HOMO HOMINI LUPUS
UBoeschenstein
 

6.5 Kain erschlägt Abel
 Gewalt beginnt bei den Hirten und Bauern!

Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist Dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiss nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?  Genesis 4, 8-9

Bild: Die Ermordung Abels: 
aus:  Bild aus der Bilderbibel (Stil 1900) 
 
 
 

Und wann soll dieser Brudermord stattgefunden haben? 

Die ersten organisierten Überfälle von räuberischen Hirten-Nomaden auf ihre friedlichen Bauern-Nachbarn werden auf 4000 v. Chr. datiert. In der Geschichte der Prähistoriker haben allerdings die Abels die Kains umgebracht. Denn Abel war ja ein Hirte. Es waren die Hirten, die gewalttätig wurden. 

Und warum sollen Bauern friedlicher sein?

Es waren Bäuerinnen! Man nennt jene Phase des frühen Anbaus von Nahrungspflanzen “Hortikultur”- Gartenbau. Es waren die Frauen, die 
das Brot machten. “Machen” hiess ursprünglich kneten. Die Frühgeschichtler sind sich einig darüber: Die Erfindung der Landwirtschaft verdanken wir den Frauen. Den Krieg haben aber die Frauen nicht erfunden.

Und die Amazonen? Frauen, die sich die Brust abschnitten , um besser mit dem Bogen umzugehen?

Über die ist viel geschrieben worden. Es war den Männern schlechterdings nicht vorstellbar, dass Frauen kämpfen. Ich vermute, dass die räuberischen Hirten auf ihren Raubzügen in die Gegenden ums Schwarze Meer, wo eine Gartenbaukultur blühte, auch ab und zu mit Frauen zu kämpfen hatten, die ihre Siedlungen verteidigten. 

Dann mussten also Frauen lernen, sich zu verteidigen?

Ja! und ich meine, sie lernten es sehr gut. In den “Hortikulturen”, musste frau sich wehren können, wenn räuberische Invasoren aus dem Osten eindrangen. 

Der Anfang des Krieges? 

Kriegerisch wurden die Menschen in Europa lange nach der ersten Landnahme. Die Bäuerinnenkultur verbreitete sich um 5600 v. Chr.  der Donau entlang bis an die Seine. Anzeichen von Kämpfen finden die Archäologen jedoch erst nach 3600 v. Chr. Die ersten Bauern in Europa müssen eine friedliche Kultur gepflegt haben. 
Von 2500 v. Chr. an wurden die Völker Europas kriegerisch. Damals entstanden die ersten Verteidigungsanlagen, die ersten Burgen und Städte. 

Warum sollte sich nach einer dreitausend Jahre dauernden Friedenszeit der Krieg ausbreiten?

Die Menschen vergassen, dass sie ihrers Bruders und ihrer Schwester Hüter sind. In den ursprünglichen Jäger und Sammlergruppen waren die Menschen für einander verantwortlich. In den Bauerngesellschaften entstanden  soziale Unterschiede. Es gab Herrschende und Sklaven. Die Menschen hatten gelernt, andere Menschen auszunützen. 

M
Die Sammler, primitiven Jäger und Bauern sind die am wenigsten kriegerischen. Die weiter fortgeschrittenen Ackerbauern sind kriegerischer, und die am höchsten stehenden Ackerbauern und die Hirten sind die kriegerischsten von allen. 
     Q. Wright 1965 
 

Die Kulturen der Bauern

Die frühesten Bauernkulturen in Europa entstanden um 7000 v.Ch. Die Frühgeschichtsforscher nehmen an, dass diese ersten  Gruppen  von Kleinasien nach Griechenland kamen und ihre Tiere und ihr Saatgut mitbrachten. In nur tausend Jahren verbreiteten sich diese ersten sesshaften Kleingruppen der Donau entlang bis nach Oesterreich, und weitere tausend Jahre später finden die Archäologen Bauernsiedelungen in Frankreich. Diese Bauern besiedelten nicht unbewohntes Gebiet. Schon seit mehr als 500 000 Jahren wohnten in Europa Menschen. Jäger und Sammlerinnen lebten verstreut in kleinen Gruppen. Sie hatten keine festen Wohnplätze und wanderten im Laufe des Jahres durch ihr Grossgebiet. Die neue Bäuerinnen-Kultur war sesshaft. Die Männer rodeten Wald und bauten feste Häuser; die Frauen pflanzten ihre Gärten.

