WOLF SINGER
 
DER SPIEGEL  1.1.2001
SPIEGEL-GESPRÄCH    

Das falsche Rot der Rose

Was geschieht im Kopf, wenn die Augen etwas sehen? Wie entsteht Bewusstsein, wie die Vorstellung vom "Ich"? Hirnforscher Wolf Singer beschreibt das Zentralorgan als ein "extrem dezentral organisiertes System". Die Idee des freien Willens hält er für ein kulturelles Konstrukt.

SPIEGEL:  Herr Professor Singer, können Sie beschreiben, was Sie hier sehen?
Singer: Das ist eine Kröte aus Holz mit einem Stock im Maul. Wirklich sehr hübsch geschnitzt. Wo ist die denn her?
SPIEGEL:  Ein Souvenir- aus Kambodscha. Können Sie uns sagen, was gerade in Ihrem Kopf vorgegangen ist?
Singer:  Zunächst entsteht ein zweidimensionales Bild auf der Netzhaut mit unterschiedlichen Grauwerten. Die Ganglienzellen der Netzhaut verwandeln dieses Bild in Erregungsmuster, die dann von Nervenzellen in der Grosshirnrinde analysiert werden: Sie reagieren auf einfache Merkmale, Orientierungen, Kontraste, Texturen. Jetzt beginnt das Gehirn ein kombinatorisches Spiel, vergleicht diese Informationen mit bereits gespeicherten Gedächtnisinhalten. Wenn dort etwas ähnliches vorhanden ist, stellt sich plötzlich ein stabiler Zustand ein, der dann nicht nur zu der bewussten Wahrnehmung führt: "Hier ist eine Kröte", sondern auch vom Sprachzentrum aufgegriffen werden kann und dort unter den vielen möglichen Benennungen die richtige raussucht. All das ist in ein paar hundertster Sekunden erledigt gewesen - war ja auch ein einfaches Objekt.

SPIEGEL:  Langsam, langsam! Nehmen Sie die Kröte ruhig einmal in die Hand. Können Sie sich vorstellen, dass sie noch für irgendetwas anderes gut ist?
Singer: Das ist sehr schönes Holz, erstaunlich hart. Offensichtlich Ebenholz (zieht den Stock aus dem Maul und schlägt auf die Kröte). Da entsteht ein beachtlich lauter Klang - ja, das ist ein Musikinstrument!

SPIEGEL: Gratulation, so schnell haben wir nicht geschaltet.

Singer: Sie haben auch nicht unter Experimentierstress gelitten, so wie ich. Mein Gehirn hat Widersprüche entdeckt, das kombinatorische Spiel erweitert und erkannt: "Das sind vermutlich zwei Gegenstände." Jetzt habe ich also zwei Dinge und mache mich auf die Suche nach irgendwelchen Beziehungen. Das ist der Gestaltungsdruck der Seele - das Gehirn sucht ständig nach Gründen, Zwecken und Beziehungen ...

SPIEGEL: ... eine angebotene Neugierde ...

Singer:  ... ich würde es hier als spielerische Versuchsphase bezeichnen. Das Nächstliegende ist eben, beide Gegenstände miteinander in Berührung zu bringen. Und das auditorische System erkennt: "Das sind Klänge, und zwar keine banalen." Und dann kommt wahrscheinlich die Sinnzuschreibung, dass der Zweck dieses Systems die Erzeugung von Lauten ist.

SPIEGEL:  Was lernen wir dabei über den Aufbau des Gehirns?

Singer:  Dass sehr viel Vorwissen gespeichert sein muss. Irgendwann müssen die Konzepte Kröte und Klangerzeugung von meinem Gehirn gelernt worden sein, und gerade eben hat sie mein Gehirn miteinander verbunden. Das führt zur Metabeschreibung "Musikinstrument". Wahrscheinlich könnte man im Kemspintomografen sogar nachvollziehen, wie sich die Gehirnaktivitäten im Laufe dieses Prozesses über das Seh- und Hörzentrum zum Sprachzentrum verlagert haben.

