Francisco Varela
DAS GEHEN IST DER WEG

ANDERE WIRKLICHKEITEN
Dianus-Trikont 1984

Ich bin Biologe. Seit ich auf diesem Gebiet arbeite, habe ich die Frage untersucht, - die mich am meisten fasziniert: Was sind die biologischen Grundlagen des Geistes? Wie sind Geist und Psyche in der natürlichen Welt verankert? Solche Forschung wird oft als Neurobiologie oder “neuroscience” bezeichnet. Ich möchte sie lieber mit den Worten des amerikanischen Kybernetikers Warren McCulloch als ,,experimentelle Erkenntnistheorie'' bezeichnen, das heisst: die Untersuchung der Natur des Wissens durch die Untersuchung der materiellen Welt.

Wir müssen unsere Epistemologie unter die Lupe nehmen, den Wissensgrund untersuchen, auf dem wir gewohnt sind zu stehen, um sozusagen unseren erkenntnistheoretischen Haushalt in Ordnung zu bringen. Dieses Umpflügen unseres erkenntnistheoretischen Bodens kommt allein schon einer Revolution in der Wissenschaft gleich. In einem Satz ausgedrückt ist das Ziel dieses epistemo!ogischen Aufräumens: einen Rahmen zu haben, bei dem der Beobachter mit im Bild ist. Wie können wir unsere Vorstellungen vom Gehirn und von den kognitiven Funktionen in einer Weise überdenken, dass dabei der Beobachter und das Beobachtete eine untrennbare Einheit bilden? 

Es geht also darum, wieder zu verstehen, was Morris Berman als partizipatorische oder animistische Welt beschrieben hat. Ich möchte Ihnen ein Gedicht vorlegen, um Ihnen einen Eindruck davon zu vermitteln, wie dieses Gefühl des Teilhabens, der Partizipation, sich anhören könnte. Es wurde vor 20 Jahren bei einer Eskimofrau aufgeschrieben, die es aus mündlicher Überlieferung kannte:

Die Große See hat mich ergriffen
sie trägt mich weg wie Holz auf dem Großen Fluß
Erde und Grosses Wasser bewegen mich
haben mich fortgetragen
und bewegen mein Inneres mit Freude.

Was mich wirklich in diesem Gedicht berührt, ist dieser schnelle mühelose Übergang zwischen dem Inneren und dem Äußeren, von Felsen direkt zu Eingeweiden. Wir finden hier nicht diesen stolzen Abstand, der uns so vertraut ist,
zwischen dem "wir" und dem "es".  

Da gibt es keinen Abstand, noch nicht einmal zwischen dem "es" und dem Bild, das ich von ihm haben mag. Diese Auffassung kennt keine kartesianische Trennung, hebt die Distanz durch wechselseitige Definition auf. Wie sieht eine solche Betrachtung in der Biologie aus? Wie strukturiert sie die Fragen vor, die wir erforschen? 

Paradigmen-Wechsel sind eine seltsame Sache. Man muß mit ihnen spielen, indem man einen Fuß auf dem alten Paradigma lässt, den anderen auf das neue setzt und eine Strategie entwickelt, wie man den Zuhörer sanft und fast unmerklich auf die andere Seite zieht. Lassen Sie mich nun beschreiben, was meine Strategie sein wird, um sie an den Platz zu ziehen, von dem aus ich die Sache betrachte. 
Zunächst möchte ich die Punkte, um die es geht, durch eine Metapher skizzieren, die als Gedankenexperiment getarnt ist. Danach werde ich zeigen, wie diese Themen in den gegenwärtigen Ansichten von Evolution Gestalt annehmen. Drittens werde ich die Gehirnforschung aus einer ähnlichen Perspektive in Augenschein nehmen. Schließlich werde ich wieder zu den grundsätzlichen Fragen zurückkehren

Die Wahl der beiden Gebiete Evolution und Gehirnforschung ist kein Zufall, denn sie sind sozusagen die beiden Seiten der se!ben gedanklichen Münze, wie Gregory Bateson uns immer wieder in Erinnerung gerufen hat. Ich hoffe also, daß sie am Ende meines Vortrages, wenn wir zu den Hauptfragen zurückgekommen sind, neue gedankliche Brillen haben, die sie mitnehmen können, um sie für ihre eigenen Zwecke zu verwenden.

