DER ALBIGENSER-KREUZZUG
U.Boeschenstein

ERSCHLAGT SIE ALLE! 
GOTT WIRD DIE SEINEN ERKENNEN!

EINE GESCHICHTE DES ALBIGENSER-KREUZZUGES

Im Geschichtsunterricht an der Mittelschule hörte ich, vor mehr als vierzig Jahren, zum ersten Mal von diesem eigenartigen Krieg. Unser Geschichtslehrer war ein überzeugter Zwinglianer. Die bösen Päpste in Rom waren ihm ein Pfahl im Fleisch. Er fand diesen Kreuzzug schrecklich. Mit Abscheu erzählte er vom päpstlichen Gesandten, der vor Beziers sagte: ERSCHLAGT SIE ALLE! GOTT WIRD DIE SEINEN ERKENNEN! 

Bei den Romanisten bin ich dann ein paar Jahre später dem "Chanson de la Croisade Albigeoise" begegnet, einem  "chanson de geste", einem  gesungenes Epos, einem  Heldenlied. Da ging es um "objektive" Literaturkritik. Wir studierten Geschichten und nicht Geschichte.

Ein Thema dieser Geschichten - die Suche nach dem Gral - wies nach Südfrankreich. Die Katharerburg in Monségur soll mit Wolfram von Eschenbachs Templeisensitz, der Gralsfestung Montsalvèche identisch sein. Die Schriften der modernen Gralssucher machten aus den mittelalterlichen Katharern vorbildliche Heilige. 

Wer waren die Katharer, diese "reinen" Menschen? Warum nannte man sie Ketzer? Wie kamen sie zum Namen Albigenser, wo doch überall in Südfrankreich von Katharergemeinden berichtet wird? Was glaubten sie und warum mussten sie verfolgt werden?  Wie begann dieser eigenartige Kreuzug von Christen gegen Christen?

Das Heldenlied, das "Chanson de la Croisade Albigeoise" beginnt mit der Besammlung eines Kreuzugsheers in Lyon im Juni 1209. Die Sprache ist "occitan", die hochgedrechselte Kunstsprache der ersten schriftlichen, nicht-geistlichen Kultur Europas. 

Senhor, aicesta osts fo ausi comensada
 So begann der Kriegszug von dem ihr in diesem Werk hört.

Senhor, aicesta osts fo ausi comensada
Si co avetz auzit en la gesta lettrada. 
Li abbas de Cistel fo en la cavalgada, 
ab lui li arsevesque e manta gens letrada, 

La ost fo meravilhosa e grans, si m'ajut fes: 

 Das Heer ist wundervoll und gross - ihr könnts mir glauben.
Vint melia cavaliers, armatz de totas res, 
plus de docent melia, que vilas que pages; 
En cels no comti pas ni clergues ni borzes.

 20 000 Ritter und 200 000 Söldner, die Geistlichen und die  Bürgerlichen nicht mitgezählt.

Tota la gent d'Alvernhe, e de lonh e de pres, 
Bergonha e de Fransa e de Lemozines; 

 All die Leute aus der Auvergne, von nah und fern
 aus dem Burgund, aus "fransa"- aus Nordfrankreich und aus  dem Limousin.

De tot le mon n'i ac: Alamans e Ties, 

 Aus der ganzen Welt kommen sie, aus Deutschland und aus  Schwaben.

Am 24. Juni 1209 zieht das Heer in Lyon los. Der Zug erreicht am 20. Juli Montpellier, und die Krieger stehen zwei Tage später vor Bezier:
Sie hatten beschlossen, grausam zu strafen, jeden Widerstand zu brechen, vom Säugling zum Greis, alle Abtrünnigen zu töten:
Beziers fällt den Kreuzrittern schon am zweiten Tag in die Hände. Die Soldateska wütet, plündert, mordet. 20 000 Tausend Tote sollen es gewesen sein. 

Eines steht allerdings nicht im "Chanson de la Croisade": Nirgends steht, der päpstliche Legat Arnaud Amaury, Abt von Cîteau, hätte gesagt: Erschlagt sie alle! Gott wird die Seinen erkennen!

