Richard David Precht
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Eine philosophische Reise
Goldmann 2007


Precht-Reise 313: Do be do be do – Was ist Freiheit?
Zu Anfang meiner Reise in die Philosophie stand ein Spruch:

To be is to do - Sokrates
To do is to be - Sartre
Do be do be do - Sinatra

Mit Sokrates hatte ich mich in diesem Urlaub das erste Mal vertraut gemacht. Ob er wörtlich gesagt hatte, dass Sein bedeutet, etwas zu tun, wusste ich nicht. Aber das störte nicht weiter. Denn dass Sein Tun bedeutete, leuchtete mir schon irgendwie ein. Die viel denkwürdigere Sache war der zweite Satz: Etwas zu tun, bedeutete - zu sein? Das war in der Tat rätselhaft. Von Sartre hatte ich schon gehört. Ich wusste, dass er ein politisch sehr engagierter Mensch war. Aber das verriet nicht im mindesten, warum Tun bedeutete zu sein. Musste man denn nicht erst sein, also existieren um überhaupt etwas tun zu können? Es fiel mir schwer, den Satz zu begreifen. Und vielleicht gibt es dafür auch einen guten Grund. Denn heute denke ich, dass sie wohl beide irren: Sartre ebenso wie Sokrates. Der Einzige, der tatsächliche Recht hat, ist Sinatra. Davon erzählt dieses Kapitel. Nach dem Urlaub in Griechenland begann mein Philosophiestudium.

Sartre: Nicht die Gesellschaft und nicht die psychischen Prägungen bestimmten demnach den Menschen, sondern jeder Mensch sei frei, das zu tun, was er will. Er sei in vollem, uneingeschränkten Maß für sich selbst verantwortlich. Was den einzelnen ausmacht, „erfindet“ er selbst. Die heute von der Konsumsindustrie allerorten wieder belebte Formel, dass man sich selbst immer neu erfinden solle, stammt von Sartre: „Mit seinem Tun zeichnet der Mensch sein Gesicht“ – To do is to be.

Der Gedanke, dass der Mensch dazu verdammt sei, frei zu sein, steht in dem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Das Buch ist weitgehend eine Auseinandersetzung mit Sartres Anregern Edmund Husserl und Martin Heidegger. Husserl ist der Begründer der Phänomenologie. Das Neue daran war, dass er den Menschen und die Welt nicht mehr aus einem versteckten Wesen oder einem inneren Sein mit Regeln und Gesetzen, wie bei Kant, erklären wollte, sondern er ging denn genau umgekehrten Weg. Wie ein moderner Hirnforscher fragt er nach den Bedingungen unserer Erfahrung. Kant hatte zwar die Bedingungen der Erkenntnis untersucht, nicht aber die der Erfahrung. Er hatte sie einfach vorausgesetzt, ohne sie allzu gründlich zu beleuchten. Husserl dagegen stellte die Erfahrung in den Mittelpunkt: Sie vermitteln meine Sinne mir die Welt? Da er kein Biologe war, fand er viele schöne und einleuchtende Bilder und Begriffe für unser sinnliches Wahrnehmen, besonders für den Zusammenhang zwischen Sehen und Erkennen.

Der Mensch, so Sartre, ist das einzige Tier, das sich auch mit dem beschäftigen kann, was es nicht gibt. Andere Tiere haben kein komplexes Vorstellungsvermögen, sie können nicht anders denken was nicht mehr ist, und auch nicht an das was noch nicht ist. Menschen dagegen können sogar Dinge erfinden, die es nie gibt - sie können lügen. Je mehr Vorstellungsvermögen ein Lebewesen hat, umso freier ist es. Umgekehrt, so Sartre, bedeutet dies, dass der Mensch allein als nackte Existenz überhaupt keine Substanz hat. Anders als die Tiere, die durch festgelegte Instinkte und Handlungsmuster bestimmt sind, muss sich der Mensch seine eigenen Handlungsmuster erst noch suchen: „Die Existenz geht dem Wesen voraus“. Diese Tatsache, meint Sartre, hätten die Theologen und Philosophen immer verkannt. Sie hätten nach Regeln und Mustern gesucht, um den Menschen zu definieren. Doch in einer Welt ohne Gott hätten diese Wesensbestimmungen aus Werten und verbindlichen moralischen Maximen keinen Sinn mehr. Das einzig existenzielle am Menschen sind seine Gefühle: der Ekel, die Angst, die Sorge, die Langeweile und das Gefühl des Absurden. Sartre nannte seine Philosophie Existenzialismus.

In seiner Schrift „Der Existenzialismus is ein Humanismus“ definiert Sartre den Philosophen als Aufklärer. Er soll die anderen dazu anhalten, ihre Freiheit zu leben und sich dadurch als Menschen zu verwirklichen. Für Sartre kommt es dabei vor allem anderen auf den Entwurf an, die in der Mensch von sich selbst gemacht: „Der Mensch ist zu erst ein Entwurf; nichts existiert diesem Entwurf vorweg, und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein geplant hat.“Der Wille dagegen ist, nach Sartre, nur eine Folge eines solchen vorangegangenen Entwurfs: erst plant sich der Mensch, dann legt er sich einen dementsprechenden Willen zu. Genau dies hat Sartre tatsächlich behauptet: „Was wir unter Wollen verstehen, ist eine bewusste Entscheidung, die für die meisten unter uns dem nachfolgt, wozu man sich selbst gemacht hat“.

