Ohne Sprache keine Zeit

Wie der sprechende Mensch mit der Zeit umgehen lernte

Von Urs Boeschenstein


Die Zukunft wählen...

Mehrzellige Lebewesen haben im Verlaufe einer langen Entwicklungsgeschichte ein Organ entwickelt, das ihnen gestattet, die Zukunft zu wählen – das Gehirn. Sie können entscheiden, sie können wollen, sie können während ihres Lebens Erfahrungen speichern, sie können lernen.

Bei einfacheren Lebewesen sind die Entscheidungen noch fest programmiert. Das Wollen und das Entscheiden lernten erst Säugetiere und Vögel. Sie können ihre gelernten Erfahrungen für überlebensfördende Entscheidungen einsetzen.

Gehirne zur Steuerung von Organismen, so sagen die Biologen, gibt es seit etwas mehr als 500 Millionen Jahren. Mehrzellige Lebewesen, die sich im Raum bewegen – also Tiere – entwickelten für ihre Navigation Nervensysteme. Tiere steuern mit ihren Nervennetzwerken die Beziehungen zwischen Sinnesorganen und den Muskeln. Bei einfachen Tieren sind diese Verbindungen direkt, im Laufe der Evolution schalten die Nervenzentren immer neue und komplexere Verarbeitungsstufen zwischen Sensorik und Motorik. Gehirne entwickeln bei diesen Nervenprozessen Modelle ihrer Umwelt. Sie konstruieren Vorstellungen. Allerdings sind diese Konstrukte keine spiegelnden Abbilder. Gehirne funktionieren nicht wie Fotokameras, sie bilden Muster, die ein Wiedererleben früher gemachter Musterverarbeitung ermöglichen.

Um eine brauchbare, eine überlebensfördernde Zukunft zu wählen, brauchten Tiere immer größere Gehirne, in denen sie ihre gelernten Erfahrungen speichern konnten. In einer unendlich langen Zeit entstanden genetische Gedächtnisse, die das Wachstum von Gedächtnisregionen der Gehirne bestimmten. Und dann folgt die genialste Erfindung der Evolution: Tiere lernten ihre eigene Vergangenheit zu speichern, sie lernten ontogenetisch, während ihrer Lebenszeit. Mit dem Speichern von Erfahrung lernten sie, sich in der Dimension Zeit zurechtzufinden, sie lernten zu lernen, sie lernten sich zu erinnern, sie entwickelten Speicherungsmöglichkeiten für ihre Erfahrungen. Gedächtnisforscherforscher sprechen von einem «episodischen Gedächtnis», welches sich bei Säugetieren entwickelte.

Entscheiden, Zukunft wählen auf Grund von gelernter Erfahrung, setzt voraus, dass Lebewesen ihre Erinnerungen bewerten können. Brauchbare Entscheidungen sollten wiederholt werden, unbrauchbare hingegen vermieden. Die Evolution setzt dazu ihre zweite geniale Erfindung ein – die Gefühle. Lebewesen bewerten ihre Erfahrungen nach dem Muster angenehm - wiederholen; unangenehm - vermeiden. In den Gehirnen von Reptilien, Vögeln und Säugetieren entwickelten sich eine ganze Reihe von solchen spezialisierten Bewertungsorganen. Gehirnforscher nennen es Gefühlshirn oder limbisches System. Alle Sinneserfahrung wird dort bewertet und bekommt dort Sinn. Sinn - oder Bedeutung - ist immer das Ergebnis eines Bewertungsprozesses.

Alles was wir in unserer Umwelt wahrnehmen, muss durch diesen Bewertungsprozess verarbeitet werden. Ohne Gefühle können Lebewesen nicht denken und schon gar nicht nachdenken, sie können ihre Zukunft nicht planen.

Wie lange dauert eine Sekunde?.
Die Zukunft planen...

Erfahrungen erinnern und Erfahrungen bewerten, ermöglichte es den Tieren ihre Zukunft mit «guten» Entscheidungen selbst zu wählen. Bis sie aber lernten ihre Zukunft zu planen, mussten sie eine dritte geniale Erfindung machen: Sie mussten lernen Erfahrungen zu teilen.

Erst wenn viele Einzelne miteinander Erfahrungen austauschen, wenn sie miteinander interagieren, miteinander kommunizieren, entsteht intelligentes Verhalten. Nicht Einzelwesen sind intelligent, eine brauchbare Zukunftsplanung ist das Ergebnis von kollektiver Intelligenz.

Solche Prozesse einer kommunikativen Intelligenz, gibt es im Tierreich auf allen Entwicklungsebenen. Alle sich sexuell fortpflanzenden Lebewesen müssen miteinander kommunizieren. Sie müssen Zeichen lesen und verstehen können. Die Mittel mit denen Erfahrungen ausgetauscht und mitgeteilt werden, von den Duftstoffen der Insekten, den Farbmustern auf der Körperoberfläche von Tieren bis zum Quacken der Frösche und den Gesängen der Vögel, sind alles Zeichen, die verstanden, d.h. interpretiert werden müssen. Diese Interpretationsprozesse bestimmen das Verhalten aller Lebewesen.

Mit Zeichenlesen allein ist aber noch kein Planen möglich. Um die Zukunft planend vorauszunehmen, müssen Tiere – also auch wir Menschen – Vorstellungen im Kopf drehen und wenden können. Dazu müssen sie die Gegenwart ausdehnen. Gegenwart wird messbar lang. Bei Schimpansen dauert sie etwa eine Sekunde, bei uns Menschen drei Sekunden. Drei Sekunden lang können wir in unserem Arbeitsgedächtnis Gedanken behalten, Vorstellungen drehen und wenden. Wir mussten die Zeit erfinden.

Nicht nur die erinnerte Vergangenheit bestimmt unsere Entscheidungen, beim Planen weiten wir unsere Vorstellungsmöglichkeiten aus in die Zukunft. Zukunftsplanung wird zum Denkprozess der gespeicherte und vorgestellte Erfahrung im ganzheitlichen Erfassen der Zeit, im Überblick von Vergangenheit und Zukunft, verbindet. Um ganzheitlich denken zu können, mussten wir lernen, zu vergessen. Erinnerungen mit all ihren Einzelheiten, mit ihren emotionalen Bewertungen und schnellen «Bildschnitten» können wir nicht planend und vorausschauend verarbeiten. Wir müssen die Einzelheiten vergessen. Wir müssen vereinfachen, generalisieren, abstrahieren. Wir bilden Symbole.

Wir Menschen haben gelernt, unser Wollen, unsere Zukunftsplanung, unsere Erinnerungen in der Form von symbolischen Verdichtungen zu speichern. Wir lernten mit Wörtern, Sätzen und Geschichten zu kommunizieren. Wir denken in Sprache, wir planen in Sprache, wir erinnern in Sprache. Wir wählen mit unserem sprechenden Gehirn unsere Zukunft. Wir erzählen Geschichten, wir wundern uns in Geschichten, manchmal denken wir auch in Geschichten über Geheimnisse nach: Wie hat sich im Laufe der Zeit unser Nachdenken verändert? Wie haben wir gelernt uns zu wundern, Fragen zu stellen, über Geheimnisse zu reden? Unsere Sprache hilft uns, Antworten auf Fragen zu finden: Was jetzt? Was soll ich jetzt tun? Wie soll ich mich verhalten?