Der so schön einprägsame Satz "Erschlagt sie alle!" ist dem Abt von Citaux von einem späteren Geschichtsschreiber in den Mund gelegt worden. Im klassischen modernen Werk über den Feldzug schreibt der Historiker Joseph R . Strayer:

The German monk who invented this story a few years later accurately reported the mood of the crusading army. In reporting the victory to the pope, the legate Arnaud Amaury said cheerfully that neither sex nor age was spared and that about twenty thousand pople were killed. The figure is certainly too high. 
12000 waren es mindestens. Und Beziers war  nur der Anfang eines zwanzig Jahre dauernden Kriegs. Am Ende des Kreuzzugs war Südfrankreich zerstört, seine Kultur zerschlagen. 
Si le souvenir de cette entreprise militaire demeure aussi vif après huit siècles, - schreibt der französische Historiker George Duby - c'est qu’il touche à deux cordes de notre temps sensibles: L'esprit de tolérance et le sentiment national. Le massacre de Béziers, les bûchers allumés partout, les innocents confondus avec ces croyants qui marchaient au supplice sans trembler, refusant de renier leur foi, les dénonciations, les ratissages, tout cela s'accorde trop bien à tant d'atrocités commises sous nos yeux et qui nous révulsent pour que nous n'en soyons pas émus.

Ich bin auch "ému", ich bin betroffen. Ich "verstehe" diesen Krieg nicht. 

Beim österreichischen Historiker Heimito von Doderer habe ich gelernt, dass Geschichte nicht im Rückblick verstanden werden kann. Man muss wissen, wie Geschichte entsteht. 
Das heisst der Historiker muss erst einmal die Vorgeschichte der Geschichte studieren, wenn er "Geschichte" verstehen will.
Vorgeschichte

Wir reden über Südfrankreich. Ich könnte meine "Vorgeschichte der Geschichte" vor 450 000 Jahren beginnen - beim "homme de Tautavel" . Der Schädel dieses Homo erectus ist der älteste Knochenfund eines Homo in Europa. Die Menschengeschichte beginnt in Südfrankreich vor einer halben Million Jahre. 
Sind da die zwanzig Jahre Albigenser-Kreuzzug wichtig genug, um zwei Stunden über diesen kurzen Abschnitt der Geschichte zu reden? 

Die Ereignisse des Kreuzzugs wirken nach. Sie prägen noch heute das Verhältnis von Südfrankreich mit dem Zentrum Paris. Der Kreuzzug gegen die Albigenser ist auch die exemplarische Geschichte einer "religiösen Säuberung". Der Geschichtslehrer sprach von Religionskriegen. 

Der Albigenserkreuzzug ist nicht die erste religiöse Säuberung. Es ist nicht einmal die erste religiöse Säuberung von Christen gegen Christen. Das religiöse Säubern unter Christen hatte schon der Kirchenvater Augustin erfunden, der Soldaten einsetzte, um "seine" Wahrheit zu vertreten.

Hat es solche Säuberungen schon immer gegeben? Haben  schon die "homo erectus" solche Kriege geführt?  Gab es schon immer Glaubenskriege? Wie kann Krieg um den Glauben entstehen? 

Ich will drei Fragen stellen:
 
1.   WIE ENTSTANDEN GLAUBENSKRIEGE?
2. WELCHES IST DIE  ROLLE DER RELIGION IN DER GESCHICHTE DER 
 "SÄUBERUNGEN"?
3. WELCHE "UNTERSCHEIDUNGEN" BESTIMMEN DIE 
 WELTBILDER DER "SÄUBERER"?
 
 

1. Säuberungen haben eine lange Geschichte

Ich zitiere aus dem alten Testament: 4. Mose. 33

Und der Herr redete mit Mose im Jordantal der Moabiter - gegenüber Jericho und sprach: Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Wenn ihr über den Jordan gegangen seid in das Land Kanaan, so sollt ihr alle Bewohner vertreiben vor euch her und alle Götzenbilder und alle ihre gegossenen Bilder zerstören und alle ihre Opferhöhen vertilgen und ihr sollt das Land einnehmen und darin wohnen; denn euch habe ich das Land gegeben, dass ihr es in Besitz nehmt. 
Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch hertreibt, so werden euch die, die ihr übrig lasst, zu Dornen in eueren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen, in dem Land in dem ihr wohnt.   4. Moses 33, 50-55

Es ging schon bei dieser ersten in der Bibel erwähnten religiösen Säuberung nicht um Religion, sondern um Landnahme - von Gott befohlene Landnahme. 
Landnahmen sind immer Säuberungen. Vom Jordantal bis Bosnien. Von Somalia bis zum Amazonas. Sie sind immer vom jeweiligen Gott befohlen. Der Gott kann auch Nation, Macht oder Profit heissen. 
Der Albigenserfeldzug war eine von Gott befohlene, das heisst von seinem Stellvertreter auf Erden propagierte Landnahme, eine Säuberung mit göttlichem Auftrag. 

Die Vorgeschichte dieses Krieges fängt bei bei einer von Menschen gewollten Landnahme an, bei der Ansiedelung der Westgoten in der römischen Provinz zwischen Atlantik und Mittelmeer. Die bedrängten Römer hatten gegen die westgotischen Angreifer keine Chance. Um sie aus Italien zu verscheuchen, versprach man den wilden germanischen Kriegern ein eigenes Land. Sie wurden "foederati". Es entstand im fünften Jahrhundert das Westgotenreich mit der Hauptstadt Toulouse. 

