Henrik Jäger


Henrik Jäger
Mit den passenden Schuhen vergisst man die Füsse

Herder 2003

Du vergisst (wang) den Fuß, wenn der Schuh passt (shi).
Du vergisst die Taille, wenn der Gürtel passt.
Du vergisst richtig und falsch (für und wider), wenn der Herz-Geist passt.

Zhuangzi 19.13

Seite 28
...Die einmalige Bedeutung des Zhuangzi wird damit erklärt, dass er es – im Gegensatz zu allen anderen Philosopen – geschafft habe, die „Schönheit von Himmel und Erde“ (tian di mei) und die geistige Klarheit (shen ming) zu beschreiben.
29
...dass Zhuangzi aus zwei, in ihrer wechselseitigen Beziehung noch nicht erforschten Qellen entstanden ist: erstens aus der Auseinandersetzung mit den bedeutendsten Lehen der Zeit (Konfuzianer, Mohisten, Sophisten), zweitens aus den schamanistischen Erfahrungswelten und ihrer dichterischen Überlieferung (Qu Yuan, Chuci – Lieder von Chu), die in der Überlieferung des Landes Chu im Süden zu dieser Zeit noch präsent gewesen muss.

Seite 36
Hauptmerkmale der klassischen chinesischen Sprache sind die Flexibilität der Wortklassen und die lexikalische Vieldeutigkeit. So kann man meistens erst aus dem Kontext entscheiden, ob es sich bei einem Wort um ein Verb, ein Nomen, ein Adjektiv oder um ein Funktionswort handelt, dass die grammatische und syntaktische Zuordnung bestimmt. Aus diesem Grund wurde das klassische Chinesisch selbst vom Sinologen als poetisch, aber ungenau beschrieben, was so sicher nicht stimmt richtig ist, dass im klassischen Chinesisch eine starke Verdichtung des Ausdrucks angestrebt wird - je mehr mit ein paar Worten gesagt werden kann, desto vollendeter die Aussage. Dies wird durch eine größtmögliche Zahl von Anspielungen und Sinnbezügen erreicht. Es hat also seinen Grund, dass man im traditionellen China jahrzehntelang die Klassiker und Hauptwerke der Dichtung auswendig lernte. Erst so konnte man eine Bildung erwerben, die die Voraussetzung war, die Sinnbezügen zu verstehen - was durch Kenntnis der Sprache allein nicht möglich gewesen wäre.

Seite 63
Das Wissen lassen und natürlich werden
Dass Wissen eine unverzichtbare Grundlage jeder Kultur ist, wussten auch die Daoisten, nur sahen sie in der Kultur eine alles erfassende Maschinerie, die den Menschen von seiner natürlichen, schlichten Eigentlichkeit entfremdet. Wissen befreit den Menschen nicht, bringt ihn nicht in einen Zusammenhang mit dem größeren Leben; es engt ihn ein, macht ihn unfähig, von sich und seine Wichtigkeit abzusehen, er missbraucht es eher für seine Machtspiele (die Erkenntnis soll ihm helfen, "zu sein wie Gott"

Henrik Jäger



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