Sprache stellt Zusammenhänge her, Beziehungen, Muster, Zeitmuster. Es geht in der Sprache immer um Handlungsanleitung, Anweisung für die Zukunft. Alle Sprache wirkt im alltäglichen Geheimnis Zeit. Wir verstehen Sprache, weil wir – zusammen mit anderen – in einer Welt der Sprache leben und gelernt haben miteinander zu handeln. Unsere Welt ist eine Menschenwelt von Handelnden.

Wir Menschen handeln in einer imaginären Welt der sprachlich geprägten Erfahrungen. Wir brauchen gemeinsame Weltbilder, gemeinsame Modelle, um miteinander zu interagieren und durch Kommunikationsprozesse unsere Handlungen zu koordinieren. Als Grundlage unseres gemeinsamen Handelns dienen uns Geschichten, sprachlich geformte Beschreibungen der Wirklichkeit. Wir haben nie einen direkten Zugang zu dem, was IST. Unsere Wirklichkeit ist immer eine durch symbolisch geformte Geschichten miteinander geteilte mythologische Welt. Mythen des Anfangs, Mythen der Zeit, Mythen des Endes – Mythen der Ewigkeit.

Die Zukunft berechnen...

Menschen sind Handelnde, sie suchen darum überall nach Handelnden und erfinden für alle Prozesse den Bewirker. Menschen leben in einer Welt, in der alles einen Grund hat. Aller Wirkung muss ein Handeln vorausgegangen sein. Die Denker seit der Antike haben versucht in Geschichten diese Wirkungen zu beschreiben.

Seit dreitausend Jahren – nur etwa hundert Generationen – versuchen die Menschen die Zukunft vorauszuberechnen. Sie wollen sicher sein, dass ihre Prognosen über den Lauf der Welt «wahr» sind, dass ihre Mittel der Zukunftsplanung sie vor allem Unvorhergesehenen schützen, ja, dass nichts Unvorhergesehenes geschehen kann. In diesen hundert Generationen sprechender Menschen wurden Kontrolle und Beherrschung der Zukunft zum zentralen Anliegen des Nachdenkens.

Ich möchte versuchen aufzuzeigen, dass diese Manie der Sicherheit und der Kontrolle der Zukunft ein ganz schrecklicher Irrtum war. In allen Wissenschaftssparten erkennen Forscher, dass die Zukunft nicht vorbestimmt ist und sich nicht vorausberechnen lässt. Unsere Welt kann nicht das Ergebnis eines einmaligen Schöpfungsaktes sein, sie ist ein schöpferischer Prozess dessen Zukunft nicht berechnet werden kann.

Ich will diesen Prozess des Entstehens von Neuem aufzeigen, indem ich eine Geschichte der Sprache und der Sprachfähigkeit entwickle und mit diesem «Mythos der Sprache» aufzeigen kann, dass nicht sicheres Wissen, sondern Umgang mit der Unsicherheit Anliegen des sprachlichen Kommunizierens ist.

Wie der Mensch zur Sprache kam

Als die Menschen lernten zu sprechen, Symbole zu brauchen, sich Geschichten zu erzählen, veränderte sich die Struktur ihrer Gruppen. Es entstanden Gruppen mit gemeinsamen Erinnerungen (kollektives Gedächtnis). Es entstanden Kulturen, Traditionen, Mythen, Rituale, Religionen, Sagen und Märchen. Geschichtenerzählen hat uns zu «langfristigen» Menschen gemacht. Wir können mit Geschichten Pläne machen und von den Ahnen der Traumwelt lernen. Wir lernten beim Ordnen von Erfahrungen in Geschichten, die Zeit im Ablauf zu verstehen. Wir können mit unseren erinnerten und erzählten Geschichten, die Zeit ordnen. Wir erleben in Geschichten den Fluss der Erfahrungen, den Fluss der Zeit.

Nur die sprechenden Menschen können Zeit ordnen. Erst mit der Sprache entstanden die Denkwerkzeuge, mit denen wir Erinnerungen an Vergangenes einordnen können, mit denen wir über Gegenwärtiges miteinander verhandeln und beim Zusammensein unsere Zukunft planen. Erst die sprechenden Menschen erfanden die Kategorie Zeit. Schimpansen können zwar schon sehr zielgerichtet Nüsse sammeln gehen., doch sie – wie alle Tiere – leben in einer ewigen Gegenwart. Erst die sprechenden Menschen erfanden die Zeit.

Die Fähigkeit des langfristigen Denkens, die Erfindung der Zeit, hat die Menschen zu engen Gruppen verbunden. Menschen lernten dabei das gemeinsame Planen, und diese Gruppenaktivität bestimmte den Aufbau der frühen Menschengruppen. Sie planten beim Palavern, beim Finden eines Konsens. Menschen suchen gemeinsame Ziele. Sie formulieren diese Ziele in Geschichten.

Wir brauchen Sprache ganz anders als die Informationstheoretiker uns vorrechneten. Wir vermitteln nicht Botschaften, wir tauschen Erfahrungen. Es gibt kein übertragbares Wissen, Information kommt uns nicht von außen zu. Information ist die Ordnung, die sich aus dem Denken, den kognitiven Aktivitäten der Lebewesen selbst ergibt.

Menschen sammeln nicht Informationen, sie verstehen die Welt, wenn sie Erfahrungen machen und diese Erfahrungen speichern. Verstehen bedeutet miteinander Erfahrungen sammeln, es bedeutet kooperieren. Das Lesen der geistigen Prozesse in den anderen Lebewesen geht weit vor die Entstehung unserer Wortsprache zurück. Lebewesen verstehen sich selber und ihre Umwelt durch Einfühlung.

Verstehen heißt immer Zusammenhänge konstruieren, Beziehungen entdecken. Am Grund des Verstehens liegt die Fähigkeit, die Gedanken der anderen zu lesen. Verstehen bedeutet, in der Lage sein, den anderen Motive zuzuschreiben, denken zu können, was in den anderen vorgeht, voraussagen können, wie die anderen reagieren.

Unsere Erwartungen und unsere Erinnerungen bestimmen, wie und was wir verstehen. Wahrnehmen und Handeln sind Gehirnprozesse, die unabhängig von äußeren Einflüssen innere Bilder erzeugen und durch Anregungen unsere Motorik steuern. Lebewesen steuern ihr Verhalten auf Grund von Annahmen über die Welt. Solche Annahmen sind auf vielen Ebenen möglich. Ich kann glauben und ich kann glauben, dass ich glaube. Ich kann glauben, dass sie glauben und ich kann glauben, dass sie glauben, dass ich glaube.

In sozial lebenden Gruppen entwickelte sich die Fähigkeit des Lesens von Gedanken anderer Gruppenmitglieder aufgrund von Annahmen über Annahmen der anderen. Wir brauchen die in Wörtern gesammelte Erfahrung unserer Vorfahren in bestimmten sozialen Kontexten um uns gegenseitig einzustimmen auf gemeinsames Tun.

Einstimmen, in gemeinsame Stimmung bringen das ist der Sinn einer bei Vögeln und Säugetieren entstandenen Form der Kommunikation, der Körper-Sprache. Es ist eine Sprache der Gefühle. Tiere lernen «lesen», sie verstehen emotionale Signale, Mimik, Droh- und Beschwichtigungsgebärden. Bei uns Menschen spielt diese Sprache immer noch eine entscheidende Rolle, wir nennen sie “nonverbale Kommunikation” und meinen damit die Zeichen, mit denen wir uns durch Gesten und Stimmlage und Ausdruck und Körperhaltung verständigen.