Die Westgoten waren Christen. "atta unsar thu in himinam", hiess ihr Gebet. Der Westgotenbischof Wulfilas hatte das griechische Original schon um 360 herum übersetzt. Aber - sie waren arianische Christen. 
Die Ketzerei des Arius war am Konzil von Nicea 325 verurteilt worden. 
Nach Arius waren die drei Götter der Christen nicht einig. Der Sohn war nach dem Vater entstanden und die ganze Schöpfung war die Leistung des Sohnes. Seit dem Entstehen des Westgotenreichs gab es in Westeuropa Christen, die an die Trinität nicht glauben. Sie mussten durch römische Bischöfe zum rechten Glauben zurückgeführt werden. Der heilige Hilarius wurde als erster Bischof von Carcassonne tätig.
Die Westgoten expandierten - das gehört ja zu einem Kriegerstaat. 
507 kommt ihr Vormarsch in der Nähe von Poitiers zum Stehen. Sie verlieren bei Vouillé gegen die Franken. Franken siedeln in Nordfrankreich seit dem Anfang des fünften Jahrhunderts. Nach der Schlacht von Vouillé entsteht quer durch Frankreich eine Kulturgrenze. Im Norden spricht man langue d'oui, die Sprache, aus dem das moderne Französisch gewachsen ist. Im Süden, im Einflussgebiet der Westgoten, spricht man langue d'oc. Nach Vouillé ist das ehemals römisch geeinte Gallien geteilt in Süd- und Nordgebiet. 
Die nächste Landnahme in Septimanien fing 719 an. Es kamen Heiden, die Mauren. Auch deren Vormarsch nach Norden halten die Franken auf. 732 schlägt Karl Martell die Mauren bei Poitiers. 
759 entsetzt Pippin der Kleine Carcassonne und mit der Eroberung der spanischen Mark durch Karl den Grossen 778 werden die Franken Herren von Septimanien. Ab 801 ist Gothien Teil des Kaiserreichs der Franken. 

Vierhundert Jahre lang hatte es in Nordeuropa kein Grossreich mehr gegeben. Die Landnahme der Germanen hatte das römische Gebiet aufgeteilt. 

Die Stammesfürsten der Germanen - sie werden "kuninga" genannt - sind Gesalbte, geheiligte Krieger. Ihnen obliegt es, die jungen Krieger jedes Frühjahr auf Kriegsfahrt zu führen und die reiche Beute unter die Teilnehmer zu verteilen. Ehre wurde denen zuteil, die ihren Kriegern viel verteilen konnten. Die "milte" des Fürsten wird noch um 1200 in den Königsliedern - in der Artusepik - besungen. 
Vierzig Tage dauert die Pflicht der gesalbten Kriegerführer, vierzig Tage dauert die Kriegspflicht der Vasallen. La Quarantaine. 

Das gilt auch für den Frankenführer Karl, der im Jahr 800 vom Oberhaupt der römischen Kirche zum Nachfolger der Zäsaren gesalbt wird. Man nennt ihn seither den "Grossen". 
Karl führt seine Krieger gegen Heiden, gegen die Sachsen in Deutschland und gegen die Mauren in Spanien. Reiche Beute gibt es in beiden Ländern zu machen. 

Ich sprach von der "milte", der Freigebigkeit des Häuptlings. Im Europa des 12. Jahrhunderts hat der "kuning" noch eine weitere wichtige Rolle: Er muss durch seine Kriege den "jovenes" die Möglichkeit geben, die Ungerechtigkeiten des Erbsystems auszugleichen. Jovenes sind die jüngeren Söhne der Adelsfamilien. Sie erben nicht. Sie müssen auf ihren Fahrten - ihrer "aventiure" - eigenen Besitz erkämpfen. Am problemlosesten geht das, wenn sie ihre Eroberungen im Heidenland machen. Gahmuret, der Vater Parzivals, zieht in Land der schwarzen Königin Belecane. Das geschieht in den Romanen. In der alltäglichen Politik ist es am günstigsten, die überzähligen Krieger auf Kreuzug zu schicken. Dann stellen sie zu Hause keine Ansprüche. 

König Philip August von Frankreich hat gar keine Freude gehabt, als der Papst den Teilnehmern an der Kreuzfahrt gegen die Albigenser Landnahme versprochen hat. Für ihn war das angestammte Recht der "seniores", der Erbsöhne, massgebend. Nach seiner Meinung durfte man den Grafen von Toulouse bestrafen dafür, dass er gegen die Ketzer nichts unternahm, dem Erben Raymunds das Erbe zu nehmen war nicht ritterlich. 