Eine einfache, trotzdem genaue Formulierung für den Übergang vom alten—etwa 500 Jahre alten—Paradigma zum neuen Paradigma ist die folgende: Statt sich hauptsächlich mit heteronomen Einheiten zu beschäftigen, die mit ihrer Weit durch eine Logik der Korrespondenz verbunden sind, betrachtet die neue Biologie autonome Einheiten, die nach einer Logik der Kohärenz funktionieren. Das hätte ich nun ebensogut auf Japanisch sagen können. In dem Satz steckt so viel drin, daß er schwer verständlich ist. Lassen Sie mich also die Implizitheit dieser Feststellung etwas expliziter machen, und zwar durch das bereits angekündigte Gedankenexperiment.

Stellen Sie sich vor Ihrem inneren Auge ein Mobile vor, eines von diesen Gebilden, die oft über Babybetten hängen, mit Stangen, die an anderen Stangen hängen und an deren Ende oft Glas- oder Metallstücke befestigt sind. Jeder Windhauch erzeugt ein klimperndes, klirrendes Geräusch. Und wenn Sie darüber nachdenken, ist Ihnen klar, daß der Klang dieses Mobiles nicht von dem Wind bestimmt wird, oder dem sanften Stoß, den wir ihm vielleicht geben. Der Klang hat mehr damit zu tun—oder ist leichter zu verstehen in Hinblick auf die strukturellen Konfigurationen des Gebildes. Jedes Mobile hat eine ganz bestimmte Melodie oder ein Geräusch abhängig davon, wie es gebaut ist. Wenn wir also das Klangmuster verstehen wollen, so ist klar, dass wir das Mobile betrachten und nicht den Wind, der es bewegt. Gehen wir mit dem imaginären Experiment einen Schritt weiter. Stellen Sie sich vor, daß diese komplizierte Klimper-Struktur die ungewöhnliche Fähigkeit hat, sich über die Decke zu bewegen, an der sie normalerweise fest angebracht ist. Wäre es nicht eine Überraschung, wenn sich herausstellte, daß dieses rnobile Mobile ein Verhalten hat? Zum Beispiel, jedes Mal, wenn man das Fenster öffnet, bewegt es sich davon so weit weg wie möglich. Oder vielleicht passiert genau das Gegenteil: Es bewegt sich näher an den Luftstrom heran, sodaß es uns mit ununterbrochenen Melodien erfreut. So eine Beobachtung käme als Überraschung. Wenn wir das sehen würden, kämen wir sofort zu dem Schluß, jemand hätte es mit raffinierter Erfindungsgabe so entworfen, dass es tun kann, was es tut. Es scheint völlig unvorstellbar, dass es solche schlauen Bewegungen allein durch zufällige Anordnung der Stangen oder des Bewegungsmechanismus entwickeln kann.
Der Zweck des Beispiels ist es Ihnen klar vor Augen zu führen, mit welcher Leichtigkeit ein bestimmtes Ausmass an interner Dynamik einem System sofort eine gewisse Autonomie gegenüber seiner Umgebung gibt. Das heisst, es fängt an sich so zu verhalten, als ob seine inneren Strukturen das Wichtigste seien. Wenn Sie sich vorstellen, ein solches Mobile hätte eine Wahrnehmung der Welt, dann wäre diese Wahrnehmung eindeutig nicht davon abhängig, was in es hinein kommt wie eine Instruktion. Wahrnehmung wird vielmehr die Art und Weise, in der das System zusammen-gesetzt ist und wie es sich selbst wahrnimmt. Das heisst, seine internen Verknüpfungen (Kohärenz) werden der Schlüssel zum Verständnis dessen, was mit ihm geschieht. 

Ein zweiter wichtiger Punkt bei diesem Beispiel ist der: Sollte ein augenschein!ich sinnvolles Verhalten zustande kommen, so ist die Versuchung gross zu behaupten, es sei irgendwie konstruiert, ausgedacht worden. Untersuchen wir diesen Ietzten Punkt etwas näher,  indem wir eine letzte Komplikation in unser Gedanken-experiment einführen. 

Nehmen wir an, ich versichere Ihnen, für dieses Mobile, das so ein interessantes Verhalten an den Tag legt,  habe überhaupt kein Plan existiert. Das heisst, seine Form kam durch blosses Herumbasteln (tinkering) zustande, durch Versuch und Irrtum und glückliche Zufälle, indem hier etwas dazugetan und dort etwas abmontiert wurde, ohne dass ein erfinderischer Konstrukteur vorher bereits einen Plan gehabt hätte.

