Francois Jullien


Francois Jullien
Der Weise hängt an keiner Idee
Das Andere der Philosophie
Wilhelm Fink 2001

Seite 115
Weise ist, wer dem "so" der Dinge gegenüber vollkommen offen bleibt, wäre beständig zu ihm Zugang hat. Wäre dagegen seinen Geist auf einem einzigen Blickpunkt aufbauen lässt, wer verliert die Weisheit, weil er dadurch in Parteilichkeit versinkt. Auch für den daoistischen Denker Zhuangzi verfügter Weise über keine festgelegte, gleich bleibende Konzeption, die er als die seine bezeichnen könnte.

Zhuangzi bietet, was das antike China betrifft, sogar die beste Erklärung dafür, wo wir diese Spaltung der Blickpunkte kommt, die die Globalität des Weges aus dem Blick geraten lässt. Der Verlust der Weisheit rührt von dem her, was Zhuangzi einen (fest)gewordenen Geist nennt (wie wir von einem vor eingenommenen Geist sprechen).

Zhuangzi 2.3
Wie wir den Körper, der uns “zugekommen ist, „sobald wir ihn empfangen haben“, „bis ans Ende“ erhalten, ohne ihn „verändern“ zu können, so besteht die Gefahr, dass wir auch unseren Geist „(fest)werden“ und sich auf eine bestimmte Art und Weise bilden lassen, die als solche immer begrenzt ist.


JullienWeisheit119
Mystiker? – der daoistische Denker stellt weder die Seins- noch die Gottesfrage; wenn der Weg durch die Fragmentierung der Blickpunkte auch „verdunkelt“ wird, so ist dieser Weg an sich weder entzogen noch verborgen; im Gegensatz zum Geheimnis und zum Mysterium entfaltet er sich als Evidenz, zu der wir nur deshalb keinen Zugang haben, weil unsere Trennungen ihn uns verbauen

JullienWeisheit131

Von selbst so - ziran

Die globale Sichtweise, auf die man zurückgreifen soll (yi ming, S.63,66 und 75), hat nichts von einer mystischen Visionen an sich - sie ist keine "Erleuchtung": es geht nicht darum, jenseits zu blicken, anderes zu sehen oder anders zu sehen, sondern im Gegenteil darum, zu sehen, was jeder andere auch sieht, und wie er sieht: Nicht mehr von der eigenen Seite aus und also einseitig zu sehen, sondern jedes Mal von der Seite aus, auf der die Realität sich entfaltet (auf eine Art und Weise zu sehen, die man nicht als "objektiv" bezeichnen kann - denn Ziel ist nicht die Erkenntnis - , sondern als umfassend verständnisvoll (compréhensive) in Bezug auf die Existenz: die Weisheit besteht darin, stets von der Seite aus zu sehen, auf der es gerechtfertigt ist). Wie die Globalität der Partikularität entgegengesetzt ist, so ist diese Sichtweise dem Blick- oder Standpunkte entgegengesetzt: statt jedermann dem eigenen Standpunkt - dem eines fest gewordenen Geistes - entsprechend zu sehen und die Existenz durch Trennung in Wahr und Falsch, Gut und Böse aufzuspalten, ja sie zu sich selbst im Gegensatz zu bringen, sieht der Weise jedes Mal, wo sich Kongruenz einstellt - seine Sichtweise ist harmonisch (he); statt an seiner Position zu hängen und somit auf eine feststehende Art und Weise zu sehen, ist seine Sichtweise flexibel wie ein Angelpunkt, um jede Situation zu "entsprechen" und sich unentwegt "anzupassen". Statt also in Disjunktionen zu erstarren, hat diese Sichtweise fortwährend Zugang zum "so" der Dinge (ran); sie sieht die Dinge jedes Mal unter dem Blickwinkel, unter denen sie "von selbst so" (ziran) sind. Ohne dass irgend etwas beiseite gelassen wird oder verloren geht. Derjenige, dessen Geist vollkommen offen ist - das Gegenteil eines "festgewordenen Geistes" - "passt sich den Disjunktionen der Welt an", "ist aber selbst ohne Disjunktion". Dass er, " ohne dem Weg der Disjunktionen zu folgen, diesbezüglich nicht zu fürchten braucht, "dass dies nicht adequat wäre", das " bringt direkt ans Licht, was natürlicherweise so ist, ohne dass etwas weggenommen wäre".

