GERDA LERNER: PATRIARCHAT.
Campus Verlag. 1991

pg.24
Wenn es zutrifft, dass die Unterordnung der Frauen schon lange Zeit vor der Entstehung der westlichen Zivilisation bestand - wenn man einmal davon ausgeht, daß die Zivilisation mit der schriftlichen Fixierung von Ereignissen beginnt-, dann mußte meine Untersuchung bis auf das 4. Jahrtausend v. Chr. zurückgehen. Diese Überlegung brachte mich dazu, die letzten acht Jahre mit Studien über das alte Mesopotamien zu verbringen, um die Fragen beantworten zu können, die ich für die Erarbeitung einer feministischen Theorie der Geschichte für wesentlich halte. Obwohl mich Fragen nach dem »Ursprung« zunächst sehr interessierten, stellte ich bald fest, daß diese weit weniger signifikant sind als Fragen in bezug auf den historischen Prozeß, durch den das Patriarchat durchgesetzt und institutionalisiert werden konnte. Dieser Prozeß manifestierte sich in Veränderungen der Verwandtschaftsorganisation und der ökonomischen Beziehungen, in der Herausbildung von religiösen und staatlichen Bürokratien und im Aufkommen neuer Vorstellungen über die Weltentstehung, Kosmogonien, die nun männlichen Göttern eine zunehmende Bedeutung beimaßen. 
Ich stützte mich auf bereits vorliegende theoretische Arbeiten und ging zunächst von der Annahme aus, daß sich diese Veränderungen gewissermaßen als »ein Ereignis« in einer relativ kurzen Periode vollzogen hätten, und zwar gleichzeitig mit der Entstehung der archaischen Staaten oder möglicherweise etwas früher, zur Zeit der Entstehung des Privateigentums, das die Klassengesellschaft begründete. Beeinflußt von marxistischen Theorien über die Anfänge des historischen Prozesses, stellte ich mir eine Art von revolutionärem Umsturz vor, der die bestehenden Machtverhältnisse in der Gesellschaft deutlich sichtbar verändert hätte. Ich erwartete ökonomische Veränderungen zu entdecken, die zu einem Wandel der Ideen und religiösen Erklärungssysteme geführt hatten. Ganz besonders intensiv suchte ich nach erkennbaren Veränderungen im ökonomischen, politischen und rechtlichen Status von Frauen. 
Als ich aber mit dem Studium der reichhaltigen Quellen über die frühe Geschichte des Vorderen Orients begann und sie in ihrer historischen Reihenfolge zu untersuchen anfing, stellte ich fest, daß meine Annahme den Sachverhalt zu sehr vereinfachte. Das Problem ist nicht eines der Quellenlage, denn es gibt ganz sicher genügend Quellen, um die Sozialgeschichte des alten Mesopotamien zu rekonstruieren. Das Problem der Deutung der Quellen entspricht dem Problem, mit dem sich jeder Historiker angesichts jedes beliebigen Zusammenhangs von Daten auseinandersetzen muß, wenn er sich mit Fragen, die Frauen betreffen, an die traditionelle Geschichtsschreibung wendet. Es gibt wenige brauchbare Arbeiten über Frauen, und die vorliegenden sind rein deskriptiv. Von den Fachwissenschaftlern sind keine Interpretationen oder verallgemeinernden Aussagen über das Leben von Frauen vorgelegt worden. Die Geschichte der Frauen und die Geschichte der sich verändernden Beziehungen zwischen den Geschlechtern in den Gesellschaften Mesopotamiens muß also noch geschrieben werden. 