Was könnten wir dazu sagen? Wie erklären wir so ein überraschendes Verhalten? Die übliche "Erklärung", wie man sie in der Neurobiologie oder in den Theorien der Künstlichen Intelligenz findet, wäre die "daß das System eine gewisse Form der inneren Repräsentation der physischen Umgebung hat, sodaß es "weiß", wie es auf den Wind reagieren muß. 

Es hat eine Entsprechung (correspondence) der Welt, indem es seine Eigenschaften in irgendeiner Weise widerspiegelt, wie kompliziert auch immer. Hätte es einen Konstrukteur gegeben, der sich tatsächlich ausgedacht hat, wie man die Stangen des Mobile zusammenbauen muss, um den beschriebenen Effekt zu erzielen, so wäre diese Annahme durchaus sinnvoll. In unserem Gedankenexperiment war das aber nicht so, das Gerät kam durch bloßes planloses Herumbasteln zustande. Wie könnten wir das erklären? Ich schlage da eine Veränderung der Betrachtungsweise vor, die weitreichende Konsequenzen hat, daß wir, uns auf die inneren Zusammenhänge (internal coherences), des Systems konzentrieren, anstatt auf seine Entsprechung zu einer a!s gegeben angenommenen Welt.

Anders gesagt, wir fassen es als autonomes, kognitives System auf, das heisst, als eine aktive, selbstregulierende Ansammlung von Strukturen, die in der Lage ist, das sie umgebende Medium zu einer Welt zu formen oder zu in-formieren, und zwar aufgrund einer Geschichte der Verbundenheit mit ihm (history of coupling ).

Sie sehen also, es gibt zwei verschiedene Arten der Beschreibung; normalerweise glauben wir aber, nur die eine sei wissenschaftlich brauchbar. 
1 Die erste Beschreibung sieht einen Prozeß des Spiegelns und der Repräsentation von Umwelt-Merkmalen, die für uns als Beobachter relevant und sichtbar sind, wobei eine planende Einwirkung angenommen werden muß, die dafur sorgt, daß die Entsprechung auf die richtige Weise hergestellt wird. 

2 Die andere Perspektive ist einfacher und sparsamer: Sie behauptet nur, dass von den vielen möglichen Pfaden der Entwicklung derjenige, den wir beobachten, eine Welt für das System möglich macht, das heißt, eine bestimmte Art und Weise,!n der sein innerer Zusammenhalt ohne Unterbrechung fir die Dauer seines Bestehens aufrecht erhalten wird.

In diesem Gedankenexperiment steckt mehr, als man auf den ersten Blick
sehen kann. Es macht einen Wechsel in der Einstellung und im Bezugsrahmen
deutlich, der verschiedene Auswirkungen hat. Die Gründe dafür sind einfach: 

Wir sehen nicht mehr eine von außen instruierte Einheit mit einer unabhängigen Umgebung, die von einem privilegierten Beobachter wahrgenommen wird, sondern wir sehen eine autonome Einheit mit einer Umwelt, deren Eigenschaften nicht losgelöst von der gemeinsamen Geschichte von System und Uniwelt betrachtet werden können. 

Indem wir unsere Betrachtungsweise so ändern, sind wir schon dabei, neue Wege zu entwickeln, um Geist und kognitive Vorgänge zu verstehen, und zwar als Prozesse, bei denen Einheiten ihre Welt mit Sinn erfüllen .

Im Gegensatz dazu war die Beschreibung von Korrespondenz sehr hilfreich in der klassischen Physik, und sie ist immer noch nützlich,wenn wir es mit von Menschen gemachten Maschinen, wie Waschmaschinen oder Computern, zu tun haben. Ich behaupte, dass diese Sichtweise zu eng wird, wenn es um Leben, Geist, Sprache geht.

Wir betrachten in der Biologie, wie überhaupt in unserer ganzen Kultur, uns selbst als die einzig mögliche und beste Art des In-der-Welt-Seins. Wir haben klein
angefangen, als Bakterien und Zellen, und sind zu einer glorreichen, mit Verstand ausgestatteten Spezies herangewachsen. Und wenn die Geschichte des
Planeten jemals neu durchgespielt würde, würden wir zweifellos wieder genau so werden, wie wir jetzt sind. Das ist die übliche Auffassung. 

Wo kommt dieses Gefühl her, der Ausdruck eines Optimums zu sein? Nun, es ist tatsächlich die grundlegende Annahme allen evolutionären Denkens in den letzten 50 Jahren, und sie ist sehr leicht zu formulieren: 

Die Basis der Evolution ist ein fortwährendes Suchen nach der bestmöglichen Anpassung an eine äussere Welt . 

