Über Sinn und Unsinn in unserem Denken
Sprachliche Gedankengänge

Urs Boeschenstein


Caminante, son tus huellas el camino, y nada mas.
Caminante, no hay camino, se hace camino al andar.
Al andar se hace camino y al volver la vista atras
se ve la senda que nunca se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino sino estelas en el mar. Antonio Machado

No hay camino - es gibt keinen sicheren, vorgezeichneten Weg, keine dauernde, unveränderliche Ordnung – es gibt nur Ungeordnetes - „Wirbel im Wasser des Meeres“, eine chaotische, undurchschaubare Umwelt, in der Lebewesen navigieren, sich selbst bewegen müssen.

Das ist wohl die wichtigste Erkenntnis der Naturforscher des 20. Jahrhunderts: Lebewesen sind autonome, autopoietische Systeme, sie haben keinen direkten Zugang zur Welt, in der sie leben ,und sie entwickeln eine „geistige Ebene“, auf der sie im Innern Bilder und Bezüge zu ihrer Umwelt speichern können. Man könnte dies als Mythos der Entstehung des Lebens, des Geistes und der Gesellschaft erzählen:

Mit dem ersten Unterscheiden entstand Leben, die Wasser der Erde waren nicht mehr leer. Die Wasser enthielten Leben. Aus den Wassern wurde Lebenswasser. Im Wasser schuf das Leben Unterscheiden von Innen und Aussen. Aus dem Leben wuchs der Geist des Miteinander. Das Leben teilt sich mit, es schafft sich Gefüge. Lebewesen wollen, sie schufen den Wert des Lebens. Und die lebenden Wesen erkannten ihre Welt. Sie erinnerten ihre Welt. Sie verglichen ihre Welten. Sie bauten ihre Welt. Es entstand Geist.
Und die Erde war nicht mehr wüst und leer. Tiere und Pflanzen verliessen die Wasser und nutzten die Nahrung der Erde. Sie verliessen das ewig gleiche Wasser und lebten in der veränderlichen Welt des festen Landes. Lebewesen lernten miteinander zu denken, sie lernten ihr Verhalten zu koordinieren.
Und die sprechenden Menschen schufen sich eine Menschenwelt. Sie unterschieden das Innen vom Aussen und bezeichneten das Ich und das Du. Sie trennten das Gute vom Bösen und besprachen ihr Dasein miteinander. Sie lernten das Glauben, das Wünschen und das Handeln.
Wir Menschen fragen und wir erzählen Geschichten - miteinander. Wir fragen, woher wir kommen, und erzählen Geschichten über unsere Geschichte. Wir lernen, wer wir sind in Gemeinschaft. Wir sind unsere gesammelte Erfahrung, wir sind unsere Geschichten. Unsere Welt ist eine in Sprache gefasste Menschenwelt. Unsere Welt ist unsere Kultur, die wir uns sprechend formen.

Wir Menschen sind - dank unserer Sprachfähigkeit - nachdenklich geworden. Wir erdenken uns Theorien über unsere unsichtbare Umwelt und wir können diese Geschichten so abstrakt formulieren, dass sie viele Ebenen über unserer Alltagswelt in den Wolken des Geistes schweben.
Wenn diese Wolken-Theorien nützlich sein sollen, mir Fragen des Hier und Jetzt beantworten zu helfen, dann muss ich anders fragen lernen. Ich darf nicht mehr fragen, WAS ist? Ich habe bei gescheiten Nachdenkern - bei Niklas Luhmann, Peter Fuchs, Dirk Baecker, Humberto Maturana, Francisco Varela und vielen anderen - gelernt zu fragen: WIE kann ich denken? Wie kann ich mein Denken beobachten? Wie kann ich das Denken heute vom Denken unserer Vorfahren unterscheiden?

Vom Sein-Denken zum Prozess-Denken: In der Welt der Sein-Denker gab es ewige Wahrheiten. Seit den frühen griechischen Philosophen suchten Nachdenker nach zeitlos gültigen Wahrheiten. Sie suchten nach Gesetzen in einer Welt des Dauernden, einer Welt der Gewissheit.
Aus dieser Welt des sicheren Wissens sind wir Menschen im Verlauf der letzten paar Generationen vertrieben worden. Unsere Welt verändert sich und unser Wissen muss immer neu diesen Veränderungen angepasst werden. Das nenne ich Prozess-Denken. Sein – Existenz - ist nicht vorproduziert, nicht „erschaffen“. Der schöpferische Prozess des Wandels lässt immer neu Existenz entstehen.

Vom vertikalen Weltbild zum horizontalen Weltbild: Sein-Denker unterscheiden unten und oben. Körper ist unten, Geist ist oben. Nur wer „immer strebend sich bemüht“ erreicht den „Spiritus“, den ewigen Geist. Materie und Geist sind feste Dinge, die sich gegenseitig ausschliessen.
Prozess-Denker unterscheiden horizontal. Ihre Vorstellungs-Welt ist aufgespannt zwischen Polen der stetigen Veränderung. Es gibt keine festen Gegensätze, nur Prozesse des Wandels.

Vom ewigen Wissen zum dynamischen Nicht-Wissen: Meine Welt ist eine Welt des Wandels, ein Welt-Prozess. Ich kenne keine zeitlosen Sicherheiten und muss versuchen auf den Turbulenzen der Wirbel im Meer der Lebensprozesse schwimmen zu lernen. Ich nenne diese Erfahrung „dynamisches Nicht-Wissen“.

