Pier Luigi Luisi
Peter Walde, Pier Luigi Luisi (Hrsg.)
Vom Ursprung des Universums zu Evolution des Geistes
 

Seite 60
Beziehung Moleküle - Geist

...ob und bis zu welchem Ausmaß die zwei Welten, also die Welt der molekularen Naturwissenschaften und die Welt des menschlichen Bewusstseins, miteinander kongruent sind oder ob sie doch antagonistisch zueinander bleiben.

Ich möchte zeigen, dass eine gute Kongruenz zwischen diesen zwei Welten möglich ist. Dafür muss ich mich wieder der autopoietischen Einheit zuwenden, insbesondere der Beobachtung, dass ein lebender Organismus immer in Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht.

Betrachten wir zuerst die Tatsache, dass die Wechselwirkung zwischen der lebenden Einheit und ihrer Umwelt spezifisch ist für jeden Organismus, das heißt für eine Amöbe ist sie anders als für einen Schmetterling, und für ein Pferde ist sie wiederum anders als für einen Fisch.
 

Akt von Erkennung = Kognition

Diese " Kognition" darf nicht antropomorph verstanden werden. Sie soll als eine Art intelligente Wechselwirkung zwischen einem Lebewesen und seiner Umwelt verstanden werden. Daraus ergeben sich dann verschiedenen Ebenen von Erkennung, nämlich das Niveau der Amöbe, der Ameise, des Hundes etc. und schließlich das Niveau des Menschen.

Bei der Kognition handelt es sich, gemäss Maturana und anderen Autoren, um eine ganz spezielle Art von Interaktion, eine, die sich durch eine lange Geschichte (Evolution) von gekoppelten Interaktionen zwischen der veränderbaren Umwelt und dem veränderbaren Organismus optimiert hat. 

Sie beschreibt ein Erkennungsvermögen, das nichts mit einer einfachen passiven, fotografischen Wahrnehmung der äußeren Welt zu tun hat.

Merleau-Ponty sagte:"...Es ist der Organismus selbst, mit seinen Rezeptoren, Nervenzentren, seine Billigung der Organe, dir die Reize der physikalischen Welt wählt, für die er empfindlich ist. Die Umgebung entsteht aus der Welt mit der Aktualisierung des Seins des Organismus..."

In anderen Worten, durch einen solchen Akt der Erkennung werden sowohl der Organismus als auch die Umwelt gleichzeitig geschaffen. 

Man kann dabei von Ko-Emergenz sprechen, in dem Sinne, dass das Wesen des Organismus und die spezifische Struktur seiner Umwelt zusammen kreiert werden, wenn ein Akt der Kognition stattfindet. Es ist nicht der Fall, dass das eine das andere durch eine einfache Kausalität bestimmt. 

Die zwei Welten, die Welt des Organismus und diejenige seiner Umwelt, determinieren sich gegenseitig und werden zusammen geboren. Man kann eventuell von doppelter oder zyklischer Kausalität sprechen.

Diese Betrachtungsweise birgt einige wichtige Implikationen. Die eine ist, dass es viele ko-existierende Wirklichkeiten gibt - dir Welt der Fische, die Welt der Affen, die Welt der Fledermäuse und die der Menschen. Dies würde dann bedeuten, wörtlich genommen, dass es keine absolute Wirklichkeit gibt.

Die zweite, interessantere Implikationen besteht darin, dass wir auf diese Weise zu einem radikal neuen Begriff des Geistes gelangen.

Mit der Ko-Emergenz der inneren und äußeren Welt scheint die Überwindung der cartesianischen Trennung zwischen Geist und Materie möglich. Der Akt der Kognition ist gleichzeitig sowohl ein geistiger Prozess als auch der Ausdruck der Lebenstruktur molekularen Wechselwirkungen zwischen dem Organismus und seiner Umwelt. Die molekularen Strukturen des Organismus und sein Geist sind eins.

Der Geist ist also nicht ein Ding, sondern ein Prozesses - der eigentliche Prozess des Lebens. 

Die zentrale Einsicht der Santiago Theorie - in Übereinstimmung mit der Vorstellung von Gregory Bateson - ist die Gleichsetzung der Kognition, des Erkenntnisprozesses, mit dem Prozess des Lebens. 

Nach der Santiago Theorie ist das Gehirn nicht notwendig, damit Geist existiert. Bakterien oder Pflanzen haben kein Gehirn, aber doch einen Geist. Es ist deshalb verständlich, dass diese Theorie nicht überall problemlose Akzeptanz findet.

Bedenken Sie, dass wir, um von Erkennungsvermögen und Geist zusprechen, kein transzendentales Prinzip eingeführt haben. Wir sind immer noch bei der Emergenz: diesmal handelt es sich um eine Emergenz höherer Art, eine, die zur Kognition führt und deshalb direkt mit dem Geistes zu tun hat.

Der letzte Akt dieser Aufführung besteht darin, das menschliche Bewusstsein in Betracht zuziehen. Damit ist nicht nur " Self-awareness" gemeint, sondern zusätzlich die Fähigkeit, über sich selbst zu reflektieren. 

Dies ist eine besondere, höherer Art von Bewusstsein, das sonst einfach mit der Wahrnehmung, der Kognition und dem intelligenten Auswählen von Bedingungen und Faktoren während des Lebensprozesses gleichgesetzt wird.

Auch auf das menschliche Bewusstsein lässt sich anwenden, was wir bei den Erkennungsprozessen gelernt haben. 

Das Bewusstsein des Menschen und seine molekularen Lebenstrukturen ko-emergieren, sie entstehen simultan. 

Beim Bewusstsein handelt es sich nicht um ein Werkzeug, um die äußere Wirklichkeit zu fotografieren, sondern das Bewusstsein ist die Aktualisierung der menschlichen Struktur. 

Varela et.al:"The Embodied Mind":..."Wir reflektieren über eine Welt die wir nicht gemacht, sondern so vorgefunden haben - und doch ist es unser Menschsein, dass uns das Reflektieren ermöglicht. Im Reflektieren finden wir uns in einem Kreis: wir sind in einer Welt, die schon zu bestehen scheint, bevor das Reflektieren begann - aber diese Welt ist nicht abgetrennt von uns".

Dies sind alles Aspekte des Bewusstseins und nicht von oben gegebene Eigenschaften. Man könnte sagen, sie sind durch die Evolutionsprozesse des Lebens selbst erzeugte Werte autopoietischer Systeme. 

Sie kommen aus einer sehr langen Kette von "coupling-interactions" zwischen dem evolvierenden Lebewesen und seiner Umgebung hervor. Werte wie Ethik und Religiosität, hervorgegangen aus Optimierungsprozessen über Millionen von Jahren, stellen die modernste Entwicklungsstufe der Evolution dar.

Diese Werte werden uns also nicht von oben gegeben, sondern es sind eigene Werte, die aus der Selbstorganisation des Lebendigen, aus den Lebensprozessen selbst hervorgehen. Deshalb sind diese Werte im Einvernehmen mit dem Leben und dessen molekularen Strukturen, die es charakterisieren.
 
 
 
 

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