Vereinfacht ausgedrückt nimmt dieser Ansatz, der gängige in der heutigen EvoIutions-Forschung an, dass sich Spezies und Gemeinschaften optimal
an ihre jeweilige ökologische Nische angepasst haben. Die Aufgabe eines Evolutions-Biologen ist nun, herauszufinden, wie das genau geschehen ist. Es geht nicht um das "Ob", sondern nur um das "Wie". 
Die natürliche Auslese (natural selection) wird als eine Art von erfinderischem Konstrukteur betrachtet, oder als raffinierter Spieler. Die Suche nach der Optimierung hat üblicherweise die Form angenommen, dass man gewisse Merkmale der Morphologie,  Physiologie und des Verhaltens isoliert und dann versucht, ihre Optimalität zu demonstrieren. Wenn man also zum Beispiel Einzeller untersucht, die schwimmen, dann untersucht man die Hydrodynamik ihrer Celia, also der kleinen Härchen, die sich an der Oberfläche der Zelle bewegen und versucht zu zeigen, in welcher Weise sie optimal für die Fortbewegung der Zelle im Wasser geeignet sind. 

Es gibt noch einen anderen Zweig der evolutionsbiologischen Forschung, der von einem ganz anderen Punkt ausgeht, aber genau bei der gleichen Position ankommt. Das ist die Genetik. Hier geht es darum, eine Beschreibung der genetischen Ausstattung von Gemeinschaften auf der Basis ihres reproduktiven Verhaltens und ihrer geographischen Verteilung zu erstellen, mit dem Ziel, die Rate und die Richtung von Veränderungen in Gen-Pools vorherzusagen. Aber die Grundidee ist die gleiche. Die Gleichungen, die diese genetische Dynamik beschreiben, müssen eine optimale Lösung haben, die die Angepaßtheit maximiert. Diese Sicht ist im großen und ganzen die vorherrschende in der heutigen Biologie. Man findet sie in allen Lehrbüchern. Ungefähr in den letzten fünf Jahren ist dieser Standpunkt aber heftig angegriffen worden, und es ist interessant zu sehen, dass die Evolutions-Biologie sich mitten in einem Prozeß des Wandels befindet .

Für mein Gefühl haben die Kritiker immer noch nicht den wesentlichen Punkt getroffen, den ich hier zu skizzieren versuche. Der Kern der ganzen Ange!egenheit ist der Begriff der Optimalität, der optimalen Anpassung. Denn ob nun auf der genetischen Ebene oder der äußeren, sogenannten phänotypischen Ebene—der klassische Ansatz geht immer von isolierbaren Eigenschaften aus, die eine fortschreitende Verbesserung der Anpassung erfahren. Trotzdem weiss jeder Biologe, dass die Gene nicht getrennte oder trennbare Einheiten sind, sondern eng miteinander veknüpft sind, mehr wie in einem Netz als auf einem Computerband. Deswegen ist es auch zweifelhaft, davon zu sprechen, dass die Gene "lnformation" für den Organismus enthalten.

Bei der Suche nach der Optimierung isolierter Eigenschaften—Haare, Augen, Länge der Arme und so weiter—tut man so, als ob jede dieser Eigenschaften getrennt optimiert würde, wenn doch tatsächlich jede einzelne Eigenschaft untrennbar mit allen anderen verbunden ist. Wenn man den Organismus an einem Punkt verändert, ändert er sich als ganzer. Wenn man zum Beispiel eine genetische Mutation einbringt, dann wird nicht nur eine Spezies von Molekülen verändert - das auch - sondern diese Moleküle nehmen an einem so hochkomplexen Zusammenwirken teil, daß dadurch das ganze Netzwerk mehr oder weniger verändert wird. Tatsächlich hat man bei der Suche nach Optimierung einzelner Merkmale wenig Erfolg gehabt. Die Popu!ationsgenetik hat heute nicht einen wirk!ich guten Fall vorzuweisen, in dem diese Analyse der Optimierung einzelner Merkmale zu einer erfolgreichen Antwort geführt hat. Dieser Ansatz scheint empirisch falsifiziert zu sein. 
 

Der Grund, warum wir das nicht gerne sehen wollen ist der, daß es keine gute Alternative zu geben scheint. Denn meistens sagen die Biologen "Wenn das nicht funktioniert, was machen wir dann?" 

