Gregory Bateson 
Geist und Natur 
Suhrkamp 1983
pg. 22
Eine Geschichte (story) ist ein kleiner Knoten oder Komplex der Art von Verbundenheit, die wir als Relevanz bezeichnen. In den sechziger Jahren kämpften die Studenten für »Relevanz«, und ich möchte annehmen, daß irgendein A für irgendein B relevant ist, wenn beide, A und B, Teile oder Komponenten derselben »Geschichte« sind. Und erneut begegnen wir der Verbundenheit auf mehr als nur einer Ebene: Erstens die Verbindung zwischen A und B vermöge ihrer Teilhabe an derselben Geschichte. Und dann die Verbundenheit der Menschen, die sich daraus ergibt, daß sie alle mit Hilfe von Geschichten denken. Nun möchte ich zeigen, daß, egal was das Wort Geschichte in der Geschichte, die ich Ihnen erzählt habe, bedeutet, die Tatsache des Denkens mittels Geschichten nicht zu einer Isolation der menschlichen Wesen von den Seesternen und den Seeanemonen, den Kokospalmen und den Primeln führt. Wenn die Welt verbunden ist, wenn ich überhaupt grundsätzlich recht habe mit dem, was ich sage, dann muß das Denken mit Hilfe von Geschichten vielmehr allem Geist oder allen Geistern gemeinsam sein, ob es sich nun um uns oder die Rotholz-Wälder und Seeanemonen handelt. 

Kontext und Relevanz müssen nicht nur für alles sogenannte Verhalten (diejenigen Geschichten, die nach außen in »Handlung« projiziert werden), sondern auch für all jene inneren Geschichten, die Sequenzen der Herausbildung einer Seeanemone, charakteristisch sein. Ihre Embryologie muß irgendwie aus dem Stoff von Geschichten bestehen. Und dahinter wiederum muß auch der Evolutionsprozeß über Millionen von Generationen, durch den die Seeanemone, wie Sie und ich, entstehen konnte- muß auch dieser Prozeß aus dem Stoff von Geschichten aufgebaut sein. 

Es muß eine Relevanz in jedem Schritt der Phylogenese und auch zwischen den Schritten vorliegen. Prospero sagt: »Wir sind solcher Stoff wie der zu Träumen«, und gewiß hat er beinahe recht. Aber manchmal denke ich, daß Träume nur Fragmente dieses Stoffs sind. Es ist, als sei der Stoff, aus dem wir gemacht sind, vollkommen transparent und deshalb nicht wahrnehmbar, und als seien die einzigen Erscheinungen, deren wir gewahr werden können, Risse und Ebenen von Brüchen in dieser transparenten Matrix. Träume, Wahrnehmungsgegenstände und Geschichten sind vielleicht Risse und Unregelmäßigkeiten in der einförmigen und zeitlosen Matrix. Ob das Plotin meinte, als er von einer »geistigen und unwandelbaren Form« sprach, »die alles zugleich in sich schließt«? Was ist eine Geschichte, daß sie die As und Bs, ihre Teile, verbinden kann? Und ist es wahr, daß die allgemeine Tatsache dieser Art der Verbundenheit aller Teile dem zugrundeliegt, was es bedeutet, lebendig zu sein? Ich biete Ihnen den Begriff des Kontexts an, die Vorstellung eines Musters in der Zeit

Was geschieht, wenn ich beispielsweise zu einem Freudschen Psychoanalytiker gehe? Ich trete ein und erzeuge etwas wie einen Kontext, der zumindest symbolisch (als ein Teil der Vorstellungswelt) durch das Schließen der Tür begrenzt und isoliert ist. Die Geographie des Raumes und die Tür werden als eine Darstellung irgendeiner eigenartigen, nicht geographischen Mitteilung verwendet. Aber ich komme mit Geschichten - nicht einfach einem Vorrat an Geschichten, den ich beim Analytiker abliefere, sondern Geschichten, die in mein gesamtes Dasein eingebaut sind. 