Die Bevölkerungsexplosion

In ihrem sozialen Zusammenhalt unterschieden sich die Gartenbauern und die Sammler und Jäger nicht. Beide Kulturgruppen lebten in kleinen Familiengruppen, kannten keine sozialen Rangunterschiede und  anerkannten als Autorität nur die Alten der Gruppe. Sie, die Alten - Frauen und Männer - kannten ihre Welt, sie hatten die Welt er-fahren. Sie kannten die Geschichten des Stammes, die Rituale, die Feste, die Geschichten der Ahnen. Die beiden Gruppen unterschieden sich nur in einem entscheidenden Punkt: Die Gruppe der Bauern wuchs. Sammler brauchen 10km2, um genügend Nahrung für einen Menschen zu sammeln. Bauern können auf der gleichen Fläche fünfzig Mal mehr Individuen ernähren. Mit den Bauern beginnt die Bevölkerungs-Explosion.


8000 v. Ch.  5 - 10  Millionen
Christi Geburt  250      Millionen

1500   500      Millionen
1820   1000    Millionen
1920   2000    Millionen
1960   3000    Millionen
1994   5700    Millionen

2025   8500    Millionen
2050   10500  Millionen

Die Bevölkerung war viele Jahrtausende, von 40 000 v. Chr. bis etwa 4000 v. Chr., nicht gewachsen. Man rechnet, dass damals auf dem ganzen Globus etwa fünf bis zehn Millionen Menschen lebten. Zu Beginn unserer Zeitrechnung waren es fünfundzwanzig mal mehr. Die Menschheit wuchs - es scheint ins Unermessliche.

Die Prähistoriker nennen die Entdeckung der Nahrungsmittelproduktion die neolithische Revolution. Es war eine Umwälzung, die sich über 10 000 Jahre erstreckte. Wichtigstes Resultat war das Wachsen der Menschenzahl. Die wichtigsten Veränderungen betrafen die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen: Männer fingen an, über andere Macht auszuüben, über die Frauen, über die Sklaven, über die “Dinge” der Natur.
 

Die Menschen lernten das “Machen”!

Der Mensch erkannte, dass er mit seinem Willen und seinen Absichten etwas “bewirken“ konnte, anstatt dass sich die Dinge einfach “ereigneten”. Die Behauptung, dass die Erfindung des Ackerbaus die Grundlage allen wissenschaftlichen Denkens und der späteren technologischen Entwicklung war, dürfte kaum übertrieben sein. 
    E. Fromm 1974,  S. 136 

Bild: Werkzeugmachen
aus:   Christin Osterwalder
  Fundort Schweiz
  AARE Verlag. Solothurn. 1990
  S. 8/9 und 25
 
 

Das Machen mussten die Menschen in einem sehr langen Prozess lernen. Die frühesten Werkzeuge, von denen wir Kenntnis haben, sind 2,5 Millionen Jahre alt. Es sind behauene Steine. Wir wissen nicht, ob nicht schon viel früher Werkzeuge aus Materialien “gemacht” wurden, die verrottet sind.  Über zwei Millionen Jahre hatten Menschen das Fabrizieren geübt, aber erst mit dem “faber”, dem Schmied, begann der Fortschritt. “Machen” ( indogermanisch: *mag- ) wurde von der weiblichen Tätigkeit des Knetens zur männlichen Funktion des Herstellens, des Bewirkens, des Tuns. 

Um etwa 6000 v. Chr. “machten” (kneteten) die Frauen Lehm und brauchten die ersten Tongefässe, um Vorräte zu sammeln. Tongefässe mussten gebrannt werden, um haltbar zu sein. In der Brennerei wurden auch die ersten Metalle bearbeitet. Um 4000 v. Chr. verbreitete sich diese neue Technik. Die Menschen waren Macher geworden. Sie schufen sich dann auch Götter, die machten, und verwandelten ihre alten Muttergöttinnen in blosse Ehefrauen der Machergötter: Fiat lux! Ein Befehl erschuf alles. 

M
Die Menschen werden Macher. Der wissende Mensch (Homo sapiens) wird zum Schmied-Menschen, zum Fabrikanten (Homo faber).
 

Die Menschen lernten das Sitzen und das “Be-Sitzen”!

Die neue Technik des Gartenbaus und die Kunst, Tiere zu zähmen, machte es den Menschen möglich, sesshaft zu werden. Aus den Zelten, in denen sie Tausende von Jahren gelebt hatten, wurden feste Häuser. Sie waren zwar nicht  für die Ewigkeit gebaut - unsere direkten Vorfahren, die Pfahlbauer, musste ihre Gebäude alle Generationen ersetzen - , aber sie standen auf Plätzen, die der Gruppe gehörten, und Anrechte auf solche Bauplätze mussten “vererbt” werden. Das kann über die Linie der Ahnen der Mutter geschehen oder über die Linie des Vaters. Im ersten Fall bleiben die Töchter bei der Mutter, und die jungen Männer ziehen ins Haus der “Mutter”, oder - im zweiten Fall - die Töchter werden an die Häuser der Väter vermietet. Man nennt dieses neue Heirats- und Erbrecht  matrilokal und patrilokal. 