Offensichtlich ist das Prinzip der optimalen Anpassung nicht der einzige Weg, um die organische Evolution zu verstehen, und die Alternativen sind ganz natürlich. Aber—und das ist wieder mein Plädoyer für eine epistemologische Bereinigung—wir müssen von dem klassischen Denken, das natürliche Selektion als Optimierung einzelner Eigenschaften sieht, Abschied nehmen und stattdessen zu einem Denken übergehen, das Adaptation als “minimale Bedingung” sieht, die erfüllt sein muss, damit das Leben von Mitgliedern einer Population gesichert ist. 

Das läuft darauf hinaus, dass man breite Grenzen dafür setzt, wie die Dinge sein können, aber dass man nicht genau festlegt, wie etwas geschehen wird. Es ist da ein grosser Unterschied zwischen einer Präskription und einer Proscription.  lch kann zu Ihnen sagen: Sie dürfen nicht töten! Das ist eine Proskription: Solange Sie niemanden umbringen, können Sie leben, wie Sie wollen. Das ist etwas ganz anderes als wenn ich sage: Sie sollten eine Hausfrau sein, Kinder erziehen, und so weiter. Das ist eine Präskription. Wenn man nun Selektion als Optimierung auffaßt, so faßt man sie als präskriptive Regel auf, denn es gibt nur eine Möglichkeit, optimal zu sein.

Aber man kann Selektion ganz anders auffassen. Man kann sagen: Es gibt
weit gefaßte Grenzen, innerhalb derer ein System in seiner Umgebung lebensfähig ist, aber damit ist noch nicht gesagt, wie es genau sein muß. Diese Auffassung wäre proskriptiv. Sie sagt zurn Beispiel, man kann nicht nicht atmen, oder rnan kann auf lange Sicht nicht auf die Reproduktion verzichten, aber das sagt nichts darüber aus, wie zum Beispiel die Atmung mit der Reproduktion in Verbindung steht.

Aber wodurch wird die genaue Ausprägung des Systems dann bestimmt? Das ist nun genau der Punkt, um den es mir geht. Im vorigen Beispiel sagte ich: Um unser mobiles Mobile zu verstehen, müssen wir unser Augenmerk auf die inneren Zusammenhänge, die selbst-organisierende Qualität des Systems richten. 

Sowie ich auf die innere Organisation achte, wechsle ich meinen Bezugsrahmen und sage nicht mehr: Da gibt es die Umwelt, und ich werde mich optimal an sie anpassen, sondern: 

Das System hat einen derartigen Reichtum an inneren Verknüpfungen, dass es selbst bestimmen wird, wie es sich zwischen diesen Möglichkeiten bewegt, die sicherlich begrenzt sind, aber immer noch einen großen Spielraum lassen .

So gesehen werden Organismen nicht immer besser im Anpassen, sie bewahren vielmehr ihre Anpassung. Es gibt keine Verbesserung der Anpassung
und kein Überleben der Tüchtigsten (survival of the fittest). Es gibt nur die
Existenz des Erlaubten. 
 

Was ich sage, ist eine Häresie, daß Anpassung erhalten wird. Aber das heißt nur, dass das System nicht desintegriert. Was dann genau passiert, also warum man zum Beispiel diese Hautfarbe, diese Augenform, diese Form der Beine hat, wird nicht durch die Selektion des Optimalen bestimmt, sondern durch die internen Kohärenzen, die dem Organismus in dieser speziellen Situation gerade verfügbar sind. Es ist also ein ständiges Wechselspiel zwischen dem Restriktiven und dem Konstruktiven (what constrains and what constructs ).

Diese Dynamik ist wissenschaftliche nicht gut untersucht, zu meinem
großen Erstaunen. Den besten Vergleich, um sie zu beschreiben, gibt der französische Biologie Francois Jacob. Er meint, wir sollten aufhören, uns die Evolution so vorzustellen, als ob dabei die beste aller möglichen Welten entworfen würde, und sie lieber als einen Prozess des Herumbastelns begreifen (bricolage, tinkering). Ich behaupte, daß vieles, wenn nicht alles in der Evolution durch “Basteln”  zustandekommt: die internen Kohärenzen des Qrganismus bestimmen seine Form und seine tatsächliche Ausdrucksweise in der Umwelt.
 
 ...ein Beispiel für diese Art von Prozeß, nicht aus der Biologie, sondern aus der Kultur. Es zeigt die Evolution eines bestimmten Kleidungsstücks, in diesem Fall einer Rüstung aus dem Mittelalter. Achten Sie auf den schwarzen Kragen. Sie können die Geschichte dieses Kragens bis zu einem Gentleman der Britischen Armee des 17. Jahrhunderts verfolgen; und als die Briten nach Amerika kamen, übernahmen sogar die Indianer dieses Accessoire, obwohl sie überhaupt keine Verbindung mit der Tradition mittelalterlichen Ritterrüstungen hatten. 

