SYSTEMTHEORIE

Systems Theory

Differenztheorie

System-Denken:
F.Capra:
Wir befinden uns in einer Krise.
Wir sehen, daß die dringlichsten Probleme, die wachsende Bedrohung des Atomkriegs, die Zerstörungunserer natürlichen Umwelt, unsere Unfähigkeit, mit Armut und Hunger rund um die Welt fertigzuwerden, letztlich alle zusammenhängen und nur verschiedene Facetten ein- und derselben Krise sind. Wie die Krise der Physiker in den zwanziger Jahren ist auch unsere gesellschaftliche und weltweite Krise letztlich eine Krise der Wahrnehmung. Das heißt, sie kommt daher, daß die meisten unter uns und vor allem unsere mächtigen gesellschaftlichen Institutionen einem überholten Weltbild nachhängen, einer Weltanschauung, die für die Lösung unserer heutigen Probleme ungeeignet ist. Als Wissenschaftler bin ich vor allem an der wissenschaftlichen Formulierung des ökologischen Weltbildes interessiert, und ich bin zur Überzeugung gekommen, daß die Theorie lebender Systeme, welche in den letzten beiden Jahrzehnten aus der Kybernetik heraus entwickelt wurde, den idealen Rahmen zum ganzheitlich-ökologischen Denken in der Wissenschaft bietet Die Systemschau betrachtet die Welt in Hinblick auf Zusammenhänge und Integration. Systeme sind integrierte Ganzheiten, deren Eigenschaften sich nicht auf die kleinerer Teile reduzieren lassen. Statt auf Grundbausteine konzentriert sich die Systemtheorie auf grundlegende Organisationsprinzipien
.

selbstorganisierende Systeme: Autopoiesis

Fritjof Capra  Ursprung von Geist und Bewusstsein
Peter Walde, Pier Luigi Luisi (Hrsg.) Vom Ursprung des Universums zu Evolution des Geistes
Stichwörter: Bewusstsein - Evolution - Prozesse - Geist - Leben  - Kognitions-Wissenschaft - Netzwerke Maturana/Varela -  Erkenntnis - Der entscheidende Fortschritt der systemischen Sicht des Lebens besteht darin, die kartesianische Auffassung von Geist als einer Substanz fallen zu lassen, und zu erkennen, dass Geist und Bewusstsein keine Dinge sondern Prozesse sind.Die zentrale Einsicht der Santiago-Theorie ist die Gleichsetzung der Kognition, d.h. des Erkenntnisprozesses, mit dem Prozess des Lebens. Die selbst-organisierenden Prozesse lebender Systeme, auf allen Ebenen des Lebens, sind geistige Prozesse. Geist und Materie scheinen nicht mehr zwei getrennten Kategorien anzugehören, sondern stellen nur noch zwei verschiedene Aspekte - den Prozessaspekt und den Strukturaspekt - ein und desselben Phänomens, des Lebens, dar.

Gerhard Roth Das Gehirn und seine Wirklichkeit
Kognitive Neurobiologie Suhrkamp 1997 pg 213
Was ist Bewußtsein?: Bewusstsein gilt als ein geistiger oder »mentaler« Zustand, und deshalb entzieht sich für viele dieses Phänomen grundsätzlich einer naturwissenschaftlich-neurobiologischen Erklärung. Wir müssen uns deshalb fragen, ob die Hirnforschung sagen kann, was Bewußtsein ist, wie es im Gehirn zustande kommt und welche Rolle Bewußtsein bei der Kognition spielt.
Philosophen, Psychologen, Psychiater und Neurologen verwenden den Begriff »Bewußtsein« oft verschieden. Ich will mich im Einklang mit den meisten Autoren auf Bewußtsein als einen Zustand, den ein Individuum haben kann, beschränken und alle Formen eines möglichen überindividuellen Bewußtseins außer acht lassen. Dieses individuelle Bewußtsein wird von uns als Zustand bzw. Begleitzustand von Wahrnehmen, Erkennen, Vorstellen, Erinnern und Handeln empfunden.