M
In sesshaften Gesellschaften entsteht ein Recht auf Besitz. Man kann auch andere Menschen besitzen.

In sesshaften Gesellschaften entstand ein Recht auf Territorien. Es waren die verehrten Ahnen, die solche Rechte schufen und vererbten. Diese revolutionäre Form der Landnutzung über Generationen schuf Abgrenzungen, es entstanden Grenzen, und an Grenzen kann Mann ”mit dem Zaunpfahl winken”. Man kann auch um Grenzen kämpfen. Solche Territorialkriege waren aber eine sehr späte Entwicklung. Angefangen hat der Krieg als Raub. Wo Herden gehalten wurden, konnten Räuber Herden stehlen. Am Anfang der Gewalteskalation unter den Menschen stand der Viehraub. Bald aber wurden auch Menschen als Vieh behandelt. Durch den Frauenraub entstand die Sklaverei.

Im frühen Neolithikum entstand eine neue Art der sozialen Organisation: sie war nicht mehr in kleinen Einheiten im Land verteilt, sondern zu einer einzigen grossen verbunden; sie war nicht mehr “demokratisch”, das heisst sie gründete nicht mehr auf nachbarliche Vertrautheit, hergebrachte Sitten und ein allgemeines Einverständnis, sondern sie war autoritär, zentral gelenkt und unterstand der Kontrolle einer dominierenden Minderheit; sie war nicht mehr auf ein beschränktes Territorium begrenzt, sondern sie überschritt energisch die Grenzen, um Rohmaterialien an sich zu reissen, um hilflose Menschen zu versklaven, um Herrschaft auszuüben und Tribute einzuziehen. Diese neue Kultur diente nicht mehr der Förderung des Lebens, sondern der Ausdehnung kollektiver Macht.     Lewis Mumford 

Bild: Krieger
aus   Arther Farill
  The Origins of War
  Thames and Hudson. 1986.
  S. 49
 

Sklaverei und Unterdrückung der Frauen

Frauen wurden zum Besitz, und Frauenbesitz verschaffte Ansehen. In den Hackbaukulturen im Pazifik erwirbt ein Mann Ansehen durch seinen Beitrag für das gemeinsame Fest. Männer, die viele Frauen “haben”, können mehr Schweine ans Fest bringen und werden als “Big Men” geachtet. Prestige können Männer auch durch den Besitz von Luxusgütern erwerben. Wer mehr hat , ist mehr!  Die ersten Spezialisten, die Handwerker, arbeiten für eine Elite. Der Kampf ums Ansehen wurde in den sesshaften Gesellschaften zur wichtigsten Aufgabe. Es entstand eine Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft, eine Männerherrschaft. 

 M
Die Prestigekämpfe der Männer sind die eigentliche Wurzel aller Gewalt unter den Menschen.

Narr
Es fängt an mit dem Sesshaftwerden, sagt der Narr. Sitzenbleiben führt zum Besitz, und um Besitz wird gekämpft. Vom Sitzen zum Besitzen war aber ein weiter Weg.

Der Kampf ums Ansehen war in den Anfängen wichtiger als der Kampf um Besitz. Ums Ansehen spielten die Männer ihre Spiele. Es waren nun nicht mehr Spiele, die man miteinander  spielt, es wurden Nullsummen-Spiele, in denen es Gewinner und Verlierer gibt. Und schon bald waren die Spieler sportlich gestählte Krieger, die um den Sieg kämpfen und die Ansicht verbreiten, das Leben sei ein Kampf ums Überleben, der Schaden des Verlierers sei natürlich. In Gruppen mit dieser Geisteshaltung wuchs Gewalt: Schädigung des Spielpartners ist der Gewinn des Siegers. In diesen Prestigekämpfen der Männer liegt die eigentliche Wurzel aller Gewalt unter den Menschen: Es wird möglich, andere Menschen für seine Zwecke auszunützen. Es gibt Menschen, die mehr vermögen als andere. Das Wort “Macht” ist vom Verb “mögen” abgeleitet. Vermögen bedeutet Macht über andere. 

M
Es gibt Menschen, die mehr vermögen als andere. Vermögen bedeutet Macht über andere. 

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Es wurden den Menschen die Augen aufgetan, sie lernten “Wissen” zu besitzen.
 

Und da wurden ihnen die Augen aufgetan!