SPIEGEL:  Sie haben bei vielen Gelegenheiten betont, Wahrnehmung sei stets ein aktiver Prozess, keineswegs blosses passives Aufnehmen von Sinneseindrücken. Können Sie an diesem Beispiel erläutern, was Sie damit meinen?

Singer: Wahrnehmung ist immer die Folge eines erwartungs-gesteuerten Suchprozesses. Bestes Beispiel ist unser Sehsystem- Das Auge bewegt sich ständig auf der Suche nach etwas Interessantem. Die erste aktive Leistung, die ich hier vollbracht habe, war, unter all den Dingen in diesem Zimmer meine Aufmerksamkeit auf die Kröte zu lenken, mich darauf zu konzentrieren, das Objekt vom Hintergrund abzugrenzen und nach irgendwelchen sinnvollen Beziehungen zu suchen. Dabei habe ich sicher viele Hypothesen aufgestellt, bestimmte Beziehungen gegenüber anderen bevorzugt und dafür gesorgt, dass jene Neuronengruppen abgefragt werden, die Signale entsprechend meinen Erwartungen ausgesendet haben.

SPIEGEL: Trotzdem bilden wir uns ein, dass die objektive Wahrheit über die Welt in uns eindringt. Davon, dass wir uns diese Wahrheit zuvor selbst im Kopf zusammensetzen, kriegen wir nichts mit. Gaukelt unser Gehirn uns also etwas vor?

Singer: Wir tun sehr vieles aus Motiven, die uns nicht bewusst werden. Denn vieles von dem, was verarbeitet wird und nicht ins Bewusstsein gelangt, ist natürlich trotzdem wichtig für das Handeln. Deshalb erfinden wir häufig nachträglich Motive für etwas, was wir getan haben. Wahrscheinlich eine Folge der begrenzten Kapazität unseres Bewusstseins.

SPIEGEL: Das letzte grosse Rätsel der Menschheit ist doch, wie aus vielen Sinneseindrücken das Bewusstsein entsteht. Haben Sie eine Antwort parat?

Singer: Früher dachte man noch, die Antwort sei einfach. Man glaubte, im Gehirn gebe es an einer bestimmten Stelle eine Art innerer Leinwand, auf der das Abbild eines Sinneseindruckes entsteht. Und dieses für Neuronen aufbereitete Bild würde dann von einem inneren Betrachter angeschaut, der mit mentalen Eigenschaften ausgestattet ist und "ich" sagt.

SPIEGEL: Klingt schön.

Singer:  Ja. Nur leider wissen wir inzwischen, dass diese Vorstellung falsch ist. Heute können wir Hirnaktivitäten messen - und nirgends ist so ein Zentrum für den letztendlichen Auswertungsprozess zu entdecken. Es gibt offensichtlich keinen einzelnen Ort, wo alle Informationen zusammenlaufen, wo aus den verschiedenen Sinnessignalen schlüssige Bilder der Welt gefertigt werden, wo Entscheidungen fallen, wo das Ich "Ich" sagt. Stattdessen sehen wir uns einem extrem dezentral organisierten System gegenüber, in dem an vielen Orten gleichzeitig visuelle, auditorische oder motorische Teilergebnisse erarbeitet werden. Und diese koordiniert das Gehirn auf geheimnisvolle Weise zu einer zusammenhängenden Deutung von Weit. Wie es kommt, dass dieses System über sich selbst Protokoll führt, so dass es sich seiner selbst bewusst wird, zählt zu den spannendsten philosophischen Fragen unserer Zeit.

SPIEGEL: Und wie viel wissen die Forscher heute über die Antwort?