Dies ist also ein typischer Fall für jenes Herumbasteln, wo die Materialien genommen werden, die eben gerade verfügbar sind, und nach inneren Zusammenhängen geformt werden—in diesem'Fall nach den kulturellen Zusammenhängen, die zum Beispiel einem Offizier eine Uniform verpassen.     '
lch hoffe, dass nun das Konzept, das ich hier vermitteln will, langsam in
ihrem Kopf Formen annimmt. Lassen Sie mich jetzt wieder auf die Gehirnforschung übergehen. Der folgende Versuch liefert ein Beispiel dafür, wie das was ich bisher gesagt habe, für das Gehirn gilt.
 
Man nimmt zwei Lampen, stattet eine mit einem roten Filter aus und lässt ihr
Licht zusammen auf eine weiße Fläche fallen. Halten wir nun eine Hand vor
die Lampe mit dem weissen Licht, dann sehen wir einen roten Schatten vor einem rosa Hintergrund, was verständlich ist, weil im Bereich des-Schattens das weisse Licht ja ausgeblendet wurde. Ha!ten wir jetzt aber die Hand vor die
Lampe mit dem roten Licht, sehen wir einen grünenSchatten, obwohl die Fläche nur von weissem Licht beschienen wird. Eine neue Farbe ist aufgetaucht,
obwohl physikalisch gesehen das Licht "weiss" ist. Die übliche Reaktion auf
diese einfache Demonstration ist: "Naja, aber es ist nicht wirklich grün, es
ist nur eine optische Illusion".

In diesem Satz kommen die letzten 50 Jahre Neurologie zum Ausdruck.
Der Grundgedanke hier ist, daß die Welt bestimmte Charakteristika hat, wie zum Beispiel Licht, das dann auf ein abbildendes Instrument wie in diesem
Fall das Auge einwirkt, das eine Wahrnehmung erzeugt, in diesem Fall Farbe. 

Die Welt wird in dem System innerlich repräsentiert, und dies ist der Schlüssel für die Anpassung des Systems an die Welt. Die Ursprünge dieses Denkens, das man als “Representationismus” oder Abbild-Modell nennen könnte, sind in der Neurobiologie weit weniger klar als im Falle der Evolutions-Biologie. Dieses Modell hatte einen enormen Einfluß auf jene Bereiche der Technik, die in den letzten 30 Jahren so erfolgreich waren, bei denen es darum geht, jene genau umrissenen Inhalte zu handhaben, die wir Information  nennen. 

Im Zuge der Entwicklung war unvermeidbar, daß das Gehirn eine Art lnformations- Sammler aus Fleisch und Blut wurde. Mit der Verbreitung von Computern wurde diese technische Metapher fest im allgemeinen Bewusstsein verankert, und wir reden heute sehr leicht daraber, dass das Gehirn "lnformationen aufnimmt" oder "lnformationen verarbeitet".
Neurobiologen haben diese Metapher aufgegriffen und angefangen, über das Gehirn in den gleichen Begriffen zu reden, und die Sinnesorgane als Filter für die Attribute, der Welt zu bezeichnen. Aber die Metapher vom Gehirn als Computer, die wir beinahe schon als selbstverständlich betrachten, ist nur ein möglicher Ansatz.

Und möchte da weder ketzerisch sein und behaupten, dass sie viele Probleme mit sich bringt. Um die Alternative zu illustrieren, die ich stattdessen vorschlage, möchte ich noch einmal auf den eben beschriebenen Versuch zurückkommen. Es ist in diesem Fall offensichtlich, dass das Grün nicht einfach eine äußere Qualität des Lichts ist, die im Inneren repräsentiert wird. Aber was ist es dann? 

Die Antwort ist, dass die Wahrnehrnung von Farbe, oder was wir Farbe nennen, mit einem inneren Zusammenhang relativer Aktivität zu tun hat, der in diesem Fall die gesamte Netzhaut betrifft. Wir haben Bilder auf der Projektionsfläche, und durch sie ändern sich die Verhältnisse neurona!er Aktivität auf der ganzen Retina. Dabei muss  man bedenken, dass dieses Beispiel ein sehr einfaches ist und dass die Retina nur einen winzigen Ausschnitt des gesamten Nervensystems darstellt. Dieses ist aber überall, genau wie die Retinas, auf vielfältige Weise vernetzt, und jegliche Nerven-Aktivität zieht immer andere nervliche Aktivität nach sich.