Mein Nachdenken über die „Erfahrungen meiner Existenz“ gilt meiner Sprache, meinen Grund-Begriffen, dem Zusammenhang meiner Vorstellungen: Glauben – Wissen – Erfahren - Unterscheiden – Beobachten - sich selbst beobachten; Unterscheidungen – Gegensatzpaare; Körper – Geist; Yin – Yang.
Ich will nicht mehr fragen Was ist? Ich will fragen Wie? Wie lebe ich? Wie denke ich?
Ich will nicht mehr fragen, Wer bin ich? Ich will fragen: Wie entstehen meine Fragen?
In welchem dynamischen Netzwerk von Ideen, von Vorstellungen, kann ich „sinnvolle Fragen“ überhaupt erdenken und wie finde ich sinnvolle, das heisst alltagstaugliche Antworten. Welche Gedankengänge meiner Sprachumwelt sind alltagstauglich? Ich muss nachdenken über Sinn und Unsinn meiner, unserer Sprache.

Wie entstand gemeinsamer Sinn?

Sinn, oder mit einem anderen Begriff beschrieben „Bedeutung“, entsteht in der Wahrnehmung von Lebewesen, die keinen direkten Zugang zur Umwelt haben. Sie entwickeln Nervennetzwerke, die innere Zustände speichern, sie machen sich Bilder vom Aussen (ikonische Zeichen). Diese Bilder „make sense“ – nicht weil sie auf etwas aussen deuten oder verweisen, sie haben vollständig eigengemachten Sinn. Die Bedeutung unserer Wahrnehmungen können wir nicht miteinander teilen.
Gemeinsamer Sinn entstand, als Lebewesen lernten, in kleinen Gruppen zusammen zu leben, als sie lernten, das Verhalten der anderen zu beobachten und zu interpretieren. Zähnefletschen oder Schwanzwedeln bedeutet mehr als nur Wahrnehmungsbilder, es verweist auf Möglichkeiten des Reagierens, es sind Hinweiszeichen (Index). Solche Zeichen können Lebewesen miteinander teilen – sie können sie aber nicht mitteilen.
Gemeinsamen Sinn mitteilen, das lernten erst die Menschen. Sie lernten mit Symbol-Zeichen zu kommunizieren. Mit den Symbolen unserer gemeinsamen Sprache – unseren Wörtern – bauen wir eine geteilte Sprachwelt, eine gemeinsame Denkwelt, unsere Kultur. Seit wir „sprachen“ können unterscheiden wir Sinn und Unsinn, wahr und falsch, gut und böse, Sein und Nicht-Sein. Wir sind seither in einer Entweder-Oder-Form des Denkens gefangen.

Aus diesem Gefängnis versuchen Nachdenker seit alters her auszubrechen. Buddha meinte, das Entweder-Oder-Unterscheiden verursache Leiden und riet seinen Mitmönchen, das „dualistische“ Denken zu überwinden. Beide Seiten einer jeden Unterscheidung entstehen gleichzeitig und sind nur als beide miteinander erfahrbar in einer Sowohl-als auch-Form des Denkens.

Caminante, no hay camino sino estelas en el mar.

Diese Unterscheidung von zwei Formen des Denkens – des Entweder-oder und des Sowohl-als-auch – habe ich lange Nachdenkzeit lang nicht verstehen können. In meinem Alltag unterscheide ich Entweder-oder: Etwas ist – oder es ist nicht, meine Sprache bezeichnet Sinnvolles und nicht Sinnloses, entweder macht mein Wahrnehmen Sinn – oder mein Denken ist Un-Sinn. Ich kann nicht beides gleichzeitig denken. No hay camino - es gibt keinen Weg. Wenn ich in Sprache über meinen Weg zu denken versuche, gibt es den Weg - hay camino. Beim Nachdenken gibt es den Weg, den ich gemacht habe. In Sprache denkend ist es mir aber nicht möglich den Nicht-Weg zu denken. Die kreativen Wirbel sind verdeckt. Muss ich aufhören, in Wörtern zu Denken, um zu verstehen, dass nur jenseits des Unterscheidens die Einheit erfahrbar wird?
__________________________________________________________

Nachdenken über das Nachdenken: Wie kann ich meinen Denkraum erweitern? Wie denke ich über die "Gegensätze" hinaus? Wie lerne ich das "Sowohl-als-auch-Denken? Wie mache ich mir - jenseits des Unterscheidens - die Einheit erfahrbar?

Unterscheiden - Anzeigen - Erkennen - Erfahren

Manchmal ver-zwei-felt habe ich seit langem versucht, die Gesetze der Form von George Spencer Brown zu studieren und die
Begriffe Unterscheidung und Anzeige zu verstehen.
„Wir nehmen die Idee der Unterscheidung und die Idee der Anzeige als gegeben an, und dass wir keine Anzeige vornehmen können, ohne eine Unterscheidung zu treffen.“ (SPENCER BROWN 1997: 1)
„We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction.“ (
SPENCER BROWN 1969: 1)
Das Buch "Die Paradoxie der Form" von Felix Lau hat mir eine Annäherung ermöglicht.
Lau Form 32:
Im englischen Original verwendet George Spencer Brown den Begriff indication, was in der deutschen Sekundärliteratur zu den Laws of Form zumeist mit „Bezeichnung“ übersetzt wird. Wie bereits im „Einführenden Überblick“ erwähnt, übersetzen wir diesen Begriff mit „Anzeige“. Zum Verständnis dieser Entscheidung ist es hilfreich, andere Bedeutungen zu kennen, die mit indication mitgemeint sind: vor allem „Andeutung“ und „Hinweis“.
Die Anzeige hebt eben die eine Seite einer Unterscheidung hervor, sie zeigt die eine an bzw. weist auf die eine der Seiten hin. Von den genannten Übersetzungsmöglichkeiten ist „Anzeige“ gerade wegen des darin enthaltenen „Zeigers“, der auf die eine oder die andere Seite einer Unterscheidung zeigt, am prägnantesten.
Im Zusammenhang mit einem Beobachter, der eine Unterscheidung trifft, können wir auch von einer Lenkung von Aufmerksamkeit sprechen.
Ein Beobachter schenkt einer Seite einer Unterscheidung mehr Aufmerksamkeit als der anderen. Von daher leuchtet auch ein, dass mit einer Anzeige noch nicht unbedingt der Gebrauch eines Namens gemeint ist. Um anzuzeigen wird noch nicht einmal ein (Schrift-) Zeichen benötigt.
Das heißt, um die Welt als unterschiedene zu erkennen, bedarf es nicht notwendigerweise einer symbolischen, die Welt repräsentierenden Ebene. (Das „Zeichen“ markiert eben nicht außerhalb der wahrgenommenen Welt, das „Zeichen“ ist die Welt.)
Hinter einer Anzeige steht lediglich ein Motiv dafür, etwas als unterschiedlich im Wert zu erkennen. Das kann durch eine Bezeichnung fixiert werden. Die Anzeige kann die Form einer Bezeichnung oder eines Namens haben. Zum Beispiel merkt man zuerst, dass es kalt ist, bevor man es denken oder sagen kann. Jedes Zeichen und jeder Name ist eine Anzeige, aber eine Anzeige muss kein Name sein.