Singer:  Im Laufe der Jahrmillionen sind die Strukturen der verschiedenen Gehirnbereiche gleich geblieben. Vergrössert hat sich auf dem Weg vom niederen Wirbeltier zum Menschen nur das Volumen einiger Strukturen, allen voran das der Grosshirnrinde. Dadurch hat sich die Verarbeitungskapazität dramatisch vermehrt. Die im Laufe der Evolution neu hinzugekommenen Hirnrindenareale sind in zunehmendem Masse nicht mehr direkt an die Sinnesorgane gekoppelt, sondern beziehen ihre Informationen hauptsächlich aus den vorhandenen Hirnarealen. Sie verarbeiten vorwiegend die Ergebnisse, welche die mit den Sinnmrganen verbundenen Bereiche bereits erzielt haben. Weil die Daten aus den verschiedenen Sinnessystemen das gleiche Format besitzen, haben die neu hinzugekommenen Areale keine Schwierigkeiten, die an verschiedenen Orten erarbeiteten Teilergebnisse zu vergleichen und zu zunehmend abstrakteren Metabeschreibungen zusammenzubinden.
 

SPIEGE: Und wie entsteht nun ein Gesamtbild im Kopf?

Singer:  Sie sprechen eines der Kernprobleme der Neurowissenschaften an, das so genannte Bindungsproblem. Wenn ich wieder auf die Kröte zurückkomme, lautet die Frage: Wie verknüpfe ich eigentlich die vielen Teilaspekte dieses Objektes zu einem Gesamteindruck? Auch wenn ich mit diesem Tier sehr viel Erfahrungen sammeln könnte, würden sich wohl keine Zellen in meinem Gehirn ausbilden, die spezifisch auf genau diese Kröte mit dem Stock im Maul ansprechen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit aktiviert dieses Holztier ein Ensemble von weit verstreuten Zellen, die sich ad hoc zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden. Wir überprüfen derzeit die Hypothese, dass sich die entsprechenden Nervenzellen für die Zeit, in der die Aufmerksamkeit auf die Kröte gerichtet ist, zu einem synchron schwingenden Ensemble verbinden.

SPIEGEL: Und es braucht dann niemanden, der sagt: "Das und das und das schwingt jetzt gerade gleichzeitig."

Singer:  Nein. Das organisiert sich selbst, wegen der Systemarchitektur, auf Grund des Vorwissens, das schon im System gespeichert ist.

SPIEGEL:  Wofür ist das Bewusstsein überhaupt gut?

Singer: Es muss für das Überleben einen Vorteil gebracht haben, sonst hätte es sich nicht entwickelt. In vielen Situationen ist es sinnvoll, wenn das Gehirn zwischen der primären Verarbeitung von Sinnesinformation und den daraus abgeleiteten Reaktionen noch Zwischenstufen einschieben kann. Diese zusätzlichen Verarbeitungsschritte erlauben es uns, dank früher gemachter Erfahrungen Überlegungen anzustellen oder Voraussagen zu machen über das, was eintreten wird, wenn dieses oder jenes der Fall ist. So können wir Gefahren aus dem Weg gehen, ohne uns ihnen durch Ausprobieren auszusetzen. Ein Gehirn, das in der Lage ist, sich vorzustellen, was wäre wenn, kann natürlich auch versuchen zu eigründen, was im Gehirn einer anderen Person in einem bestimmten Moment vorgeht. Auch sehr vorteilhaft, vor allem für das Zusammenleben.  Wenn sich das Gehirn aber ein Modell von den Vorgängen eines anderen machen kann, kann es das Erkannte auch auf sich selbst beziehen. Es kann sich in den Beurteilungen des anderen spiegeln und sich seiner selbst vergewissem. So könnte das, was wir Bewusstsein nennen, in die Welt gekommen sein.
 
SPIEGEL:  Kommt damit zugleich in die Welt, was wir als unsere Freiheit empfinden, zu tun, was wir wollen?

Singer:  Diese besondere Ausprägung von Bewusstsein halte ich für ein kulturelles Konstrukt, das eng mit der Erfahrung von Individualität verbunden ist. Diese gewinnt der Mensch aus dem Blick in den Spiegel der Wahrnehmungen des Gegenüber. Erfahrungen der Individualität und Freiheit können also erst entstanden sein, als Dialoge zwischen Gehirnen moglich wurden wie "Ich weiss, dass du weisst, was ich weiss", und als sich diese entwickelten, schlug die biologische Evolution in die kulturelle um.

