Markus Gabriel


Interviw-Spiegel
Gabriel: Die Wissenschaft kann, entgegen ihrem oft behaupteten Anspruch, kein Weltbild entwerfen.
Die Annahme, dass die Naturwissenschaften die fundamentale Schicht der Wirklichkeit, also die Welt an sich, erkennen, während alle anderen Erkenntnisansprüche immer auf physikalische, biologische oder sonstige naturwissenschaftliche Einsichten reduzierbar sein werden oder sich jedenfalls an diesen messen lassen müssen, ist schlicht falsch.
SPIEGEL: Wieso? Ist die Wissenschaft einfach noch nicht weit genug gekommen?
Gabriel: Selbst wenn so etwas wie die Weltformel gefunden wäre, würde sie nur einen Ausschnitt der Welt darstellen, zugegeben einen wichtigen. Das Universum ist nur einer von vielen Gegenstandsbereichen, ein Teil des Ganzen, nicht das Ganze selbst. Es gibt viele Gegenstände, die es nicht im Universum gibt. Die Welt an sich gibt es gar nicht. Alle Weltbilder sind falsch, weil sie unterstellen, dass es eine Welt gibt, auf die wir von außen blicken können.
SPIEGEL: Wir bleiben notwendigerweise in fragmentarischen Betrachtungen gefangen?
Gabriel: Wir schauen immer auf die Wirklichkeit von einem bestimmten Punkt aus. Der Beobachter bleibt in einer Perspektive verortet. Den „Blick von nirgendwo“, wie der amerikanische Philosoph Thomas Nagel es genannt hat, können wir nicht erreichen. Deshalb zerbröselt das sogenannte wissenschaftliche Weltbild zwischen unseren Fingern.
SPIEGEL: Das klingt ziemlich verwirrend.
Gabriel: Wir sehen immer nur Ausschnitte von etwas, das unendlich ist. Ein Überblick über das Ganze ist unmöglich, weil das Ganze nicht einmal existiert. Wir bewegen uns in einer unendlichen Vielfalt von Feldern der Erkenntnis, von „Sinnfeldern“, wie ich es nenne, die alle voneinander unterschieden sind.


Markus Gabriel
Warum es die Welt nicht gibt

Ullstein 2013
Exzerpte-PDF

Markus Gabriel
Die Erkenntnis der Welt

Eine Einführung in die Erkenntnistheorie
Verlag Karl Auer 2012

Markus Gabriel
An den Grenzen der Erkenntnistheorie
Die notwendige Endlichkeit des objektiven Wissens als Lektion des Skeptizismus
Alber Philosophie 2008
Exzerpte-PDF



Beobachtung Dritter Ordnung

HOME