Landnahmen, das heisst Plünderungen und Raub, gibt es in allen Kriegergesellschaften. Solche Gesellschaftsorganisationen können die Soziologen nur in sesshaften Ackerbauerkulturen nachweisen. Landnahmen durch Kriegerhorden entstanden in der Bronzezeit, vor nicht mehr als 5000 Jahren. Wo Ackerbauern sich in erbliche Stände gliedern, entstehen Kriegerkasten. Sie expandieren ihre Machtbereiche durch Landnahmen. Seit der Entstehung der Kriegergesellschaften wird Eroberungskrieg endemisch. 

Im Albigenserkreuzzug kämpfen die Eroberer gegen ihre südfranzösischen Standesgenossen. Neu ist an diesem Krieg, dass sie in Gottes Namen, im Zeichen des Kreuzes, Krieg führen. 
 

2. Welche Rolle spielt bei kriegerischen Landnahmen die Religion?

Seit Karl dem Grossen gibt es wieder ein Imperium - ein Kaiserreich. Und es gibt ein allumfassendes Weltbild der Oberschicht, das römische Christentum.
Dieses römische Christentum ist - wie alle gesellschaftlichen Strukturen seit der Bronzezeit - hierarchisch geordnet. Der  Bischof von Rom ist der oberste Brückenbauer, der "pontifex maximus. Er baut zwar keine Brücken mehr wie die heidnischen Priester der alten Römer. Er baut Brücken zum Himmel. Seine Wahrheit ist von Jenseits gegeben. Die All-Macht, der GOTT, gibt dem Papst Macht, weltliche Autorität. 
Es ist ein autoritäres Regime. 
Ohne Hilfe der Kirche kann der Gläubige Gott nicht finden. Ohne das Sakrament der Priester gibt es keinen Zugang zu Gott. Die Geistlichkeit entscheidet über die Richtigkeit des Weltbilds. Es ist ganz klar, dass es nur ein einziges richtiges Weltbild gibt, eine einzige Wahrheit. Diese Wahrheit ist in den Glaubenssätzen der Kirche festgelegt. 
In einer langen Entwicklung entstand zwischen 325 - dem Konzil von Nicea - und der Einbindung des Frankenfürsten Karl in die Pläne der römischen Kirche ein religiöser Imperialismus, eine Staatsreligion - zentral gelenkt und mit der Autorität der absoluten Wahrheit geheiligt. 
Es ist eine Religion der Macht, eine Religion der Oberschicht, eine Religion der Herrschaft. Macht haben in dieser Welt die Krieger und die Priester. Sie verwalten, vom All-Mächtigen eingesetzt, die Welt. Sowohl weltliche wie auch geistliche Macht liegt in den Händen des Adels. Adelige - und nur Adelige - werden Krieger oder Mönche, Landesfürsten oder Bischöfe. Sie umfassen höchstens 2% der Bevölkerung. Und die anderen 98%? Welche Rolle spielt die Religion im Leben der 98% ? Sind sie auch Christen? Wie haben sie Anteil an den Segnungen der Wahrheit? Was glauben sie? Welche Vorstellungen machen sie sich von der Welt? 

Nach welchen Kategorien die "potentes" - die Mächtigen - unterscheiden, können wir in überlieferten Texten studieren. Nach welchen Kategorien unterscheiden die "pauperes"? 

Die christliche Religion verspricht ihren Gläubigen ein Paradies im Jenseits. Die Kirche verspricht Erlösung. Es geht um das Heil der Seelen. 

Buddhismus, Christentum und Islam, - schreibt der Konstanzer Historiker Arno Borst in einem Aufsatz über die Ketzer - die drei Religionen, die am nachhaltigsten die Weltgeschichte geprägt haben sind Universal- und Erlösungsreligionen. Das heißt: Sie wollen nicht zuerst das Zusammenleben der Menschen regeln, weder in vielen regionalen Verbänden noch in einem Universalreich; 
sie wollen den Einzelmenschen aus dem Unheil seiner vielfältigen irdischen Bindungen erlösen. 

Die Erlösungsreligionen richten sich an den Einzelnen. Sie versprechen Seelenheil. Dieses Heil kann der christliche Gläubige nur im Schoss der Kirche finden. Er braucht die Hilfe der Priester. 
Erlösung der irrenden Seelen suchten auch die Abweichler, die Ketzer, die Katharer. Für sie ist aber die Erlösung nicht an ein Sakrament der Kirche gebunden. Katharer finden den Zugang zu Gott durch ein Leben ohne Sünde. 