SPIEGEL: Sie behaupten also, der freie Wille sei nichts als eine nette Illusion?

Singer:  Nicht ganz. Er wird von uns als Realität erlebt, und wir handeln und urteilen so, als gäbe es ihn. Der freie Wille, oder besser, die Erfahnmg, einen solchen zu haben, ist somit etwas Reales, extrem Folgenreiches. Insofern, als ich die Mehrheit der gesunden Menschen zu dieser Erfahrung bekennt, ist sie also keine Illusion wie etwa eine Halluzination. Aber aus Sicht der Naturwissenschaft ergibt sich die mit der Selbstwahrnehmung unvereinbare Schlussfolgerung, dass der "Wille" nicht frei sein kann. Dieser Vorgang lässt sich in der Kindesentwicklung wunderbar nachvollziehen. Am Anfang trennen die Kleinen nicht zwischen sich und draussen. Für sie ist der Wille der Mutter ihr eigenes Anliegen. Sie empfinden sich nicht als Individuum und schon gar nicht als eines, das frei entscheiden kann. Doch das Baby ist eingebettet in ein soziales Umfeld, in dem es immer wieder hört. "Tu das nicht, sonst mache ich das." Nolens volens muss das Kind daraus schliessen, es habe die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Dieser ganze Lernvorgang vollzieht sich während der ersten drei Lebensjahre. Weil sich in dieser Zeit noch kein episodisches Gedächtnis entwickelt hat, erinnern wir uns nicht mehr, was die Erfahrung, frei zu sein, verursacht hat.

SPIEGEL:  Ist eine Struktur im Gehirn zustandig für den freien Willen?

Singer:  Vermutlich nicht. Auf dem Weg von einfachen zu hoch entwickelten Nervensysternen hat nur die Kornplexität zugenommen. Die Funktionsweise der Nervenzellen ist gleich geblieben. Zwischen der Nervenzelle in unserer Grosshirnrinde und der eines Plaftwurms bestehen keine wesentlichen Unterschiede. In der Evolution gibt es keine erkennbaren Diskontinuitäten, die durch irgendetwas Zusätzliches bewirkt worden wären.
 
SPIEGEL: Und irgendwann - plop - waren Bewusstsein und freier Wille da?

Singer:  Durch die zunehmende Kompexität ist offenbar das passiert, was in komplexen Systemen nicht ungewöhnlich ist: Quantitative Vermehrung führt zu neuen Qualitäten.

SPIEGEL:  Wenn, wie Sie sagen, uns unser Gehirn so vielerlei vortäuscht, können wir uns dann überhaupt igendweicher Wahrheiten über die Weit ausserhalb unseres Kopfes sicher sein?

Singer:  Richtig ist, unsere Wahrnehmungssysteme sind in hohem Maþe interpretativ. Die Bilder, die sie erzeugen, stimmen nicht unbedingt mit physikalischen Gegebenheiten überein. Unser Gehirn erkennt zum Beispiel eine Rose im frühen Morgenlicht, mittags und abends gleichermassen als rot - obwohl sie wegen der unterschiedlichen Spektren des Lehtes zu jeder Tageszeit anders aussehen müsste. Das Gehirn opfert hier Objektivität aus gutem Grunde: Die vielen verschiedenen Farben der Rose würden das Erkennen des Unveränderlichen erschweren.

SPIEGEL:  Trotzdem halten wir es für objektiv wahr, dass die Rose wächst und irgendwann verwelkt, dass sie Wurzeln hat, einen Stängel, Dornen und eine Blüte. Alles nur Einbildung?

Singer: Uns gilt es als Wahrheitsbeweis, wenn wir ausprobiert haben, ob eine Sache so funktioniert, wie wir sie voraussagen. In der Wissenschaft ist der Wahrheitsbeweis das Experiment. Ob wir die Dinge so beschreiben, wie sie wirklich sind, bleibt dabei offen. Alle naturwissenschaftlichen Beschreibungs-systeme kreisen um sich selber, weil sie zur Testung dessen, was sie voraussagen, wiederum ihre eigene Methode einsetzen.