Gott weiss: an dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und ass und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er ass. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan.    1.Mose 3, 5

Die Menschen lernten “Wissen” zu horten. Gruppenwissen war bis anhin immer geteilt worden, in den archaischen Menschgruppen gab es keinen “privilegierten”  Zugang zum Wissen. In den Bauerngesellschaften aber entstand “Geheimwissen”, das Macht verschaffte. Wer die Kalenderberechnung  kontrolliert, kontrolliert das Denken der anderen, er beherrscht die Zukunft.  Zeitmessung war für die Bauern eine Notwendigkeit, sie mussten den Zeitpunkt von Aussaat und Ernte bestimmen können. Für die Abmachungen der Jäger und Sammler genügte früher ein Mondkalender, die Bauern berechneten nun den Jahresablauf am Gang der Sonne. Der Übergang vom Mond- zum Sonnenkalender ist nicht nur eine neue Zeitmessungstechnik. Mit diesem Übergang veränderte sich auch die ganze Kosmologie. Es entstand ein völlig anderes, neues Weltbild - ein Weltbild der Kontrolle. Die Priester waren die ersten Spezialisten, die Wissen sammelten und  es zu ihrem Vorteil einzusetzen wussten. In den sehr viel zahlreicheren Gruppen der Bauern waren es diese Spezialisten des Rituals, die nun die Aufgabe hatten, Feste für viel mehr Menschen zu organisieren. Sie bestimmten den Zeitpunkt der Rituale, sie bestimmten den Beitrag, den jeder und jede für das Fest zu leisten hatte. Sie verfügten über den Rest der Gruppe und waren die ersten Herren unter den Menschen. Man kann in  Genesis 2, 17-30  nachlesen, was das “Volk” den neuen Herren schuldete. 

Für die Männerpriester konnten auch nicht mehr Frauengötter im Zentrum der Rituale stehen, sie erfanden Männer-Götter, die Donnerer und Blitzeschleuderer . Zwischen 4000 und 1000 v. Chr. veränderten sich die Religionen der Bauernvölker. Die Muttergottheiten wurden abgewertet und verschwanden in vielen Religionssystemen ganz. Es war ein Herr-gott, der die Macht übernahm. 

Die Macht der Väter, das Patriarchat!

Schon in den Jäger und Sammlergesellschaften beschreiben die Ethnologen eine Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann. Die Männer jagen, die Frauen sammeln. 
Die Teilung geht aber weiter: Männer sind für den Aussenbereich verantwortlich, Frauen für den Innenbereich. Männer schliessen Verträge mit den Gruppen, die im gleichen Gebiet leben, sie pflegen Freundschaften, sie tauschen Geschenke, sie werden Blutsbrüder. Frauen sorgen für die Kinder; ihr Bereich ist die Verteilung der Nahrung. In Bauerngesellschaften wird der Aussenbereich wichtiger. Männer “benützen” ihre Töchter, um mit anderen Familien Verträge zu schliessen. Väter verfügen über ihre Töchter, und Väter hinterlassen ihre Macht, ihr “Vermögen” den Söhnen. Nur Söhne erben. In Gesellschaften mit einem solchen Vaterrecht wird ursprünglich nicht Besitz vererbt, sondern eben Vermögen, das heisst Ansehen und Verfügungsgewalt. Es entstehen auf diese Weise die ersten Institutionen, die ersten Ämter, die sich vom Vater auf den Sohn vererben. Der “pater familias” kann über die ihm unterstellten Töchter und Söhne verfügen. Im alten Rom hatte er auch Gewalt über Leben und Tod seiner Angehörigen. Vatergesellschaften sind durch die Konkurrenz um Vorteile geprägt. Väter können Macht ansammeln und weitergeben. Es lohnt sich in patriarchalischen Gesellschaften, Vorteile zu erobern, und es lohnt sich zu wachsen. Mehr ist besser als wenig.

Wo die Frauen an der Verteilung von “Vorteilen” noch beteiligt waren, sorgten sie für Ausgleich; sie waren auf Kooperation bedacht. Vatergesellschaften bauen ihre Macht auf der Konkurrenz; dort heiligt der Zweck die Mittel. Gewalt hat dort ein hohes Ansehen. 

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Gewalt hat in patriarchalen Gesellschaften hohes Ansehen.
 

Nach allem, was wir über die archaischen Gesellschaften wissen, gab es bei ihnen keine Grossen, die Untertanen knechteten, es gab keine erblichen Häuptlinge. Erst in den Gesellschaften der Bronzezeit entstanden Unterschiede zwischen verschiedenen Schichten der Gruppe; die “potentes”, die Mächtigen behaupteten sich oben, die “pauperes”, die Schwachen, duldeten.  Gewalt - das heisst ursprünglich stark sein, Herr-schaft ausüben. Die Starken oben “ge-walten”.
 
