DIE EVOLUTION DES GEISTES        


EIN  MODERNER  MYTHOS

Es war einmal - am Anfang - ein Planet und der Planet war wüst und leer. Er war heiss und kein Leben war auf ihm. Nicht gab es Unterscheiden, nicht Vergleichen, nicht Lernen und nicht Handeln. 

Das war vor 4700 Millionen Jahren. Dieses Alter haben Kosmologen errechnet. Geologen haben in Australien Felsbrocken untersucht und darin Versteinerungen von einzelligen Lebewesen gefunden. Sie schätzen das Alter dieser Fossilien auf 3400 Millionen Jahre. Manche Biologen glauben, dass die ersten Lebewesen schon vor 4000 Millionen Jahren entstanden sind, in heissen Quellen ohne Sauerstoff. 3000 Millionen Jahre lang - zwei Drittel der Evolutionsgeschichte - belebten solche Einzeller die Wasser unserer Mutter Gaia. 

Einzeller bestehen aus hochkomplizierten Molekülen, die lernten, sich mit einer Haut von ihrer Umwelt abzuschotten und in ihrem Inneren Ordnung aufzubauen. Die Biologen sprechen von Selbstorganisation. Selbstorganierende “Einheiten” können mit ihrer Umwelt Energie austauschen. Dies nennen die Biologen Metabolismus. Lebewesen lernten , ihre eigene Struktur an eine neue Generation weiterzugeben. Sie könen sich replizieren. Die Elemente der Zellen bilden Systeme, sie bauen Ordnung auf, aus sich selber, oder - wie die Biologen sagen - autopoietisch (sich selbstaufbauend). In solchen Systemen erscheinen neue Eigenschaften (Emergenz), sie “erscheinen” (emergieren) durch Zusammenwirken von Elementen in Gefügen (Synergie). 

Vom ersten Unterscheiden

Und die Wasser der Erde waren nicht mehr leer. Die Wasser enthielten Leben. Aus den Wassern wurde Lebenswasser. Im Wasser schuf das Leben Unterscheiden von Innen und Aussen. Aus dem Leben wuchs der Geist des Miteinander. Das Leben teilt sich mit, es schafft sich Gefüge. Lebewesen wollen schufen den Wert des Lebens. 

Lebewesen bildeten ein Gedächtnis des Lebens. Sie lernten ihre Baupläne zu speichern. Sie lernten sich zu verhalten. Lebewesen wollen leben, ihr Verhalten ist zielgerichtet, es ist intentional. 

Vor etwa 600 Millionen Jahren lernten die einzelligen Lebewesen, sich zu Kolonien zusammenzuschliessen. Ihre Kooperationsfähigkeit liess “Metazoa” entstehen, Mehrzeller. In ihnen gaben die einzelnen Zellen ihre Selbständigkeit auf und spezialisierten sich - zum Wohl des ganzen Organismus. Es entstanden Hautzellen, die den Organismus gegen aussen abschliessen (Membrane) und es entstanden Organe, die im Inneren den Energiehaushalt regeln. Es entstanden auch Zellen, die zwischen Innen und Aussen vermitteln. Diese Vermittlerzellen nennen wir Neuronen. Es entstanden Nervennetzwerke, Gehirne. Wo sich Zellen zu Zellkolonien vereinen, entsteht eine neue Ebene der Koppelung, eine strukturelle Koppelung zweiter Ordnung, eine Koppelung einer Koppelung. 

Ein solches mehrschichtiges System hat mehr Möglichkeiten des Verhaltens, es schafft neue Ordnungen, autopoietische, emergente Eigenschaften. Mehrzellige Lebewesen entwickelten das Vergleichen. 

Vom ersten Vergleichen

Und die lebenden Wesen erkannten ihre Welt. Sie erinnerten ihre Welt. Sie bauten ihre Welt. Sie verglichen ihre Welten.

Der Aufbau von Sinnesorganen ermöglicht den mehrzelligen Lebewesen ein repäsentieren ihrer Umwelt, sie speichern in den Nervenzellen Modelle ihrer Erfahrungen mit der Umwelt. Vertebraten, die Rückenmarktiere, entwickelten zur Speicherung und Verarbeitung von Reizen und Erfahrungen Gehirne. Die Entwicklung dieser Zentralnervensysteme bestimmte dann in Fischen, Fröschen und Eidechsen den Umgang der Lebewesen mit ihrer Umwelt. Komplexe Lebewesen konnten die Eindrücke ihrer Sinnesorgane im Gehirn bündeln und waren in der Lage, das Innen vom Aussen in einer neuen Form zu unterscheiden. Sie entwickelten Weltmodelle. Diese Modelle sind für die Untergruppen der Metazoa verschieden. Ein Frosch wird inmitten fetter Fliegen verhungern, wenn diese Fliegen sich nicht mehr bewegen. Er nimmt nur Bewegung war. Er sieht keine Fliegen, er hat keine Vorstellung von Fliegen, sein Nervensystem ist zur Konstruktion solcher Modelle nicht fähig. Jedes unserer Mitgeschöpfe lebt in einer eigenen Welt, seinem artspezifischen Konzeptsystem. Alle Mehrzeller leben in einer von ihnen selbst konstruierten Welt, und  artspezifische Weltmodelle haben den Zweck, den Lebewesen das Überleben in ihren “Welten” zu ermöglichen. Die Erfahrung ungezählter Generationen wurden in Reaktionsprogrammen festgeschrieben. Es entstanden instinktive Verhaltensweisen. 