Santiago-Theorie der Erkenntnis- Geist - Bewusstsein - Kognition

Francisco Varela The Certainty of Uncertainty
Dialogues Introducing Constructivism
Berhard Poerksen
Imprint Academic 2004
The idea of representation in the form of symbols has long been the foundation of mathematics and the basis of linguistics, whereas the ideas that I pursue introduce something very novel. There is still less experience with the investigation of dynamic and emergent systems, everything becomes more complicated and less easy to penetrate. Cognition is the bringing forth of a world; the meaning of something is no longer understood as resulting from a correspondence between an object and a symbol but as the emergence of stable impressions and patterns invariants. These develop in the course of time. A regular pattern must have appeared first before we can take it to be a feature of a world that we consider independent from us.

Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1998 pg 60
differenztheoretischer Ausgangspunkt
Unterscheidungen - Form - Selbstreferenz - das System kann auch als Beobachter der Form operieren; es kann die Einheit der Differenz, die Zwei-Seiten-Form als Form beobachten - aber nur, wenn es dafür seinerseits eine weitere Form bilden, also die Unterscheidung ihrerseits unterscheiden kann. So können dann auch Systeme, wenn hinreichend komplex, die Unterscheidung von System und Umwelt auf sich selber anwenden; dies aber nur, wenn sie dafür eine eigene Operation durchführen, die dies tut. Sie können, mit anderen Worten, sich selbst von ihrer Umwelt unterscheiden, aber dies nur als Operation im System selbst. - Selbstorganisation - Autopoiesis - operativen (oder selbstreferentiellen) Geschlossenheit des Systems - Beobachter - Kommunikation
pg 60:
Akzeptiert man diesen differenztheoretischen Ausgangspunkt, dann erscheinen alle Entwicklungen der neueren Systemtheorie als Variationen zum Thema »System und Umwelt«. Zunächst ging es darum, mit Vorstellungen über Stoffwechsel oder Input und Output zu erklären, daß es Systeme gibt, die nicht dem Entropiegesetz unterworfen, sondern in der Lage sind, Negentropie aufzubauen und damit gerade durch die Offenheit und die Umweltabhängigkeit des Systems dessen Unterschied zur Umwelt zu verstärken. Daraus konnte man folgern, daß Unabhängigkeit und Abhängigkeit von der Umwelt keine sich wechselseitig ausschließenden Systemmerkmale sind, sondern unter bestimmten Bedingungen miteinander gesteigert werden können. Die Frage war dann: unter welchen Bedingungen? Hierauf konnte man mit Hilfe der Evolutionstheorie eine Antwort suchen. Ein nächster Entwicklungsschritt lag in der Einbeziehung selbstreferentieller also zirkulärer Verhältnisse. Zunächst dachte man an den Aufbau von Strukturen des Systems durch systemeigene Prozesse und sprach folglich von Selbstorganisation. Hierbei wurde die Umwelt als Quelle eines unspezifischen (sinnlosen) »Rauschens« begriffen, dem das System gleichwohl durch den Zusammenhang eigener Operationen Sinn abgewinnen könne. So versuchte man zu erklären, daß das System - zwar in Abhängigkeit von der Umwelt und keinesfalls ohne Umwelt, aber ohne durch die Umwelt determiniert zu sein - sich selbst organisieren und eine eigene Ordnung aufbauen könne: order from noise. Die Umwelt wirkt, vom System her gesehen, zufällig auf das System ein; aber genau diese Zufälligkeit sei für die Emergenz von Ordnung unentbehrlich, und je komplexer die Ordnung werde, desto mehr. In diesen Diskussionsstand hat Humberto Maturana mit dem Begriff der Autopoiesis, ein neues Moment eingeführt. Autopoietische Systeme sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente selbst erzeugen. Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz. Sie kommen nicht bloß zusammen. Sie werden nicht bloß verbunden. Sie werden vielmehr im System erst erzeugt, und zwar dadurch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen. Und insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwelt des Systems keinerlei Entsprechung gibt.