Die Übersetzung von "indication" mit dem Wort "Anzeige" war die umwerfenste Erfahrung, die ich beim Lesen dieses Buches machte. Ich hatte immer mit "Bezeichnung" übersetzt und mir damit das Verstehen verbaut.
Zur Bezeichnung brauchen wir Sprache. Das Beobachten, das Unterscheiden und Anzeigen ist wahrnehmen vor sprachlicher Fixierung. Alle Wahrnehmung von Lebewesen ist Beobachten, ist unterscheiden und "etwas" bemerken, auf etwas aufmerksam werden, the appearance of a universe - das Erscheinen einer Welt.
"Die Wahrnehmung weltet". (Peter Fuchs )

Es ist in dem Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen „Zeiger“ und „Zeichen“ aufschlussreich, zwischen dem Treffen einer Unterscheidung und der Vorstellung einer Unterscheidung zu unterscheiden.
Wenn man eine Unterscheidung trifft, zeigt man eine ihrer Seiten an. Und die Unterscheidung, das heißt die Einheit der beiden Seiten, verschwindet aus dem Blickfeld. Oder mit anderen Worten:
Das Treffen einer Unterscheidung kann nie bewusst, also gedanklich miterlebt werden. Es geschieht jetzt.
Stellt man sich hingegen eine Unterscheidung vor, wie beispielsweise die zwischen gut und böse, ist die Unterscheidung selbst angezeigt (und auch bezeichnet, da man beide Seiten kennt); die vorgestellte Unterscheidung wird von anderen (unangezeigten) Unterscheidungen unterschieden.
Eine Unterscheidung zu treffen meint nicht, sich eine Unterscheidung ins Bewusstsein zu rufen. Dann kennt man immer beide Seiten, aber man trifft die Unterscheidung eben nicht, sondern stellt sie sich vor und trifft dabei eine andere Unterscheidung, die mit der momentanen Aktivität des Bewusstseins einher geht: Man unterscheidet Unterscheidungen.
Das heißt, das aktuelle Getroffensein einer Unterscheidung kann ein Beobachter nur mittels einer weiteren Unterscheidung, einer weiteren Beobachtung erkennen – und dann sieht er nicht mehr die aktuelle, sondern eine vergangene Unterscheidung. Über eine bestimmte Unterscheidung nachzudenken, zu reden oder zu schreiben, ist immer die Vorstellung einer Unterscheidung.

Alles Bezeichnen ist im Nachhinein, es ist eine anschliessende Beobachtung, eine Beobachtung der vorangehenden, wahrnehmenden Beobachtung, eine Beobachtung zweiter Ordnung. Erleben, Erfahren, ist ursprünglicher als das Denken und als das Beschreiben.
Das zwingt mich beim Nachdenken über meine Sprache dazu, viele meiner Gundbegriffe anders zu "beobachten", anders einzuordnen: Bewusstsein kommt immer hinterher, Erkennen geht dem Wissen voraus. Alles Wahrnehmen ist vorbewusst. Mein bewusstes "Beobachten", mein
Unterscheiden und Bezeichnen, ist an Sprache gebunden und da ich nur eine Seite, nur "etwas" bezeichnen kann, bin ich auf der Seite der Bezeichnung gefangen. Sprache zwingt mich in eine einseitige, bewusste Form des Denkens. Spencer Brown nennt die vorsprachliche, vorbewusste Form des Erkennens "awareness".

Laws of Form: Preface to the 1994 Limited Edition Seite VII:
A generation has grown up since Laws od Form was first published in English. Human awareness has changed in the meantime, and what could not be said then it can be said now. In particular, I can now refer to the falseness of current scientific doctrine, what I call scientific duplicity: that appearance and reality are somehow different.
Since there is no means, other than appearance, for studying reality, they are definitely the same.
But the scientist not only supposes they are different, and that he is „gradually finding out“ the one by means of the other; he supposes also that awareness (which he mistakenly confuses with consciousness) of the reality-apperance is something that is different again.
The universe is simply what would appear if it could. Its laws are the laws of the possible, called by Sakyamuni the links of conditioned coproduction, called by me the calculus of indications. Each teaches exactly the same teaching, how what cannot possibly be anything comes to appear as if it were something. Since there is only one way this can happen, the teaching is always the same. Unfortunately, human beings have a childish propensity to turn what ever they learn into religions, and when this happens the original teaching is corrupted.
„We“ make an existence by taking apart the elements of a triple identity. The existence ceases when we put them together again. Sakyamuni, the only other author who evidently discovered these laws, remarked in this context, „Existence is duality: nonexistence is non-duality. (The more a being cultivates consciousness at the expense of awareness, the stupider it becomes.
Western civilisation has promoted consciousness and neglected awareness almost to the point of complete idiocy. I have had to spend the greater part of a lifetime undoing and reversing the destructive ravages of my one-sided education.)
Any indication implies duality, we cannot produce a thing without coproducing what it is not, and every duality implies triplicity: what the thing is, what it isn't, and the boundary between them. Thus you cannot indicate anything without defining two states, and you cannot define two states without creating three elements. None of these exists in reality, or separately from the others. In reality there never was, never could be, and never will be anything at all. There! You always knew with it. No other answer makes sense.