Über die Sprache der Gefühle bauten sich die Homo sapiens eine Sprache des Verstandes, eine Wortsprache, in der die Symbole nicht mehr Ereignisse sind, sondern benannte Vorstellungen von Dingen und Handlungen (Substantive und Verben). Erst diese Form der Sprache ermöglicht gemeinsames Planen.

Mit der Wortsprache entstand ein neues Medium für die Ordnungsprozesse des Geistes, das Denken der sprechenden Menschen ist anders strukturiert. Die Gehirne der Homo sapiens sind nicht nur größer als diejenigen ihrer Vorgänger, sie sind auch anders organisiert. Es sind – wie die Neurolinguisten sagen – neue Module entstanden. Solche spezialisierte Hirnbereiche gibt es nicht nur für die Sprache, sondern auch für andere Denkprozesse: Als-ob-Spiele, zwei-dimensionale Abbildungen (Zeichnungen), dreidimensionale Abbildungen (Modellieren mit Lehm und Bauen mit Bauklötzen), körperlichen Ausdruck, Musik und Mathematik. Für alle diese Symbolisierungsprozesse gibt es spezialisierte Gehirnregionen. Grundlegend ist die Fähigkeit des Gehirns, die Komplexität der Welt zu vereinfachen und kategoriell zu ordnen.

Menschen entwickelten mit ihren Wortsprachen ein verbindendes, verbindliches Weltbild. Sie verstehen eine sprachlich geprägte Welt und sie können miteinander kommunizieren, weil sie mit ihrem Wortschatz, diese Welt teilen. Wir verstehen einander, weil wir Annahmen über die Welt teilen. Unsere Sprache ist ein Werkzeug der zwischenmenschlichen Kooperation.

Nur Menschen können Bedeutung verstehen. Wie? Wie wir verstehen, fragen Pragmatiker. Sie versuchen die Grundfrage des Verstehens zu ergründen. Die neue Wissenschaft heißt Pragmatik, nach dem griechischen «pragma», die Handlung. Sie beschreibt den Sprachgebrauch, sie studiert «parole», das Sprechen, den Dialog. Das Interesse der Linguisten verlagerte sich von der abstrakten Sprachstruktur (langue) zum Sprachgebrauch (parole). Dabei verschob sich der Suchscheinwerfer in die Geheimnisse unseres Geistes vom Individuum und seiner «eingebauten» Sprachstruktur auf die Prozesse des sprachlichen Miteinander, auf die Situationen des Dialogs und auf die Phänomene des gemeinsamen Wissens, die uns erst Verstehen ermöglichen. Menschliche Sprachen sind ein kollektives Gedächtnis.

Unser Sprachorgan Gehirn analysiert beim Verstehensprozess nicht nur Wort- und Satzbedeutungen, es zieht Schlüsse aus nicht-linguistischer Information. Der Prozess des Verstehens kann nicht als eine Menge von Rechenregeln beschrieben werden. Wir agieren in einer Umwelt, indem wir sie bewerten, indem wir Qualitäten unterscheiden. Wir verstehen immer Qualitäten, wir produzieren Bedeutung nach individuell gelernten Erfahrungen.

Mit solchen subjektiven Phänomenen konnte die objektive Wissenschaft nicht umgehen. Es dauerte lange, bis die Sprachwissenschafter anerkennen konnten, dass Menschen ihre Welt immer durch subjektive Interpretationsprozesse verstehen, wir «wählen» Bedeutung. Was wir Wahrheit nennen, lässt sich nicht als Übereinstimmung unseres Bildes mit dem Objekt beweisen, Wahrheit ist Übereinkunft von Denkern, deren subjektive mentale Prozesse, Gefühle und Gedanken einem Beobachter von außen nicht zugänglich sind.

Beobachtbar ist nur das äußere Verhalten. Die Verhaltensforscher der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts behaupteten, dass sich Verhalten durch das Beobachten von äußeren Anstößen (Stimulus) und Reaktionen (Response) erklären lasse. Lebewesen waren konditionierte Automaten. Es ist erst durch die Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung der letzten Jahrzehnte klar geworden, dass Entscheidungprozesse von Lebewesen eben gerade nicht automatisch sind, sondern kreativ, immer wieder neu. Besonders die Lebewesen mit großen Gehirnen sind in der Lage, immer wieder neu und überraschend zu reagieren.

Die Fähigkeit von Säugetieren ihre Zukunft zu wählen, macht den Umgang mit diesen Lebewesen zu einem schwierigen Spiel. Die Gedankenarbeit des Verstehens durch den Hörer ist kreativ: Hören und Verstehen heißt immer auch Ungesagtes ergänzen. Sprachverstehen bedeutet vervollständigen, was der Codierungsprozess des Sprechers offen ließ. Es wird beim Verstehen mehr mitbedacht, als tatsächlich gesagt wurde. Der Sprecher verlässt sich beim Reden darauf, dass ihn der Hörer verstehen wird. Stillschweigende Verhaltensregeln verpflichten die Sprecher, so zu kommunizieren, dass die Aussage für den Empfänger «relevant» ist . Kommunikation wird dabei definiert als aktives Beeinflussen eines anderen Individuums. Lebewesen kommunizieren, weil sie etwas beeinflussen wollen. Jede sprachliche Äußerung hat zum Zweck, die Welt zu verändern, den Dialogpartner auf die eigene Weltsicht einzustimmen.

Bevor mit solchen sprachlichen Mitteln der Verhaltenskoordination Menschen lernten sich abzustimmen, mussten in der langen Geschichte mehrzelliger Lebewesen Nervensysteme entstanden sein, die zwischen Innen- und Außenwelt vermitteln. Gehirne müssen vereinfachen, generalisieren, abstrahieren. Sie müssen die Komplexität der Welt vereinfachen und kategoriell zu ordnen. Die Verdichtung von Außenreizen geschieht auf drei Ebenen der kognitiven Verarbeitung: Wahrnehmungsebene, Vorstellungsebene, Sprachebene.

Jede dieser Ebenen hat ihre eigenen Verarbeitungsmuster, ihre spezifischen Kategorien. Auf der Ebene der Wahrnehmung verarbeitet unser Gehirn die Sinneseindrücke nach Regeln fürs Unterscheiden und Vergleichen. Was ich bewusst sehe, habe ich immer schon einmal gesehen. Ich sehe nichts Neues. Das heißt: Ich sehe nur, wenn mein Gehirn neue Eindrücke mit alten Erinnerungen vergleichen kann. Alles was ich wahrnehme ist «ähnlich wie...», alle Wahrnehmung ist metaphorisch. Völlig Unbekanntes können wir nicht Wahrnehmen, wir können es nicht mit früheren Erfahrungen vergleichen. Was unsere Gehirne nicht vergleichen können, wird uns nicht bewusst.

Kategorien sind unsere Unterscheidungs- und Vergleichsregeln, sie sind uns mindestens teilweise angeboren, zum allerwichtigsten Teil aber lernen wir diese Regeln durch unsere Erfahrung. Sie erlauben uns, die Welt «ordentlich» zu erfassen. Es sind diese Ordnungsregeln, die Denken ermöglichen. Unsere mentalen Landkarten sind nicht «direkt» mit der Dingwelt verbunden. Lebewesen, die ihren «Umgang» mit der Welt draußen über Sinnesorgane in ihrer Außenhaut steuern, haben auch Nervenzentren entwickelt, die Sinneseindrücke verarbeiten.