Obwohl die Herausbildung der archaischen Staaten, die mit größeren ökonomischen, technologischen und militärischen Veränderungen einherging oder auf sie folgte, deutliche Veränderungen in den Machtbeziehungen zwischen Männern und zwischen Männern und Frauen mit sich brachte, gab es keinen Hinweis auf einen »Umsturz«. Die Periode der »Durchsetzung des Patriarchats« war nicht »ein Ereignis«, sondern ein Prozeß, der sich in einem Zeitraum von etwa 2500 Jahren, ungefähr von 3I00 bis 600 v. Chr., vollzogen hat. Selbst im Bereich des alten Vorderen Orients ging dieser Prozeß in einigen unterscheidbaren Gesellschaften in unterschiedlicher Geschwindigkeit und zu verschiedenen Zeiten vor sich. Außerdem schienen Frauen in verschiedenen Lebensbereichen einen sehr unterschiedlichen Status zu haben, so daß z.B. im 2.Jahrtausend v. Chr. in Babylonien die Sexualität der Frauen vollkommen von Männern kontrolliert war, während einige Frauen sich einer großen ökonomischen Unabhängigkeit, vieler gesetzlich abgesicherter Rechte und Privilegien erfreuten und viele Positionen von hohem gesellschaftlichem Rang und Ansehen innehatten. Ich war überrascht herauszufinden, dass das, was das historische Material über Frauen aussagte, wenig Sinn ergab, wenn es nach den traditionellen Maßstäben interpretiert wurde. Nach einiger Zeit erkannte ich, daß ich mich mehr mit der Kontrolle der Sexualität und Fruchtbarkeit von Frauen zu befassen hatte als mit den gemeinhin untersuchten ökonomischen Fragestellungen; und so begann ich nach den Ursachen und Wirkungen der sexuellen Kontrolle zu suchen. 

Auf diese Weise begannen die einzelnen Teile des Puzzles an ihren Platz zu gelangen. Ich war solange unfähig, die Bedeutung der erkennbaren historischen Tatsachen zu begreifen, wie ich nach Klassenstrukturen in ihrer Bedeutung für Männer und Frauen gesucht hatte - ausgehend von der traditionellen Annahme, daß das, was für Männer zutrifft, auch für Frauen stimmt. Als ich zu fragen begann, welche Unterschiede es hinsichtlich der klassenspezifischen Definition von Frauen und Männern gerade während der Entstehung der Klassengesellschaften gegeben hat, konnte ich das Material vor meinen Augen auch verstehen. 

Thesen 

1) Die Aneignung der sexuellen und reproduktiven Kapazität der Frauen durch die Männer geschah vor der Entstehung des Privateigentums und der Klassengesellschaft. Zweifellos ist die Verwandlung dieser Fähigkeiten in Waren eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Privateigentums. 

2) Die archaischen Staaten wurden in der Form von Patriarchaten organisiert; und so hatte der Staat von Anfang an ein existentielles Interesse an der Beibehaltung der patriarchalen Familie. 

3) Wie es möglich ist, andere Menschen zu beherrschen und eine Hierarchie zu festigen,- das lernten die Männer durch die bereits praktizierte Dominanz über die Frauen in ihrer eigenen Gemeinschaft. Diese kam zum Ausdruck in der Institutionalisierung der Sklaverei, die mit der Versklavung der Frauen besiegter Stämme begann. 

4) Die sexuelle Unterordnung der Frauen wurde in den frühesten Rechtsordnungen institutionalisiert und mit allen dem Staat zurVerfügung stehenden Mitteln durchgesetzt. Die Kooperation der Frauen in diesem System wurde auf verschiedene Art sichergestellt: durch Anwenden von Gewalt, durch ökonomische Abhängigkeit vom männlichen Familienoberhaupt, durch das Gewähren von klassenspezifischen Privilegien für sich anpassende und abhängige Frauen der Oberschichten und durch die willkürliche Unterteilung der Frauen in respektable und nicht- respektable Frauen. 

