Ernst Peter Fischer
Weltwoche Wissen 15. November 2001

Alle Wissenschaft ist Dichtung
Wissenschaftsgeschichte als Dichtung
Ernst Peter Fischer

Bevor die Atomkerne gespalten werden konnten und die Freisetzung ihrer Energie Anlass zu literarischen Erinnerungen gab - " wenn das Licht von 1000 Sonnen /am Himmel plötzlich bräch hervor zu gleicher Zeit", geht es Robert Oppenheimer, dem Vater der Atombombe, durch den Kopf, als 1945 zum ersten Mal eine explodierte, - musste verstanden werden, wie sie aufgebaut sind und wo sie ihre Energie speichern. 

Die dazu nötigen wissenschaftlichen Theorien kennen wir heute als Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Mit ihnen sind zwei der größten Namen verbunden, die zur Ehre der Wissenschaft beitragen Niels Bohr und Albert Einstein.

Bohr hat deutlicher als seine Kollegen erkannt, dass die Doppelnatur von Licht und Materie, die nur mit den komplementären Bildern der Welle und des Teilchens beschrieben werden konnten, für die Wissenschaft eine neue Situation bringt.

Ein Physiker konnte zwar noch herausfinden (mit der Mathematik oder mit Experimenten), wie die Natur beschaffen ist; er konnte es aber nicht mehr sagen, zumindest nicht in der Sprache der alltäglichen Informationsübermittlung. Wenn etwas sowohl Welle als auch Teilchen sein kann, wenn es für jede Darstellung der physikalischen Wirklichkeit eine komplementäre - d.h. eine zwar widersprechende, aber gleichberechtigte - Form gibt, dann ist die Physik der Atome, so Bohr, das beste Beispiel dafür, dass man das, was man verstanden hat, nur in Bildern oder Gleichnissen darstellen kann: also literarisch. Nur die Dichtung kann sagen, dass ein Atom ist. Ohne Fiktion kann sich die Wissenschaft nicht ausdrücken, ohne Fiktion kann es keine Wissenschaft geben.

Wir den letzten Satz für übertrieben erhält, sollte nicht sogleich protestieren, sondern sich erst einmal anhören, was Einstein zur Methodik der theoretischen Physik gesagt hatte. Seine Ansichten dazu finden sich in dem Band " Mein Weltbild ", der immer wieder neu aufgelegt worden ist. Hier kann man auf den Seiten 113 gelesen dass die Frage nach dem fiktiven Charakter der Wissenschaft nur eine Antwort hat: ALLE WISSENSCHAFT  IST FIKTION.

Einstein spricht konkret von den Gesetzen der Physik, die er als " freie Erfindungen des menschlichen Geistes" bezeichnet und die den Grundlagen seiner Wissenschaft einen "rein fiktiven Charakter" geben. Er räumt ein, das vergangene Jahrhunderte dies anders gesehen und die Naturgesetze als logische Abstraktionen aus experimentellen Erfahrungen verstanden haben. Doch seine allgemeine Relativitätstheorie zeigt etwas anderes. Ihre Grundlagen unterscheiden sich von den Fundamenten der newtonschen Wissenschaft zwar grundsätzlich, doch beide stimmen mit der Erfahrung weitgehend überein. Natürlich sind Einsteins Gesetze genauer und weitreichender, aber dies ändert nichts an dem zentralen Befund, "dass zwei wesentlich verschiedene Grundlagen aufgezeigt werden können", die das Ergebnis experimentellen Beobachtungen vorhersagen können. Damit wird "der fiktiven Charakter dieser Grundlagen völlig evident", wie Einstein betont. Jeder Versuch einer logischen Ableitung erscheint ihm sinnlos.

Wenn schon der Atome als die einfachsten Gebilde der Welt nicht ohne fiktive Elemente beschrieben werden können, dann ist auch nicht zu erwarten, dass sie naturwissenschaftliche Prosa ausreicht, um das komplizierteste Forschungsobjekt zu erfassen: DAS GEHIRN.

Tatsächlich scheint die Neurobiologie nur weiterzukommen, wenn sie zur Kenntnis nimmt, dass ein Gehirn keinen direkten Zugang zu Welt hat und vor allem damit beschäftigt ist, das Wahrgenommene zu deuten. Wir wollen nicht in erster Linie einem Gegenstand erkennen, der rasend schnell auf uns zukommt, sondern wir wollen vor allem die Gefahr erkennen, die in dieser visuellen Szene steckt.
 
