Erkennen - Erkenntnis - Wissen
Knowledge - Experience


FRANCISCO VARELA / HUMBERTO MATURANA
DER BAUM DER ERKENNTNIS
Scherz Verlag 1987
S. 7
ERKENNEN

Das Buch, das der Leser jetzt in Händen hält, ist nicht nur eine weitere unter vielen Einführungen in die Biologie der Erkenntnis. Es ist ein vollständiger Entwurf für einen alternativen Ansatz zum Verständnis der biologischen Wurzeln des Verstehens. Wir wollen den Leser gleich zu Beginn warnen: Die Vorstellungen, die ihm hier präsentiert werden, stimmen wahrscheinlich nicht mit denen überein, an die er gewöhnt ist. Wir werden nämlich eine Sicht vortragen, die das Erkennen nicht als eine Repräsentation der "Welt da draussen" versteht, sondern als ein andauerndes Hervorbringen einer Welt durch den Prozeß des Lebens selbst.

Seite 28: Die Reflexion ist ein Prozeß, in dem wir erkennen, wie wir erkennen, das heisst eine Handlung, bei der wir auf uns selbst zurückgreifen. Sie ist die einzige Gelegenheit, bei der es uns möglich ist, unsere Blindheiten zu entdecken und anzuerkennen, daß die Gewissheiten und die Erkenntnisse der anderen ebenso überwältigend und ebenso unsicher sind wie unsere eigenen.
Die Erfahrung von jedem Ding "da draußen" wird auf eine spezifische Weise durch die menschliche Struktur konfiguriert, welche "das Ding", das in der Beschreibunq entsteht, erst möglich macht. Diese Zirkularität. diese Verkettung von Handlung und Erfahrung, diese Untrennbarkeit einer bestimmten Art zu sein von der Art, wie die Welt uns erscheint. sagt uns
dass jeder Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt. Diese Eigenschaft des Erkennens wird unausweichlich zugleich unser Problem, unser Ausgangspunkt und der Leitfaden für unsere Erörterungen auf den folgenden Seiten sein. Dies alles kann in dem Aphorismus zusammengefaßt werden:
Jedes Tun ist Erkennen. und jedes Erkennen ist Tun.
Wenn wir hier vom Zusammenhang von Handlung und Erfahrung sprechen, wäre es ein Fehler, das nur auf unsere Umwelt, das heisst allein auf die "physische" Welt, zu beziehen. Denn dieses Charakteristikum des menschlichen Tuns gilt für alle Dimensionen unseres Lebens. Insbesondere gilt es für das, was wir - der Leser und die Autoren - hier und jetzt tun. Und was tun wir?
Wir sind in der Sprache, wir bewegen uns in ihr in einer besonderen Form des Gesprächs, in einem erdachten Dialog. Jede Reflexion, einschliesslich einer über die Grundlagen des menschlichen Erkennens, findet notwendigerweise in der Sprache statt, die unsere spezifische Form des menschlichen Seins und Tuns ist. Deshalb ist die Sprache auch unser Ausgangspunkt unser Instrument des Erkennens und unser Problem. Wir sollten auf keinen Fall übersehen, daß die Zirkularität zwischen Handlung und Erfahrung auch für das, was wir hier und jetzt tun, gilt. Dies ist besonders wichtig und hat grundlegende Konsequenzen. Damit wir diesen wichtigen Punkt nicht vergessen, fassen wir ihn in einem zweiten Aphorismus zusammen:

Alles Gesagte ist von jemandem gesagt.




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