SPIEGEL: Trotzdem ist unser angeblich so subjektiv deutendes Gehirn vermessen genug, selbst in der Quantenwelt und in der Welt der Galaxien, die direkter sinnlicher Erfahrung gar nicht zugänglich sind, von objektiver Wahrheit zu sprechen.

Singer:  Ich glaube, das traut sich heute niemand mehr so recht.

SPIEGEL:  Die Mehrheit der Physiker ist davon überzeugt, dass das, was sie entdecken, objektive Wahrheit ist. Dass, wenn man den Menschen auslöschen würde, trotzdem noch das Newtonsche Gesetz gelten wurde.
 
Singer: Es würde dann jemand, der wiederkäme, das gleiche Gesetz finden, wenn er sich den gleichen Vorgang anschauen würde. Das schon.

SPIEGEL:  Woher nehmen wir den Mut, das anzunehmen?

Singer:  Weil zum Beispiel die Satelliten, die wir ins All schicken, genau das tun, was wir vorher berechnet haben. Aber es wird Ihnen auch jeder Physiker konzedieren, dass es zurzeit im ganz Grossen wie im ganz Kleinen Probleme gibt, für die wir keine Lösung sehen. Und dass selbst dann, wenn sie gelöst werden sollten, wir möglicherweise zu unbegreiflichen Aussagen kommen. Oder können Sie sich ein Universurn vorstellen, das sich in einen grenzenlosen Raum ausdehnt, in dem es möglicherweise noch andere Universen gibt, die aus einem Urknall hervorgegangen sind? Dass man mit solchen Theorien etwas erfassen würde, was im Kantschen Sinne die nicht weiter hinterfragbare absolute Wahrheit wäre, das traut sich niemand zu behaupten.

SPIEGEL:  Das wohl grösste Rätsel bleibt wohl das Gehirn selber. Glauben Sie, dass der neuronale Code, also das Prinzip, nachdem Bewusstseinszustände entstehen, geknackt werden kann?

Singer: Wir haben ja nicht einmal die simple Frage vollständig geklärt, wie eigentlich Wahrnehmungen im Gehirn neuronal verwirklicht werden. Zudem sehen wir das Nervensystem immer noch viel zu sehr als ein imGrunde lineares, stationäres System, das als Reiz-Reaktions-Maschine funktioniert, was wahrscheinlich ganz falsch ist.

SPIEGEL: Vor 50 Jahren knackten die Biologen den genetischen Code - und hatten die Sprache vor sich, in der alles Lebendige verfasst ist. Glauben Sie, dass es für Bewusstseinsprozesse einen ähnlichen Generalschlüssel gibt?       

Singer: Innerhalb der Grenzen, die uns bei der Erklärung des Ursprungs des Universums und der Entstehung des Lebens gesetzt sind, werden wir auch die Entwicklung von Bewusstsein verstehen. Trotzdem bleiben ungeklärte Fragen: Was in aller Welt hat Energie dazu gebracht, sich nach dem Urknall genauso in Materie und Elemente zu kristalisieren, wie wir sie in unserer Weit beobachten? Weil ein paar Naturkonstanten genau eingestellt waren? Beim Bewusstsein wird die Antwort ähnlich unbefriedigend sein. Sie wird lauten: Es ist das Werk der blinden Evolution.

SPIEGEL: Wird es einen präzisen Zeitpunkt geben, an dem man wird sagen können: So, jetzt haben wir den neuronalen Code geknackt?

Singer: Dieser Zeitpunkt wird nicht so scharf defmiert sein, wie er es beim genetischen Code war. Denn die Situation in unserem Fall ist viel, viel komplexen ...

SPIEGEL:  ... die Genetiker wussten vorher auch nicht, wie einfach die Antwort auf das Rätsel der Vererbung sein würde.