Niklas Luhmann Gesellschaftsstruktur und Semantik
Suhrkamp 1999

Die Soziologie des Wissens
pg 159: Schlüsselbegriffe: Soziologie des Wissens - Theorie der Erkenntnis - transzendentale Phänomenologie Husserls - daß ein Bewußtsein bei all seinen Operationen immer zugleich auf Phänomene und auf sich selbst referiert. - Unterscheidung von Handeln und Erkennen - Biologie der Kognition - Bedingungen der Kognition sind so komplex, daß sie keinen Eingang ins Bewußtsein finden können. - das Bewußtsein ist auf Repression aller Informationen über Operationen im neurophysiologischen Bereich angewiesen, aber zugleich abhängig von strukturellen Kopplungen zu diesem Bereich, das heißt: abhängig davon, daß der Organismus lebt - Das Bewußtsein kann nur durch seinen eigenen Organismus irritiert werden, also nur durch einen extrem schmalen Weltausschnitt. Eine so scharfe Reduktion von Komplexität ist unerläßlich, wenn das System eigene Komplexität aufbauen, wenn es befähigt sein soll zu lernen. -

Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen - die Überführung des Grund-Problems in die Zeitdimension, heute vor allem im Formenkalkül von George Spencer Brown ausgearbeitet oder in Derridas Leitidee: daß der Ursprung eine Differenz (Schrift) sei, die zum ständigen Verschieben der Differenz, zur "differance" zwinge.


SYSTEME:
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 58
...
Ich gehe also davon aus, dass ein System die Differenz "ist", die Differenz zwischen System und Umwelt. Das System kommt in den Formulierungen zweimal vor. Das ist eine Merkwürdigkeit, auf die ich auf Umwegen wieder zurückkommen will. Zunächst einmal liegt dem ein prinzipiell differenzialistischer oder differenztheoretischer Ansatz zugrunde. Die Theorie beginnt mit einer Differenz, mit der Differenz von System und Umwelt

Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt.

Jean Clam: Was heisst sich an Differenz statt an Identität orientieren? UKV Konstanz 2002
...
Luhmann setzt seine Systeme, im Unterschied zu Mengenganzheiten oder räumlich abgegrenzten Konglobationen als operative Vollzüge an. Es muss noch einmal kontraintuitiv gedacht werden: das System ist kein Ding, das in der Welt vorkommt, eine innere Struktur oder Organisation aufweist und zur Welt ein Verhältnis unterhält, das über das "interface" seiner räumlichen Grenzen läuft. Das System besteht einzig aus Operationen und enthält keine Elemente, die außerhalb der Operationen, in die sie eingehen, einen materialen Bestand hätten. Ein System hat weder materiell-elementare noch räumliche Bestandteile. Außerhalb seiner von Moment zu Moment erfolgenden, aneinander anschließenden und kontinuierenden operativen Vollzüge ist es nichts. In dem Augenblick, wo das System die es konstituierende Unterscheidung seiner selbst von seiner Umwelt aussetzt, verschwindet es.

Selbstorganisation - Autopoiesis
Die Strukturen eines operational geschlossenen Systems müssen durch die eigenen Operationen aufgebaut werden. Anders ausgedrückt, es gibt keinen Strukturimport. Das heißt "Selbstorganisation". Und zum anderen: Das System hat nur eigene Operationen zur Verfügung, um den historischen Zustand zu determinieren, wenn man so will, die Gegenwart, von der alles Weitere ausgehen muss. Gegenwart ist, was das System betrifft, durch die eigenen Operationen bestimmt. Was ich jetzt gerade gesagt habe, ist der Punkt, von dem ich ausgehen muss, wenn ich mir überlege, was ich weiterhin sagen kann. Was ich jetzt gerade denke, was im Moment in meinem Bewusstsein passiert, was ich wahrnehme, ist das, was Ausgangspunkt für die Verständlichkeit weiterer Wahrnehmungen ist. Ich weiß, dass ich in diesem Raum hier an dieser Stelle bin, und wenn ich erratische Sprünge machen würde, müsste ich mir überlegen, ob ich irgendwelche Drogen genommen habe und deswegen die normale Kontinuität der Wahrnehmung zur Unterstützung der Interpretation überraschender Ereignissen nicht mehr realisieren kann. Wir haben es mit zwei Sachverhalten zu tun: erstens mit "Selbstorganisation" im Sinne einer Erzeugung einer Struktur durch eigenen Operationen und zweitens mit "Autopoiesis" im Sinne einer Determiniation des Zustandes, von dem aus weitere Operationen möglich sind, durch die Operationen desselben Systems.
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 100

System und Umwelt
Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1998 pg 60