 

M
Die Gewalt der Grossen - das ist die Geschichte der letzten viertausend Jahre.

Die Macht der Grossen - das ist die Geschichte der letzten viertausend Jahre - die Geschichte der sogenannten Hochkulturen. Es ist eine weitverzweigte Spur von ständig wachsender Gewalt zwischen den Menschen. Fortschritt hat es vor allem in den Methoden des Tötens von Artgenossen gegeben. Geschichtsbücher erzählen von Kriegern, deren Handwerk das Töten ist. Seit die Menschen schreiben können, haben sie die Geschichten ihrer gewaltigen - das heisst gewalttätigen -  Krieger aufgeschrieben.  Wir können die Namen der tapferen Kämpfer über fünftausend Jahre zurückverfolgen: Odysseus, Achilles, Herkules, Aeneas, Hildebrand, Beowulf, Tell und Winkelried. Die Geschichten sind alle gleich: Der grosse Held besiegt mit seinen Gefährten die “bösen” Feinde. Der Held handelt immer im Auftrag eines “grossen” Gottes und hat von Gott das Recht, die “Bösen” zu töten. Krieger sind immer Männer. Sie müssen zum Kämpfen gestählt werden, und sie lernen es von Kindsbeinen an. “En rächte Bueb mues sich chönne weere!”  Männer müssen kämpfen. Geschriebene Geschichte handelt von diesen gewalttätigen Männern. Im Geschichtsunterricht wurde uns beigebracht, dass die Gewalt der Männer “natürlich” sei. Männer sind eben zu Kriegern geboren. 
M
 Ihr wisset, dass die, welche als Fürsten der Völker gelten, sie knechten und ihre Grossen über sie Gewalt üben. Unter euch ist es aber nicht so, sondern wer unter euch gross sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller.    Markus 10, 42-45

Narr
Konkurrenz zwischen den Männern sei ein angeborenes Merkmal der Menschen, behaupten die Grossen. Konkurrenz und Machtkampf der Männer hat aber erst im Verlauf der letzten zweitausend Jahre die  Geschichte bestimmt. 
In den selben zweitausend Jahren hat die “Friedensreligion” des Christentums erfolglos versucht, das Zusammenleben der Menschen anders zu gestalten; gegen die Krieger-Herrschaft haben sich die Friedensapostel nicht durchsetzen können. Die Welt, in der Jesus seinen Jüngern predigte, war durch Hierarchien geprägt. In ihr lebten Fürsten und Sklaven, Herren und Knechte. In dieser Welt gibt es Gewalt, öffentliche und private. Wo Menschen Macht üben, schaffen sie Leiden, wo Zwang herrscht, entstehen kranke Beziehungen.

Machtmittel sind in all diesen Konkurrenzgesellschaften Unterdrückung und das Verbreiten von Angst. Die Krieger und ihre Priester machen den Untertanen die Hölle heiss. Sie verbreiten Angst. Sie üben Macht durch Angst. Die “Herren” haben sich ein Weltbild geschaffen, das Konkurrenz und Wettbewerb, Leistung und Erfolg als wichtigste Vorbilder für die nachwachsende Generation festschreibt. Gewalt entsteht - so sagt das Weltbild der Krieger -, wenn Individuen mit schlechten Erbanlagen die Verhaltensregeln der Herren, die Tugenden der Anpassung brechen und sich der Kontrolle der guten Herren entziehen. Gewalt hat es schon immer gegeben, sagen uns die “Herren”, es wird sie auch immer geben, sie ist den Menschen angeboren. 

Das ist falsch. Die “Primitiven”, die “Wilden”, die Aborigines und die Buschmänner leben in kleinen Gruppen, die zur Zusammenarbeit erziehen und Leistung und Wettbewerb möglichst nicht allzu wichtig werden lassen. In solchen Gruppen ist “GEWALT” kein Überlebensproblem. Es braucht auch keine Kontrolle von oben, um die Menschen daran zu hindern, sich gegenseitig zu zerfleischen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Erfahrung der Alten genügen, um Streit, Wettbewerb und Machtkampf zu verhindern. 

In unseren modernen Gesellschaften hat Gewalt ein sehr hohes Ansehen. Wir feiern die Helden, die sich kämpferisch durchsetzen, wir belohnen die Sieger und bewundern die Gewinner. Wir begeilen uns an Gladiatorenkämpfen, die wir Sport nennen, wir entspannen uns beim spannenden Krimi, wir wollen wissen, was in der Welt vorgeht, und konsumieren ein Übermass an Bildern der Gewalt.