Die Muster und Abfolgen der Kindheitserfahrung sind in mich eingebaut. Vater hat das und das getan; meine Tante tat das und das; und was sie taten, geschah außerhalb meiner Haut. Aber was ich auch immer dabei gelernt haben mag, mein Lernen spielte sich innerhalb meiner Erfahrungssequenz von dem ab, was diese wichtigen anderen- meine Tante, mein Vater- taten. Nun komme ich zu dem Analytiker, diesem neuerdings wichtigen anderen, den man als einen Vater (oder vielleicht einen Antivater) zu sehen hat, weil nichts Bedeutung hat, solange man es nicht in irgendeinem Kontext sieht. 

Diese Sicht wird Übertragung genannt und ist ein allgemeines Phänomen in menschlichen Beziehungen. Sie ist ein universelles Charakteristikum jeglicher Interaktion zwischen Personen, weil schließlich die Form dessen, was gestern zwischen Ihnen und mir vorsgefallen ist, darauf einwirkt, in welcher Form wir heute aufeinander reagieren. Und diese Gestaltung ist im Prinzip eine Übertragung aus vergangenem Lernen. Dieses Phänomen der Übertragung exemplifiziert die Wahrheit der Wahrnehmung des Computers, daß wir in Geschichten denken. Der Analytiker wird auf das Prokrustesbett der Kindheitsgeschichten des Patienten gelegt. Durch den Bezug zur Psychoanalyse habe ich aber die Idee der »Geschichte« auch eingeengt. Ich habe angedeutet, daß es etwas mit dem Kontext zu tun hat, einem entscheidenden Begriff, der teilweise ungeklärt ist und daher untersucht werden muß. Und »Kontext« ist mit einem anderen ungeklärten Begriff, dem der »Bedeutung«, verknüpft. 

Ohne Kontext haben Worte und Handlungen überhaupt keine Bedeutung. Das gilt nicht nur für die menschliche Kommunikation mit Worten, sondern auch für alle Kommunikation schlechthin, für alle geistigen Prozesse, für jeglichen Geist, den eingeschlossen, der einer Seeanemone sagt, wie man wächst, und der Amöbe mitteilt, was sie als nächstes tun soll. Ich stelle eine Analogie her zwischen dem Kontext in der oberflächlichen und teilweise unbewußten Sphäre persönlicher Beziehungen und dem Kontext in den tieferen, archaischeren Prozessen der Embryologie und der Homologie. 

Ich behaupte, daß das Wort Kontext, was es auch immer bedeutet, ein angemessenes Wort ist, das notwendige Wort, um alle diese entfernt verwandten Prozesse zu beschreiben. Wir wollen uns die Homologie von hinten ansehen. Gemeinhin beweist man, daß eine Evolution stattgefunden hat, indem man Fälle von Homologie zitiert. 
Ich möchte umgekehrt vorgehen. Wir wollen einmal annehmen, daß die Evolution stattgefunden hat, und davon ausgehend nach der Natur der Homologie fragen. Wir stellen also die Frage, was irgendein Organ ist, wenn man es im Lichte der Evolutionstheorie sieht. Was ist ein Elefantenrüssel? Was ist er phylogenetisch gesehen? Was hat ihm die Genetik zu sein aufgetragen? Wie Sie wissen, lautet die Antwort, daß der Rüssel des Elefanten seine Nase ist. (Selbst Kipling wußte das!) Und ich setze das Wort »Nase« in Anführungszeichen, weil der Rüssel durch einen inneren Kommunikationsprozeß im Wachstum definiert wurde. Der Rüssel ist aufgrund eines Kommunikationsprozesses eine »Nase«: Es ist der Kontext des Rüssels, der ihn als eine Nase identifiziert. Was zwischen zwei Augen und oberhalb des Mundes steht, ist eine »Nase«, und damit hat es sich. Es ist der Kontext, der die Bedeutung festlegt, und es muß sicherlich der aufnehmende Kontext sein, der den genetischen Instruktionen ihre Bedeutung zuweist. Wenn ich dies eine »Nase« und das eine »Hand« nenne, dann zitiere - oder verfälsche - ich die in der Entwicklung des wachsenden Organismus auftretenden Instruktionen, und ich zitiere, wie die Gewebe, von denen die Mitteilung aufgenommen wurde, die Intention der Mitteilung verstanden. Manche Leute ziehen es vor, Nasen mittels ihrer »Funktion« zu definieren - der des Riechens. Formuliert man aber diese Definitionen aus, dann gelangt man an denselben Punkt, wobei man einen zeitlichen anstelle eines räumlichen Kontexts verwendet. Man legt dem Organ Bedeutung bei, indem man ihm eine gegebene Rolle in Interaktionssequenzen zwischen Geschöpf und Umgebung zuweist. Ich bezeichne das als einen zeitlichen Kontext. Die zeitliche Klassifizierung durchschneidet die räumliche Klassifizierung von Kontexten. Aber in der Embryologie muß die erste Definition stets mit Hilfe formaler Relationen erfolgen. Der fötale Rüssel kann im allgemeinen nichts riechen. Embryologie ist formal. 