Für die Systemtheorie selbst wird mit Hilfe dieses Formbegriffs klargestellt, daß sie nicht besondere Objekte (oder sogar nur: technische Artefakte oder analytische Konstrukte) behandelt, sondern daß ihr Thema eine besondere Art von Form ist, eine besondere Form von Formen, könnte man sagen, die die allgemeinen Eigenschaften jeder Zwei-Seiten-Form am Fall von »System und Umwelt« expliziert. Alle Eigenschaften von Form gelten auch hier: so die Gleichzeitigkeit von System und Umwelt und der Zeitbedarf aller Operationen.Vor allem aber ist mit dieser Darstellungsweise deutlich zu machen, daß System und Umwelt als die zwei Seiten einer Form zwar getrennt, aber nicht ohne die jeweils andere Seite existieren können. Die Einheit der Form bleibt als Differenz vorausgesetzt; aber die Differenz selbst ist nicht Träger der Operationen. Sie ist weder Substanz noch Subjekt, tritt aber theoriegeschichtlich an die Stelle dieser klassischen Figuren.


Organisation von Systemen:



Niklas Luhmann - Soziale Systeme- Grundriss einer Allgemeinen Theorie Suhrkamp 1984 pg 15: lebende Systeme - psychische Systeme - soziale Systeme

Lebende Systeme schaffen für ihre Zellen eine Sonderumwelt, die sie schützt und ihre Spezialisierung erlaubt, nämlich Organismen. Sie schützen sich durch materielle Grenzen im Raum. Psychische und soziale Systeme bilden ihrer Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen das System selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden - und dies obwohl die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterscheiden anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten.
Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft Suhrkamp 1998 pg 45


Lebende Systeme: Biologie - Maturana - Varela - Capra

Psychische Systeme: Bewusstsein -
Das Bewusstsein hat seine für die Kommunikation unerreichbarer Eigenart in der Wahrnehmung bzw. in der anschaulichen Imagination. Am besten lässt diese Eigenart sich begreifen, wenn man das Bewusstsein zunächst vom zentralisierten Nervensystem unterscheidet. Das Nervensystem ist eine Einrichtung zur Selbstbeobachtung des Organismus. Es kann nur körpereigene Zustände diskriminieren und operiert deshalb ohne Bezug auf die Umwelt. Das Bewusstsein kompensiert diese Beschränkung, es externalisiert, obwohl strukturell an das Nervensystem gekoppelt, dass, was ihm als eigenen Zustand des Körpers suggeriert wird; es kehrt sozusagen das Innen des Körpers nach außen, und selbst der eigenen Leib wird von Bewusstsein als bewusstseinsextern, als Gegenstand des Bewusstseins erlebt. Das Bewusstsein konstruiert auf der Grundlage der laufenden, geräuschlosen, unbemerkten Aktivität des Nervensystems eine Welt, in der es dann die Differenz des eigenen Körpers und der Welt im übrigen beobachten und auf diese Weise sich selbst beobachten kann.
Niklas Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft pg 19

Denken - Kognition - Kognition als Spezialfall von Veränderungen in den Beziehungen elektromagnetischer Felder zu beschreiben. So könnte man eventuell die Frage beantworten, wie die Welt es ermöglicht, sich selbst zu beobachten. Aber von da aus gibt es keinen Zugang zur Phänomenologie der Welt. Neurophysiologische Forschungen beschreiben das Gehirn als operativ geschlossenes System, und die Frage, wie man dann trotzdem zur Vorstellung einer Außenwelt kommen kann, stellt sich für Tiere und für Menschen gleichermaßen. Die Antwort kann nur über den Begriff der sinnlichen Wahrnehmung gegeben werden, der damit allen reflexiven Prozessen vor-, wenn nicht übergeordnet wird. Wahrnehmung leistet (auf immer noch rätselhafte Weise) die Externalisierung von Resultaten neurophysiologischer Prozesse - bei höheren Tierarten ebenso wie beim Menschen. Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft Suhrkamp 1998 pg 120


Soziale Systeme: Gesellschaft
Kommunikation

Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie
Carl Auer 2004 pg 288
Kommunikation als selbstbeobachtende Operation:
...dass das System völlig von der Operation her produziert und dann auch in der Beobachtung so definiert wird. Wir haben eine Operation als den Systemproduzenten, wir müssen die Theorie so einstellen, dass sie auf diese Operation bezogen wird, und das heißt, dass Systemtheorie und Kommunikationstheorie zusammengedacht werden müssen. Denn diese Operation, das hatte ich bereits gesagt, ist die Kommunikation.

