FRITJOF CAPRA: SYSTEMDENKEN IN DER NATURWISENSCHAFT

in: Das Tabu der Gewalt



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Keywords: Systemtheorie - Theorie lebender Systeme - Was sind die Organisationsprinzipien lebender Systeme? - Muster, Struktur und Prozeß - Der Organisationsprozeß lebender Systeme ist nach dieser Theorie ein geistiger Prozess -


Wir befinden uns in einer Krise.

Wir sehen, daß die dringlichsten Probleme, die wachsende Bedrohung des Atomkriegs, die Zerstörungunserer natürlichen Umwelt, unsere Unfähigkeit, mit Armut und Hunger rund um die Welt fertigzuwerden, letztlich alle zusammenhängen und nur verschiedene Facetten ein- und derselben Krise sind.

Wie die Krise der Physiker in den zwanziger Jahren ist auch unsere gesellschaftliche und weltweite Krise letztlich eine Krise der Wahrnehmung. Das heißt, sie kommt daher, daß die meisten unter uns und vor allem unsere mächtigen gesellschaftlichen Institutionen einem überholten Weltbild nachhängen, einer Weltanschauung, die für die Lösung unserer heutigen Probleme ungeeignet ist. Es ist dasselbe Weltbild des 17. Jahrhunderts, des Descartes, Newton, Galilei usw., welches auch die Physiker zu Beginn unseres Jahrhunderts zu verwenden suchten, und zwar vergeblich, um Atome zu beschreiben.

In der Gesellschaft geht es natürlich um ein breiteres Weltbild, aber es hat seine Wurzeln ebenso im 17. Jahrhundert. Und dieses zerstückelte, fragmentierte, mechanistische Weltbild ist heute ungeeignet, um die Probleme unserer vernetzten, global zusammenhängenden Welt zu lösen.

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Der Wandel des Bewusstseins und der Weltbilder, der jetzt stattfindet, muß einen tiefen Wertewandel mit sich einschließen, einen grundlegenden Gesinnungswechsel weg von der Absicht, die Natur zu beherrschen und zu kontrollieren, zu einer kooperativen und gewaltfreien Haltung. Zusammenarbeit ist heute entscheidend nicht nur unter Menschen, Gesellschaften und Nationen, wir müssen auch mit der Natur zusammenleben, mit den Ökosystemen, in die wir eingebettet sind und von denen unsere Existenz abhängt. Wenn dieser Wertewandel einmal vollzogen ist, wird es leicht und ganz natürlich sein, neue ökologische Perspektiven zu erkennen und dementsprechend zu arbeiten und zu leben. Eine solche neue Sicht der Wirklichkeit ist jetzt in der Tat im Entstehen und zwar sowohl an den Grenzgebieten der Wissenschaft als auch in zahlreichen gesellschaftlichen Bewegungen und alternativen Netzwerken.

Das neue Weltbild kann in verschiedener Weise beschrieben werden. Es kann ein ganzheitliches Weltbild genannt werden, weil es das Ganze mehr betont als die Teile, oder auch ein ökologisches Weltbild, und hier verwende ich den Ausdruck “ökologisch” in einem wesentlich breiteren und tieferen Sinn, als dies gemeinhin üblich ist.

Ökologisches Bewußtsein in diesem tiefen Sinn ist das Bewußtsein der grundlegenden Vernetzung und Verknüpfung aller Phänomene und der Eingebundenheit von Mensch und Gesellschaft in die zyklischen Prozesse der Natur.


Als Wissenschaftler bin ich vor allem an der wissenschaftlichen Formulierung des ökologischen Weltbildes interessiert, und ich bin zur Überzeugung gekommen, daß die Theorie lebender Systeme, welche in den letzten beiden Jahrzehnten aus der Kybernetik heraus entwickelt wurde, den idealen Rahmen zum ganzheitlich-ökologischen Denken in der Wissenschaft bietet.

Die Systemschau betrachtet die Welt in Hinblick auf Zusammenhänge und Integration. Systeme sind integrierte Ganzheiten, deren Eigenschaften sich nicht auf die kleinerer Teile reduzieren lassen.

Statt auf Grundbausteine konzentriert sich die Systemtheorie auf grundlegende Organisationsprinzipien.