Ich möchte diese Art der Verbindung, dieses verbindende Muster, ein wenig genauer veranschaulichen, indem ich eine Entdeckung Goethes zitiere. Er war ein bemerkenswerter Botaniker, der über große Fähigkeiten verfügte, das Nichttriviale zu erkennen (d. h. die Muster zu erkennen, die verbinden). Er brachte Klarheit in das Vokabular der schwerfälligen vergleichenden Anatomie blühender Pflanzen. Er entdeckte, daß ein »Blatt« als  ein flaches grünes Ding« oder ein »Stiel« als »ein zylindrisches Ding« nicht befriedigend definiert ist. 

Der Weg, auf dem man die Definition anzustreben hat- und zweifellos läuft die Sache tief in den Wachstumsprozessen der Pflanze genauso ab - ist, darauf zu achten, daß sich die Knospen (d. h. junge Stiele) in den Winkeln von Blättern herausbilden. Davon ausgehend, konstruiert der Botaniker die Definitionen auf der Grundlage der Relationen zwischen Stiel, Blatt, Knospe, Winkel und so weiter. »Ein Stiel ist das, was Blätter trägt.« »Ein Blatt ist das, was eine Knospe in seinem Winkel hat.« »Ein Stiel ist das, was einmal eine Knospe an dieser Stelle war.«  All das ist bekannt- oder sollte zumindest bekannt sein. Aber der nächste Schritt ist vielleicht neu. 

Es herrscht eine parallele Verwirrung im Sprachunterricht, die niemals ausgeräumt worden ist. Es kann sein, daß die professionellen Linguisten heute wissen, was was ist, aber den Kindern in der Schule wird weiterhin Unsinn beigebracht. Man erzählt ihnen, daß ein »Substantiv« der »Name einer Person, eines Ortes oder einer Sache« ist, daß ein »Verb« »ein Zeitwort« ist und so weiter. Das heißt, man lehrt sie in einem zarten Alter, daß die richtige Weise, etwas zu definieren, darin besteht zu bestimmen, was es vermutlich an sich selbst ist, anstatt auf seine Relationen zu anderen Dingen einzugehen. Die meisten von uns können sich noch daran erinnern, daß ihnen gesagt wurde, ein Substantiv sei »der Name einer Person, eines Ortes oder einer Sache«. Und wir erinnern uns auch noch an die tödliche Langeweile, die beim Zerlegen oder Analysieren von Sätzen aufkam. Heute sollte das alles anders sein. Man könnte den Kindern erzählen, daß ein Substantiv ein Wort ist, das bestimmte Relationen zu einem Prädikat hat. Ein Verb hat eine bestimmte Relation zu einem Substantiv, seinem Subjekt. Und so weiter. Die Beziehung könnte als Grundlage der Definition eingesetzt werden, und dann könnte jedes Kind einsehen, daß an dem Satz : »Gehen ist ein Verb« etwas faul ist. Ich erinnere mich noch an die Langeweile, mit der wir Sätze analysierten, und an die Langeweile, später in Cambridge, vergleichende Anatomie zu lernen. Beide Themen waren als Lehrstoffe quälend irreal. Man hätte uns etwas vermitteln können über das Muster, das verbindet: Daß alle Kommunikation einen Kontext erfordert, daß es ohne Kontext keine Bedeutung gibt, und daß Kontexte Bedeutung vermitteln, weil es eine Klassifizierung von Kontexten gibt. Der Lehrer hätte so argumentieren können, daß Wachstum und Differenzierung durch Kommunikation kontrolliert werden müssen. Die Gestalten von Tieren und Pflanzen sind Umwandlungen von Mitteilungen. 