Ein Kommunikationssystem ist ein an Bewusstsein gekoppeltes, durch Bewusstsein irritierbares System, das aber die eigenen Operationen nur durch die eigenen Strukturen und die eigenen Strukturen nur durch die eigenen Operationen determinieren kann. Nur so kann das System stabiler sein als seine Umwelt. Das führt auf die Frage, wie denn das Dabeisein und Dabeibleiben von hinreichend vielen eigendynamischen Bewusstseinssystemen erreicht und auf verlässliche Dauer gestellt werden kann. Zur Antwort auf diese Frage verhilft uns der Hinweis auf Sprache.
Niklas Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft pg 46

Kommunikation -
Kommunikation setzt immer eine Mehrheit psychischer Systeme voraus. Das ist zunächst trivial, wird aber zu einer folgenreichen Feststellung, wenn man hinzufügt, dass die psychischer Systeme selbstreferentiell geschlossen operieren und füreinander und zugänglich sind. Kein Bewusstsein kann die eigenen Operationen an die eines anderen anschließen, kein Bewusstsein kann sich selbst dem anderen fortsetzen. Schon die neurophysiologische Fundierung des Bewusstseins schließt das aus, was immer man von den Beziehungen zwischen Gehirn und Bewusstsein halten mag.... es gibt daher auch, wie die Informationstheorie seit ihren Anfängen sagt, keine Übertragung von Bedeutung von Bewusstsein zu Bewusstsein. Es gibt nur eine konvergierende Konzentration von Aufmerksamkeit, zum Beispiel auf Signale. Das Problem der Kommunikation liegt in der selbstreferentiellen Geschlossenheit lebender und psychischer Systeme. Dieser Sachverhalt erst gibt der Kommunikation ihre Bedeutung und zugleich ihre Eigenständigkeit als operativ selbstständiges System. Alle Begriffe, mit denen Kommunikation beschrieben wird, müssen daher aus jeder psychischer Systeme Referenz herausgelöst und lediglich auf den selbstreferentiellen Prozess der Erzeugung von Kommunikation durch Kommunikation bezogen werden. Jede Kommunikation differenziert eigene Komponenten, nämlich Information, Mitteilung, und Verstehen.... die Differenz von Mitteilung und Information wird dadurch hergestellt, dass die Mitteilung als Zeichen für eine Information genommen wird (und in diesem begrenzten Sinne ist auch die semiologische Interpretation der Sprache berechtigt). Aber sowohl die Zeichenhaftigkeit der Mitteilung als auch die Information selbst sind kommunikationssystemsintere Konstrukte. Sie werden in der Kommunikation aufgebaut und abgebaut, aktualisiert, eventuell aufgezeichnet, eventuell erneut thematisiert. Sie kommen nicht als Bewusstseins Operation in das System, nicht als Wissen eines psychischer Systems, das vorher da ist und dann in die Kommunikation eingegeben wird. Ein solches Überschreiten von Systemgrenzen durch systemeigene Operationen ist empirisch unmöglich, und gerade auf diese Unmöglichkeit beruht die Leistungsfähigkeit autopoietischer Systeme.
Niklas Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft pg 23



Medium Form
Die Idee des "Mediums" ist, dass es einen Bereich von losen Kopplungen massenhaft vorkommender Elemente gibt: Luftpartikel, physikalische Lichtträger - "Licht" ist kein physikalischer Begriff, aber der Begriff für das Medium, in dem wir etwas sehen. Ohne Licht, das kann man sehr schnell ausprobieren, sehen wir nichts. Das heißt, es gibt offenbar eine Differenz zwischen einem unsichtbaren Medium und einer sichtbaren Form", wie ich jetzt sagen würde, oder Gestalt.
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 223

Jede Form dient der Bezeichnung von etwas durch sie Bestimmtem und damit der Unterscheidung von allem, was im Moment unbeachtet bleibt. Wissen bewährt sich erst als eine Zwei-Seiten-Form: mit der Seite des Vertrauten und Wiederverwendbaren und mit dem darum herumliegenden, unbeachteten »unmarked space«. Die Form bleibt auf das durch sie Bezeichnete, in unserem Falle also das Gewußte gerichtet und legt dessen Wiederholung, Kondensierung, Konfirmierung, Generalisierung nahe. Dabei bleibt das Nichtbezeichnete, eben der unmarked space, ausgeschlossen, aber als ausgeschlossen eingeschlossen
Niklas Luhmann Das Erziehungssystem der Gesellschaft Suhrkamp2002
.luhmann_erziehung97