5) Die Klassenzugehörigkeit der Männer war und ist bestimmt von ihrer Beziehung zu den Produktionsmitteln: Diejenigen, denen die Produktionsmittel gehörten, konnten diejenigen, denen sie nicht gehörten, beherrschen. Die Klassenzugehörigkeit der Frauen ist vermittelt durch ihre sexuelle Bindung an einen Mann, der ihnen seinerseits den Zugang zu den materiellen Ressourcen gewährt. Die Einteilung der Frauen in »respektable« (d. h. an einen Mann gebundene) und »nichtrespektable« (d.h. nicht an einen Mann gebundene oder von Männern unabhängige) wird institutionalisiert in Gesetzen, die das Schleiertragen von Frauen betreffen. 

6) Lange nachdem die Frauen den Männern sexuell und ökonomisch untergeordnet worden sind, spielen sie noch immer eine aktive und geachtete Rolle bei der Vermittlung zwischen Menschen und Göttern: Als Priesterinnen, Seherinnen, Wahrsagerinnen und Heilkundige. Die metaphysische Macht von Frauen, besonders die Macht, Leben zu spenden, wird von Männern und Frauen in der Gestalt von machtvollen Göttinnen verehrt, noch lange nachdem die Frauen den Männern in den meisten Bereichen ihres Lebens auf Erden untergeordnet worden waren. 7) Die Entthronung der mächtigen Göttinnen und ihre Ablösung durch einen dominanten männlichen Gott vollzieht sich in den meisten Gesellschaften des Vorderen Orients nach dem Errichten eines starken und imperialistischen Königtums. Zunehmend wird die Funktion der Kontrolle der Fruchtbarkeit, die zuvor ganz den Göttinnen oblag, dargestellt durch die symbolische oder tatsächliche Vermählung des männlichen Gottes oder Gottkönigs mit der Göttin oder ihrer Priesterin. Schließlich werden Sexualität und Fruchtbarkeit voneinander getrennt und durch das Erscheinen von entsprechenden Göttinnen für jede dieser Funktionen symbolisiert, wobei die Muttergöttin zur Gemahlin des obersten männlichen Gottes wird. 

8) Das Heraufkommen des hebräischen Monotheismus geschieht in der Form eines Angriffs auf die weitverbreiteten Kulte der verschiedenen Fruchtbarkeitsgöttinnen. Im ersten Buch Moses, der Genesis, werden Schöpferkraft und Fruchtbarkeit einem allmächtigen Gott zügeschrieben, dessen Titel als »König« und »Herr« ihn als einen männlichen Gott bestimmen; die weibliche Sexualität wird assoziiert mit Sünde und Uebel, wenn sie zu anderem als dem Zweck der Fortpflanzung dient. 

9) Bei der Bildung und Festigung der Gemeinschaft des Bundes (zwischen Gott und den Nachkommen des Abraham) geht der zugrundeliegende Symbolgehalt und der tatsächliche Vertrag zwischen Gott und den Menschen von der untergeordneten Position der Frauen sowie ihrem Ausgeschlossensein von dem metaphysischen Bund und der irdischen Gemeinschaft des Bundes als einer selbstverständlichen Gegebenheit:aus. Der einzige Zugang zu Gott und der Gemeinschaft der Heiligen ist den Frauen in ihrer Eigenschaft als Mutter möglich. 

10) Diese symbolische Abwertung von Frauen im Verhältnis zum Göttlichen bildet eine der fundamentalen Metaphern der westlichen Zivilisation. Die andere grundlegende Metapher beruht auf einem Beitrag der aristotelischen Philosophie. Diese geht davon aus, daß Frauen unvollständige und beschädigte menschliche Wesen sind, die einer ganz anderen Art angehören als Männer. Mit der Schaffung dieser beiden metphorischen Konstrukte, die einen Teil des Fundaments des symbolischen Systems der westlichen Zivilisation ausmachen, wird die Unterordnung der Frauen als »natürlich« festgeschrieben und damit der bewussten Wahrnehmung entrückt. Dies ist es, was schließlich das Patriarchat sowohl tatsächlich wie ideologisch fest absichert.