In einem Vereinfachungsprozess konstruieren Nervennetzwerke ein Reaktionsmuster. Wir haben im Kopf kein Fotoalbum und kein Filmarchiv. Wir holen beim Erinnern keine abgebildeten Gegenstände aus ihren Schubladen. Wir haben keinen kleinen Mann im Kopf, der Bilder betrachtet. Repräsentationen sind nicht Abbilder, es sind Umwandlungen in ein anderes Medium, Vergegenwärtigungen – wieder in die Gegenwart holen von Erfahrungen.

Der Sinneseindruck des Dings der Außenwelt wird verwandelt in ein Reaktionsmuster von Nervenzellen. Bei diesem Transformationsprozess wird ausgewählt und verändert. Sinnesorgane reagieren auf Unterschiede, sie suchen die Umwelt nach Unterschieden ab, sie leiten solche Unterscheidungen weiter an Nervennetzwerke, deren einzelne Neuronen unterschiedlich reagieren. Diese «unterschiedlichen» Reaktionen sind eine erste Ebene der Repräsentation. Diese Ebene der Erinnerungskonstruktion haben wir Menschen mit allen jenen mehrzelligen Lebewesen gemeinsam, die ein zentrales Nervensystem entwickelt haben.

Wir teilen auch die nächste Schicht des Abbildungsprozesses mit diesen Lebewesen: Wir ordnen diese Nervenreaktionen in bestimmte Muster. Wir ordnen nach den Regeln der Wahrnehmungskategorien unsere Sinneseindrücke zu «Bildern», zu Vorstellungen, zu Gestalten – zu Konzepten.

Menschen haben gelernt, diesen Gestalten einen Namen zu geben. Sie entwickelten Symbole, eine neue Ebene der Repräsentation, die Sprache, ein neues System der Referenz, eine zweite Repräsentationsebene der Namen. Unsere Wörter beziehen sich nicht auf Dinge. Wörter haben keine Referenten in der so genannten «realen» Welt, Wörter sind keine Namen für Dinge, sondern Symbole für Vorstellungen. Vorstellung oder Konzepte können Verhaltensforscher auch bei vielen anderen Tieren nachweisen. Namen gibt es nur beim sprechenden Menschen. Die Fähigkeit des Benennens, das hatten die Denker uralter Mythen schon erkannt, macht den Menschen zum Menschen. Am Anfang war das Wort.

Benennen ist eine Verbesserung des Vorstellungsvermögens. Menschen entwickelten Vorstellungen von Vorstellungen. Die meisten einfacheren Tiere handeln instinktiv, nach angeborenen Verhaltensprogrammen. Auf einer höheren Entwicklungsstufe kommen sie mit angeborenen Lernprogrammen zur Welt. Zu diesen angeborenen Verhaltensprogrammen gehört auch unsere Sprachfähigkeit. Wir können (und müssen) Sprache in einem langen Prozess lernen.

Wir müssen uns die Welt im Kopf vorstellen und die Welt im Kopf verändern können. Das Vorstellungsvermögen (Imagination) gehört zu den Voraussetzungen für das Lernen durch Spielen und beim Menschen für das Lernen durch Sprache. Unser Wahrnehmungsapparat kann nicht nur «für wahr» nehmen, unser Gehirn kann auch Bilder vor uns stellen, «vorstellen». Menschen können also nicht nur denken über ihre Erfahrungen, sie können auch über ihre Vorstellungen, d.h. über ihre Phantasien denken. Dieses Nach-Denken ist eine neue Denkebene. Schimpansen erreichen diese Ebene der Abstraktion nicht. Sie können sich zwar vorstellen, wie der andere reagiert, sie können aber nicht denken, dass die anderen denken, und dass sie anders denken, dass jedes Gehirn in seiner eigenen Wirklichkeit existiert. Schimpansen können keine Annahmen zweiter Ordnung machen.

Die Fähigkeit sich in Andere einzufühlen, zu erkennen wie, was, warum, wozu die Anderen denken, entwickelt sich bei Kindern in einem etwa fünf bis sechs Jahre dauernden Lernprozess. Schon in den ersten Lebensstunden zeigen Neugeborene, dass sie angeborene Kommunikationstechniken haben. Streckt man einem Säugling die Zunge heraus, wird er das imitieren und mit seiner Zunge antworten. Sechs Monate alte Kleinkinder haben beim Interagieren mit ihren Mitmenschen gelernt, Sprache zu verstehen. Sprache verstehen geht der Sprachproduktion voraus.

Die ersten sprachlichen Äußerungen von Kleinkindern sind Laute. Mit sechs Monaten beginnen sie noch bedeutungslose Lautfolgen zu üben, und mit etwa achtzehn Monaten sprechen sie ihre ersten Wörter: Mammi, Papa. Diese Wörter haben Bedeutung, sie verweisen auf etwas und werden eingesetzt um etwas Bestimmtes zu erreichen, zielgerichteter Einsatz des neu gelernten Kommunikationsmediums Sprache. Meine Enkelin brauchte den Ausdruck «mir» für alles, was trinkbar ist, und sie erzählte mit diesem Kurzwort ganze Geschichten. Sie holte ihre Mutter, zog sie zum Kühlschrank, zeigte auf die Türe und sagte: Ich habe Durst, ich will etwas trinken, hier drinnen hat es etwas zum Trinken. Die Linguisten nennen solche Kurzgeschichten Holophrasen, Einwortsätze.

Erst mit etwa drei Jahren sind Kinder in der Lage, mehrere Wörter miteinander zu richtigen Sätzen zu verbinden. Entwicklungpsychologen gehen davon aus, dass sich erst im Alter von drei Jahren die Nervennetzwerke ausgebildet haben, die das Verbinden von Wörtern steuern. Kinder entwickeln aber nicht nur eine Syntax der Sprache, sie bauen auch syntaktische Ordnungen anderer Symbolsysteme auf, sie lernen malen und zeichnen, sie entwickeln eine Grammatik des Singens, des Tanzens, sie bauen Strukturen aus Bauklötzen und «wissen», dass man beim Bauen nicht das kleinste Element zuunterst hinstellen darf. Alle diese Symbolsysteme sind durch syntaktische Ordnungen gekennzeichnet. Am Anfang war der Satz.

Für die Kommunikation und das Denken der Menschen ist der Anfang aber nicht das Wort, auch nicht der Satz. Für uns Menschen gilt: Am Anfang waren die Geschichten. Es gibt es viele Geschichten. Geschichten: Hinter diesem Wort steckt der Begriff «Schicht» oder «Schichtung». Lebewesen bauen sich eine geschichtete Welt, sie erkennen geschichtete Kontexte, Umwelten, in denen sie interagieren. Aus dieser Schichtung beziehen wir Sinn, die Bedeutung unserer Handlungen, den Sinn unseres Verhaltens. Für Menschen entsteht der Sinn ihres Tuns durch das Einordnen in einen Ablauf. Menschen erfinden Geschichte. Wir fragen, wie unsere Gegenwart entstanden ist. Wir erinnern uns. Wir fragen uns, wie die Zukunft sein wird. Wir planen. Menschen nehmen alles in einem Zeitrahmen wahr, sie erfinden Geschichten des Zeitflusses. Diese Fähigkeit des «Ordnens von Zeit» hat sich erst mit der menschlichen Sprache entwickelt. Sprechende Menschen verbinden die Assoziationen ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens zu komplexen Geschichten. Menschen verstehen immer Geschichten.

