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DENKEN - KOGNITION

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Nervenprozesse - Kognition bezieht sich auf komplexe, für den Organismus bedeutungsvolle, das heißt für Leben und Überleben relevante und deshalb meist erfahrungsabhängige Wahrnehmung und Erkenntnisleistungen - Präkognitive Prozesse wie Konstanzleistungen (Farbkonstanz, Formkonstanz), einfache Wahrnehmungsprozesse wie Figur-Hintergrund-Unterscheidung - Kognitive, das heißt bedeutungshafte Prozesse: diese umfassen,
a) integrative, häufig multisensorische und auf Erfahrung beruhende Erkennungsprozesse - Prozesse, die bewusst oder unbewusst auf der Grundlage "interner Repräsentationen" (Modelle, Vorstellungen, Karten, Hypothesen) ablaufen - Aufmerksamkeit, Erwartungshaltungen und aktives explorieren der Reizsituation voraussetzen oder beinhalten; "mentale Aktivitäten" im traditionellen Sinne wie Denken, Vorstellen, Erinnern



Gerhard Roth
Das Gehirn und seine Wirklichkeit
Kognitive Neurobiologie
Suhrkamp 1997
Seite 31

1. Kognition kommt keineswegs nur dem Menschen zu; umgekehrt ist es nicht sinnvoll, alles, was im Gehirn geschieht, als kognitiv zu bezeichnen;
2. Kognition erwächst aus rein physiologischen Prozessen auf zellulärer und subzellulärer Ebene sowie aus präkognitiven Leistungen und ist deshalb von letzteren nicht scharf abgrenzbar;
3. Kognition bezieht sich auf komplexe, für den Organismus bedeutungsvolle, das heißt für Leben und Überleben relevante und deshalb meist erfahrungsabhängige Wahrnehmung und Erkenntnisleistungen. Diese arbeiten in der Regel mit Repräsentation im Sinne einer "Stellvertretung" sowie mit rein internen "Modellen" der Welt und der Handlungsplanung, gleichgültig ob diese bewusst oder unbewusst sind.

Wir müssen in diesem Zusammenhang davon ausgehen, dass auch bei uns Menschen das allermeiste, was unserer Interaktion mit der Umwelt steuert, unseren bewussten Erleben nicht zugänglich ist. Kognitive Neurobiologie ist demnach derjenige Teil der Neurobiologie, der sich in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, vor allem der experimentellen und kognitiven Psychologie, mit den neurobiologischen Grundlagen kognitive, bedeutungshafter Leistungen beschäftigt. Ich werde zeigen, in welcher Weise Kognition einerseits auf nicht-kognitiven neuronalen Prozessen aufbaut beziehungsweise aus ihnen entsteht und andererseits auch komplexe Leistungen umfasst, die als typisch menschliche Kognition angesehen werden. Es ist dabei zweckmäßig, zwischenfolgenden Zuständen zu unterscheiden:
1. rein physiologische Ereignisse, z. B. Prozesse an Zellmembranen und Synapsen, die als Grundelemente kognitive Prozesse verstanden werden können.
2. Neuronale Prozesse auf der Ebene einzelner Zellen innerhalb kleiner Zellverbände: Wellenlängen-, Orientierung- oder Tonhöhen spezifische Antworten von Nervenzellen, ebenso einfache Reizreaktionsbeziehungen wie im mono- synaptische Reflexe, Habituation und Sensitivierung auf Einzelzellbene.
3. Präkognitive Prozesse wie Konstanzleistungen (Farbkonstanz, Formkonstanz), einfache Wahrnehmungsprozesse wie Figur-Hintergrund-Unterscheidung oder das
"automatisierte" Segmentieren komplexer Szenen nach "einfachen" bzw. "guten" Gestalten, das Erkennen von "einfachen" Ordnungen, Mustern und Objekten derartige präkognitive Prozesse laufen prinzipiell vorbewusst ab.
4. Kognitive, das heißt bedeutungshafte Prozesse: diese umfassen,
a) integrative, häufig multisensorische und auf Erfahrung beruhende Erkennungsprozesse;
b) Prozesse, die das Erkennen individueller Ereignisse und das Kategorisieren bzw. klassifizieren von Objekten, Personen und Geschehnissen beinhalten;
c) Prozesse, die bewusst oder unbewusst auf der Grundlage "interner Repräsentationen" (Modelle, Vorstellungen, Karten, Hypothesen) ablaufen;
d) Prozesse, die eine zentrale, erfahrungsgesteuerte Modulation von Wahrnehmungsprozessen beinhalten und deshalb zu variablen Verarbeitungsstrategien führen;
e) Prozesse, die Aufmerksamkeit, Erwartungshaltungen und aktives explorieren der Reizsituation voraussetzen oder beinhalten;
f) "mentale Aktivitäten" im traditionellen Sinne wie Denken, Vorstellen, Erinnern.


SINGER Wolf 
Das falsche Rot der Rose 
DER SPIEGEL  1.1.2001
Singer: Wahrnehmung ist immer die Folge eines erwartungs-gesteuerten Suchprozesses. Bestes Beispiel ist unser Sehsystem- Das Auge bewegt sich ständig auf der Suche nach etwas Interessantem. Die erste aktive Leistung, die ich hier vollbracht habe, war, unter all den Dingen in diesem Zimmer meine Aufmerksamkeit auf die Kröte zu lenken, mich darauf zu konzentrieren, das Objekt vom Hintergrund abzugrenzen und nach irgendwelchen sinnvollen Beziehungen zu suchen. Dabei habe ich sicher viele Hypothesen aufgestellt, bestimmte Beziehungen gegenüber anderen bevorzugt und dafür gesorgt, dass jene Neuronengruppen abgefragt werden, die Signale entsprechend meinen Erwartungen ausgesendet haben.
SPIEGEL: Trotzdem bilden wir uns ein, dass die objektive Wahrheit über die Welt in uns eindringt. Davon, dass wir uns diese Wahrheit zuvor selbst im Kopf zusammensetzen, kriegen wir nichts mit. Gaukelt unser Gehirn uns also etwas vor?
Singer: Wir tun sehr vieles aus Motiven, die uns nicht bewusst werden. Denn vieles von dem, was verarbeitet wird und nicht ins Bewusstsein gelangt, ist natürlich trotzdem wichtig für das Handeln. Deshalb erfinden wir häufig nachträglich Motive für etwas, was wir getan haben. Wahrscheinlich eine Folge der begrenzten Kapazität unseres Bewusstseins.



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