Und wir wundern uns, dass unsere Welt durch ein massives Wachsen der Gewaltformen aus den Fugen gerät.
 

Bild: Fernsehgewalt- Zeitungsgewalt- Collage
 
 

So setze nun einen König über uns, der uns richte!

Da versammelten sich alle Ältesten Israels und kamen zu Samuel und sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden. So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn die Heiden haben.   1.Samuel 8, 4-5
 

Die Ältesten, die von Samuel einen König verlangten, waren ein Relikt aus alter Zeit. In den kleinen Sammlergruppen waren es die Alten, Frauen und Männer, die bei den Palavern die entscheidende Stimme hatten. Sie waren die Berater der Gruppe. Auch die Beduinenhirten, die vor Moses im Sinai ihre Herden trieben, hatten solche hochangesehene Älteste. Im Lauf der Zeit genügte aber die “Macht” dieser Berater nicht mehr. Sie waren zu langsam, zu vorsichtig. Sie gingen nicht mit der Zeit, sie wollten das Alte bewahren. 

In den kleinen Gruppen der Jäger und Sammler war Neues gefährlich. Niemand weiss, welche Folgen “Erfindungen” haben könnten. Bei den Irokesen war es eine der Aufgaben der Ältesten, über Neuerungen zu beraten. Kamen sie nach langer Beratung zum Schluss, dass auch in sieben folgenden Generationen die “Erfindung” keine negativen Wirkungen haben würde, gaben sie die Erlaubnis, das Neue einzuführen. Die Alten bewahrten die “bewährten” Traditionen. Die Menschen lebten in einer stabilen Welt, die sich von einer Generation zur nächsten kaum veränderte. 

Unter Kriegern musste man schneller entscheiden. Und als die jüdischen Beduinenstämme anfingen, das Land Kanaan zu erobern, brauchten die Leviten einen jungen, entschlussfähigen Krieger, um “Fortschritte” zu machen. Samuel wählte den Krieger Saul zum König. Einen solchen “kuning” hatten auch die Stämme der Germanen, einen Stammesfürsten, der für den Krieg verantwortlich war. Die Krieger rechtfertigten in allen Gruppen ihre Vormachtstellung, indem sie ihre Position durch die Religion absicherten. Nicht Samuel wählte den neuen König: Gott selber traf die Wahl. Seither waren die Kriegerhäuptlinge “Könige von Gottes Gnaden”. Ihre Aufgabe ist der Krieg, und die Geschichte der letzten dreitausend Jahre ist der Bericht über die “Taten” dieser Krieger. Als während der Bronzezeit überall in den Gartenbäuerinnen- und Hirtengruppen die raschentschlossenen Krieger an die Macht  kamen, veränderte sich das Zusammenleben der Menschen von Grund auf. Die Menschengruppen begannen rascher zu wachsen. Die Oberen beeinflussten die Ereignisse in ihrem Interesse und “vergewaltigten” die Armen. 

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Menschengruppen wurden immer grösser. Aus Stämmen wurden Staaten. In diesen “Herr-schaften” wuchs auch die Gewalt zwischen den Menschen. 

Am folgenreichsten war das Grösserwerden der Gruppen. Priester “beherrschten”  Gläubige aus vielen Stämmen, die am gemeinsamen Ritual “Opfergaben” abzuliefern hatten. Aus der Familie des Abraham war ein  Volk geworden, es mussten dazu zwölf Stämme vereinigt werden. Die Krieger “vereinigten” nicht nur Familien, sie setzten sich als Herren über viele Stämme. Da hatten die Alten, die Weisen, nichts mehr zu bestimmen. Die Ausdehnung der Herrschaftsgebiete geschah durch Gewalt. Die Krieger er- oberten. Sie machten sich andere untertan, sie versklavten  andere Menschen. 

Diese neugeschaffenen Herrschaften waren nicht mehr Gemeinschaften von Menschen, es waren anonyme Staaten mit einer Ver-walt -ung. Die Ge-walt  der Bürokratie begann. Das Vermögen der Starken, die Ge-walt, führte zu einem gewaltigen Wachtumsschub. Macht ist auch heute noch (und auch in unseren Demokratien) der Motor der Entwicklung. Macht schafft Tempo und rasche “Innovation”. Das verändert vor allem die Beziehungen der Menschen. Das Beziehungsgefüge der Menschen geriet aus dem Gleichgewicht. 