Singer:  Also gut. Lassen Sie mich mal in Utopien denken: Es müsste uns gelingen, einen Systemzustand zu definieren, der eine schlüssige Beschreibung für den kognitiven Inhalt unseres Bewusstseins ist. Das mag ein oszillierendes Ensemble sein, das hochsynchron schwingt, oder ein bestimmter Zustand in einem hochdimensionalen Raum, den ein nicht-lineares System aufsuchen kann, oder es kann irgendeine andere, sehr komplizierte Beschreibung von in jedem Falle dynamischen Zuständen sein. Wenn wir also das Alphabet dieser dynamischen Zustände und ihrer Übergänge entschlüsselt hätten und durch Messen dieser Zustände immer genau sagen könnten. "Aha, jetzt befindet sich das Gehirn wieder in so einem Zustand, also muss es jetzt eine bestimmte Vorstellung haben", dann hätte ich die Ingredienzien für Bewusstsein so weit beschrieben, wie die Molekularbiologen die lngredienzen des genetischen Codes beschrieben haben. Bleibt das Problem, vor dem auch die Genetiker noch stehen: Sie haben zwar vollständige DNS-Sequenzen, aber sie wissen oft nicht, welche Proteine diese herstellen und was sie genau bewirken. Zudem treten die Gene in komplexen Weise miteinander in Wechselwirkung. Statt abgeschlossener Codierungseinheiten sieht man sich riesigen Sätzen gegenüber, in denen sich jedes Wort auf jedes andere bezieht. Mit den gleichen Problemen werden auch die Neurowissenschaften noch zu tun haben - nur auf einer sehr viel höheren Komplexitätsebene.

SPIEGEL:  Welche Konsequenzen hätte die Entschlüsselung des neuronalen Codes?

Singer:  Wir könnten Störungen besser identifizieren und kausale Erklärungen für gestörte Hirnfunktionen finden.

SPIEGEL: Epilepsie, Parkinson, Alzheimer. Alles heilbar?

Singer:  Ich denke da an noch diffizilere Probleme. An die Frage zum Beispiel, warum ein Mensch Depressionen oder Denkstörungen hat. Wenn wir den Code hätten, dann könnten wir sehrviel präzisere Hypothesen formulieren, wo die Ursachen dieser Leiden zu suchen sind.

SPIEGEL:  Nach der Entdeckung des genetischen Codes entzündete sich eine heftige Debatte darüber, ob nun das Erbgut manipuliert werden kann und darf. Stünde nach der Entdeckung des neuronalen Codes dieselbe Debatte bei der Frage der Manipulation von Bewusstseinsvorgängen ins Haus?

Singer:  Die Debatte sollte doch längst entbrannt sein - und zwar aus nahe liegenderen Gründen. Denken Sie an Drogen, deren Gebrauch die Menschheit seit eh und je hervorragend beherrscht und mit denen Bewusstseinszustände nachhaltig manipulierbar sind. Denken Sie an die erschreckende Wirksamkeit von Indoktrination und Demagogie, mit denen Nationen dazu gebracht werden können, Abscheuliches zu tun. Das sind Instrumente der Verhaltenssteuerung, die jeden Naturwissenschaftler zum Dilettanten werden lassen. Klar kann man manipulativ eingreifen, und zwar umso gezielter, je mehr man weiss. Seit wir wissen, dass Hirne elektrisch erregbar sind und dass Nervenzellen sich über elektrische Signale austauschen, implantiert man in zunehmendem Masse Elektroden bei Patienten, um motorische oder
künftig auch sensorische Störungen zu behandeln.

SPIEGEL:  Beim Plattwurm können Wissenschaftler schon heute von einem Aktivitätsmuster von Nervenzellen auf eine Reaktion schliessen. Wäre Ähnliches auch beim Menschen denkbar?

Singer: Sie denken jetzt an Gedankenlesen? Nein, dafür sind die Bedingungen bei uns viel zu komplex. Ich sehe in einer für mich interessanten Zukunft keine realistische Möglichkeit für solche Optionen.

SPIEGEL:  Aber der neuronale Code könnte im Computer programmiert und Bewusstsein auf diese Weise simuliert werden?