Beide Glaubensformen sind Erlösungsreligionen, beide interessiert nicht in erster Linie das Zusammenleben von Menschen, sondern die Erlösung der einzelnen Seelen. Sowohl die römischen Theologen, wie auch die Katharer unterscheiden eine Welt des Geistes und eine Welt des Fleisches, eine Welt des Guten und eine Welt des Bösen. Wenn wir verstehen wollen, wie sich die beiden Glaubensrichtungen unterscheiden, müssen wir die Geschichte der Unterscheidungen kennen.

3.  Welche Grundideen - welche Unterscheidungen -  bestimmen das Weltbild der Menschen?

Erlösungsreligionen sind sind eine Erfindung der letzten zweieinhalbtausend Jahre. Sie sind entstanden in einer sozialen Umwelt, die den Sinn von “Religion” fundamental veränderten.
“Religio”: re-ligare - verbinden, hiess bis 500 v. Chr, das heisst bis vor nur 100 Generationen, nicht Bindung eines einzelnen an ein Jenseits, sondern Bindung zwischen einzelnen. Religio ist als Gruppenbindung entstanden, im Mythos und im gemeinsamen Ritual. Alle Menschen-gruppen haben sich solche Bindungen geschaffen, in Geschichten die Gruppen verbanden, Geschichten, die verbindlich waren. 

Seit es sprachliche Kommunikation unter den Menschen gibt, ist Religio -Verbindung - das Mittel, Regeln des Zusammenlebens über Generationen zu vermitteln. Es geht aber in den frühen Formen des "Heiligen" nicht um die Verbindung des einzelnen zu einer "höheren Instanz", sondern immer um die Aufrechterhaltung der Weltordnung durch die Gruppe. Diese Gruppenordnung musste geheiligt sein. Die Ordnung der Gruppe war nicht nur ver-bindend, sie war ver-bindlich. 
 

Alle Mythen die im Lauf der letzten zweihundert Jahre anthropo-logischer Forschung gesammelt worden sind erzählen von der Ordnung der Menschenwelt. Es gibt keine Unterscheidung von Natur und Mensch. Die Welt ist immer Menschenwelt. In den sogenannten primitiven Religionen gibt es kein Jenseits. "La religion est constitutive de la culture." liest man bei einem der frühesten Religionsforscher, Emile Durkheim. Religion ist menschliche Kultur. 

Sie kann auch gar nichts anderes sein. Denkende Menschen machen sich ihre Welt. Sprechende, denkende und fühlende Menschen erzählen sich Geschichten über ihre gemeinsame Welt. Sie fragen auch nach dem Unsichtbaren. Das ist aber nicht DORT, im Jenseits. Es ist nicht irgendwo OBEN, es ist DA, aber eben unsichtbar. Menschen brauchten nicht erlöst zu werden. Sie brauchten Geschichten, die ihr Zusammenleben in der Gruppe und das Zusammenleben ihrer Gruppe mit anderen Gruppen erklärten. 

In Menschengesellschaften, deren Religion in erster Linie das Zusammenleben bestimmt, können keine "religiösen Säuberungen" entstehen. Die "Wahrheit" ist nicht Besitz einer Machtgruppe, sie kann auch gar nicht missioniert werden. Sie gilt immer nur für eine kleine Gruppe.
 

Vor etwa zweitausendfünfhundert Jahren entstand eine ganz neue Form der Verbindlichkeit. Religion verbindet jetzt eine "Einzel-Seele" mit einem "Ursprung". Die neuen Religionen versprechen einer individuellen Seele die Erlösung. "Erlöse uns von dem Bösen!"

Erlösungsreligionen können nur in Menschengruppen entstehen, die irdische Bindungen und himmlische Bindungen unterscheiden. Diese Unterscheidung taucht in der Geistesgeschichte erst sehr spät auf. 
Die Vorstellung eines Jenseits war die Voraussetzung. Die Menschen entwickelten Vorstellungen des Unbekannten weit weg, abgetrennt von der Menschenwelt. Aus dieser meta-physischen Realität steuern Götter den Gang der Welt. Götter haben Menschengestalt. In der abstraktesten Form sind es dann nicht viele Kräfte, sondern eine Idee: Gott - der Eine und Einzige - das Gute, das absolute, einzige Gute. 

Leider bringt aber die Verabsolutierung des Guten unabdingbar auch das Böse hervor. Die Idee des guten Gottes schafft auch die Idee des bösen Teufels. 

DIE ERFINDUNG DES TEUFELS 

Die Idee des Bösen, die Figur des Teufels, scheint uns so selbstver-ständlich, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass es Religions-systeme gibt, die IHN nicht kennen. Que la notion, abstraite, de Mal existe depuis toujours, cela semble probable. Toutefois, l'hypothèse n'est pas vérifiée.   Gerard Messadié beschreibt in seiner "Histoire générale du Diable", einem Streifzug über die Vorstellungen des Bösen in verschiedensten Menschengesellschaften, wie der Teufel entstanden ist. 