Page XXIX: A Note on the Mathematical Approach: The theme of this book is that the universe comes into being when a space is severed to or taken apart. The skin of a living organism cuts off an outside from an inside. So does the circumference of a circle in a plane. By tracing the way we represent such a severance, we can begin to reconstruct, with an accuracy and coverage that appear almost uncanny, the basic forms underlying linguistic, mathematical, physical, and biological science, and can begin to see how familiar laws of our own experience follow inexorably from the original act of severance. The act is itself already remembered, even unconsciously, as our first attempt to distinguish different things in a world where, in the first place, the boundaries can be drawn any where we please. At this stage the universe cannot be distinguished from how we act upon it and the world may seem like shifting sand beneath our feet.

Die Welt erscheint uns ohne festen Grund wie bodenloser Sand. Wenn wir aus der Denkwelt des Entweder-oder in die Denkwelt des Sowohl-als-auch wechseln, verlieren wir die Möglichkeit des Glaubens an Sicherheit.

"Wir müssen lernen, sozusagen ohne festen Boden unter den Füssen zu leben, mit jener Bodenlosigkeit der Existenz, aus der viele verschiedenste Welten entstehen können, von denen keine ein fester Bezugspunkt ist." Francisco Varela

Es gibt keine Welt vor der Unterscheidung – da ist nicht einmal "Nichts", nur ununterschiedene Bodenlosigkeit, und unterscheiden muss ein „Beobachter“, ein Jemand, der nicht wissen kann, wie er erschienen ist. Der Beobachter ist auch bodenlos. Die Welt und der Beobachter entstehen miteinander im Akt des Unterscheidens.


George Spencer Brown entdeckte mit den Laws of Form das einfachste Fundament, das heißt die einfachsten Aussagen über den mathematischen Anfang. Er erkannte, dass die gesamte mathematische Welt – aber nicht nur diese – darauf basiert, dass jemand eine Unterscheidung trifft.
Der Neurobiologe und Kognitionsforscher Humberto R. Maturana war einer der ersten, der die Bedeutung des Beobachters für jede Erkenntnis über die Welt, die Realität oder das Universum wissenschaftlich klar herausstellte. Eine seiner bedeutsamsten und radikalsten Aussagen ist:
Alles, was gesagt wird, wird von jemandem gesagt.“ (Maturana; Varela 1987: 32) Mit den Laws of Form kann man diesen Satz umformulieren in: „Alles, was unterschieden wird, wird von einem Beobachter unterschieden.“
Mit den Laws of Form wird wie bei Humberto R. Maturana die These vertreten, dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist. (Lau Form S.9 ; S.156)

„Triff eine Unterscheidung – draw a distinction!“ Das ist der erste Befehl in den Gesetzen der Form. Wer dieser Anweisung folgt, erschafft eine Welt, es erscheint eine Form mit zwei Seiten, einer markierten und einer unmarkierten Seite. Und es erscheint ein Jemand, ein Beobachter, der einer Seite Wert beimisst und eine Seite markiert. Dem Beobachter erscheint „etwas“.

Confronted with the apparent universe, we all asked the question, 'What is it?'
We then looked for the answer in exactly the wrong direction.
We all searched for a set of descriptions of what it looked like.
The proper way is to discover the instructions how to make it.

Spencer Brown A Lion's Teeth pg.134

Wenn ich etwas sehe (weil ich es unterscheide und bezeichne) - wenn also eine Welt entsteht durch Beobachtung, sollte ich keine Was-Frage stellen. Sinnvoller wäre es zu fragen: Wie ist diese Erscheinung entstanden? Nur dann kann ich etwas wissen.