Die Sprache selbst ist eine Kommunikationsform. Die Struktur der Eingabe muß als Struktur irgendwie in der Ausgabe reflektiert sein. Anatomie muß eine Analogie zur Grammatik enthalten, weil jegliche Anatomie eine Umwandlung von Mitteilungsmaterial ist, das durch den Kontext gestaltet werden muß. Und schliesslich ist die Gestaltung durch den Kontext nur ein anderer Ausdruck für Grammatik. 

Wir kommen also zurück zu den Mustern der Verbindung und zu der abstrakteren, allgemeineren (und höchst leeren) Aussage, daß es in der Tat ein Muster von Mustern der Verbindung gibt. Dieses Buch lebt von der Überzeugung, daß wir Teile einer lebendigen Welt sind. Die meisten von uns haben diesen Sinn für die Einheit der Biosphäre und der Menschheit verloren, der uns alle mit einem sicheren Gefühl für Schönheit ausstatten und verbinden würde. Die meisten von uns glauben heute nicht, daß das größere Ganze, abgesehen vom Auf und Ab unserer begrenzten Erfahrung, grundsätzlich schön ist. Wir haben den Kern des Christentums verloren. Wir haben Shiva eingebüßt, den Tanzer des Hinduismus, dessen Tanz auf der trivialen Ebene sowohl kreativ als auch destruktiv, dessen Wesen als ganzes aber die Schönheit ist. Wir haben Abraxas verloren, den schrecklichen und schönen Gott des Tages und der Nacht, wie ihn die Gnostiker kannten. Uns ging der Totemismus verloren, der Sinn für die Parallelität zwischen der menschlichen Organisation und der von Tieren und Pflanzen. Wir haben sogar den sterbenden Gott verloren. Wir beginnen, mit ökologischen Ideen zu spielen, und obwohl wir diese Ideen unmittelbar zu Kommerz oder Politik trivialisieren, regt sich doch zumindest noch ein Impuls in der menschlichen Brust, die gesamte natürliche Welt, der wir angehören, zu vereinigen und dadurch zu heiligen. 

Man kann jedoch beobachten, daß es in der Welt viele verschiedene und sogar gegensätzliche Erkenntnistheorien gegeben hat und noch gibt, die sich darin gleichen, daß sie eine letzte Einheit betonen, und die auch, obwohl das weniger sicher ist, die Vorstellung hervorheben, daß diese letzte Einheit ästhetisch ist. Die Einheitlichkeit dieser Weltanschauungen läßt hoffen, daß die große Autorität der quantitativen Wissenschaft vielleicht nicht so weit geht, eine allem zugrundeliegende einigende Schönheit zu leugnen. Ich halte an der Voraussetzung fest, daß unser Verlust des Sinnes für ästhetische Einheit ganz einfach ein erkenntnistheoretischer Fehler war. Ich glaube, daß dieser Fehler schwerwiegender sein kann als all die kleineren Ungereimtheiten jener älteren Erkenntnistheorien, die sich in der grundlegenden Einheit trafen. 