Allein, mit der Freiheit des Willens ist das so eine Sache. Die meisten Hirnforscher sind in dieser Frage heute völlig anderer Meinung als Sartre. Für sie ist der Mensch unfrei. Erstens ist er ein Produkt seiner Anlagen, seiner Erfahrung und seiner Erziehung. Und zweitens: Nicht unser taghelles Bewusstsein sagt uns was wir zu tun haben, sondern unser nachtdunkles Unterbewusstsein. Selbst wenn ich mich von vielen äußeren Zwängen löse - meine Wünsche, Absichten und Sehnsüchte bleiben doch in jedem Fall unfrei nicht ich verfüge über meine Bedürfnisse, sondern sie verfügen über mich! Und genau deshalb, so meinen viele Hirnforscher, kann ich mich unter keinen Umständen neu erfinden. Das ist nun in der Tat eine deprimierende Nachricht. Denn zugegeben, Sartres Freiheits Philosophie ist bestechend. In Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, der mich damals faszinierte, wird gleich zu Anfang darüber nachgedacht, dass es neben dem Wirklichkeitssinn auch einen Möglichkeitssinn im Leben gäbe. Die Augen für die vielen alternativen Möglichkeiten zu öffnen, war mir seit meiner Jugend ein tiefes Bedürfnis. Doch was bleibt von dieser Möglichkeit sind, wenn es den freien Willen, etwas davon umzusetzen, gar nicht gibt? Wenn ich durch meine Erfahrung, Erziehung und Bildung tatsächlich zur sozialen Unfreiheit bestimmt bin, dann wiederhole ich in meinem Handeln in Wahrheit nur sozialer Programme, spiele Rollen, erfüllen Normen und folge einem sozialen Drehbuch. Was ich für meinen Willen halte, meine Ideen und meinen Esprit, ist nichts als der Reflex von Ideologien und kulturellen Mustern. Mit anderen Worten: Ich habe gar keinen Willen und keine eigenen Vorstellungen, sondern ich schreibe sie mir nur zu.

Nichts anderes, so meint der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth, stellen sich mein Wille und meine Ideen auch aus der Sicht der Hirnforscher dar. Was ich für meine Willensfreiheit halte, schreibe ich mir nur unzulässigerweise als Freiheit auf die Fahnen. Der Grund dafür liege in einer maßlosen Selbstüberschätzung des Bewusstseins. Was sich der präfrontale Cortex hinter meiner Stirn als seine eigene Leistung einredet, ist in Wahrheit nur ein Hilfsdienst: „Unser Verstand kann als ein Stab von Experten angesehen werden, dessen sich das verhaltenssteuernde limbische System bedient“. Die eigentlichen Entscheider, die unsere Handlungen freischalten, sitzen demnach im Zwischenhirn. Sie sind Experten für Erfahrungen und Emotionen, Sachwalter im Reich der Gefühle, selbst wenn sie nichts verstehen von komplizierten Überlegungen und Abwägungen. Trotzdem entscheidet allein das limbische System darüber, was wir am Ende tun, nämlich einzig das, was als emotional akzeptabel betrachtet wird.

… Gefühle sind lernfähig! Was mich als Kind geängstigt hat, jagt mir heute keinen Schrecken mehr ein. Was mich vor Monaten begeistert hat, langweilt mich nun. Und dieses Lernen der Gefühle hat durchaus etwas mit meinem Verstand zu tun. Insofern durchdringen sich Gefühle und Verstand in meiner Biografie. Dass eine prägt den Zuschnitt des anderen. Selbst wenn in einer konkreten Handlungssituation die Gefühle entscheiden, so entscheidet langfristig mein Verstand dem Hintergrund auch mit über meine Gefühle. Dass dieser langwierige Wirkungsprozess mit den Mitteln der Hirnforschung gegenwärtig noch nicht beschreibbar ist, dürfte keinesfalls bedeuten, dass es ihn nicht gibt. Denn ohne lernfähige Gefühle würden Erwachsene in allen Situationen wie Kleinkinder reagieren und entscheiden. Man kann also sagen: Ja, wir sind in gewisser Weise frei, denn wir bestimmen uns durchaus selbst. Diese Freiheit wird allerdings von unseren Erfahrungen eingeschränkt. Wir sind umzingelt von unserer eigenen Lebensgeschichte. Der Mensch ist sein eigener Rahmen. Aber innerhalb dieses Rahmens sind Veränderungen sehr wohl möglich. Man sollte sich allerdings davor hüten, diese Freiheit als zu klein oder zu groß auszumalen. Denn wer sich selbst nichts zutraut, der entwickelt sich auch nicht. Und wer seine innere Freiheit nach Sartres Vorstellung im vollen Umfang ausleben will, der überfordert sich schnell selbst. Der Mensch plant sich nicht und legt sich dann einen passenden Willen zu.

Die starke, aber letztlich doch wechselseitige Abhängigkeit vom Verstand und Gefühl erklärt, warum Menschen sich auf so wunderbare Weise nicht vorhersagbar benehmen. Die Antwort auf die Frage, ob die psychische Grundausstattung das Handeln bestimmt oder das Handeln die Psyche, lautet also: sowohl als auch. Meine Handlungen und meine Hirnzustände durchkreuzen sich munter wechselseitig. Eine endlose Folge aus Tun und Sein, Sein und Tun: Do be do be do.

Richard David Precht

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