Seit Menschen über sich selbst und über ihr Leben in dieser Welt nachdenken, sehen sie Kräfte, denen sie ausgeliefert sind: Tod, Krankheit, Mangel, Unkontrollierbares, Gefährliches. Sie erkennen auch "gute Geister",  die geben, die helfen. In der frühen indischen Mythologie finden wir die "devas" und die "asuras", gegensätzliche Kräfte. 

Die sprechenden Menschen unterscheiden Dinge die sichtbar sind. Dinge bestehen aus bearbeitbarem Material, aus Substanz. Material, das heisst Holz, gewachsenes Holz: spanisch "madera". In diesem Kategoriensystem gibt es auch Dinge, die nicht sichtbar sind, Substanzen einer andern Art: "pneuma"- Atem. Daraus entwickelt sich die Kategorie Geist - "spiritus". Bis zur Entstehung dieser Zweiteilung, dieser Unterscheidung, war ein langer Weg.
Es gibt in den frühen Religionen noch keinen Gott des Bösen, ja es gibt nicht einmal die Vorstellung eines Gotts. Geistige Wesen sind in den meisten Kulturen nicht menschenförmig. Sie sind auch nicht eindeutig einem Reich des Bösen oder einem Reich des Guten zugeordnet. 
Gut und bös zu unterscheiden mussten die Menschen erst lernen. Sie mussten erst in die Sünde fallen, sie mussten erst die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen:

Gott weiss: an dem Tag da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und ass und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er ass. Da wurden ihnen beide die Augen aufgetan.   1.Mose 3, 5

An diesem Tag des Sündenfalls lernten die Menschen auch den Bösen kennen, die Schlange. Es ist eine grossartige Geschichte, die ein Schreiber um etwa 500 v.Ch. aufgeschrieben hat. In einen Mythos gefasst verbindet dieser Text die verschiedenartigsten Grundüberlegungen und umschreibt die Wertvorstellungen der neuen Gesellschaftsform. Die Geschichte erklärt, wie das Böse in die Welt kam: Schuld war Ungehorsam, das Schlimmste in einer Hierarchie der Macht. Schuld war die Frau, das Gefährlichste in einer Hierarchie der Männermacht. Schuld war die Lust, das Süchtigste in einer Welt, die “reinen” Geist und “lustiges” Fleisch unterscheiden musste. 

Die Unterscheidung von ewigem Geist und sterblichem Körper ist die wichtigste Neuerung der neuen Religion. Den Menschen wurden - so heisst es in der Genesis - die Augen aufgetan. Sie lernten Unsichtbares sehen. Sie lernten glauben. Glauben kann ein Mensch nicht mit seinen Augen. Glauben kann er nur mit den unsichtbaren Augen des Geistes. 

Dass in der Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies die Frau ungehorsam war, ist interessant. Warum sie zum Sündenbock gemacht wird, darüber schreiben heute die Erforscher und Erforscherinnen der Entstehung der Männer-Herrschaft, des Patriarchats. 

Es geht dabei um das Entstehen des Machens, um die Anfänge der zweckrationalen Beherrschung der Welt und um die Anfänge der Macht. Vielleicht ist es wirklich so, dass nur herrsch-süchtige Männer auf die dumme Idee kommen konnten, Ideen zu erfinden, abstrakte, von der sichtbaren und spürbaren Realität völlig abgetrennte abstrakte Begriffe: Das Gute, das Böse, das Weiche, das Harte, das Menschliche, das Unmenschliche. 

Nur Männer können mit solchen Abstrakta ganze Gedankengebäude errichten und glauben, diese Konstruktionen seien wahr. Die Lebenswelt der Menschen musste sich grundlegend verändern, bevor die reine männliche Rationalität sie neu erfinden konnte.  Eine neue Welt der Ideen entstand, eine Welt des Geistes. Von dieser Welt des Geistes wird die Lebenswelt abgetrennt und unterschieden. Die Lebenswelt wird kontrolliert, sie wird beherrscht. 

Nach der letzten Eiszeit - vor 10 000 Jahren - begannen in verschiedensten Gegenden der Welt, Menschen ihre Umwelt zu beherrschen. Sie domestizierten Pflanzen und Tiere zu ihrem Gebrauch. Diese Herrschaft über ihre Umwelt schuf Natur. Denn nun wird Menschenwelt zum erstenmal aufgeteilt in Unbeherrschbares - eben die Natur - und Beherrschbares - die Welt der Menschen, das Heim, das Haus. Draussen wars gefährlich. Die Menschen mussten vor der Natur draussen Angst haben. In der Natur lauert Unsicherheit. Sicherheit, von Gott gemachte Sicherheit wurde zur Leitvorstellung des Kampfes gegen die Angst. Es entstand eine gottgegebene Wahrheit.