 
 

Was das Gehirn tut, kann nie im Rahmen einer physikalischen Wissenschaft allein verstanden werden, sondern nur mit den Mitteln, die in der Philosophie unter dem Namen herum Hermeneutik bekannt sind. Das Wort leitet sich von griechischen Götterboten  Hermes ab. Und so, wie die Menschen nicht direkt mit den Göttern reden können, steht das Gehirn in keiner unmittelbaren Verbindung zur Welt. Wer die Welt in unserem Kopf verstehen will, muss über die Physik hinausgehen und zum Hermeneutiker werden, also zum Deuter seiner Daten. Und zwar nicht nur im Hinblick auf das was die Ergebnisse für die Wissenschaft bedeuten, sondern auch im Hinblick darauf, was die Ergebnisse über das Weltbild ausdrücken, mit dem ein Gehirn operiert.

Neben diesem allgemeinen fiktiven Charakter lässt sich auch konkret angeben, wie und wann dichterische Elemente gefordert sind, wenn das Gehirn seine Leistungen erforscht werden. Z.B. bei Halluzinationen: die Wissenschaft muss in der Lage sein, diese Erscheinungen in ihrer Wirklichkeit zu erkunden. Wie soll ein Neurobiologe z. B. das Hören von Stimmen anders erforschen als durch Fallgeschichten, also eben durch Geschichten.

Das Hören von Stimmen wurde nicht zufällig gewählt, wenn es gibt viele Dichter - einer war Rilke, als er die Duineser Elegien schrieb -, die von diesem Phänomen erzählt haben und ihm sogar ihre Texte verdanken.

Ein Wissenschaftler, der einer Halluzination dieser Art ausgesetzt war und aus dem leeren Raum mit einem Ratschlag versorgt wurde, hat dieses Erlebnis zu einer Theorie über den Ursprung des Bewusstseins ausgearbeitet. Gemeint ist der Amerikaner Julian Jaynes, der durch ein Studium der Texte von Homer und auf Grund der gehörten Stimme auf die Idee kann, dass die in der Ilias beschriebenen Menschen von Anweisungen gelenkt worden, die ihnen wie Götterbotschaften erschienen. Erst als dieses " Zweikammergehirn ", wie James schreibt zusammenbrach und die beiden Hemisphären eigenständig wurden, entstand das, was wir Bewusstsein nennen, und mit ihm unser Ich .

Es gibt viele Wissenschaftler, die der Ansicht sind, dass unserer Zeit noch nicht reif ist, das Problem des Bewusstseins mit ernsthaften Aussichten auf Erfolg anzugehen. Sie empfehlen deshalb, zunächst einmal die Prozesse besser zu erkunden, die zu Gehirnen führen, also die umfassenden Bewegungen des Lebens, die wir als Evolution ( Phylogenese) und Entwicklung (Ontogenese) kennen. 

Im Rahmen der modernen Genetik scheinen sich da Fortschritte abzuzeichnen. Wenn nicht alles täuscht, drängen auf diese Weise auch immer mehr literarische Elemente in die Biologie. Um z. B. zu verstehen, wie Organismen sich selber machen, wie das in der Entwicklung geschieht, führen einige Biowissenschaftler Konzepte wie " Identitätsgene" oder " Interpretationsgene" ein. Sie meinen damit zum einen Gene, die anzeigen, in welchem Gewebe sich eine Zelle befindet, und zum zweiten Gene, die dies deuten und in eine neue Aktivität umsetzen. 

Was die Gene selbst angeht beziehungsweise den Verband, in dem sie in einer Zelle stecken und den die Forschung als Genom kennt, so liefern sich zur Zeit viele Institutionen mehrerer Wettrennen, um solche Genome Buchstabe für Buchstabe zur sequenzieren. Die neue Genetik steckt also voller offen gelegter Texte; veröffentlicht werden sie nur noch, nachdem sie mit einem Kommentar versehen worden sind. " Kommentierte Ausgaben " gibt es also demnächst nicht nur von Werken der Weltliteratur, sondern auch von den Genomen, die durchbuchstabiert worden sind und mit anderen genetischen Texten verglichen werden sollen.
 
 
 
 
 

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