Re-entry:
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 72
Begriff des "reentry", des Wiedereintritts der Form in die Form oder der Unterscheidung in das, was unterschieden worden ist. Darüber hatte ich zunächst einmal nichts explizit gesagt, als ich Spencer Brown vorstellte. Deswegen muss ich jetzt einige Bemerkungen nachliefern. Sie erinnern sich, dass schon die Anfangsweisung: Draw a distinction, Mach eine Unterscheidung, eine Weisung ist, die eine Operation betrifft, die aus zwei Komponenten besteht, nämlich der Unterscheidung selbst und der Bezeichnung der einen Seite, dem Hinweis, wo man sich befindet, wo man weitermachen soll. Die Unterscheidung ist in der Unterscheidung bereits vorgesehen. In der Terminologie von Kauffman ist sie in die Unterscheidung bereits hineinkopiert. Im Laufe der Entwicklung des Kalküls kommt Spencer Brown schließlich an den Punkt, an dem er diese Prämisse explizit macht und den Wiedereintritt der Form in die Form oder der Unterscheidung in die Unterscheidung als eine theoretische Figur vorführt, die sich dem Kalkül entzieht, die also nicht mehr in der Form von Arithmetik oder Algebra behandelt werden kann, die aber in dem Sinne, dass man bestimmte mathematischen Probleme nur über diese Form lösen kann, gleichsam zu den Eckpfeilern des ganzen Systems gehört. Das führt in die Theorie imaginärer Zahlen hinein...dass ein System sich selbst von seiner Umwelt unterscheiden kann. Die Operation als Operation erzeugt die
Differenz.

Unterscheidung - Differenz
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie
Carl Auer 2004 pg 72
...
auf die beiden Aspekte des einen Zeichens zurückkommend, hält Spencer Brown fest, dass eine Unterscheidung immer nur gebraucht wird, um eine Seite und nicht die andere zu bezeichnen. Die Terminologie ist: "distinction" und "indication". Ich übersetze das mit Unterscheidung und Bezeichnung.Wozu sonst soll man unterscheiden, wenn man nicht das eine statt des anderen bezeichnen will? Die Unterscheidung ist eine Grenze, das Markieren einer Differenz.

Zeichen
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 72
Es gibt keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Beobachtung. Denn derjenige, der etwas beobachtet, muss sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden. Er muss zu sich selbst schon ein Verhältnis haben, um sich unterscheiden zu können. Man fängt mit einer Unterscheidung an, die aber, weil das Resultat der Unterscheidung als Einheit fungieren muss, nicht bezeichnet und benannt werden kann, nur da ist. In der Logik, in der Mathematik oder wie immer man sagen will, im Calculus von Spencer Brown wird dies in die Form einer Weisung, einer Injunktion gebracht: Draw a distinction. Mach eine Unterscheidung, sonst geht gar nichts.

Zweiteiligkeit des Zeichens.
Das Zeichen hat bei Spencer Brown eine vertikale Linie, trennt also zwei Seiten, und eine horizontale Linie, einen Indikator, einen Weiser sozusagen, der auf die eine Seite und nicht auf die andere Seite zeigt. Es ist bewusst als ein Zeichen gedacht, aber es besteht aus zwei Komponenten. Wenn man allerdings so anfängt, stellt sich die Frage, wer die eine und nicht die andere Komponente bezeichnet, ohne nicht auch schon ein Zeichen zur Verfügung zu haben, mit dem er das tut. Aber man muss es erst einmal so hinnehmen, den Haken als Einheit.

Strukturelle Koppelung:
Niklas Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1992 pg 38
Es gilt gleichwohl: ohne Bewusstsein keine Kommunikation und ohne Kommunikation kein Bewusstsein. Wir nennen nicht jede wechselseitige Verhaltensabstimmung Kommunikation, sondern nur eine solche, die über eine Unterscheidung von Mitteilung (kommunikativem Handeln) und Information (Thema, Inhalt der Mitteilung) vermittelt wird. Wo dieser Unterscheidung nicht gemacht wird, liegt nur ein wechselseitiges Wahrnehmen vor, nicht aber Kommunikation im Sinne unseres Begriffs; denn für die Autopoiesis, für die Weiterbewegung der Kommunikation, ist es erforderlich, dass sie die Mitteilung als Handlung zurechnen und, in der Unterscheidung von ihrem Inhalt, zur Anknüpfung weiterer Kommunikationen verwenden kann. Für die Unterscheidung von Mitteilung und Information ist jedoch die Kooperation von Bewusstsein unerlässlich, und in diesem Sinne gilt dann: keine Kommunikation ohne Bewusstsein, aber auch: keine Evolution von Bewusstsein ohne Kommunikation.