So hören wir zum Beispiel bei der optischen Wahrnehmun, mit der ich
mich besonders beschäftigt habe, dass die Retina die erste Stufe der Reizverarbeitung sei und die Nervenimpulse an das Gehirn gehen, wo die Repräsentation dann tatsächlich gemacht wird. Aber so funktioniert es nicht. Das wird deutlich, wenn wir uns die Bahnen der Reizleitung einmal genauer ansehen.
Der optische Nerv geht von der Retina zunächst zum Thalamus, genauer zum
sogenannten corpus geniculatum laterale. In den Lehrbichern heisst es nun für gewöhnlich, dass die Impulse dann in jenen Teil des Cortex gehen, der “visueller Cortex” genannt wird. Da hat man dann ein nettes; computerartiges Modell: Netzhaut - erste Relaisstation (corpus geniculatum laterale} - Cortex, wo die Repräsention zustande kommt. Nur ist es leider nicht so. Denn in Wirklichkeit ist der optische Nerv nur einer von vielen Kanälen, die auf dieses "Relais" zugehen, und auf jede Nervenfaser, die von der Retina zum corpus geniculatum laterale geht  kommen etwa 100  andere von anderen Stellen des Gehirns.

Wenn man also sagt, Information sei das, was erst ins Auge und dann in das Gehirn kommt, dann ist das ungefähr so, als wollte man sagen, jemand, der gerade aus dem Raum gegangen ist, würde uns alle zwingen, etwas zu tun. Das ist natürlich Unsinn. Dieser Raum hier ist ein System mit seinen eigenen Regeln der Kohärenz. Wenn hier jemand rausgeht, ändert sich wohl etwas, aber es ist nicht wie eine Instruktion. Es als Information zu beschreiben, die innen repräsentiert  wird, wäre völlig missverständlich.

Was tatsächlich von der Retina kommt, ist eine sanfte Modulation eines kontinuierlichen Summens innerer Aktivität. Und das ist der Schlüssel zu einem Verständnis des Nervensystems, das nicht auf das Abbild-Modell zurück greift. 

Die Modulation kann nicht als Information fungieren, und das Wesentliche am Nervensystem ist seine operationale Geschlossenheit (operational closure), die Art und Weise, wie es “in sich” zusammenhängt.
 

Vielleicht wäre es nützlich, erst einmal zusammenzufassen, was bisher gesagt worden ist, und zwar gleichsam in Form von Slogans, die Ihnen die wesentlichsten Aussagen ins Gedächtnis rufen sollen. 

Der erste hat mit Geschichte und evolutionärer Transformation zu tun, und lautet: Die Karte ist das Gelände!  Gregory Bateson sagte gerne: Die Karte ist nicht das Gelände, das heißt, man soll Ebenen der Bedeutung nicht durcheinanderbringen . Aber von der Sichtweise aus, die ich beschreibe, kann es keinen Unterschied zwischen Karte und Gelände geben, die Landkarte ist das Gelände, das Gehen ist der Weg. 

Dies ist also der erste Grundsatz: Wir gehen mit der Welt nicht so um dass wir uns optimal an sie anpassen, sondern “wir in-formieren sie”; so, wie wir sie gestalten,ist sie auch.                      

Zweiter Grundsatz, das Gehirn betreffend: Das Gehirn ist nicht eine Vorrichtung zur Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, es ist darauf angelegt, Regelmässigkeiten herzustellen. Wie man Regelmässigkeiten herstellt, hängt von der Landkarte ab, die die eigene Welt ist. Wenn ich also zum Beispiel die Farbe Rot sehen, da hinten im Saal,würde man nach dem überkommenen Paradigma sagen, daß da etwas Rotes von dort zu mir hierher gekommen ist und ich daraus ein Bild mache, das damit zu tun hat, daß es meinem Überleben dienlich ist, das Rote zu sehen. Aber ich sage, Rot ist viel mehr als nur ein wenig Licht, was von dort nach hier gekommen ist. Denn erstens kann ich den Vorgang, dass ich das Rot wahrnehme, nicht von der Struktur meines Auges trennen, wie wir gerade gesehen haben. Und zweitens hat diese Qualität "Rot" eine lange Geschichte hinter sich. Eine Geschichte, in der wir als lebende Systeme in einer Welt miteinander verbunden waren und gemeinsam diese regelmässige Umgebung geschaffen haben, die wir unsere Weit nennen; die aber nicht irgendwo "da draussen" liegt. 