Beispiele für lebende Systeme gibt es in Hülle und Fülle,wo immer wir hinsehen. In der Natur sehen wir lebende Systeme. Jeder lebende Organismus, von der kleinsten Bakterie über das weite Spektrum der Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen, ist ein integriertes Ganzes und somit ein lebendes System. Teile von Organismen sind ebenso lebende Systeme. Unsere Organe zum Beispiel, unsere Gewebe, unsere Zellen sind lebende Systeme. Lebende Systeme sind nicht auf individuelle Organismen und deren Teile beschränkt, sondern es gibt auch gesellschaftliche lebende Systeme, so wie eine Familie z. B., eine Gemeinschaft, ein Dorf usw., auch Ökosysteme, in denen einzelne Organismen und leblose Materie in einem Netzwerk von Beziehungen verbunden sind. Alle diese natürlichen Systeme sind Ganzheiten, deren spezifische Strukturen sich aus den wechselseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten ihrer Teile ergeben. Systemeigenschaften werden zerstört, wenn ein System in isolierte Teile zerlegt wird. Obwohl wir Teile in jedem System erkennen können, so ist doch das Ganze immer mehr als die bloße Summe seiner Teile.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen möchte ich jetzt die neue Theorie lebender Systeme etwas näher beschreiben. Leider muß ich mich dabei einiger Fachausdrücke bedienen. Ich werde diesen Teil kurz halten, möchte aber doch etwas von der Substanz der Theorie vermitteln. Was ich bis jetzt sagte, gibt also das allgemeine Verständnis für die Systemtheorie, in der es um Ganzheiten, um Vernetzungen geht, um Systeme innerhalb anderer Systeme usw.

Die neue Theorie der lebenden Systeme erlaubt uns jetzt mehr oder weniger, die uralte Frage “Was ist Leben” zu beantworten. Und zwar wird diese Frage im Rahmen der Systemtheorie so gestellt, daß man fragt: Was sind die Organisationsprinzipien lebender Systeme?

Dabei stellt sich heraus, daß die vielfältigen Prozesse und Phänomene, die für Lebewesen charakteristisch sind, wie Vermehrung, Anpassung an Veränderungen, Evolution usw., also alle diese Phänomene, die von Biologen und Verhaltensforschern und anderen in den letzten Jahrhunderten wahrgenommen wurden, daß diese alle als verschiedene Aspekte ein- und desselben Prinzips verstanden werden können, nämlich des Prinzips der Selbstorganisation.

Lebende Systeme sind selbstorganisierende Systeme, d. h. sie bestimmen ihre Organisationsmuster, ihre Strukturen, ihre Funktionen selbst. Diese werden ihnen nicht von der Umwelt auferlegt. Die Systeme oder die Organismen sind selbstorganisierend. Es ist sehr wichtig, dieses nicht mit Isolierung zu verwechseln. Systeme hängen mit der Umwelt ganz eng zusammen und stehen mit dieser immer in Wechselwirkung. Diese Wechselwirkung jedoch bestimmt nicht ihre Organisation. Sie sind selbstorganisierend.

Um den Grundriß der Theorie der Selbstorganisation nur ganz allgemein zu beschreiben, möchte ich drei Aspekte der Selbstorganisation unterscheiden:

1. Der Aspekt des Organisationsmusters: das Organisationsmuster ist die Gesamtheit der Beziehungen, die das System als Ganzes definieren.

2. Der zweite Aspekt ist die Struktur des Systems, d. h. die physische Realisierung des Organisationsmusters in Molekülen, Zellen, Organismen usw.

3. Drittens schließlich gibt es den Organisationsprozeß, d. h. den Prozeß der Realisierung des Organisationsmusters.

Die drei Aspekte sind also: Muster, Struktur und Prozeß. Wie sieht das jetzt im Detail aus?

Das Muster der Selbstorganisation besteht aus einer wechselseitigen Abhängigkeit aller Teile, die notwendig und ausreichend ist, um die Teile zu verstehen, wenn man die Sache untersucht, und die darüberhinaus dem System als Ganzem eine individuelle Identität verleiht. Es ist für Lebewesen wesentlich und charakteristisch, daß sie diese Individualität aufweisen.