Singer: In bescheidenen Ansätzen geschieht das ja schon. In den neueren Rechnerarchitekturen verwendet man schon Algorithmen, die der Biologie näher sind.

SPIEGEL: Sie meinen die so genannten neuronalen Netzwerke?

Singer:  Genau. In naher Zukunft wird es hier wohl Durchbrüche geben, dann nämlich, wenn sich Verarbeitungsprinzipien, die wir im Gehirn zu erkennen beginnen, in Rechnerarchitekturen umsetzen lassen.
Allerdings erfordert das eine andere Hardware. Mit herkömmlichen Digitalrechnern lässt sich das nicht machen. Man muss Chips bauen, die analog rechnen, die also so ähnlich funktionieren wie Nervenzellen. Das wird in relativ überschaubarer Zukunft zu Systemen führen, die wesentlich bedienerfreundlicher und fehlertoleranter sind. Ausserdem werden sie Muster und Sprache besser erkennen. Trotzdem werden es nichts anderes als komfortable Rechenschieber sein. Ich fürchte mich vor denen nicht - selbst wenn sie im Schach gegen mich gewinnen.

SPIEGEL: Sie sagten vorhin, unser Gefühl, frei entscheiden zu können, entstehe durch sozialen Austausch. Das könnte auch für kommunizierende Rechner gelten. Kann ein Computer, sozusagen übers Internet sozialisiert, zum eigenen Ich finden?

Singer:  Wenn Sie einen Rechner mit der nötigen Komplexität versehen; wenn Sie ihm dann das nötige Vorwissen mitgeben, das wir zum Zeitpunkt der Geburt schon haben auf Grund unseres während der Evolution erworbenen und in den Genen abgespeicherten Wissens; wenn Sie ihn so appetitlich gestalten, dass ihm Zuwendung gewährt wird und dass er gestreichelt, emotional eingebunden wird, und wenn Sie ihn dann in die Schule schicken - kurz und gut: wenn Sie ihm halt all das zugestehen, was wir Menschenkindern auch zugestehen, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er ein passabler Zeitgenosse wird.

SPIEGEL: Da ist es wohl einfacher, gleich ein Kind aus Fleisch und Blut aufzuziehen. Ist zu erwarten, dass es Schnittstellen zwischen Computer und Hirn geben wird, über die sich beide austauschen können?

Singer:  Ich könnte mir vorstellen, dass man Hirnaktivität abgreift, diese mit Hilfe von sehr schnellen Parallelrechnern dekodiert und zum Beispiel zur Prothesensteuerung einsetzt.

SPIEGEL- Es gibt Versuche, Piloten über Hirnaktivität eine Flugsimulator steuern zu lassen.

Singer: Ich würde da lieber nicht mitfliegen ...

SPIEGEL: Ihre Zweifel am freien Willen des Menschen haben auch etwas Gespenstisches an sich: Würde sich, wenn sich diese Vorstellung durchsetzt, unser Menschenbild nicht völlig verändern?

Singer: Sicherlich, nur wäre das Menschenbild, das dabei entstünde, nicht ein gespenstisches, sondern ein im Vergleich zum heutigen vermutlich humaneres. Im vergangenen Jahrhundert wurden viele abnorme Humzustände entmystifiziert. Man hat zum Beispiel gelernt, dass Epilepsie keine Besessenheit ist, sondern einfach eine Entgleisung von Hirnstoffwechselprozessen. Zu ähnlichen Schlüssen werden wir auch im Hinblick auf abnorme Verhaltensweisen kommen. Nämlich dass es Störungen im  Gehirn geben kann, die Menschen zu unangepasstem Verhalten veranlassen.

SPIEGEL:  Aus Ihrer Vorstellung von der Nichtexistenz eines freien Willens folgen auch rechtliche Überlegungen. Der Mensch wäre nicht mehr verantwortlich für sein Tun. Müssen Sie dann nicht das Prinzip von Schuld und Sühne ¸ber Bord werfen?