Erinnern und planen sind so selbstverständliche Fähigkeiten, dass wir über sie nie nachdenken. Wir fragen uns auch nie, warum wir fragen können. Was braucht es, dass wir fragen können? Können auch sprachlose Tiere fragen? Menschensprache hat das Fragen, das Nachdenken nicht erfunden, Nachdenken ist dank Sprache nur ausgebaut worden. Symbole entstanden vor der Entstehung von Namen, aus der Fähigkeit zur Reflektion bei Lebewesen, die sich daran erinnern konnten, dass sie sich erinnern können. Lebewesen also, die wissen, dass sie wissen, und die dadurch sich selbst erkennen können.

Die Sprache als Basis der Zeit

Das menschliche Denken ist viel mehr als bloßes Gedankenlesen, mehr als subjektives Einfühlungsvermögen, mehr als intuitiv aus dem Bauch heraus reagieren. Die sprechenden Menschen haben gelernt «rational» zu denken. Es ist diese Fähigkeit der logischen Analyse, die uns zur Krone der Schöpfung macht. Wir haben mit dieser Fähigkeit gelernt die Welt zu beherrschen.

Wir können die Bahnen der Gestirne voraussagen, unsere Eisenbahnen fahren pünktlich und der Wetterfrosch sagt das Wetter der nächsten Woche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voraus. Diese Faszination der Prognose entstand bei den ersten Pflanzern, für sie war die Beherrschung des Wetters überlebenswichtig. Bei ihnen entstanden die ersten Spezialisten, die Priester die den Willen der Wettergeister vorausberechnen konnten. Sie erfanden Wolken- und Regengötter, Donnerer und Blitzeschleuderer. Ihr Wissen um die Geheimnisse des Kalenders unterschied sie von den Gewöhnlichen und in vielen Kulturen wurden die Kalendermacher zu Abkömmlingen der Götter.

Priester berechneten nicht nur den Kalender, sie konnten aus den Eingeweiden von Vögeln, aus der Konstellation der Gestirne, aus dem Kaffeesatz die Zukunft lesen. In einer Welt, in der alles vorausbestimmt ist, in der alles einen Ursprung hat, muss auch das Unberechenbare berechenbar sein, denn es ist nach Regeln vorausbestimmt. Die indogermanischen Völker glaubten an die Macht des Schicksals. Schicksal ist in den Glaubenssystemen der indischen Arier, der Germanen, der Griechen eine weibliche Gottheit, die über den Göttern steht. Die Fäden des Schicksals spinnt eine Agentin. In diesem Bild ist die Welt eine Ordnung (Komos), die aus Unordnung (Chaos) gemacht wurde. Das unberechenbare Ungeordnete geht der Ordnung voraus. Und dann kommt der Demiurg, der Macher der Ordnung, er sorgt für Ordnung. Er setzt – oben, an der Spitze – die Gesetze, und seine Ordnung wirkt von oben nach unten.

In der Vorstellung der prähistorischen Kosmologien, in denen das Prinzip des Werdens im Zentrum stand, wurde Ordnung nicht von oben eingesetzt, sie entstand in Ordnungsprozessen von unten nach oben. Das Schicksal wurde nicht von oben gemacht, es wurde von unten gesponnen. Die Lebewesen machten sich ihre Lebensgeschichte mit ihrem Handeln. Das Schicksal ist nicht vorbestimmt, nicht vorausberechenbar, wir machen es mit unseren Tun. Wir tragen für unser Handeln die Verantwortung. Diese Erkenntnis haben vielleicht die «gescheiten» Affen den «dummen» Denkern voraus. Affen wissen, dass sie ihr Leben durch geschicktes Interagieren selber steuern. Das Schicksal kommt nicht von Außen.

Planen - Handeln - Kontrollieren - Herrschen, diese Fähigkeiten bestimmen die modernen Menschenkulturen. Herrschaft gibt es aber nicht seit den Anfängen, Herrschaft gibt es erst, seit Geschichte geschrieben wird. Erst in Kulturen, die das Horten von Wissen erfanden, glauben die Menschen an Kontrolle, an die Herrschaft über Dinge und Menschen. In diesen Glaubenssystemen kann der Wille der Götter vorausberechnet werden, die Zukunft wird angeblich berechenbar. Als sich die Menschen ihre ersten Häuptlinge schufen, als die Männer in den übermäßig gewachsenen Gruppen die Führung übernahmen, als patriarchale Gesellschaften und Staaten entstanden, erfanden sie auch Beherrscher in ihrer Vorstellung. Sie erdachten sich mächtige Götter, die die Welt aus dem Jenseits regierten.

In Gesellschaften in denen solche Religionen entstanden, wurden die Menschen in Gewöhnliche und Edle unterteilt. Die Edlen herrschten und die Gewöhnlichen gehorchten. Solche Herrschaftssysteme entstanden in der Bronzezeit, geschichtete Gesellschaftsordnungen, die durch Macht von oben gelenkt wurden und in denen Gehorsam zum obersten Prinzip wurde. Hierarchie und Autorität bestimmt von nun an das Zusammenleben der Menschen. Die Herren erfanden ein Weltbild, in dem das Kontrollieren und das Beherrschen zentral wichtig wurde. Seither erzählen sich die Herren Geschichten von der feindlichen Natur, die sie unter Kontrolle bringen müssen, von Mächten, die sie bekämpfen müssen. Sie erzählen Geschichten vom Kampf ums Dasein – Männerphantasien, Träume von Macht und Allmacht, von Weltveränderung und Heldentaten. Am Anfang kann in diesen Glaubenssystemen nicht die Sprache sein: Am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war die Tat!

Fragen über Sprache sind immer Fragen, die unser Selbstbild verändern könnten. Es sind deshalb gefährliche Fragen. Die Antworten könnten uns zwingen, ein neues Bild im Spiegel zu sehen. Wir sind nicht die Herren der Schöpfung, es gibt keine Erde, die wir uns untertan machen könnten. Wir sind Teil einer Geschichte des Lebens. Unsere «Mutter», die Erde, hat eine lange Geschichte. Es sind unter den Lebewesen Fähigkeiten des Entscheidens und des Wollens entstanden.

Menschen planen die Zukunft. Wichtig sind dabei die Beziehungen, die man mit anderen Menschen hat. Die Entwicklung von verbaler Kommunikation, die Entstehung von Sprache, war weitgehend von der Notwendigkeit der Beziehungspflege gesteuert. Die Geschichten der Menschen sind verbindend und verbindlich für die ganze Gruppe. Sprache ist eine soziale Fähigkeit. Sie entstand nicht im Gehirn von einzelnen, sie entstand in der Gesellschaft. Sprache ist Gesellschaft.

