GREGORY BATESON
OEKOLOGIE DES GEISTES
Suhrkamp 1988
pg. 22

 

Keywords: Wissenschaft von Geist und Ordnung - daß ein sehr großer Teil der wissenschaftlichen Grundstruktur des neunzehnten Jahrhunderts unangemessen oder irrelevant für die Probleme und Phänomene war, mit denen es Biologen und Verhaltenswissenschaftler zu tun hatten - Kausalketten aufzuzeigen, die auf Kräfte und Einflüsse zurückgeführt werden konnten - Mathematik war überwiegend quantitativ, Betonung von Kräften und Einflüssen - Energie - psychische Energie - Ursprungs von Ordnung -Ordnung wird als eine.Sache des Aussortierens und des Teilens gesehen. Aber der wesentliche Begriff bei allem Aussortieren ist, daß jeder Unterschied später einen anderen Unterschied verursachen soll. Wenn wir schwarze Bälle aus weißen aussortieren oder kleine aus großen, soll dem Unterschied zwischen den Bällen ein solcher in ihrer Lokalisierung folgen - die Bälle der einen Klasse in einen Sack, die der anderen in einen anderen. Für eine solche Operation brauchen wir etwas wie ein Sieb, eine Schwelle oder, par excellence, ein Sinnesorgan. Es ist daher verständlich, daß ein wahrnehmendes Einzelwesen erfunden wurde, um diese Funktion auszuüben, eine ansonsten unwahrscheinliche Ordnung zu schaffen. - Eng verknüpft mit dem Sortieren und Teilen ist das Geheimnis der Klassifizierung, dem später unter den aussergewöhnlichen menschlichen Leistungen das Benennen folgt. - grundlegende Trennung zwischen den Problemen der materiellen Schöpfung und den Problemen von Ordnung und Differenzierung vor - Dichotomie von Form und Substanz - unbewußte Ableitung aus der Relation zwischen Subjekt und Prädikat in der Struktur der primitiven Sprache - geistige Prozesse, Ideen, Kommunikation, Organisation, Differenzierung, Muster und so weiter haben es eher mit Form als mit Substanz zu tun.







 

Einführung: Die Wissenschaft von Geist und Ordnung
 

Wenn man ein Stück Land beobachtet oder die Sterne einteilt, hat man es mit zwei Wissensquellen zu tun, von denen keine außer acht gelassen werden darf: Einerseits die eigenen empirischen Messungen und andererseits die euklidische Geometrie. Wenn es nicht gelingt, die beiden aufeinander abzustimmen, dann sind entweder die Daten falsch oder man hat falsch argumentiert, oder man hat eine große Entdeckung gemacht, die zu einer Revision der gesamten Geometrie führt.

Der Möchtegern-Verhaltenwissenschaftler, der nichts über die Grundstruktur der Wissenschaft und über die 3000 Jahre sorgfältigen philosophischen und humanistischen Nachdenkens über den Menschen weiß - der weder Entropie noch Sakrament definieren kann -, sollte sich besser zurückhalten, als dem bestehenden Dschungel von unausgegorenen Hypothesen noch eine weitere hinzuzufügen. 

Aber der Graben zwischen dem Heuristischen und dem Grundlegenden verdankt sich nicht allein dem Empirismus und der induktiven Denkgewohnheit, auch nicht den Verführungen schneller Anwendbarkeit und des falschen Erziehungssystems, das professionelle Wissenschaftler aus Menschen macht, die sich wenig für die Grundstruktur der Wissenschaft interessieren. Er kommt auch aus dem Umstand, daß ein sehr großer Teil der wissenschaftlichen Grundstruktur des neunzehnten Jahrhunderts unangemessen oder irrelevant für die Probleme und Phänomene war, mit denen es Biologen und Verhaltenswissenschaftler zu tun hatten.