Wissen - Glauben

Felix Lau Form der Paradoxie S. 23:
Der deutschen Auflage der Laws of Form, die 1997 erschien, stellt George Spencer Brown eine Diskussion der Unterscheidung zwischen den Methoden „Befehl und Betrachtung“ sowie „Gerede und Interpretation“ voran. (Man findet diese Unterscheidung in der ersten Vorbemerkung zu den Gesetzen der Form, überschrieben mit „Vorstellung der internationalen Ausgabe“, die sich in keiner anderen Ausgabe der Laws of Form findet.)
Der Unterschied der beiden Methoden beruht auf einer unterschiedlichen Sprachverwendung (anweisend – beschreibend), die mit einer Erkenntnis über Sprache korreliert:
Gesagtes kann man glauben – aber nicht wissen.
Die von George Spencer Brown verwendete Methode beruht darauf, dass der Lernende bzw. Noch-nicht-Wissende Aufforderungen befolgt, bestimmte Operationen selbst durchzuführen und dann zu betrachten, wohin er mit ihnen gelangt.
In herkömmlichen mathematischen Texten findet man keine Aufforderung, etwas selbst zu tun. (Ausgenommen natürlich die floskelhafte Aufforderung: „Den einfachen Beweis möge der interessierte Leser selbst finden.“ Die dort verwendete Formulierung „Es sei...“ verschleiert die Herkunft einer Unterscheidung.
Es wird also unentwegt unterstellt, dass bestimmte Dinge so-und-so sind (tatsächlich und von sich aus). Die Sprachform ist dann beschreibend und lässt insofern einen Spielraum für Meinungen und Interpretationen. Aber gerade die Mathematik kann sehr schön zeigen, dass das, was wir (als wahr) erkennen, von dem abhängt, was wir tun (müssen), um dorthin zu gelangen. Dann ist sie anweisend, mithin unabhängig von Meinungen, und impliziert, dass Erkenntnisleistungen immer Konstruktionsleistungen sind.
Was man erzählt bekommt, kann man glauben oder lernen, aber nicht wissen. Wissen erlangt man allein durch eigene Erfahrung. Ohne Erfahrung ist „Wissen“ abstrakt und leer – und mithin kein Wissen, sondern eben Glaube oder Meinung.
Diesen Erfahrungshorizont des Wissens kann der Lehrende nur durch die Methode von Befehl und Betrachtung öffnen. Auf diese Weise wird der Lernende angeleitet, selbst zu entdecken, was es ist, das er weiß – er wusste vorher lediglich nicht, wie und wohin zu schauen. In diesen Zusammenhang fällt, dass George Spencer Brown auf der Ebene der Rhetorik den Imperativ verwendet. Damit stellt er unentwegt heraus, dass es die Lesenden selbst sind, die die Unterscheidungen treffen, und nicht der Autor, der lediglich Vorschläge für zu treffende Unterscheidungen macht.(In diesem Sinne ist auch die Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann zu verstehen:
Durch Kommunikation wird keine Information übertragen. Der Sprecher kann nicht wissen, wie der Hörer seine Aussagen versteht, was sie bei ihm bewirken, auf welchen Boden an Bedeutungen sie fallen; er kann nicht einmal sicherstellen, dass der Hörer die verwendeten Begriffe mit den von ihm gemeinten Unterscheidungen assoziiert, geschweige denn, dass er überhaupt zuhört. Deshalb ergibt sich: Wollte man Wissen vermitteln, müsste man dem Gesprächspartner mitteilen, was er zu tun hat (welche Unterscheidungen er wie einzusetzen hat), so dass er das zu vermittelnde Wissen selbst erfährt. Denn dann gibt es keinen Zweifel und es ist keine Frage von Meinung mehr, dass das Befolgen der Anweisungen zu dem Ergebnis geführt hat.
Da es auch eines seiner inhaltlichen Anliegen (der GdF) ist zu zeigen, dass wir selbst es sind, die unsere Welt durch die Beobachtung erzeugen, ist die Verwendung des Imperativs (als Aufforderung) Ausdruck seines Verständnisses von Welt. Er vertritt und betreibt diese These, indem er die Lesenden, die Beobachter seines Kalküls, anleitet, sich selbst als die Schöpfer der Form zu erkennen.
George Spencer Brown wendet sich also gegen eine Methode zum Wissenserwerb, die Gesetze und Definitionen so verwendet, als vermittelten diese etwas objektiv Wahres. Hinter dieser Vorgehensweise sieht er die irrige Doktrin, dass jemand etwas wissen könne, indem man es ihm bloß erzählt. Stattdessen ist sein Vorschlag, gerade auch Gesetze und Definitionen nicht als Beschreibungen, sondern als Befehle oder Aufforderungen zu begreifen. Sie sind die Regeln von „Lasst uns so tun, als ob“-Spielen.

Da es eine der Absichten dieses Textes ist, anhand der Laws of Form zu zeigen, dass Objekte oder andere Manifestationen von Unterscheidungen in diesem Sinne nicht wirklich (objektiv, unabhängig) sind, da die Welt keine Unterscheidungen enthält, sondern wir Beobachter es sind, die diese mit dem Prozess des Beobachtens mit-produzieren, geraten wir in das Problem, „dass wir in einem Buch Worte und andere Symbole in einem Versuch gebrauchen müssen, das auszudrücken, was der Gebrauch von Worten und anderen Symbolen bislang verschleiert hat.“ (
SPENCER BROWN 1997: XXXIV)
Sprache ist, da sie auf den Gebrauch von Unterscheidungen angewiesen ist, einerseits unfähig zu beschreiben, wie Realität entsteht, andererseits ist sie aber gerade das Medium, das wir benötigen oder zumindest einsetzen, so dass Realität erzeugt und wahrgenommen werden kann. Erst indem die Aufmerksamkeit auf das Treffen von Unterscheidungen gerichtet wird, können wir erkennen, wie Realität zu Existenz gelangt, und einen Versuch unternehmen, durch Sprache das Unsagbare zu sagen. So benutzt die Lehr- oder Darstellungsmethode von Befehl und Betrachtung Sprache, um zu einer letztlich nicht-sprachlichen Erfahrung, Erkenntnis oder Einsicht zu führen.
Man kann hier eine Verwandtschaft zu Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie vermuten, die auch George Spencer Brown in seinen Anmerkungen bestätigt.
Sprache ist nur vorstellbar, indem mit ihr abgegrenzt wird, beispielsweise indem jemand über etwas spricht, und indem sie (bzw. mit ihr) zwischen dem, über das jemand spricht, und anderem, über das er nicht spricht, zu unterscheiden ermöglicht. Sprache gebraucht notwendig Unterscheidungen; und zwar in jeder Wortverwendung, da jedes Wort von anderem Unterschiedenes meint.
Wie wir aus dem Kalkül ersehen, sind Worte oder Namen nicht als Verweise auf eine unabhängige Realität zu verstehen. Vielmehr markieren sie Grenzziehungen eines Beobachters, denn sie erhalten ihren Gehalt eben nur durch einen Beobachter, der eine Anzeige verwendet, um eine Unterscheidung operativ brauchbar zu machen. Deshalb ist es unmöglich, die Welt oder Wirklichkeit, wie sie unabhängig von einem Beobachter sein könnte, zu beschreiben.
Jede Beschreibung ist die Beschreibung eines Beobachters. Und jede Unterscheidung ist eine Unterscheidung eines Beobachters. Das, was der Fall ist, ist immer für einen Beobachter der Fall.
Zudem scheint Sprache dafür verantwortlich zu sein, dass wir die Unterscheidungen, die sie trifft oder die wir in oder mit ihr treffen, für wahr halten. So, als dächten wir, die Unterscheidungen und Bezeichnungen fänden sich in einer Wirklichkeit als objektiv gegeben, spiegelten diese gleichsam wider. Dies zu realisieren, dass Worte nichts Wirkliches bezeichnen oder anzeigen, sondern von jemandem verwendet werden, um die Welt handhabbar zu gestalten, meint George Spencer Brown, wenn er von „Entlernen“ redet.
In der „Einführung“ in die Laws of Form spricht er vom „Entlernen der geläufigen deskriptiven Superstruktur, welche, bis sie abgelegt ist, irrtümlich für die Wirklichkeit gehalten werden kann.“ (
SPENCER BROWN 1997: XXXIV)
Unlearning of the current descriptive superstructure which, until it is unlearned, can be mistaken for the reality.“ (
SPENCER BROWN 1969: XX)
Für einen klaren Blick auf Realität wird es unerlässlich sein, die Unterscheidung zwischen dem Namen und dem Benannten nicht aus den Augen zu verlieren und in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen.
Hier soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass wir leicht die Realität verwechseln mit der Beschreibung von Realität, respektive mit unseren Gedanken über Realität, die beide Unterscheidungen benötigen.


