Richard David Precht
Die Suche nach dem Verlorenen Sinn

Precht-Sinn-Stern20.11.08

Unser Leben hat eine Komplexität erreicht wie nie zuvor in der Geschichte. Und unsere Steinzeitgehirne verlieren die Orientierung. Dabei lernen wir diese Gehirne gerade erst kennen. Heute arbeiten Tausende Hirnforscher in aller Welt an der Entschlüsselung des Gehirns. Und sie studieren unsere Gefühle. Sie legen Mönche in Kernspintomografen und entdecken religiöse Zentren gehören; sie benennen die Kerne im Hypothalamus, die die weibliche von der männlichen Lust unterscheiden. Und sie haben jene Nervenzellen entdeckt, die uns mit anderen Menschen mit fühlen lassen.

Welche Orientierung können uns die Hirnforscher geben? Was können wir von ihnen über uns selbst lernen? Etwas bestürzendes, wie es zunächst scheint. Der Homo sapiens der Hirnforscher ist nämlich weder weise noch einsichtig. Er ist triebgesteuert und automatisiert in vielen seiner Reaktionen. Sein Motor ist das Unbewusste im Zwischenhirn, nicht das Bewusstsein im Großhirn. Haben die Hirnforscher recht, so ist unsere Vernunft nicht die Schaltzentrale unseres Handelns. Vielmehr ist sie eine Werbeabteilung mit nachfolgendem Rechtfertigungen.

Die Neurobiologie, so scheint es, ist die Philosophie unserer Zeit. Sie verspricht Fakten, wo die Philosophen nur spekulieren können. Doch was sagt sie uns in der Frage, wie wir leben sollen? Was verrät sie über unsere Zukunft? Was weiß sie über die Globalisierung, über Arm und Reich, Krieg, Klimawandel, Migration und Demokratie? Wenig, sollte man meinen. Doch biologische Theorien mit Ausflügen in die vermeintliche Architektur unseres Gehirns haben Konjunktur. Gene, Neurone und Evolutionsgesetze sind der Stoff, aus dem die Welterklärungsmodelle sind.

Die Situation heute könnte paradoxer kaum sein. Während unsere äußere Freiheit alle Grenzen sprengt, beschränken die Biologen unsere innere Freiheit auf ein Minimum. Für die Philosophen der Aufklärung war der Mensch innerlich frei. Nur die äußeren Umstände engten ihn ein. Noch Jean-Paul Sartre, der bedeutendste Verfechter der menschlichen Freiheit im 20. Jahrhundert, hatte den Menschen zum Souverän seiner selbst erklärt. Der Mensch schaffe sich selbst wie ein Künstler sein Kunstwerk. Auf unser Tun kommt es an. Alles ist möglich – yes, we can! Für die Biophilosophen der Gegenwart dagegen ist der Mensch ein Sklave seiner biologischen Natur. Ihre Prognosen sind düster – no, we cannot!

Welchen Deutungen kann man trauen? Welches Menschenbild ist verlässlich? Welche Gesellschaft ist denkbar und welche nicht? Hunderttausende Deutsche sehnen sich nach einer Orientierungswissenschaft, die diesen Namen verdient. Die Zahl der Menschen, die sich von einfachen biologischen Wahrheiten oder von Esoterik beeindrucken lässt, schwindet. Die fernöstlichen Lebensweisheiten für den Seelenfrieden sind auf dem Rückzug. Und Reichtum als Lebensglück passt zwar zur Generation Golf, nicht aber zur Bankenkrise. Das Geld glücklich macht, stimmt - allerdings nur solange, bis die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Von da an steigt das Glück nicht mehr proportional zum Einkommen. Die Ackermänner der Republik sind nicht ihre glücklichsten Menschen. Orientierung heißt das Zauberwort, nicht Werte.
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Was ist Wahrheit?
Viele Menschen Suche nach der Wahrheit, nach einer tiefen Einsicht in das, was im Leben richtig ist und was falsch. Auch die Philosophie verdankt sich diese Suche, der Philosoph sucht Wahrheit und Weisheit. Das Problem dabei ist: das Gehirn des Menschen wurde nicht dazu gemacht, eine absolute Wahrheit zu erkennen. Alle Menschen besitzen ein Primatengehirn, entstanden im Überlebenskampf in der afrikanischen Savanne. Auf eine absolute Wahrheit kam es hier nicht an. Menschen können das erkennen und begreifen, was ihre Sinne ihnen vermitteln: was wir sehen, hören, schmecken, riechen, anfassen können. Und was wir auf dieser Grundlage messen, berechnen und abstrahieren. Alles zu begreifen aber ist nicht möglich. Und es gibt auch keine Abkürzung zu höheren Wahrheiten durch Meditation. Aus dem Dunstkreis unseres Fühlens und Denkens können wir nicht ausbrechen. Deshalb fragen Philosophen heute auch nicht mehr nach der Wahrheit, sondern sie vermitteln allenfalls Zugewinne an Plausibilität die Aufgabe der Philosophie besteht darin, den Menschen zu helfen, mit sich selbst umzugehen. Und das ist nicht wenig.

Wer ist Ich? Zweitausend Jahre lang schien die Sache klar. Jeder Mensch hat ein „Ich“. Wie ein roter Faden bestimmt der Gegensatz zwischen Ich und Welt, Subjekt und Objekt das abendländische Denken. Nur wenige wagten daran zu zweifeln, wie der jüdische Philosoph Spinoza, der Schotte David Hume oder der Physiker Ernst Mach. Geht es nach ihnen, so ist es falsch, das Ich als etwas anzusehen, was von der Außenwelt getrennt existiert. Es gebe gar kein Ich im Oberstübchen, sondern das Ich sei eine Illusion. Der Psychologe und Philosoph William James unterschied das Ich vom Selbst. Unser Ich ist der dunkle Bewusstseinsstrom, der die Welt erlebt. Und unser selbst ist die Beurteilungszentrale, die diesen Bewusstseinstrom interpretiert. Sigmund Freud griff diesen Ball auf. Aus dem Ich wurde der dunkle Trieb des Es und aus dem selbst das Über-Ich. Und Freuds Ich war ein Spielball zwischen diesen beiden Mächten.
Die Hirnforschung geht heute noch viel weiter und zerlegt unser ich in acht bis neun verschiedene Teile. Ob wir unseren Körper als unseren eigenen begreifen oder ob wir wissen, an welchem Tag wir geboren sind, spielt sich in ganz verschiedenen Hirnregionen ab. Aber ergibt die Melodie dieser verschiedenen Instrumente am Ende nicht doch ein Konzert - mithin ein „gefühltes“ Ich? Können sieben Milliarden Menschen irren, die zu sich „Ich“ sagen?


Richard David Precht

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