Mindestens 200 Jahre lang, sagen wir von der Zeit Newtons bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, bestand die Hauptbeschäftigung der Wissenschaft darin, diejenigen Kausalketten aufzuzeigen, die auf Kräfte und Einflüsse zurückgeführt werden konnten. Die Newton zur Verfügung stehende Mathematik war überwiegend quantitativ, und diese Tatsache, zusammen mit der Betonung von Kräften und Einflüssen, veranlaßte die Menschen dazu, mit erstaunlicher Genauigkeit Quantitäten der Entfernung, der Zeit, der Materie und der Energie zu messen. Da die Messungen des Beobachters mit der euklidischen Geometrie übereinstimmen müssen, mußte auch das wissenschaftliche Denken mit den großen Gesetzen der Erhaltung konform gehen. Die Beschreibung irgendeines Ereignisses, das ein Physiker oder Chemiker untersuchte, mußte auf die Vorräte von Masse und Energie gestützt werden, und diese Regel gab dem ganzen Denken in den Naturwissenschaften eine besondere Strenge. 
Die frühen Pioniere der Verhaltensforschung nahmen, was nicht verwunderlich ist, ihre Beobachtung des Verhaltens mit dem Wunsch auf, eine ähnlich strenge Grundlage als Kontrolle für ihre Spekulationen zu erhalten. Länge und Masse waren Begriffe, die sie bei der Beschreibung des Verhaltens kaum ver wenden konnten (was immer das sein mochte), Energie aber schien handlicher zu sein. Es war verlockend, »Energie« auf schon bestehende Metaphern wie »Stärke« der Gefühle oder des Charakters oder »Strenge« zu beziehen; oder Energie irgendwie als Gegensatz zu »Ermüdung« oder »Apathie« aufzufassen. Der Stoffwechsel unterliegt einem Energiehaushalt (im Rahmen der strengen Bedeutung von »Energie«), und im Verhalten verbrauchte Energie muß sicher in diesen Haushalt eingeschlossen sein; deshalb schien es klug, Energie als eine Determinante des Verhaltens zu interpretieren. Es wäre fruchtbarer gewesen, Energiemangel als Hemmung von Verhalten zu denken, da ein verhungernder Mensch schließlich aufhören wird, sich zu verhalten. Aber selbst das reicht nicht hin: Eine Amöbe, der die Nahrung entzogen wird, wird für eine gewisse Zeit aktiver. Ihr Energieverbrauch steht im umgekehrten Verhältnis zur eingegebenen Energie. 

Die Wissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts (besonders Freud), die versuchten, eine Brücke zwischen Verhaltensdaten und den Grundlagen der Physik und der Chemie zu bauen, hatten sicher recht, wenn sie auf der Notwendigkeit einer solchen Brücke insistierten, aber ich glaube, sie hatten unrecht, wenn sie dies mit dem Begriff der »Energie« begründeten. Sind Masse und Länge für die Beschreibung des Verhaltens unangemessen, dann ist Energie aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht geeigneter. Energie ist Masse x Geschwindigkeit2, und kein Verhaltenswissenschaftler besteht wirklich darauf, daß diese Dimensionen auf "psychische Energie" anwendbar sind. Es ist daher notwendig, sich nochmals unter den Grundlagen nach einer geeigneten Menge von Ideen umzuschauen, an denen wir unsere heuristischen Hypothesen messen können. Einige werden aber dagegen halten, daß die Zeit dafür noch nicht reif ist; daß mit Sicherheit alle Grundlagen der Wissenschaft durch induktives Vorgehen von der Erfahrung aus erreicht wurden, so daß wir fortfahren sollten, Induktion zu betreiben, bis wir eine grundlegende Antwort erhalten. Ich glaube, es ist einfach nicht wahr, daß die Grundlagen der Wissenschaft mit der auf Erfahrung basierenden Induktion anfingen, und ich vermute, daß wir bei der Suche nach einem Brückenkopf unter den Grundlagen zu den ersten Anfängen des wissenschaftlichen und philosophischen Denkens zurückgehen sollten; und sicher zurück bis zu einer Zeit, da Wissenschaft, Philosophie und Religion noch nicht getrennte Aktivitäten waren, die jede für sich von Profis in getrennten Disziplinen betrieben wurden. Man denke zum Beispiel an den zentralen Ursprungsmythos der jüdisch-christlichen Völker. Welches sind die grundlegenden philosophischen und wissenschaftlichen Probleme, um die es in diesem Mythos geht? 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. 
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag. 
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, daß es gut war. 
 (Luther-Uebersetzung)

Aus diesen ersten zehn Versen gewaltiger Prosa können wir einige der Prämissen oder Grundlagen des antiken chaldäischen Denkens entnehmen, und es ist erstaunlich, fast gespenstisch, festzustellen, wieviele der Grundlagen und Probleme der modernen Wissenschaft in dem antiken Dokument angedeutet sind. 

(I) Das Problem des Ursprungs und der Natur der Materie wird vollständig ausgelassen.

(2) Die Passage befaßt sich ausführlich mit dem Problem des Ursprungs von Ordnung.

(3) So wird eine Trennung der beiden Arten von Problemen vollzogen. Möglicherweise war diese Trennung von Problemen ein Irrtum, aber - Irrtum oder nicht- die Trennung wird in den Grundlagen der modernen Wissenschaft beibehalten. Die Gesetze der Erhaltung von Materie und Energie bleiben weiterhin getrennt von den Gesetzen der Ordnung, der negativen Entropie und der Information. 

(4) Ordnung wird als eine.Sache des Aussortierens und des Teilens gesehen. Aber der wesentliche Begriff bei allem Aussortieren ist, daß jeder Unterschied später einen anderen Unterschied verursachen soll. Wenn wir schwarze Bälle aus weißen aussortieren oder kleine aus großen, soll dem Unterschied zwischen den Bällen ein solcher in ihrer Lokalisierung folgen - die Bälle der einen Klasse in einen Sack, die der anderen in einen anderen. Für eine solche Operation brauchen wir etwas wie ein Sieb, eine Schwelle oder, par excellence, ein Sinnesorgan. Es ist daher verständlich, daß ein wahrnehmendes Einzelwesen erfunden wurde, um diese Funktion auszuüben, eine ansonsten unwahrscheinliche Ordnung zu schaffen. 