Für dieses Geschöpf der Gemeinschaft ist nicht Konkurrenz das fundamentale Gesetz, es ist die Kooperation. Gesellschaft bedeutet für Menschen zusammenleben mit anderen, mit denen man das Weltbild teilt, mit denen man die Rituale, die dieses Weltbild darstellen, gemeinsam erlebt. Gesellschaft ist das Miteinander beim Singen und beim Tanzen. Gesellschaft hat nicht ein mächtiger Jemand befehlen können. Ordnung kommt nicht von oben. Gesellschaft ist ein Aufbauprozess von unten nach oben, ein Prozess des Miteinander. Der Mensch ist ein Wesen, das auf das Zusammenleben mit seinesgleichen angewiesen ist, weil er Sprache hat. Das Sprechenlernen ist die Voraussetzung für unsere Existenz. Spezifisch menschlich ist nicht das rational denkende Individuum, es sind die «Miteinander-Sprechenden», die Gesellschaft. Wir sind, was wir sprechen. Wir sind unsere gemeinsame Sprachkultur. Sprache ist gemeinsames SEIN, Miteinander.

Bei Wildbeutern – bei Menschen, die in sozialen Gefügen leben, die jenen unserer Vorfahren ähnlich sind – wird das Gleichgewicht im Zusammenleben in einem gemeinsamen Koordinationsprozess immer wieder gefunden. Diese gemeinsame Koordination steht am Anfang der Sprache. Es braucht dafür keine Befehlshaber. Es erfordert konsensfähige Individuen. Soziale Koordinationsprozesse setzen voraus, dass die einzelnen Mitglieder der sozialen Gruppe in der Lage sind, sich Vorstellungen über ihre Nächsten zu machen und ihre Beziehungen zu den anderen zu planen. Sprache entstand als Medium der Vermittlung zwischen Menschen, ein Medium des Miteinander, der Kommunikation, und sie ist deshalb eine Ebene des Denkens über den Einzelhirnen. Der Logos, das Wort, ist gemeinsam. Sprache entstand nicht im Gehirn von einzelnen Individuen. Die meisten Philosophen fragten nach dem Entstehen des Einzelbewusstseins, wir müssen nach der Entstehung des gemeinsamen Bewusstseins fragen.

Sprache entstand aus der Verbindung von vorsprachlichen Denkoperationen mit neuen symbolischen Möglichkeiten, Eindrücke zu ordnen. Die Erfindung der Verbalsprache ermöglichte die Konstruktion der typischsten menschlichen Fähigkeit, das Konstruieren von Gedankenzügen. Menschen können mit Symbolen über das Denken hinaussteigen zum Nach-Denken, zum Fluss der Geschichten .

Die ersten Anfänge dieser Fähigkeit des «Über-etwas-Denkens» sind schon bei den gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen zu finden. Diese Vor-Menschen entwickelten die Kunst des Nach-Denkens aus der Notwendigkeit des Erkennens von anderen. Am Anfang stand das Mitfühlen, die Empathie. Sie ermöglicht das Vorauserkennen des Verhaltens anderer. Lebewesen erwarben soziale Kompetenz, sie lernten ihre Beziehungen zu anderen zu steuern. In der Beziehung zu anderen erkannten diese Lebewesen zum ersten Mal «etwas über etwas anderes».

Die Sprache der Emotion entstand vor der Sprache des Verstandes. Die sozialen Organisationsformen der Frühmenschen ermöglichen die Ausbildung enger Kooperation. Soziale Prozesse ermöglichten die Entstehung eines «kollektiven Bewusstseins». Aus den gemeinsamen Vorstellungen über die von der Gemeinschaft akzeptierten Umgangsformen entstanden Weltbilder (Kosmologien), daraus wuchs die Sprache. Geteilte «Symbole» waren die Grundlage der gemeinsamen Sprache, der geteilten Kultur. Sprache ist nicht Information, sie ist nicht primär Mitteilung. Sprache vermittelt Gefühle, eine geteilte Welt. Geschichten sind der Hintergrund, die Basis des Handelns (Mythos). Gemeinsames Handeln wird durch Rituale tradiert. Das ist die ursprüngliche Funktion der Religion.

Die Kunst der Mitteilung

Man stelle sich vor: Ostafrika. Vor 7 Millionen Jahren. Die Welt unserer Urgroßeltern. Irgendwann zwischen 5 und 7 Millionen Jahren trennte sich die Linie unserer Vorfahren, der Australopithekinen, vom Stamm der anderen Großaffen. Die «Südaffen» (pithecus-Affe) gingen auf den Hinterbeinen. Dieser Übergang vom Tiergang zum Menschengang (Bipedie) soll diesen «Tieren» einen Überlebensvorteil gebracht haben. Es stellte die Hand frei zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen. Unsinn! Von der Freistellung der Hand, von den Anfängen der Zweibeinigkeit zur Herstellung von Steinwerkzeugen vergingen drei Millionen Jahre.

Der «Anpassungsvorteil» der Australopithekinen muss in einem anderen Bereich gesucht werden. Sie hatten die Sprache der Gefühle weiter entwickelt. Geerbt hatten die Australopithekinen von den gemeinsamen Vorfahren – außer ihren genetischen Programmen – die Sprache der Gefühle. Sie konnten in engen Gruppen kommunizieren und ihr Verhalten koordinieren. Sie hatten auch die Fähigkeit, Kulturen zu schaffen, von den gemeinsamen Vorfahren geerbt. Sowohl Schimpansen- wie Menschenvorfahren konnten Erfahrungen von einer Generation an die nachfolgende weitergeben, sie entwickelten Traditionen des Könnens.

Der entscheidende Bereich dieser frühesten Kultur war aber nicht handwerkliches Können, das kam erst viel später. Es war der Bereich der Erfahrungen im Miteinander, der die früheste Menschenkultur prägte, es war eine Miteinanderkultur mit sozialem Wissen. Die Primaten entwickelten einen gemeinsamen Logos, eine gemeinsame Sprache ohne Wörter, eine Sprache des Umgangs miteinander, eine Moral der Gruppe.

Diese Sprache regelte den Verkehr unserer Vorfahren. Sie waren nicht nur lieb miteinander, sie lernten auch das Streiten auf einer höheren Ebene. Sie konnten lügen und die anderen übervorteilen, sie konnten aber auch Streit schlichten und sich versöhnen. Paläontologen nennen diese ersten Formen von Kultur bei Primaten «episodische Kultur». Sie ist auf dem «episodischen Gedächtnis» aufgebaut. Die Gehirne dieser Vorfahren konnten «Episoden», ganze Sequenzen von Ereignissen speichern, und sie konnten diese Abläufe von Erinnerungen zum Nachdenken brauchen, sie konnten ihre Erfahrungen nach den Maßstäben ihrer Gefühlssprache ordnen. Sie hatten gelernt, Erfahrungen zu bewerten, und sie bewerteten nach einer gemeinsamen Ordnung von Werten: Ausgleich, Gleichgewicht, Gleichheit, Miteinander, Miteinanderteilen, Miteinanderleben, Freuen, Trauern, Lachen, Weinen - miteinander.

In dieser frühesten Kultur lernten die Lebewesen ihre Gefühle zu steuern. Das Gefühlshirn (limbisches System) wurde mit dem Denkhirn (Neocortex) verkoppelt. Die Primaten lernten, den Ansturm von Gefühlen in ihrem präfrontalen Cortex abzubremsen, und sie begannen mit dem «Verstand» zu reagieren. Sie erprobten das Nachdenken. Sie lernten dabei auch sich selbst zu erkennen, sie wurden «selbstbewusst».