Es existiert da eine wechselseitige Partnerschaft, und wenn wir unsere konkrete, alltägliche Welt so vorfinden, wie sie ist, vergessen wir immer, was wir individuell, in unserer eigenen Entwicklung, und kollektiv, in der Geschichte unsererSpezies, getan haben, um sie so vorzufinden. Es ist unmöglich, meine Wahrnehmung von Rot von dem spezifischen Weg zu trennen, der mich in die Situation gebracht hat, in der ich es wahrnehme. Das ist wohlgemerkt keine philosophische Behauptung; sondern eine biologische. Es ist natürlich auch eine philosophische These, aber sie ist nicht durch bloße Reflexion zustandegekommen, sondern dadurch, dass die empirischen Fakten der Evolution und der Gehirnforschung sie nahelegen.

Diese beiden "Slogans" umreissen also die neue Biologie, von der ich am Anfang meines Vortrags sprach. Sie kann durch zwei entscheidende Verschiebungen im Hauptaugenmerk charakterisiert werden. Der erste Schwerpunkt liegt auf der Arbeitsweise autonomer Einheiten, wobei Autonomie hier die spezifische Weise bedeutet, wie sich die Einheit durch ihre inneren Zusammenhänge von der Umgebung absetzt. Solche kooperativen oder selbstorganisierenden Mechanismen können explizit herausgearbeitet werden und hier gibt es noch viel zu erforschen.
Zweitens wird das Augenmerk darauf gelegt, wie sich autonome Einheiten transformieren. Transformation bedeutet hier die natürliche Drift, die
durch die Plastizität der internen Organisation ermöglicht wird. In diesem
Prozess des Abdriftens gibt es viele mögliche Pfade, entlang derer die Veränderung gehen kann. Das trifft auf die Evolution ebenso zu wie auf Lernen.

Bei unserer "epistemologischen Bereinigung" werden wir ständig mit der Wahl zwischen Eternalismus und Nihilismus konfrontiert. Der Eternalismus besagt, dass es eine objektive Welt geben muss, an die man sich optimal anpassen muss, oder von der man irgendein Abbild formen muss. Die einzige Alternative dazu scheint das Gegenteil zu sein, nämlich die nihilistische Annahme, daß die Welt rein subjektiv ist. Ich glaube, wir sind jetzt in der Lage sagen zu können, daß es einen mittleren Weg zwischen diesen beiden Extremen gibt, zwischen Eternaiismus und Nihilismus, zwischen Adaptionismus und Creationismus, was die evolut!onäre Theorie betrifft, oder in der Gehirnforschung zwischen dem Repräsentationismus und dem Solipsismus. 

Der mittlere Weg besteht genau darin, die gemeinsame Entwicklung von Einheiten und ihrer Umwelt zu betrachten, die Art und Weise, wie Einheiten ihre Welt durch ihre internen Kohärenzen und ihre natürliche Drift in-formieren. Ich schlage also einen mittleren Weg iwischen diesen beiden Extremen vor, der durchaus produktiv und wissenschaftlich gangbar ist. Geist und Materie werden dadurch ein Kreis, weil man nicht zwischen Materie als eternalistisch und Geist als nihilistisch und unfaßbar entscheiden muß; zwischen beidem herrscht gegenseitige Bestätigung oder gegenseitige Spezifizierung, oder das abhängige Entstehen, wie die Buddhisten sagen würden. Die Situation hat keinen festen Grund unter den Füssen. Der mittlere Weg zwischen Geist und Materie bedeutet, dass man etwas aufgeben muss, was wir alle ganz und gar nicht aufgeben wollen, nähmlich die Annahme, es müsse irgendwo einen festen Bezugspunkt geben. In dieser Sicht der Dinge, befürchte ich, gibt es den aber nicht. 

Wir müssen lernen, sozusagen ohne festen Boden unter den Füssen zu leben, mit jener Bodenlosigkeit der Existenz, aus der viele verschiedenste Welten entstehen können, von denen keine ein fester Bezugspunkt ist.  

Caminante, son tus huellas
el camino, y nada mas.
Caminante, no hay camino, 
se hace camino al andar. 
Al andar se hace camino
y al volver la vista atras
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar. 
Caminante, no hay camino
sino estelas en el mar.
   Antonio Machado


Francisco Varela

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