Ich habe auf meinen Gedankengängen sehr viel "entlernen" müssen. Der Warnung vor der Verwechslung von Realität und Beschreibung bin ich bei Alfred Korzybski begegnet: The map is not the territory. Es hat mir geholfen, viele Beschreibungen aus der Sprachwissenschaft zu hinterfragen. Keine Beschreibung bildet Wirklichkeit ab. Wörter haben ihren Sinn nicht in Bezug auf erkannte Dinge sondern in Unterschieden zu anderen Wörtern. "Dans la langue il n'y a que des différences!" sagte Ferdinand de Saussure. Bedeutung - Sinn entsteht nicht durch Verweisen auf eine Objekt-Realität, sondern durch Beziehungen zwischen unseren Unterscheidungen. Solche Gedankengänge wurden mir erst nach langem "Entlernen" lernbar. Felix Lau hat mir mit seinen Kommentaren zu Spencer Brown viel neu Lernbares vorgedacht:

Da Beobachtung in dem hier darzustellenden Theoriezusammenhang auf der Operation des Unterscheidens basiert, liegt „die am tiefsten eingreifende, für das Verständnis des Folgenden unentbehrliche Umstellung darin, dass nicht mehr von Objekten die Rede ist, sondern von Unterscheidungen.“ (LUHMANN 1997: 60) Dabei werden Unterscheidungen nicht als Unterschiede im Sinne von vorhandenen Sachverhalten begriffen, sondern als Aufforderungen, sie zu treffen, weil wir andernfalls nichts anzeigen könnten, also nichts zu beobachten hätten.
Im Vordergrund des Begriffes der Unterscheidung steht nicht dessen Sortierleistung, sondern seine Konstruktionsleistung: jede Unterscheidung ist deshalb erkennbar, weil sie von jemandem (einem Beobachter) getroffen wird, und nicht, weil die Welt sie bereitstellt. Die Welt enthält keine Unterschiede.
Sowohl für Luhmann als auch für Spencer Brown gilt also, dass die Radikalität ihrer Theorien darin begründet liegt, dass sie von Differenz statt von Einheit ausgehen – das heißt mit Unterscheidungen beginnen, die ein Beobachter trifft, und nicht etwa mit einer Substanz oder Wesensannahmen oder einem feststehenden Prinzip. Für beide erschließt sich die Welt über Unterscheidungen statt über Dinge oder über vorhandene, grundlegende Ideen, die a priori gegeben wären.
Von Objekten oder Gegenständen werden wir deshalb nicht mehr sprechen, weil wir im Anschluss an den Kalkül von George Spencer Brown festhalten können, dass unser Erleben solcher Objekte ein Ergebnis des Unterscheidens ist. Beispielsweise ist damit „Materie“ nur eine Seite einer Unterscheidung, deren andere (zum Beispiel „Geist“ oder „Form“) erst mitfestlegt, was mit „Materie“ gemeint ist, wenn jemand von „Materie“ spricht. Mit anderen Worten:
Das, was als Ausgangspunkt genommen wird, um Aussagen über Erkenntnis zu machen, wird nicht mehr aufgefasst als eine zu entdeckende Wirklichkeit, sondern liegt in dem Prozess (und der Faktizität) des Treffens von Unterscheidungen.
Aber auch wenn man anderen modernen Theorien (etwa der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik in der Physik oder der neurologischen Forschung in der Biologie) folgt, kann man seit einigen Jahrzehnten wissen, dass man für ein angemessenes Verständnis unserer Welt zweierlei berücksichtigen muss: nicht nur die Wirklichkeit, wie sie erscheint, sondern auch den Beobachter, dem sie erscheint.
Lau Form 9

Mein Nachdenken über Sinn und Unsinn meiner Sprache führt mich von Ontologie zu Epistemologie; von statischem Sein-Denken zu dynamischem Prozess-Denken; von Was- zu Wie - Fragen (Luhmann), zur Erkenntnis, dass ich meine Lebenswelt er-fahren muss. Se hace camino al andar, beim Gehen mache ich als unterscheidender Beobachter meine Welt. Diese Erfahrung macht es mir unmöglich, einer "objektiven" Wissenschaft zu vertrauen.