ZUM WEITERLESEN:

• Gerda Lerner  Die Entstehung des Patriarchats. Campus1991
• Klaus Eder  Die Entstehung staatlich organisierter  Gesellschaften.
  Suhrkamp.1980
• Stavros Mentzos   Der Krieg und seine psychosozialen Funktionen. 
  Fischer Taschenbuch. 1993
• I.Eibl-Eibesfeldt Irenäus
  Krieg und Frieden. Piper 1984
• J.Herbig  Nahrung für die Götter. Hanser 1988
• Ernest Gellner  Pflug, Schwert und Buch. DTV/Klett-Cotta 1993
 

6.6 Wir haben das Gleichgewicht verloren!
 

 Du träumst wohl  vom romantischen Lagerfeuer und möchtest am liebsten in die Eiszeit zurück zu deinen friedlichen Neandertalern?

- Nein! Ich könnte in einer Jäger und Sammlergruppe gar nicht überleben. Zum einen weiss ich nicht, wie man Nahrung sammelt , und am gemeinsamen Lagerfeuer würde ich mich wahrscheinlich gar nicht wohl fühlen. Dazu bin ich zu sehr Individualist. Nein, mir gefällt es sehr gut im 20. Jahrhundert.

Wozu denn aber das Gerede über diese  “friedliche”  Urbevölkerung? Wir leben   doch nicht mehr in der Steinzeit! 

Aus der Geschichte kann man lernen. Das heisst nicht, dass man wiederholen muss, was schon einmal war. Wir können aber untersuchen, welche Strukturen es den Menschen möglich machten, zufriedener zu sein.  Wir müssen herausfinden, wie es zur allgegenwärtigen Gewalt gekommen ist, wenn wir irgend etwas verändern wollen. Die Lehren, die wir dann aus unseren “Erkenntnissen” ziehen, gelten für die Zukunft. 

Du glaubst also doch an den Fortschritt. Wird es in der Zukunft besser?

Ich träume nicht von einer besseren Zukunft, und schon gar nicht von einer gewaltfreien Welt. Ich glaube nicht an Utopien. Es geht nicht um eine” bessere” Welt. Es geht um das Gleichgewicht. Wir brauchen soziale Strukturen, die  den Menschen ein Gleichgewicht ermöglichen. 

Und wie soll diese Ordnung aussehen? Anstelle einer Diktatur des Proletariats eine Diktatur der Guten, wie bei Plato?

Eine bessere Ordnung kann nicht von oben befohlen werden. Das ist ja gerade eine der wichtigen Erkenntnisse aus dem Studium der Geschichte. Alles, was mit Macht und Gewalt den Menschen aufgezwungen wird, führt zu noch mehr Gewalt. Es kommt nicht alles Gute von oben, ganz im Gegenteil: von oben - durch Zwang und Repression - kommt Böses, es entsteht Gewalt. 

Und wie sollen denn die Menschen “besser” werden?  Die Menschen verzichten doch  wohl nicht freiwillig auf Vorteile?

Das Argument vom Verzicht kenne ich. Wenn wir “verzichten”, landen wir nach der Meinung der Fortschrittsgläubigen wieder in der Steinzeit. Es geht nicht ums Verzichten. Ganz im Gegenteil: Wir könnten unsere Lebensqualität “gewaltig” verbessern, ohne auf Notwendiges zu verzichten. Wir brauchen andere Wertmasstäbe.
Unsere Vorfahren hatten ein anders Mass für “genug”. Sie waren mit genug zufrieden. Ich nehme an, sie waren psychisch gesünder, weil sie im Gleichgewicht waren. Wir glauben, wir brauchten immer mehr. Das macht uns unzufrieden. Ich glaube nicht, dass die Menschen besser werden müssen. Sie könnten aber zufriedener werden. Unter zufriedenen Menschen entsteht keine Gewalt.
 

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Zufriedene Menschen werden nicht gewalttätig.
 

Genug ist genug!  -  Das Gleichgewicht der Bescheidenheit

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Glückseligkeit ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zu einem anderen.  Thomas Hobbes
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Menschen werden zufrieden, wenn sie genug  haben.

Bescheidenheit ist nicht eine “Zier”; sie ist eine Voraussetzung, dass Menschen miteinander zusammenleben können. Wenn man - wie Thomas Hobbes - Glückseligkeit als ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zum anderen sieht , kann es kein Zusammensein der Menschen ohne Angst geben. Jeder muss fürchten, zu kurz zu kommen. Denn keiner hat je “genug”. Ständiges Verlangen kann keine “Glückseligkeit” sein. Menschen werden zufrieden, wenn sie genug  haben. Genug zu essen, genug zu trinken, genug Geborgenheit mit anderen, genug Vertrauen, genug Selbstvertrauen. Seit sie aber angefangen haben, “Glückseligkeit” in der Suche nach immer mehr  zu finden, können sie gar nicht mehr zufrieden sein. Es könnte ja immer noch besser sein. 