Beobachten - Beobachter:
Niklas Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1992 pg 73

Beobachten:...
formalen Begriff des Beobachtens, definiert als Operation des Unterscheidung und Bezeichnung. Die Theorie des operativen Aufbaus von Formen muss also vor allen diesem Unterscheidungen ansetzen. Die erste Unterscheidungen ist die Beobachtung selbst, unterschieden durch eine andere Beobachtung, die wiederum selbst, für eine andere Beobachtung, die erste Unterscheidung ist.
Beobachter:
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 138
...jetzt kommt ein Einschnitt. Bisher habe ich immer nur von Operationen gesprochen, ausgehend von der Grundannahme, die auch jetzt erhalten bleibt, dass man, wenn man Systeme in der Art, wie sie sich selber erzeugen, verstehen will, von der Operation und nicht von letztlich unauflösbaren Elementen ausgehen muss.Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt.

Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt. H. Maturana

Ebene der Beobachtung erster Ordnung -
Bereich der Beobachtung zweiter Ordnung

Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1998 pg 1122

Was Selbstbeschreibungen des Gesellschaftssystems angeht, also des Systems, das in sich selbst Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung ermöglicht, führt der Übergang von der ersten zur zweiten Ebene dazu, dieRealität als kontingent, als auch anders möglich zu beschreiben.
...wie es in einem Kommunikations-zusammenhang auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung zu Stabilitäten kommen kann. Während der Beobachter erster Ordnung voraussetzt, daß es eine geordnete Welt gibt, die eindeutige Merkmale hat, die man richtig oder falsch beschreiben kann, muß der Beobachter zweiter Ordnung auf diese logisch-ontologische Annahme verzichten. Er muß voraussetzen, daß die Welt diverses Beobachten toleriert, und zwar so, daß das, was sie bei unterschiedlichen Unterscheidungen zeigt, nicht immer als Irrtum der einen oder der anderen Beobachtung eliminiert werden kann.

Peter Fuchs Der Sinn der Beobachtung
Velbrück Wissenschaft 2004 pg 11


Sinn:
Niklas Luhmann Einführung in die Systemtheorie Carl Auer 2004 pg 223
Der Sinnbegriff: ... welche Unterscheidung über Sinn aktualisiert wird - die Unterscheidung von Aktualität und Potenzialität -, und zur Frage der Systemreferenz, nach der es Sinn konstituierende Systeme gibt, zu deren Operationsweise es unvermeidlich gehört, dass sie Sinn benutzen.

Medium Sinn

Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft Suhrkamp 1998 pg 45
Die Eigenart des Medium Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließung von erkennenden Systemen. Sinn gibt es ausschließlich als Sinn und der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. Es gibt demnach keiner von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität.

Sprache:
Niklas Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft Suhrkamp 1992 pg 46f
Während Sprachphilosophen oft meinen, Sprache sei ein System (wenn nicht gar: das einzige System für die Koordination von Lebenszusammenhängen), ist für die hier vorgestellte Analyse entscheidend, Sprache als Nichtsystem anzusehen, das Systembildungen im Bereich von Bewußtsein und Kommunikation erst ermöglicht, indem es die strukturelle Kopplung der beiden Systemarten ermöglicht.

Glossar Luhmann Systemtheorie

TEXTE:

Phillip Guddemi
Autopoiesis, Semeiosis, and Co-Coupling:
 
Niklas Luhmann
SOZIOLOGIE

F. Eugene Yates
The Logic of Life
Self-Organising Systems
Oxford University Press. 1993

Urs Boeschenstein: Vom Unterscheiden :

Vu de Gedanke wo gumped
Vu de Gedanke wo gumped - html
E Wirrlete im Chopf
vum Urs Boeschenstein
Bruchstücke I
De-Ontologisierung

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