We believe that the cognitive sciences have reached a situation in which they have been frozen into one narrow form by the machine metaphor. There is a need to thaw that form and move from a reductionist, atemporal, disembodied, static, rationalist, emotion- and culture-free view, to fundamentally richer understandings that include the primacy of action, intention, emotion, culture, real-time constraints, real-world opportunities, and the peculiarities of living bodies. Laura E. Weed The Structure of Thinking - Weed1

"Rationalistic", "Cartesian", "objectivist": these are some terms used to characterize the dominant tradition of recent times. Yet when we reexamine our understanding of knowledge and cognition, I find that the best expression to use for our tradition is abstract: Nothing characterizes better the units of knowledge that have been deemed most "natural." It is this tendency to find our way toward the rarefied atmosphere of the general and the formal, the logical and the well defined, the represented and the foreseen, which characterizes our Western world. However, there are strong indications that within the loose federation of sciences dealing with knowledge and cognition - the cognitive sciences - the conviction is slowly growing that this picture is upside down and that a radical paradigm shift is imminent.  Francisco Varela Ethical Know-How Action,Wisdom, and Cognition Varela 6

Nur ein radikaler Paradigmenwechsel wird uns brauchbare Erkenntnis ermöglichen. Wir müssen in unserm Nachdenken den "Beobachter" ernst nehmen, das heisst - wie Varela sagt - von einer "third person view" auf eine "first person view" umstellen. Damit meint Varela nicht das "Subjekt" ins Zentrum stellen, er weist auf eine Möglichkeit, Paradoxien der Selbstreferenz der Beobachtung zu reflektieren. Der Paradigmenwechsel läuft auf ein Umstellen von zweiwertiger "Entweder-oder"-Logik auf eine mehrwertige "Sowohl-als-auch"-Logik hinaus, vom Gegensatz-Denken zum Denken in Polaritäten. Das bedeutet für meine "Sprachbetrachtung", dass ich lernen kann, Sinn und Un-Sinn als Einheit zu erfahren. Vor meiner unterscheidenden Sprache finde ich einen namenlosen Ur-Anfang.

Dao 道 -
Der namenlose Ur-Anfang

Felix Lau verweist in seinem Spencer Brown Kommentar auf das Dao.
Lau Form 182: Dem ersten vorbereitenden Kapitel der Laws of Form sind selbst noch sechs chinesische Schriftzeichen vorangestellt, die dem ersten Abschnitt des Dao De Jing von Lao-Zi (etwa 500 v. Chr.) entnommen sind und wie folgt übersetzt werden können:

無 名 天 地 之 始 Der Anfang von Himmel und Erde ist namenlos. Laozi 1

Diese Voranstellung ist konzeptionell bedeutsam. Der Satz besagt, dass der Urgrund der folgenden Ausführungen, also der „Zustand“ noch vor dem Ausgangspunkt des Kalküls, Unterschiedslosigkeit ist. Denn: Wir können den Anfang von Himmel und Erde als ein Bild für die anfängliche, grundlegende Unterscheidung für ein Universum, wie George Spencer Brown das nennt, identifizieren. Wenn der Anfang namenlos ist, gibt es kein Motiv für eine Unterscheidung, er ist ununterschieden. Denn ein Name zeigt immer etwas in Unterscheidung zu anderem an, was eben nicht mit dem Namen gemeint ist. Und umgekehrt: Wenn der Anfang von Himmel und Erde unterschieden wäre, müsste etwas auf diesen Unterschied hinweisen; es bräuchte einen Namen oder eine Anzeige (Bezeichnung), um den Unterschied festzustellen.
Wenn es diese(n) nicht gibt, kann der namenlose Ur-Anfang auch nicht unterschieden sein. Den Raum, der vor einer ersten Unterscheidung ist (genaugenommen ist er nicht einmal, da man, um ihn so zu beschreiben, schon auf die Unterscheidung Sein – Nicht-Sein zugreift), nennt George Spencer Brown empty space. Im Daoismus wird der namenlose Ur-Anfang Dao 道 genannt. Er ist das Unwandelbare. Das aus dem Dao stammende Prinzip von Yin-Yang symbolisiert den ständigen Wandel..

Überwindung der Gegensätze: Jenseits von Gut oder Böse.

Lau Form 163:
„Wir müssen, um die Welt klar zu erfahren, Existenz auf Wahrheit reduzieren, Wahrheit auf Anzeige, Bezeichnung auf Form und Form auf die Leere.“ (SPENCER BROWN 1997: 88)
To experience the world clearly, we must abandon existence to truth, truth to indication, indication to form, and form to void.“ (
SPENCER BROWN 1969: 101)
Mit Existenz wird auf das Bezug genommen, was ist, was ein Beobachter von Augenblick zu Augenblick erlebt. Wahrheit bezieht sich auf Aussagen über Existenz. Die Aussagen, die man wahr nennt, hängen vom Standpunkt ab, von den Unterscheidungen und den Werten, die man mit ihnen verknüpft. Jeder Standpunkt, jede Unterscheidung ist eine Form, die auch immer anders möglich ist. Form entsteht mit Leere und Leere mit Form. Dies ist die erste bzw. letzte Form.