Vom ersten Lernen

Und die Erde war nicht mehr wüst und leer. Tiere und Pflanzen verliessen die Wasser und nutzten die Nahrung der Erde. Sie verliessen das ewig gleiche Wasser und siedelten in der veränderlichen Welt des festen Landes. 

Sie mussten dabei lernen,  sich an eine schnell verändernde Umwelt anzupassen. Instinktgelenkte Lebewesen können nur auf immer gleiche Reize reagieren. Sie können nicht handeln. Erst die Brutpfleger, die Vögel und die Säugetiere, lernten Neues zu lernen. Ihre Verhaltensprogramme wurden flexibler. Ihre Weltmodelle waren nicht mehr gänzlich genetisch festgelegt, sie konnten sich als Individuen an Veränderungen der Umwelt anpassen. Ihre Verhaltensprogramme waren nicht mehr durch Vererbung (phylogenetisch) determiniert, sie lernten während ihrer eigenen Lebensgeschichte, sie waren ontogenetisch geprägt. Diese ontogenetische Prägung der Verhaltenssteuerung verlangt den Aufbau von Gedächtnis, das heisst der Speicherung von Erfahrung. Neue Eindrücke werden mit Erinnerungen verglichen. Gedächtnis erlaubt das ursprüngliche Unterscheiden der ersten Lebewesen, das Wahrnehmen von innen und aussen durch die neue Ebene der Vernetzung von Erinnerungen zu erweitern. Tiere, denen die grössere Speicherfähigkeit des Gehirns die Speicherung individueller Erfahrung ermöglicht, entwickelten ein neues System der Unterscheidung und des Vergleichens, die Gefühle (Emotionen). Sie ordnen angenehme und unangenehme Eindrücke. Angenehm ist “gut”, das kann das Lebewesen brauchen und kann sich “wollend” solche Eindrücke suchen. Unangenehm ist “schlecht”, das suchen sie zu vermeiden. Diese emotionale Verhaltensteuerung ist im limbischen System lokalisiert, einer Hirnschicht, die sich in den frühen Säugetieren entwickelt hatte. Die Geschichte dieser neuen Form der Verhaltenssteuerung nahm ihren Anfang vor etwa 150 Millionen Jahren. Es ist die Geschichte des Lernens. Sie dauert bis heute. Wir lernen noch immer. 

Die Geschichte des Lernens ist eng gekoppelt an die Geschichte des Miteinander, der Kommunikation. Lebewesen lernten ihre Reaktionen zu koordinieren. Sie lernten auf Reaktionen der anderen zu reagieren. Wo in den Gehirnen komplexere Modelle der Welt gespeichert werden, wächst auch ein Modell der Innenwelt (Subjektivität). Lebewesen fangen an, sich selber wahrzunehmen. Zu der so entstandenen Innenwelt haben die anderen nie direkten Zugang. Wir können uns aber in unsere Nächsten einfühlen (Empathie). Lebewesen lernten auf einer neuen Ebene zu kommunizieren. Im langsamen Laufe der Zeit, als Vögel und Säugetiere lernten, ihre “Nachbarn” zu  erkennen und auf sie zu reagieren, entstand Sozialität, Gruppenverhalten. Wir können diese innerspezifischen Koppelung  als Koppelung dritter Ordnung bezeichen: Koppelung der geistigen (mentalen) Welt der Individuen mit der Welt der Gesellschaft, dem System der Kommunikation (Luhmann).

Bei den Primaten wurde das Erkennen der Nächsten so wichtig, dass ihnen die Fähigkeit erwuchs, die Reaktionen der anderen vorauszuplanen. Sie lernten sich einfühlen in die verborgene Innenwelt der Nächsten. Sie entwickelten eine Theorie des Denkens der anderen (Theory of Mind). Solche Formen der Kommunikation kannten wahrscheinlich schon die gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse, deren Wege sich vor etwa sieben Millionen Jahren trennten. 

Die Linie, die zu uns Menschen führt, unterschied sich in den Anfängen der Menschwerdung vor fünf Millionen Jahren nur wenig von den anderen Primaten. Wir wissen, dass sich die Ostaffen (Australopithecus) anders bewegten, als ihre Nachbarn die Schimpansen. Sie gingen auf den Hinterbeinen. Ihre Gehirne aber blieben Affengehirne. Bis sie das Sprechen lernten. Bis sie lernten ihre Gefühle den Nächsten mitzuteilen. Bis sie lernten zu fragen: Wie geht es Dir?