Gartenbau und Tierzucht waren im Anfang der  Bereich der Frauen. Frauen schalten und walten im Haus. Erst als das Schalten und Walten, das Machen, Domäne der Männer wurde wuchs das Gut. Es wuchsen auch die Menschengruppen. Es entstanden neue Gesellschaftsorganisationen und es veränderten sich die Glaubensvorstellungen der Menschen. Es  entstanden Männergötter, Herren der Stürme, des Blitzes, des Donners. Unter der Herrschaft der Männer entstanden  Herr-Götter. 

Die Macher unter den Menschen, die Homo faber, stellten sich Macher-Götter in den Himmel. Ein solcher Machergott sagte: Fiat lux! und es ward Licht. Dieser Gott will etwas: Er will Opfer - und er will vor allem, dass Menschen ihm gehorchen. (Er hat dies wohl den mächtigen Vätern abgeschaut.) 

In den neuen Religionen wird Ungehorsam zur schlimmsten Sünde. Der Teufel ist der neue Gott des Ungehorsams. Religionen, die Ungehorsam bestrafen müssen, müssen auch Mangel an Glauben bestrafen. Sie müssen auch immer grausamere Vorstellungen entwickeln, mit denen sie ihren Gläubigen Angst machen: die Hölle, das Fegefeuer. Strafe wird zum Kennzeichen des Gottes. Der Himmelsrichter bestraft die Ungläubigen. Seine Priester dürfen in seinem Auftrag strafen. Sie bestimmen den Weg des Gläubigen. sie zeigen den Gläubigen auch den schweren Zugang zum Jenseitigen: Enthaltsamkeit.
 

Männer erfanden den Dualismus: das Gute - das Böse!

Alle Religionen, die sich einen guten, einen lieben Gott schaffen, müssen mit dem Teufel leben. Es besteht immer die Versuchung, den guten Gott weit weg zu plazieren und dem bösen Gott die Schuld an dieser bösen Welt anzuhängen.In Persien entstand im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine erste ganz und gar rational durchdachte Herrenreligion: der Zoroastrismus. Der Priester Zoroaster erfand den guten Gott Ahura Mazda und setzte ihm den Gegensatz gegenüber : Ahriman, den Bösen. Vor den Zweien war Zurvan, der Ur-Gott, jenseits von gut und böse. 

Seither erzählen sich Menschen Geschichten, wie der Böse entstanden ist. Sie unterscheiden Geist und Fleisch. Spriritus und Substanz. Diese zweigeteilte Weltsicht nennen die Historiker Dualismus.

In dieser Gedankenwelt wird die Erlebniswelt der Menschen aufgeteilt in ein Oben und ein Unten. Erst in dieser Gedankenwelt wird es möglich, sich “immer strebend zu bemühen” dem reinen Geist näher zu kommen. 

Der religiöse Dualist - so schreibt Arno Borst - stellt sich entschieden auf die Seite des reinen Geistes und des jenseitigen Guten; er flieht aus der Welt und sucht sich von ihr zu erlösen, weil er glaubt, daß SIE nicht erlöst werden könne.

Weltflucht als Grundmotivation der Suche nach Gott. Nur Askese ermöglicht - durch Abtöten des Fleisches - den Besuch im siebten Himmel. Dort im reinen Geist ist Gott zu Hause und durch sechs Himmel aufwärts wirds immer geistiger. Dieses Bild - es ist in einer dem Propheten Jesaja zugeschriebenen Vision auch unter den Katharern in Südfrankreich bekannt - bestimmt das religiöse Streben. Die Idee der vom Bösen geschaffenen Welt des Fleisches hat in der antiken Welt grossen Erfolg. In ungezählten Versionen erzählen sich die Menschen Geschichten der bösen Welt, die Menschen zu überwinden haben, um in der Welt des Guten einen ewigen Platz zu finden. Auch die Christen bekämpfen das schwache Fleisch und finden Gott in der Überwindung des Fleisches.

Es ist gut für den Mann keine Frau zu berühren.      1. Korinther 7. 1

Dualismus: das böse Fleisch - der gute Geist. Das ist im Christentum fest verankert. 