Ein Teil der Geschichte unseres Verlusts des Sinnes für Einheit ist in Lovejoys Great Chain of Being erzählt worden; hier wird die Geschichte von der klassischen griechischen Philosophie bis hin zu Kant und den Anfängen des deutschen Idealismus im achtzehnten Jahrhundert verfolgt. Es ist der Werdegang der Idee, daß die Welt zeitlos auf deduktive Logik aufgebaut ist/war. Diese Idee tritt in dem Motto aus dem Gottesstaat deutlich zutage. Der höchste Geist oder der Logos steht an der Spitze der deduktiven Kette. Darunter folgen die Engel, dann die Menschen, die Affen und so weiter bis hinunter zu den Pflanzen und Steinen. Alles befindet sich in einer deduktiven Ordnung und ist durch eine Prämisse, die unser zweites Gesetz der Thermodynamik vorwegnimmt, in diese Ordnung eingebunden. Die Prämisse besagt, daß das »Vollkommenere« niemals aus dem »Unvollkommeneren« hervorgehen kann.

In der Geschichte der Biologie war es Lamarck, der die große Kette des Seins umkehrte. Indem er darauf beharrte, daß der Geist den lebenden Geschöpfen immanent ist und deren Transformationen bestimmen kann, entging er der negativ ausgerichteten Prämisse, daß das Vollkommene immer dem Unvollkommenen vorausgehen muß. 

Dann entwickelte er eine Theorie des »Transformismus« (den wir Evolution nennen würden), die bei den Infusorien (Protozoen) anfing und dann hochführte zu Mann und Frau. Auch die Lamarcksche Biosphäre war noch eine Kette. Die Einheit der Erkenntnistheorie wurde trotz einer Verlagerung des Schwergewichts vom transzendenten Logos auf den immanenten Geist beibehalten. 

Die folgenden fünfzig Jahre sahen den exponentiellen Aufstieg der industriellen Revolution, den Triumph der Technik über den Geist, so daß die kulturell angemessene Erkenntnistheorie für Origin of Species (Darwin I859) [Über die Entstehung der Arten] ein Vorstoß war, den Geist als Erklärungsprinzip auszuschalten. Ein Anrennen gegen Windmühlenflügel. Es gab viel tiefgreifendere Proteste als die Schreie der Fundamentalisten. Samuel Butler, Darwins fähigster Kritiker, erkannte, dass die Leugnung des Geistes als ein Erklärungsprinzip untragbar war, und versuchte die Evolutionstheorie wieder auf Lamarck zurückzuführen. Dem stand aber die Hypothese von der Vererbung erworbener Eigenschaften im Wege (die selbst Darwin in Anspruch nahm). Diese Hypothese - wonach die Reaktionen eines Organismus auf seine Umwelt die Genetik der Nachkommen beeinflussen konnte - war ein Irrtum. Ich werde so argumentieren, daß es sich hierbei spezifisch um einen erkenntnistheoretischen Irrtum der logischen Typisierung handelt, und eine Definition des Geistes vorschlagen, die sich stark von den Vorstellungen unterscheidet, an denen sowohl Darwin als auch Lamarck festhielten.  Insbesondere werde ich davon ausgehen, daß das Denken der Evolution insofern gleicht, als es ein stochastischer Prozeß ist. 

In dem Ansatz dieses Buchs wird die hierarchische Struktur des Denkens, die Bertrand Russell als logische Typisierung bezeichnete, die Stelle der hierarchischen Struktur der großen Kette des Seins einnehmen, und es soll versucht werden, eine geheiligte Einheit der Biosphäre zu begründen, die weniger erkenntnistheoretische Irrtümer enthält als die Versionen dieser geheiligten Einheit, die von den verschiedenen Religionen in der Geschichte angeboten worden sind. Entscheidend ist, daß die Erkenntnistheorie, ob richtig oder falsch, explizit sein soll. Dann wird eine gleichermaßen explizite Kritik möglich sein. 

Die unmittelbare Aufgabe dieses Buchs besteht also darin, ein Bild zu entwerfen von der Welt, wie sie in ihren geistigen Aspekten zusammengehalten wird. Wie passen Ideen, Schritte logischer oder pragmatischer Folgerichtigkeit und ähnliches zusammen? Wie ist die Logik, das klassische Vorgehen, um Ideenketten zu bilden, auf eine äußere Welt von Dingen und Geschöpfen, Teilen und Ganzen bezogen? 

