende Bewusstsein hat sich mit jeder Gabelung in der geschriebenen Geschichte geändert.

Der Zivilisationshistoriker Alastair Taylor hat daraufhingewiesen, dass, seit unsere Vorfahren eine Form von Kultur und gesellschaftliche Ordnung entwickelt haben, periodische Änderungen in den Beziehungen der Menschen zueinander und zur Natur von entsprechenden Änderungen in ihren Glauben und Weltanschauungen begleitet worden. 

Diese Änderungen, haben menschliche Gesellschaften von der Zeit des Mythos zur Zeit des Theos und dann zur Zeit des Logos geführt. In der Zeit des Mythos herrschte mythisches Bewusstsein, in der Zeit des Theos herrschte theistisches  Bewusstsein, im modernen Zeitalter herrschte rationales Logosbewusstsein.

Das Logosbewusstsein führt jetzt zu den bekannten ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Missständen. Zum einen führt es zum übermäßigen Verbrauch und zum Missbrauch von lebenswichtigen natürlichen Ressourcen, zum anderen zerbricht es das Gewebe von Gesellschaften, mitwachsenden Klüften zwischen Arm und Reich, zwischen Mächtigen und den Machtlosen und zwischen den Informierten und den Ausgegrenzten.

Es gibt Anzeichen dafür, dass sich das Logos-Bewusstsein bereits im Wandel befindet. Die Wertvorstellungen der Menschen gehen langsam von quantitativer Konsumssteigerung zu qualitativer Selektivität nach Kriterien wie Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit und der Ethik von Produktion und Verbrauch über, und ein Wechsel von ostentativen, Material und Energie verschwendenden Lebensweisen zu Lebensweisen, die gekennzeichnet sind von bewusster Einfachheit und dem Streben nach einer gesellschaftlichen Ethik in einem Einklang mit der Natur, findet statt. 

Diese Änderung, geht aus Umfragen, die neulich in den Vereinigten Staaten von Paul Rey durchgeführt worden, hervor. Viele kommen zur herrschenden Kultur der Modernisten zwei alternativer Kulturen hinzu: die der Traditionalisten und die der kulturell Kreativen. Von diesen beiden Subkulturen wächst die der kulturell Kreativen schneller und ist vielversprechender.

Wenn Homo Sapiens das 21. Jahrhundert überlebt, werten sich der Geist und das Bewusstsein des Menschen wesentlich ändern. Wie sie sich ändern, ist noch Spekulationssache. Sri Aurobindo sprach von einem Super- Bewusstsein als nächstem Schritt in der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Auf eine ähnliche Art beschrieb Jean Gebser die Entstehung eines vierdimensionalen integralen Bewusstseins nach den früheren Stufen von archaischem, magischem und mythischem Bewusstsein.

Nach Ken Wilber führt der Evolutionsprozess in sechs Stufen vom physischen Bewusstsein, bezogen auf nicht lebende Materieenergie, über das biologische Bewusstsein von Tieren und das mentale Bewusstsein von Menschen bis hin zum subtilen Bewusstsein, das arche-typisch und intuitiv ist und über das Individuelle hinausgeht. Dies lässt ein kausales Bewusstsein entstehen, aus dem formlose Strahlung und perfekte Transzendenz vorgehen und dass in der letzten Stufe zum endgültigen Bewusstsein führt, das " Bewusstsein-als-solches".

Wilber postuliert die Idee, das aus der Zeit des Logos die Zeit des Holos hervorgehen wird, in dir das Holos- Bewusstsein - eine holistische Wahrnehmung und Achtung des menschlichen Lebens in seinem planetarischen Lebensraum - heute noch herrschenden Logosbewusstsein ersetzt.

Wie immer die nächste Stufe in der Evolution des Bewusstseins sein wird und wie immer wir sie nennen, eines ist gewiss: wenn sich der Geist und das Bewusstsein des Menschen nicht weiterentwickeln, wird die Menschheit mit einer Reihe immer tiefere Krisen konfrontiert sein. Die Evolution von Geist und Bewusstsein ist nicht mehr bloß ein Gegenstand theoretischer Spekulation. Sie gehört zu den Aspekten, die für die Menschheit höchste Priorität haben.

Der Club of Budapest wurde in Erkenntnis dieser Notwendigkeit gegründet. Ich möchte zum Schluss die schließenden Absätze des "Manifesto of the Spirit of Planetary Consciousness" zitieren:

Wenn sich der Geist und das Bewusstsein der Menschen nicht in die planetarischen Dimension weiterentwickeln, werden sich die Prozesse, die das globalisierten Wirtschaft und Natursystem belasten, zuspitzen und eine Schockwelle verursachen, die den gesamten Übergang in eine friedliche und kooperative globale Gesellschaft gefährden könnte. Das wäre ein Rückschlag für die Menschheit und eine Gefahr für jeden Einzelnen. Den Geist und das Bewusstsein des Menschen weiter zu entwickeln, ist das erste wichtige Anliegen, dass die gesamte Menschheit gemeinsam hat. Planetares Bewusstsein bedeutet sich der gegenseitigen Abhängigkeit und der grundlegenden Einheit der Menschen bewusst zu sein und sie zu spüren und die damit einhergehende Moral bewusst zu verinnerlichen. Seine Entwicklung ist für das Überleben der Menschen auf diesem Planeten unerlässlich.
 
 

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