Dieses Organisationsmuster enthält, wenn man es genauer betrachtet, die Entstehung dieser Individualität. Zur Formulierung des Organisationsmusters: Man kann es präzise formulieren. Es ist ein wesentlicher Teil der System-Theorie, daß sie nicht durch die Sprache der Physik und der Chemie formuliert wird. Es geht hier nämlich nicht um physikalische oder chemische Strukturen oder Prozesse, sondern um eine abstrakte Darstellung des Organisationmusters. D. h. also mit anderen Worten, Physik und Chemie genügen nicht, um das Leben zu verstehen. Man kann das Wesentliche der lebenden Systeme nicht aus Physik und Chemie oder Biophysik und Biochemie usw. ableiten. Man braucht auch die anderen beiden Aspekte, das Muster der Selbstorganisation und dann den Prozeß. Soweit also zum Muster, einer abstrakten Darstellung der Beziehungen aller Teile. Vielleicht sollte ich noch sagen, daß diese genaue Beschreibung von zwei chilenischen Forschern namens Maturana und Varela, die beide an der Universität in Santiago arbeiten, geliefert wurde. Die Struktur selbstorganisierender Systeme wurde vom belgischen Physiker und Nobelpreisträger Prigogine in jahrelanger Arbeit und im genauen Detail untersucht. Nur schnell zwei Merkmale der Struktur lebender Systeme: Erstens sind sie offene Systeme, d. h. sie erhalten ihre Struktur durch fortlaufenden Austausch von Energie und Materie mit der Umgebung, also durch den Stoffwechsel. Zweitens, und jetzt wird es etwas technischer: diese lebenden Systeme operieren immer fern vom thermodynamischen Gleichgewicht. Diejenigen unter Ihnen, die Physiker sind oder von Physik etwas verstehen, werden wissen, daß die Thermodynamik mit Gleichgewichtszuständen oder Zuständen nahe dem Gleichgewicht operiert. Bei diesen lebenden Systemen ist man also fern vom Gleichgewicht. Prigogine entwickelte eine eigene Thermodynamik offener Systeme, für die er auch den Nobelpreis erhielt. Schließlich komme ich zum Prozeß der Selbstorganisation.

Der Organisationsprozeß lebender Systeme ist nach dieser Theorie ein geistiger Prozess.

D.h. es ist eine radikale Neudefinierung des Geistesbegriffes, der über alle lebenden Systeme bis hinunter zur kleinsten Zelle ausgedehnt wird. Das stammt ursprünglich von Gregory Bateson. Der Geistesprozeß ist jetzt als Organisationsprozeß des Lebens definiert. D. h. also, überall, wo es Leben gibt, gibt es Selbstorganisation und der Prozeß dieser Selbstorganisation ist der Geistesprozeß. In verschiedenen Stufen der Komplexität kommt es zu verschiedenen Ausdrücken, die Geistestätigkeit einer Zelle ist sehr verschieden von der Geistestätigkeit eines Menschen. Es gibt hier einen enormen Unterschied an Komplexität, aber in diesem Schema der Theorie sind beide gleich definiert als Organisationsprozeß des Lebens. D. h. mit diesem neuen Geistesbegriff werden Geist und Leben untrennbar miteinander verbunden. Auf allen Stufen der lebenden Materie ist Geist in der Materie immanent als der Prozeß der Selbstorganisation.

Diese Theorie ist, ohne noch weiter ins Detail zu gehen, auf alle Organismen anwendbar, darüber hinaus auf soziale Systeme und Ökosysteme und umspannt natürlich einen riesig weiten Bereich. D. h., diese Theorie gibt uns die Möglichkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden, einen gemeinsamen Rahmen für Biologie, Psychologie, Medizin, Ökonomie, Ökologie usw. Wann immer es sich um lebende Systeme handelt, bildet diese Systemtheorie den Grundrahmen für die gemeinsame Sprache. Dies gilt auch besonders für diese Reihe und die jetzigen Bestrebungen, hier an der Universität Innsbruck interdisziplinäre Studien durchzuführen und eine interdisziplinäre Gemeinschaft zu schaffen.