Treten Ideen tatsächlich in Ketten auf, oder ist diese geradlinige Struktur von Gelehrten und Philosophen aufgezwungen? In welchem Verhältnis steht die Welt der Logik, die »zirkuläre Argumente« umgeht, zu einer Welt, in der zirkuläre Verursachungsketten eher die Regel als die Ausnahme sind? Was muß in einem unermeßlichen Netzwerk oder in einer Matrix von ineinander verwobenem Mitteilungsmaterial und abstrakten Tautologien, Prämissen und Exemplifikationen untersucht und beschrieben werden? Aber nein, zumindest im Jahr I979 gibt es keine konventionelle Methode, ein solches Wirrwarr zu beschreiben. Wir wissen noch nicht einmal, wo anfangen. 

Vor fünfzig Jahren hätten wir angenommen, daß die besten Verfahren für eine solche Aufgabe entweder logische oder quantitative oder beide gewesen wären. Wir werden aber sehen, wie jeder Schuljunge wissen sollte, daß die Logik gerade ungeeignet ist, um rekursive Schaltungen zu erfassen, ohne Paradoxien zu erzeugen, und daß Quantitäten gerade nicht der Stoff komplexer Kommunikationssysteme sind. Mit anderen Worten, Logik und Quantität erweisen sich als ungeeignete Hilfsmittel, um Organismen in ihrer Interaktion und inneren Organisation zu beschreiben. Die besondere Natur dieser Unangemessenheit wird im Anschluß dargelegt, aber im Augenblick wird der Leser gebeten, die Behauptung als wahr anzuerkennen, daß es keine konventionelle Weise gibt, die Phänomene der biologischen Organisation und der menschlichen Interaktion zu erklären oder auch nur zu beschreiben. 

John von Neumann hat vor dreißig Jahren in seiner Spieltheorie gezeigt, daß den Verhaltenswissenschaften ein reduziertes Modell fehlt, das für die Biologie und Psychiatrie leisten könnte, was Newtons Partikel für die Physik vermochte. Es gibt allerdings eine Reihe von etwas unzusammenhängenden Einsichten, die der Aufgabe dieses Buchs zugute kommen werden. Ich werde daher die Methode von Little Jack Horner aufgreifen und eine Feder nach der anderen herausziehen, sie nebeneinander anordnen, um eine Gesamtschau zu erhalten, von der aus wir dazu übergehen können, einige grundlegende Kriterien des geistigen Prozesses aufzulisten. 

Im 2. Kapitel, »Jeder Schuljunge weiß«, werde ich dem Leser einige Beispiele für das vorführen, was ich als einfache notwendige Wahrheiten ansehe - notwendig erstens, wenn der Schuljunge jemals lernen soll zu denken, und dann auch notwendig, weil die biologische Welt, wie ich glaube, auf diese einfachen Aussagen eingestellt ist. Im dritten Kapitel werde ich in derselben Weise vorgehen, nur daß ich dem Leser hier eine Reihe von Fällen vorführen werde, in denen sich zwei oder mehr Informationsquellen zusammenfinden, um eine Information zu ergeben, die von anderer Art ist aIs das, was in den beiden getrennten Quellen vorgegeben war. Gegenwärtig existiert keine Wissenschaft, die sich speziell für die Kombination von Informationsstücken interessieren würde. Ich werde aber die Argumentation vertreten, daß der Evolutionsprozeß auf solchen doppelten Informationszunahmen beruhen muß. Jeder evolutionäre Schritt ist eine zusätzliche Information für ein bereits existierendes System. Weil das so ist, werden die Kombinationen, Harmonien und Mißklänge zwischen aufeinanderfolgenden Informationsstücken und -schichten viele Probleme des Überlebens mit sich bringen und viele Richtungen der Veränderung bestimmen. 
 

Gregory Bateson

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