That's it. Tat twam asi - sagten die alten indischen Denker. Ich bin was ich von Moment zu Moment erlebe. Mein Erleben ist mein "hier und jetzt"-Sein, meine ständig neue Gegenwart. In dieser Nicht-Zeit, dieser Nicht-Dauer gibt es kein nachdenkliches Ich. Ich komme immer erst nachdenkend hinterher, wenn ich mich unterscheidend selber beobachte. Ich bin der Wert, den ich mir beimesse. Im Erleben gibt es kein Ich. Ich existiere nicht. Ich bin mein eigenes Konstrukt, ich konstruiere mich mit einer sprachlichen Beschreibung. Und - weil ich in einer Sprache denke, die für jede Aussage einen Agenten vorschreibt, ein grammatisches Subjekt - kann ich mich in keiner Beschreibung vergessen, ich kann nicht denken, dass ich ein Konstrukt bin.

Spencer Brown: Only Two can Play this Game pg.127: Space is a construct. In reality there is no space. Time is also a construct. In reality there is no time. In eternity there is space but no time. In the deepest order of eternity there is no space. It is devoid of any quality whatever. This is the reality of which the Buddhas speak. Buddhists call it Nirvana. Its order of being is zero. Its mode is completeness. Its sex-emblem is female. It is known to western doctrine, sometimes as the Godhead, sometimes as IHVH, or that which was in the beginning, is now, and ever shall be. This way of describing it, like any other, is misleading, suggesting that it has qualities like being, priority, temporality. Having no quality at all, not even (except in the most degenerate sense) the quality of being, it can have none of these suggested properties, although it is what gives rise to them all. It is what the Chinese call the unnamable Tao, the Mother of all existence.

Ich bin ein Kind von Mutter Dao. Ich er-lebe mein Leben als "vorbewusster" Unterscheider - wie alle meine Mitlebewesen. Ich bin aber auch ein Mensch und teile mit meinen Mitmenschen die Fähigkeit des Mit-Teilens, des Kommunizierens.
Ich lebe mein Leben in einer gemeinsamen Welt der "conventional truth", die durch unsere Sprache gefasst ist und die nie aufhört zu unterscheiden. Als Mensch-Lebewesen kann ich nicht hinter das Denken zurück, auch nicht beim Nachdenken über das Denken.

Lau Form 182: Wenn wir von Unterschiedslosigkeit sprechen, beinhaltet das eine Vorstellung von Unterschiedenheit. Wir können sagen, dass der unterschiedslose Raum die Möglichkeit bereit stellt, Unterscheidungen zu treffen, und dies können wir – da es keine Vorgaben, keine Grenzen gibt – tun, wo es uns beliebt (aber eben nicht wie es uns beliebt, deshalb die Gesetze der Form!). Wenn im Daoismus von Dao gesprochen wird, ist damit der Gang der Dinge, wie er halt ist, gemeint. Alan Watts hat es in und mit seinem letzten Buch Lauf des Wassers genannt. Es ist das ewig fortwährende Jetzt. Es geschieht, was geschieht. Auch unsere Gedanken – über Vergangenes und Zukünftiges – geschehen, wenn es so ist.
Das Dao ist das Unwandelbare, in und mit dem sich unentwegt alles wandelt. Der ewige Name findet sich im Hin-und-her von der einen zur anderen Seite. Aber halten wir das für den ewigen Namen, so irren wir. Er ist schon wieder fort. Der Oszillation steht Stillstand gegenüber und der ewige Name zeichnet auch hier nicht das eine vor dem anderen aus. Wenn jemand den „Weg“ bzw. das Dao benennen könnte, dann würde mit der Benennung eine Grenze gezogen, so dass es den „Weg“ bzw. das Dao mit einem Namen gäbe und etwas, das nicht der Weg bzw. das Dao ist. Somit könnte dies nicht der Weg sein. Und auch diese altkluge Verneinung ist nicht der Weg. Aber auch das Abweichen vom Dao ist Dao; es ist allumfassend.
„Das Dao ist das, von dem man nicht abweichen kann; das, von dem man abweichen kann, ist nicht das Dao.“ (
WATTS 1983: 69)
Von jeder Bestimmung kann abgewichen werden, da jede Bestimmung eine andere Seite mit hervorbringt. Das Dao ist, was ist. In mir, um mich, jetzt!, das ist der Weg; erkennbar durch unbewegte Stille des Geistes. Der empty space ist nicht als „Ding“ oder „Zustand“ zu verstehen. Er ist das Unterschiedslose und deshalb das Eigenschaftslose. Er ist das Unsagbare.
Um das Bild des Knotens zu gebrauchen, in dem der Knoten das Treffen einer Unterscheidung darstellt: Zeige jemandem, dass das Seil keinen Knoten hat, indem du einen Knoten gebrauchst und ihn deinem Gegenüber vorhältst. Das entspricht der Situation, jemandem den empty space beschreiben zu wollen, da wir dazu – wie den Knoten – anscheinend Sprache und Namen in irgendeiner Form beanspruchen müssen. In Analogie zur Bedingtheit unserer Welt können wir davon sprechen, dass der empty space das Unbedingte repräsentiert; ihm geht nichts voraus; er ist das die Unterscheidungen Transzendierende, das Über- oder Vor-Gegensätzliche.

Mein Versuch über Sinn und Un-Sinn meiner Sprache nachzudenken endet im Unsagbaren. Ich müsste schweigen. Und da muss ich - fast schon ein bisschen weise über mich selber lächelnd - doch noch etwas sagen: Wir Menschen können ein kleines Stück Weisheit erleben, jeden Augenblick im Hier und Jetzt. Wir können immer wieder "erwachen" - aufleuchten in der aufmerksamen Stille des Nicht-Denkens.

Bevor ich nun doch ins Schweigen sinke - möchte ich meinem Vordenker Felix Lau danken, dass er mir Zugänge zu Spencer Brown ermöglicht hat und mich auf diesen Gedankenweg wies. Dir - lieber Leser - möchte ich danken, dass Du bis zu diesem Ende des Weges mitgedacht hast.


HOME