Die Katharer waren nicht nur Dualisten. Sie waren radikale Dualisten. 
Der radikale Dualist glaubt an eine Schöpfung der Welt durch den Teufel glaubt. Er stellt die Grundthese der Christen in Frage, dass nämlich Christus in die Welt gekommen sei, um uns von der Sünde zu erlösen. 
Der dualistische Glaube - schreibt Arno Borst - lehnt den zentralen Glaubenssatz des Christentums ab, die Fleischwerdung Jesu Christi, den neuerlichen Brückenschlag zwischen dem allmächtigen Gott und seiner durch Menschen verderbten Schöpfung, das Angebot einer Erlösung für die Menschen auf Erden in der Nachfolge Christi. 

Für die radikalen Dualisten existiert das Böse von Anfang an, der böse Gott hat die Schöpfung gemacht.  Die Christen glauben an die gute Welt. Sie ist vom guten Gott vollkommen geschaffen. Erst durch den Ungehorsam des Weibes ist die Menschenwelt sündig geworden. 

Beide Glaubensformen müssen aber eine Genealogie des Bösen entwickeln: 
Unde malum? fragt der Kirchenvater Tertullian. Si Deus est, unde sunt mala? 
Wenn der gute Gott existiert, woher kommt das Böse? Kann der gute Gott das Böse in seiner Schöpfung wollen? Denn in dieser Welt ist Böses. Das ist die Erfahrung jedes einzelnen. 

Die Antwort der Dualisten war bestechend einfach: Nicht der gute Gott hat diese Welt geschaffen. Es war der böse Gott, der Satan. Der abgefallene Engel. Er schuf die Welt des Fleisches, die Welt der Materie.
Diese Grundidee: “Die Welt der Materie ist bös” taucht seit den zoroastrischen Persern in den verschiedensten Formen, in den verschiedensten Sekten auch der frühen christlichen Gemeinden auf, bei den Gnostikern. Sie bestimmt den Glauben der Manichäer und sie taucht im neunten Jahrhundert bei den Anhängern des Bogomil, eines Prophetenpriesters in Bulgarien auf. Bogomilen sollen es gewesen sein, die den Glauben an die vom Teufel gemachte Welt nach Europa brachten. 
Die Katharer in Südfrankreich und in Italien waren nach Ansicht vieler Historiker gelehrige Schüler von bulgarischen Missionaren. 

Die Welt ist böse. Der Satan hat sie geschaffen. Dieser böse Irrglaube musste ausgerottet werden. Dazu rief Papst Innozenz III auf im Jahre 1208. Ein Kreuzzug sollte Abhilfe schaffen, denn in Südfrankreich gab es ganze Landschaften, in denen die Gläubigen von den Segnungen der römischen Kirche Abstand nahmen. Die Machtposition der Herrschaftskirche war gefährdet. 

Ich stellte drei Fragen, die die Vorgeschichte des Albigenser-kreuzzugs beleuchten sollten: 

1.   Ich fragte nach der Geschichte des Krieges. Territorialkriege gibt es seit der Entstehung von Kriegergesellschaften in der Bronzezeit. 
Den adeligen Kriegern des 13. Jahrhunderts ging es um Landnahme. Es waren Kriege von Rittern gegen ihre Standesgenossen. Religion war ein Vorwand für Eroberung.  Die Säuberungen betrafen Angehörige der gleichen Kaste. 

2. Ich fragte nach der Rolle der Religion in diesen kriegerischen  Landnahmen.
 Opfer des Albigenserkreuzugs waren nicht nur adelige Grundbesitzer, die ihre Besitzungen verloren, Opfer waren Tausende von sogenannten Ketzern. 

Die "ethnischen Säuberungen" der letzten zweitausend Jahre sind immer religiös begründet. Grund ist immer die fremde, falsche Religion der "Feinde". Alle, die an eine absolute, einmalige, eindeutige Wahrheit glauben, behaupten auch ein Recht, diese Wahrheit mit dem Schwert zu verteidigen zu dürfen. 

3. Ich fragte nach den Unterscheidungen, die das Weltbild der  religiösen Säuberer prägen?

Kriegerische, aggressive Säuberungen entstehen in Gesellschaften, die sich einen Herr-Gott schaffen. Dieser Herr im Himmel verkündet seine Wahrheit immer durch den Mund - oder besser die Schriften - der Priester, die einen privilegierten Zugang zur WAHRHEIT haben. Es gibt in solchen Gesellschaften nur eine Wahrheit. 
 Ein Gott- eine Wahrheit. 
 Ein ewiger Gott - eine ewige Wahrheit. 

Der Aufruf zum Kreuzug gegen die Katharer wurde von  Priestern propagiert. Es ging den Päpsten und ihren Kriegern in ihrer Propaganda um Seelenheil und um Glauben. Es ging um die richtige Weltanschauung. 

Hinter der ganzen Propaganda steht aber immer die Angst vor einem Machtverlust. Es geht immer um Macht. 
 
 
 

ZWEITER TEIL DER VORLESUNG
 
 
 

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