Sich selbst erkennen heißt Gewahrwerden von eigenen Gefühlen und eigenem Denken über die eigenen Gefühle. Es wird solchen Lebewesen ein bewusstes Erleben möglich. Und sie können sich ihre Erlebnisse, oder ihre Stimmungen auch mitteilen. Sie haben dafür ihre eigene vorverbale Sprache entwickelt.

Affen mögen sehr gescheit sein, aber so gescheit wie wir, sind sie nicht. Stimmt. Affen senden keine Affenmänner auf den Mond, sie denken immer nur an Bananen. Ihr Denken und ihre Kommunikation ist immer gegenwartsbezogen, sie planen nicht, sie erfinden keine Symbole. Und doch sind die vorsprachlichen Erfindungen der Affen- und Menschenvorfahren die notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung von Sprache und Intelligenz. Affen können verstehen, sie können Zeichen lesen, sie können kommunikativ Handeln. Die Fähigkeiten der Kommunikation zwischen Individuen ermöglichte die Ausbildung von stabilen und engen Sozialgruppen, Gruppen, die gemeinsame Traditionen weitergeben konnten und die neue Formen des Umgangs untereinander entwickelten.

Und wir modernen Menschen sind diesen primitiven Vorfahren weit überlegen, meinen seit ein paar hundert Jahren die Denker. Wir haben Verstand. Seit den griechischen Philosophen ist es die Fähigkeit des rationalen Denkens, die unsere Überlegenheit ausmacht. Wer immer strebend sich bemüht, wird dem reinen Geist näher kommen. Wir müssen dazu nur unsere tierischen Anlagen, unsere Gefühle, überwinden. Die Ergebnisse der Hirnforschung der letzten Jahrzehnte haben dieses Selbstbild entscheidend verändert. Wir haben nicht einen überlegenen, vom Körper abgehobenen Verstand, der uns anleitet. Unsere Gehirne sind auf allen Ebenen vernetzt. Es gibt ebenso wenig eine «reine Vernunft», wie es eine reine «animalische», unbewusste Triebhaftigkeit geben kann.

Das Lernen von sozialen Umgangsformen ist schon auf der Stufe der gemeinsamen Primatenvorfahren hoch entwickelt. Die ersten Zweibeiner bauten kulturelle Traditionen weiter aus. Sie begannen immer mehr Zeit miteinander zu verbringen, sie erfanden das gemeinsame Essen, sie teilten ihre Nahrung. Schimpansenhorden durchstreifen ihre Reviere auf der Suche nach Nahrung, und sie fressen, was ihren über den Weg läuft. Die Südaffengruppen bewegten sich in einem viel größeren Revier als Schimpansen, sie durchstreiften offene Savanne, suchten und sammelten und brachten ihre Funde in ein gemeinsames Lager zurück.

Das Teilen von Nahrung erzeugte das Mit-Teilen von Kultur. Kultur ist Teilen von Erfahrung. Die Südaffen verbrachten mehr Zeit im Miteinander als die früheren Primaten und beim gemeinsamen Tun entstand die früheste Kunst, die Kunst der Mitteilung.

Kunst entwickelte sich als Kunst der Kommunikation. Unsere Vorfahren der «episodischen Kultur» veränderten ihr Zusammenleben durch die Entwicklung gemeinsamer Weltbilder, die in Tanz, Gesang und Pantomime ausgedrückt wurden. Es entstand vor zwei Millionen Jahren eine Kultur der Körpersprache. Merlin Donald nennt diese neue Kulturstufe «mimetische Kultur», eine Kultur der Darstellung. In den Gruppen der zweibeinigen Primaten entwickelten sich neue Formen der Kommunikation. In gemeinsamen Ritualen lernten die Homo habilis und die Homo erectus das Darstellen von Episoden. Ihre Gehirne konnten Erinnerungen an Handlungen umformen und mitteilen.

Menschen begannen ihre Erfahrung auf neue Weise zu strukturieren. Sie sammelten in ihren Ritualen Wissen. Sie entwickelten eine Musiksprache, die ganz neue formale Eigenschaften hat, und die in neuen Gehirnstrukturen gespeichert ist. Gemeinsames Singen ist in allen archaischen Kulturen des modernen Menschen ein sehr wichtiger Teil des Miteinander einer Menschengruppe. Bei den Pygmäen im Kongo-Urwald müssen die Menschen miteinander singen, um Mutter Wald zu beruhigen, wenn es Streit gibt zwischen den Leuten. Solche Gesangssitzungen können, je nach Schwere des Verstoßes gegen Gruppenregeln, mehrere Nächte dauern. Diese Gesänge bauen ein gemeinsames Grundgefühl der Gruppe wieder auf, und ich stelle mir gerne vor, wie die ersten Homo ebenfalls an ihrer gemeinsamen Stimmung «arbeiteten» beim Singen und Tanzen.

Der moderne Mensch, der Homo sapiens sapiens, erscheint vor 150 000 Jahren auf der Bühne des Lebens. Die Paläontologen streiten sich über den Anfang unserer Spezies. Manche Forscher glauben Anzeichen zu sehen, dass wir uns an verschiedenen Orten im Laufe der Jahrhunderttausende entwickelten. Neue Theorien der Genetiker gehen davon aus, dass Homo sapiens in Afrika entstand und sich im Verlauf der letzten hunderttausend Jahre über den ganzen Erdball verbreitete. Die frühesten Funde von Nachkommen dieser Adams und Evas außerhalb des Kontinents Afrika fanden die Archäologen in Palästina, sie sind etwa hunderttausend Jahre alt. Von Palästina aus verbreiteten sich die modernen Menschen vor etwa 60 000 Jahren über den Kontinent Asien, sie fuhren in Schiffen über Meerengen nach Australien und begannen um 40 000 vor unserer Zeit, sich in Europa zu verbreiten. Die neuen Menschenkulturen sind fundamental anders als die vorangegangenen mimetischen Kulturen. Es sind Kulturen von sprechenden Menschen.

Als die sprechenden Menschen auf der Lebensbühne erschienen, entstand eine «Zeit- und Geschichtenkultur». In Jäger und Sammlerkulturen sind die Formen des Zusammenlebens von Geschichten bestimmt. Die Sprache ist der Kitt der Gesellschaft. Die sprechenden Homo sapiens schufen gemalte und geformte Geschichten, die Höhlenkunst. Höhlenmalereien sind nicht einfach Bilder, es sind gemalte Geschichten, es ist die früheste Form von Schrift. In den Kulturen der sprechenden Menschen steht das Teilen von Gefühlen und Gedanken im Zentrum. Koalitionen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe von sprechenden Menschen und die Möglichkeiten Allianzen mit Nachbargruppen zu bilden, bestimmen den Alltag der Menschen in den mythischen Kulturen. Sprache ermöglichte den Homo sapiens die Erfindung gemeinsamer Weltbilder, die dem Miteinanderhandeln und dem gegenseitigen Verstehen zugrunde liegen. Die sprechenden Menschen formulierten in ihren Geschichten Antworten auf die Grundfragen ihres Daseins: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

Menschen brauchen kleine, überblickbare Gruppen, um ein menschenwürdiges Leben zu leben. Sie schufen sich diese Ordnungen im Laufe von Millionen von Jahren und sie überlebten diese lange Zeit, weil sie «miteinander» überlebten. Die Kulturen der letzten hunderttausend Jahre waren Hoch-Kulturen.