Wie aber realisiert man dieses "so" der Dinge, zu dem die Weisheit Zugang verschafft - und das den Geist "öffnet"? Was hat es mit diesem ohne jede Voreingenommenheit - des (fest)gewordenen Geistes - erfassten Sosein auf sich, dass dem "Natürlichen" zu eigen und dessen Quellgrund der "Himmel" ist?

Zhuangzi 2.1


Francois Jullien
Sein Leben Nähren
Merve 2006
Jullien-nähren14
Wenn wir nun nach einer üblichen und typischen Formulierung auf Chinesisch sagen "sein Leben nähren" (yang sheng) kommt eine solche Spaltung dann nicht unversehens in Bewegung? Würde ihre - wenn auch insgeheime - Stichhaltigkeit nicht beginnen, zu verschwinden? Denn wenn ich sage: "sein Leben nähren", kann der Sinn nicht streng konkret und materiell sein, aber er ergießt sich auch nicht ins Spirituelle - es handelt sich hier nicht um das "ewige Leben". Dieser Sinn oder diese Bedeutung ist nicht produktiv irdisch und auch nicht dem Himmlischen zugewandt ."Mein Leben" ist, wenn ich es so ganz allgemein fasse, mein Lebenspotenzial. In der chinesischen Antike haben die ersten " naturalistischen" Denker, die auf jede Unterwerfung des menschlichen Verhaltens unter irgendeine transzendente Ordnung (ganz gleich, ob religiös oder rituell) reagierten, die menschliche Natur folgendermaßen definiert: "die menschliche Natur ist das Leben" und nichts sonst.

Jullien-nähren142
Zweckbestimmung – flottieren (浮 fú to float)
Warum das chinesische Denken kaum eine Idee der Zweckbestimmung entwickelt und folglich keine Glücksidee formuliert hat. Oder sich vielmehr nicht dafür interessiert hat.
Auch die Nicht Entwicklung einer Idee kam für das Denken zu einem wichtigen Ereignis werden. Ich erkenne zugleich an, dass es zweifellos eine der schwierigsten Anpassungsoperationen ist (so wie man sagt: Anpassung der Sehschärfe), sich im europäischen Kontext von der projizierten Erwartung der Zweckbestimmung zu lösen: es braucht Geduld und wiederholte Bemühung (nicht eine Anstrengung der Intelligenz), damit das ganze Begriffs Gebäude nach und nachumgebaut werden kann, wenn der Schlussstein heraus-genommen wird, der unserem Gebäude Halt gab, und damit man in die Kohärenz der Weisheit eintreten kann. Übrigens ebenso der Weisheit wieder Strategie. Denn selbst die Strategie wird in China nicht von der Zweckbestimmung geleitet. Man kann in das Denken der Kriegskünste im alten China nur eintreten, wenn man begreift, dass ihr General sich kein spezielles, festgelegtes Ziel setzt, und gleichzeitig buchstäblich keine Absicht hat, sondern so vorgeht, dass er das Potenzial der Situation zu seinem "Profit" (ein durchaus chinesische Begriff, nämlich der des li) ausnutzt.

Jullien-nähren159
Grundentscheidungen des Denkens
…Sie beziehen auf das, was als das Unmittelbarste was am wenigsten Abstrakte erscheint: nicht etwa, welches Leben man wählen soll – was bereits sehr abstrakt ist und was die Philosophie seit Platon besonders liebt, diese Überprüfung und Verteilung von Rollen -, sondern wie man sein Leben handhaben oder besser „managen“ soll.

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