(5) Eng verknüpft mit dem Sortieren und Teilen ist das Geheimnis der Klassifizierung, dem später unter den aussergewöhnlichen menschlichen Leistungen das Benennen folgt. 

Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, daß die verschiedenen Komponenten dieses Mythos alle aus dem auf Erfahrung beruhenden induktiven Denken folgen sollen. Und die Sache wird noch komplizierter, wenn dieser Ursprungsmythos mit anderen verglichen wird, die abweichende Grundprämissen verkörpern. 


Bei den Iatmul in Neu Guinea handelt der zentrale Ursprungsmythos, wie die Schöpfungsgeschichte, von der Frage, wie das trockene Festland vom Wasser geschieden wurde. Sie sagen, daß das Krokodil Kavwokmali am Anfang mit den Vorderbeinen und mit den Hinterbeinen paddelte; und dieses Paddeln führte dazu, daß der Schlamm mit dem Wasser vermischt blieb. Der große Kulturheld, Kevembuangga, kam mit seinem Speer und tötete Kavwokmali. Danach setzte sich der Schlamm, und das Festland bildete sich heraus. Kevembuangga setze dann seinen Fuß auf das Festland, d. h. er demonstrierte stolz, daß es gut war. 

Dieser Fall erlaubt es eher, den Mythos von der Erfahrung verbunden mit induktivem Denken abzuleiten. Schließlich bleibt Schlamm vermischt, wenn er wahllos aufgerührt wird, und setzt sich, wenn das Rühren aufhört. Ueberdies leben die Iatmul in den riesigen Sümpfen des Sepik-River-Tals, wo die Abgrenzung des Landes vom Wasser unvollkommen ist. Es ist verständlich, daß sie an der Unterscheidung von Land und Wasser interessiert sind. Jedenfalls sind die Iatmul zu einer Theorie der Ordnung gelangt, die im fast genauen Gegensatz zu der im Buch der Genesis steht. Im Denken der Iatmul taucht das Sortieren auf, sobald Zufälligkeiten vermieden werden. In der Schöpfungsgeschichte wird ein Vermittler erfunden, der das Sortieren und Teilen besorgt. 

Aber beide Kulturen nehmen gleichermaßen eine grundlegende Trennung zwischen den Problemen der materiellen Schöpfung und den Problemen von Ordnung und Differenzierung vor. Wenn wir nun zu der Frage zurückkehren, ob die Grundlagen der Wissenschaft und/oder Philosophie auf der primitiven Stufe durch induktives Denken auf der Basis von Erfahrung erreicht wurden, merken wir,  daß die Antwort nicht leicht ist. Es ist schwierig zu erkennen, wie die Dichotomie von Substanz und Form durch induktive Argumentation herausgefunden werden konnte. Denn kein Mensch hat jemals formlose und unsortierte Materie gesehen oder erfahren; wie auch kein Mensch jemals ein »zufälliges« Ereignis gesehen oder erfahren hat. Wenn also die Vorstellung eines »wüsten und leeren« Universums durch Induktion erreicht wurde, dann geschah dies aufgrund eines ungeheuren - und vielleicht irrtümlichen - Sprungs der Extrapolation. Und genauso ist nicht klar, ob der Ausgangspunkt, von dem die primitiven Philosophen abhoben, Beobachtung war. 

Es ist zumindest genauso wahrscheinlich, daß die Dichotomie von Form und Substanz eine unbewußte Ableitung aus der Relation zwischen Subjekt und Prädikat in der Struktur der primitiven Sprache war. Dies jedoch ist eine Sache, die jenseits sinnvoller Spekulation liegt. Dieser Aufsatz ist die Brücke zwischen Verhaltensdaten und den Grundlagen von Wissenschaft und Philosophie; und meine oben gemachten kritischen Anmerkungen über die metaphorische Verwendung von »Energie« in den Verhaltenswissenschaften vereinigen sich zu einem ziemlich einfachen Vorwurf gegenüber vielen meiner Kollegen, daß sie versucht haben, die Brücke zu der falschen Hälfte der antiken Dichotomie von Form und Substanz zu schlagen. 
Die Gesetze der Erhaltung von Materie und Energie betreffen eher Substanz als Form. Aber geistige Prozesse, Ideen, Kommunikation, Organisation, Differenzierung, Muster und so weiter haben es eher mit Form als mit Substanz zu tun. Innerhalb des Fundus von Grundlagen wurde die Hälfte, die sich auf Form bezieht, in den letzten dreißig Jahren dramatisch angereichert durch die Entdeckung der Kybernetik und der Systemtheorie. Dieses Buch will eine Brücke schlagen zwischen den Tatsachen des Lebens, dem Verhalten und dem, was wir heute über die Natur des Musters und der Ordnung wissen. 
 
 
 

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