Über die Geschichte dieser Hochkulturen habe ich allerdings in der Schule nie etwas gelernt. Für die gescheiten Lehrer damals – und oft noch heute – begann die Kultur mit den alten Griechen, und seit den Griechen sind wir in einem stetigen Prozess des Fortschreitens in nur 3000 Jahren ganz schnell immer besser geworden. Unendlich langsam von episodischer zu mimetischer, von mimetischer zu mythischer, und dann rasant schnell von mythischer zu theoretischer Kultur ging der Weg. Ein Weg des unaufhaltsamen Fortschritts. In dieser theoretischen Kultur haben die Menschen gelernt mit Wissenschaft und Technik die Natur zu beherrschen. Die Menschen lernten auf ihrem Weg Herren und Sklaven zu unterscheiden, und nur die Herren hatten Kultur. Die Herren erfanden immer Neues - Religion, Literatur, Philosophie, Kunst und Technik.

In den «theoretischen Kulturen» der letzten dreitausend Jahre sind die Gruppen auf Millionen von einsamen Agenten gewachsen. Die Menschen haben dabei das Zusammensein verlernt. Unsere Gruppen sind so groß geworden, dass kein Vertrauen in die Beziehungen mit den anderen entstehen kann. In diesen anonymen, d.h. «namenlosen» Massen von Menschenatomen, entstanden soziale Krankheiten, wachsende Gewalt, Krieg, Herrschaft, Unterdrückung. Und wir therapieren dann einsame, kranke Individuen, wenn sie Gemütsprobleme haben, und merken nicht, dass wir die Gesellschaft therapieren müssten.

Wir sind nicht Individuen, die zufällig in dieser oder jener Umgebung mit anderen zusammentreffen, wir sind zutiefst abhängig von stabilen, lang dauernden Beziehungen. Menschen haben im Laufe der Evolution gelernt in kleinen Gruppen miteinander zu leben, in anonymen Gesellschaften von lauter Fremden können wir nicht funktionieren. In diesen Gruppen von Fremden gilt der Kampf aller gegen alle. Das Menschenbild dieser Großgruppen hat das Gefühl abgewertet; dumme Menschen haben Gefühl, die Gescheiten haben Erfolg. Wir sind nicht mehr fähig, die Grundlage unseres Wohlbefindens im gemeinsamen Tun zu sehen. Wir denken nicht mehr über unsere nonverbale Kommunikation nach, sondern erhoffen Besserung durch Verbesserung der rationalen Steuerung des Verhaltens. Homo faber “schmieden” immer bessere Informationssysteme für einzelne, und wir vergessen, dass einzelne nur in der Geborgenheit der Gruppe zufrieden, im Frieden mit sich selbst, leben können.

Brauchen wir vielleicht ein neues Menschenbild? Ein Menschenbild in dem nicht die männliche Rationalität als höchste Fähigkeit gepriesen wird. Unser Emotionssystem ist für unser Überleben viel wichtiger. Unser sprachliches Denken hat sich im Miteinander entwickelt. Erkenntnis und Selbsterkenntnis sind kollektive Phänomene. Diesen Grund der Sprache – die Gemeinschaft der Menschen – haben wir in unseren Massengesellschaften verloren. Wir Heutigen brauchen Sprache zum Sammeln von Wissen, und wir sammeln immer mehr Wissen. Wir erfanden das Schreiben. Die Erfindung von äußeren Speichern für unser Wissen, das was die Soziologen «externales Gedächtnis» nennen, prägt das Denken aller Menschen, die das Lesen dieser Speicher gelernt haben. Die Sprache der Schrift ist eine sehr andere Sprache, und die Ordnung der Schrift beeinflusst unser Sehen, Fühlen und Denken. Die literarisch gebildeten Menschen sind Augenmenschen geworden. So haben denn alle Denker, die über Sprache nachgedacht haben immer die Schriftsprache ins Zentrum gesetzt. Sie entwickelten Grammatiken, die den Gebrauch der Schrift beschrieben. Sie vergaßen, dass Menschen Sprache brauchen, um sich zu verstehen.

Zufrieden, im Frieden mit sich und den anderen, das nannten die Vorfahren «selig». Aus dem Wort «saelic» ist im Englischen das Wort «silly» (dumm) entstanden. Eigenartig! «Selig» sind die geistig Armen, die Dummen. Nur die Dummen sind wirklich gescheit. Der nichts will, der nichts weiß und der nichts hat: nur der kann «selig» sein, nur der ist zufrieden. Dieser Satz fasst zusammen, er ist die Quintessenz aller Religionen, der Weisheit letzter Schluss: Wer gelernt hat mit anderen zu interagieren, wer gelernt hat zu sprechen, weiß, dass er nicht mehr wollen darf als der Nächste, er weiß, dass er nichts für immer «haben» kann, und er weiß auch, dass er nichts Endgültiges weiß und wissen kann.

Vom Umgang mit der Zeit...

Zukunft wählen, Zukunft planen – Zukunft beim gemeinsam Feiern suchen und beim zufriedenen Miteinandersein auch finden. Dafür braucht man viel Zeit. In Jäger und Sammlerkulturen brauchen die Menschen nicht mehr als zwei bis drei Stunden um Nahrung zu finden. Acht Stunden – soviel wie wir – schlafen sie. Und den Rest des Tages – mehr als die Hälfte der 24 Tagesstunden - verbringen sie beim Nichtstun, beim miteinander Geschichten erzählen.

Könnte es sein, dass die Erfindung der zweckgerichteten Arbeit uns die Zeit stielt, die wir zur Pfle-ge unseres grundlegensten Bedürfnisses – unseren Beziehungen zu den Anderen – einsetzen müss-ten?

Ich habe meinen Umgang mit der Zeit auf einer langen Pilgerreise nach Santiago de Compostella revidieren müssen. Ich war mit dem Fahrrad 2222km gereist, 6o Tage, effizient, schnell und gänz-lich unbrauchbar: Ich reiste viel zu schnell. Am Ende der Welt – in finis terrae – konnte ich nicht mehr weiter. Ich musste sitzen bleiben und das „Lob der Langsamkeit“ lernen.

Ich lernte dort beim Stillsitzen auch darüber nachdenken, wie ich’s in Zukunft mit dem „Zukunft berechnen“ halten wollte. Wir Menschen können die Zukunft nicht vorausnehmen. Es gibt sie nicht, die sichere Prognose. Wir können unser Leben immer nur hier und jetzt leben, in aller Unsicherheit.

Ich habe den Weg nach Santiago zwei Jahre später nocheinmal gemacht - zu Fuss: Wanderer, Deine Fusstapfen sind der Weg, und sonst nichts. Wanderer, es gibt keinen Weg, Du machst den Weg beim Gehen.

Caminante, son tus huellas
el camino, y nada mas.
Caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino
y al volver la vista atras
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino
sino estelas en el mar.

WANDERER, DEINE FUSSTAPFEN
SIND DER WEG, UND NICHTS SONST.
WANDERER, EINEN WEG GIBT ES NICHT,
DEN WEG MACHST DU BEIM GEHEN.
BEIM GEHEN MACHST DU DEN WEG,
UND BLICKST DU ZURüCK,
SO SIEHST DU DEN PFAD
DEN DU NIE WIEDER
BETRETEN MUSST.
WANDERER, EINEN WEG GIBT ES NICHT,
NUR WIRBEL IM WASSER DES MEERES. Antonio Machado