Vom ersten Handeln

Und die Menschen dieser Erde schufen sich eine Menschenwelt. Sie unterschieden das Innen vom Aussen und bezeichneten das Ich und das Du. Sie trennten das Gute vom Bösen und besprachen ihr Dasein miteinander. Sie lernten das Glauben, das Wünschen und das Handeln.

Als die Menschen sprechen lernten, wurden ihnen die Augen aufgetan für die anderen. Sie erlebten sich im Spiegel der anderen, sie erkannten sich selber im Spiegel der anderen, sie erkannten sich in der Sprache. Es entstand das “zoon politicon”, der Mensch der Gemeinschaft.

Der Ursprung der Sprache liegt im Einfühlungsvermögen. Wer sich in einen anderen hineinversetzen kann, erlebt sich selber als ein eigenständiges “ego”. Primaten entwickelten Selbst-Bewusstsein als sie lernten, sich vom Nächsten zu unterscheiden und mit den Nächsten zu kommunizieren. 

Lebewesen hatten im Laufe der langen Geschichte gelernt mit der Umwelt zu kommunizieren (Chemotaxis, Tropholaxis). Soziale Lebewesen lernten auch ihr Verhalten mit den anderen zu koordinieren. Sie brauchten Gesten, Laute, Blicke und Duftabsonderung, um miteinander zu kommunizieren. Diese im Laufe der Ontogenese gelernte Verhaltenskoordination ist der Anfang des menschlichen  Kommunikationssystems (Linguolaxis). Seit wir sprechen können, nehmen wir nicht nur wahr, wir nehmen bewusst wahr. Wir können über unsere Wahrnehmung nachdenken, reflektieren. Wir nehmen wahr, dass wir wahrnehmen. Wir denken, dass wir denken. Wir nehmen bewusst wahr, was für uns wichtig ist. Wir nehmen wahr, was “relevant” ist. Wie wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, wissen wir nicht. Es sind sicher keine “einfachen”, linearen Rechenprozesse, sondern  komplexe, nichtlineare Gehirnprozesse, die aus Chaos Ordnung herausfiltern, die aus Chaos Kosmos schaffen. Lebewesen müssen Ordnungen schaffen, um sich in der Welt, die immer wieder überraschend neu ist, zu orientieren. Sie lernten Wiederholtes von Einmaligem zu unterscheiden, das Wiederholte zusammenzu-fassen und nach dem “Gleichen” zu suchen.

In dieser Fähigkeit ist das Phänomen Bewusstsein verankert. Bewusstsein ist allen Lebewesen mit zentralen Nervensystemen gegeben. Auch Tiere sind bewusst. Dies sollte uns Menschen bewusst werden. Menschliche Gehirne haben beim Sprechen dazu noch gelernt, die so entstandene Welt der Ordnung, den Kosmos, zu benennen und diese Ordnung mit anderen zu teilen. Sie erfanden Symbole, Verbindungen von Lauten und Vorstellungen. Alles was benannt ist, existiert. Und - es existiert erst, wenn es benannt ist. Draussen herrscht Chaos, Kosmos schaffen wir Menschen durch unsere Sprache. Wir schufen einen Kosmos aus drei Ebenen: Wir unterscheiden wie alle Lebewesen. Wir vergleichen wie alle Tiere mit Gedächtnis. Wir ordnen unsere innere Lebenswelt mit Hilfe unserer Sprache.  Bei der Suche nach dem Gleichen haben unsere Gehirne auch gelernt, Gleiches selber zu kreieren. Menschen schaffen Vorstellungen, sie entwickeln Phantasie, Imagination. Mit dieser neuen Fähigkeit hat der Mensch auch gelernt zu handeln. Wir können uns nicht nur vorstellen, wie die Welt sein könnte, wir können auch Methoden erdenken, wie wir die Welt, nach unseren Wünschen, verändern könnten. Wir agieren, wir handeln.

Der Prozess des Wünschens war schon weit früher entstanden. Wünschen können auch andere Tiere. Das Handeln ist erst mit der Sprache aktiv geworden. Wir kleiden Wunschvorstellungen in Worte, um sie im Geiste zu verändern. Wir planen mit der Sprache. Pläne sind Geschichten. Wir planen und handeln - gemeinsam. 

Wir fragen und wir erzählen Geschichten - miteinander. Wir fragen, woher wir kommen, und erzählen Geschichten über unsere Geschichte. Wir lernen, wer wir sind in Gemeinschaft. Wir sind unsere gesammelte Erfahrung, wir sind unsere Geschichten. Unsere Welt ist eine in Sprache gefasste Menschenwelt. Unsere Welt ist unsere Kultur, die wir uns sprechend formen.

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