Die Sprache der Systemtheorie wäre also als Grundlage ideal für eine gemeinsame Sprache zwischen verschiedenen Disziplinen. Letzten Endes geht ökologisches Bewußtsein weit über Wissenschaft hinaus und ist, für mich zumindest, spirituelles oder religiöses Bewußtsein. Wenn religiöse Erfahrung als die Erfahrung des Verbundenseins verstanden wird, die Erfahrung der Kommunion mit dem Universum, mit dem Kosmos als Ganzem, dann sieht man, daß religiöse Erfahrung und tief ökologische Erfahrung letztlich zusammentreffen. Denn in allen Religionen wird die Verbundenheit mit dem Ganzen als göttlich angesprochen und verehrt. Diese Verbundenheit mit dem Kosmos als Ganzem wird als der Kern religiösen Bewußtseins gesehen. Da sie auch der Kern des ökologischen Bewußtseins ist, hängen die neue Weltanschauung aus der Wissenschaft und auch aus der Gesellschaft, die neue ökologische Weltanschauung, und die Weltanschauung religiöser Traditionen ganz eng zusammen. Wegen ihrer expliziten ökologischen Perspektive und dem tiefen Zusammenhang zwischen Ökologie und Spiritualität scheint die neue Systemtheorie des Lebens den idealen wissenschaftlichen Rahmen für eine ökologisch orientierte Ethik zu bilden.

Eine solche ökologisch orientierte Ethik wird heute dringend benötigt, da die Tätigkeiten der meisten Wissenschaftler nicht lebensfördernd und lebenserhaltend, sondern lebenszerstörend sind. Wenn Physiker Atomwaffen entwickeln, die das Leben auf der ganzen Erde auszulöschen drohen, wenn Chemiker unsere Umwelt vergiften, wenn Biologen neue unbekannte Arten von Mikroorganismen in die Umwelt entlassen, ohne wirklich zu wissen, was die Folgen sein werden, wenn Psychologen und andere Wissenschaftler Tiere im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts quälen, dann scheint es wohl äußerst dringlich zu sein, ethische Richtlinien in die Wissenschaft einzuführen.

Es wird im allgemeinen nicht erkannt, daß Werte keine Randerscheinungen der Wissenschaft und Technik sind, sondern deren Grundlage und treibende Kraft bilden. Während der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jh. wurden die Werte von den Fakten, von den wissenschaftlichen Tatsachen getrennt. Seit jener Zeit neigen wir zum Glauben, daß wissenschaftliche Fakten unabhängig von unseren Handlungen sind und daher unabhängig von unseren Werten. In Wirklichkeit erwachsen wissenschaftliche Tatsachen aus einer Konstellation von menschlichen Wahrnehmungen, Werten und Handlungen, aus dem, was man jetzt als ein Paradigma bezeichnet, von dem sie nicht getrennt werden können. Obwohl viele Details einer Forschungsarbeit nicht explizit von Wertsystemen abhängen mögen, so ist doch der breitere Rahmen, innerhalb dessen die Forschung durchgeführt wird, nie wertfrei Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind deshalb für ihre Forschungsarbeit nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch verantwortlich. Eine der wichtigsten Einsichten der neuen Systemtheorie des Lebens, wie ich gerade betonte, ist, daß Leben und Geist und damit auch Leben und Erkenntnis untrennbar verbunden sind. Der Prozeß des Wissens und der Erkenntnis ist auch der Prozeß der Selbstorganisation, d. h. es ist der Lebensprozeß. Unsere herkömmliche Vorstellung von Wissen ist die einer Darstellung oder Abbildung von objektiven, unabhängigen Tatsachen. Diese Vorstellung stammt aus der klassischen Physik. In der neuen Systemtheorie, wie auch schon zum Teil in der Quantentheorie, wird Wissen und Erkenntnis als Teil des Lebensprozesses angesehen, d. h. als ein Dialog zwischen Objekt und Subjekt. Wissen und Leben sind also untrennbar, und Fakten sind somit untrennbar von Werten. Dadurch aber wird die grundlegende Spaltung, die es unmöglich machte, ethische Betrachtungen in unser wissenschaftliches Weltbild einzuschließen, geheilt. Bis jetzt gibt es noch kein ethisches System, das dasselbe ökologische Bewußtsein ausdrückt, auf dem die Systemtheorie des Lebens beruht. Ich glaube aber, daß es jetzt möglich ist, ein solches ethisches System auszuarbeiten, und ich bin der Überzeugung, daß dies für die heutige Wissenschaft und Philosophie eine der wichtigsten Aufgaben sein wird.





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