Singer:  Ja, ich halte dieses Prinzip für verzichtbar. An unserem Verhalten würde sich auch gar nicht viel ändern: Wir würden nach wie vor unsere Kinder erziehen, weil wir wüssten, dass wir ihnen und der Gesellschaft durch Erlernen sozialen Verhaltens das Leben erleichtern.

SPIEGEL:  Aber ist dann nicht jede psychiatrische Feststellung von Schuldfähigkeit unsinnig, wenn man sowieso unterstellt, dass niemand schuldfähig ist?

Singer:  Richtig. Unsere Sichtweise von Übeltätern würde sich eben ändern müssen. Man würde sagen: "Dieser arme Mensch hat Pech gehabt. Er ist am Endpunkt der Normalverteilung angelangt."  Ob nun aus genetischen Gründen oder aus Gründen der Erziehung, die gleich mächtig in die Progrnmmierung von Hirnfunktionen eingehen, ist unerheblich. Ein kaltblütiger Mörder hat eben das Pech, eine so niedrige Tötungsschwelle zu haben. Das heisst natürlich nicht, dass man deshalb tatenlos zusehen sollte. Natürlich muss die Gesellschaft reagieren: Einmal muss versucht werden, seine Hemmschwelle anzuheben, also Schulungs- oder Therapieprogramme anzuwenden. Ausserdem muss sich die Gesellschaft vor gefährlichen Mitmenschen schützen, indem sie deren Freiraum begrenzt. Auch das Strafmaþ bliebe variabel, man würde allerdings nicht mehr vom "Strafmass" sprechen, sondern vorn "Verwahrungsmass" oder "Schutzmass". Es müsste sich nach der Schwere der Normverletzung richten, aber auch danach, wie niedrig die Schwelle zum Fehlverhalten eingeschätzt wird.

SPIEGEL:  Demokratie und Aufklärung basieren auf der Idee eines freien Menschen. Stellen Sie nicht all das in Frage, wenn Sie nun plötzlich behaupten. Alles blosse Illusion, was die sich in der Französischen Revolution ausgedacht haben?

Singer: Überhaupt nicht. Dass wir uns Freiheit zugestehen, ist eine Realität. Sie ist zwar nur aus der eigenen subjektiven Perspektive heraus erfahrbar. Aber das hat sie mit anderen kulturellen Realitäten gemein. Mit Wertesystemen verhält es sich genauso. Wie real diese Konstrukte sind, lässt sich aus ihrer Wirksamkeit schliessen, etwa bei der Französischen Revolution.

SPIEGEL: Wenn der Einzelne keinen freien Willen besitzt, wo verankern wir dann die Menschenwürde?

Singer:  Vielleicht entsteht eine ganz andere Vorstellung von Würde. Wir kämen durch die Aufgabe dieses unverbrüchlichen, aber auch mit sehr viel Selbstbewusstsein und gelegentlich Arroganz behafteten Freibeitsbegriffes wohl zu einer demütigeren, toleranteren Haltung - einer weniger rechthaberischen Attitüde, weil wir vieles relativieren müssten, auch unser eigenes apodiktisches Tun. Wir müssten uns als in die Welt geworfene Wesen betrachten, die wissen, dass sie ständig Illusionen erliegen und keine wirklich stiminigen Erklärungen über ihr Sein, ihre Herkunft und noch viel weniger über ihre Zukunft abgeben können.

SPIEGEL:  Eine deprimierende Einsicht, die unser Selbstbewusstsein kränkt?

Singer:  Ich könnte mir vorstellen, dass dabei humanere Systeme entstehen, als wir sie jetzt haben. Auch würden all jene unglaubwürdig werden, die vorgeben, sie wüssten, wie das Heil zu finden ist. Den mächtigen Vereinfachern würde niemand folgen wollen. So könnte ein kritisches, aber gleichzeitig von Demut und Bescheidenheit geprägtes Lebensgefühl entstehen, das durchaus Grundlage einer sehr lebbaren Welt sein könnte.

SPIEGEL: Herr Professor Singer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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