So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet. Und der Grund hierfür liegt nicht immer darin, dass sich ein Mensch einen grösseren Genuss erhofft als den bereits erlangten, oder dass er mit einer bescheidenen Macht nicht zufrieden sein kann, sondern darin, dass er die gegenwärtige Macht und die Mittel zu einem angenehmen Leben ohne den Erwerb von zusätzlicher Macht nicht sicherstellen kann. 
    Thomas Hobbes 

Hobbes hatte recht. In einer Welt, in der die Aquisition von Gütern und Macht das höchste Ziel ist, bedeutet Glückseligkeit ein nie erfülltes, ständig  in die Zukunft weisendes Suchen nach immer mehr. Macht macht süchtig nach mehr und mehr. In unserer Industriewelt gibt es viele Macht-Junkies. Diese Sucht ist aber nicht ein “allgemeiner Trieb der gesamten Menschheit”. Sie entstand in den Männer-Gesellschaften der letzten dreitausend Jahre. Vorher hatten während Tausenden von Generationen die Menschen nicht an dieser Krankheit gelitten. 

Menschen lebten seit ihren Anfängen - vor vier Millionen Jahren - in einer Welt, in der es genug gab. Sie hätten ja sonst gar nicht überlebt. Sie hatten keinen Grund, mehr zu wollen, und es gab für sie auch keinen Anlass, mehr zu “machen”. Wozu auch? Seit “Herren” dafür gesorgt haben, dass mehr und immer mehr hergestellt wurde, ist die Bescheidenheit zur “Zier” der Erfolglosen geworden; das Tempo des Wachsens wurde unermesslich. Der Gang der Geschichte wurde masslos, und in dieser Masslosigkeit wird auch Gewalt masslos. Die modernen Gesellschaftsysteme verändern sich in einem Tempo, das einen “Zukunftsschock” bewirkt. 
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In einer “ungeborgenen” Massenwelt wird unser Bedürfnis nach Nähe nicht befriedigt.

Narr
Seit die Menschen glauben, sie könnten die Natur beherrschen und sie könnten  immer mehr und mehr “machen” und aus einer ”feindlichen” Umgebung mehr und mehr herausholen, leiden sie an der Unerfüllbarkeit ihrer Wünsche. Sie werden unzufrieden mit sich und müssen in ständigem Wettbewerb mit den Menschen ihrer Umgebung nach mehr verlangen. In einer Gesellschaft, die als Grundprinzip den Wettbewerb sieht, kann ein Gleichgewicht von Eigenwert und Geborgenheit nicht entstehen. Die Menschen und ihre Beziehungen werden einseitig. In dieser Einseitigkeit wächst gewalttätiges Verhalten: Das Leben ist ja ein Kampf! 

Das Finden des Gleichgewichts gilt nicht nur für Partnerschaften von Männern und Frauen, es gilt auch für den Umgang zwischen Gruppen. In unseren Männergesellschaften ist dieser Ausgleich gestört. Wir haben uns eine einseitige Welt geschaffen, in der Gewalt in allen Formen wächst. Seit 4000 Jahren üben wir in aggressiven “Kriegergesellschaften” Konkurrenz und Wettbewerb. Das hat zu einem ungeheuerlichen Wachstum geführt und Gewalt gefördert. Wir leben in einer “ungeborgenen” Massenwelt, die unser Bedürfnis nach Nähe nicht befriedigen kann. In einer Gesellschaft, die den Individuen das Finden des inneren Gleichgewichts so schwer macht, entsteht Gewalt, als Antwort auf einen seelischen Mangel. 
 
 
 

Menschen für einander trainieren!

Die Menschen haben die Geborgenheit der kleinen Gruppe verloren. Unsere Vorfahren hatten in einem langen Prozess gelernt, in kleinen, überblickbaren und langdauernden Gruppen Nähe mit anderen nicht nur auszuhalten, sondern aktiv zu suchen. Sie hatten Formen der Interaktion entwickelt, die Kooperation weit stärker wertete als Konkurrenz. In dieser Umwelt ist Sprache entstanden als Medium der Zusammenarbeit von Menschen. Die Sprache hat es möglich gemacht, Menschen füreinander zu trainieren. Die archaischen Gruppen brauchten die Sprache, um ihr Zusammengehören auszudrücken. In ihrer Welt gab es noch keine Macher. Die Tat, das Handeln, das Wollen und auch das Planen waren weit weniger wichtig als das zusammen “Sein”. 

M
Menschen brauchen die Geborgenheit der kleinen Gruppe.

In der Welt unserer “primitiven” Vorfahren konnte keine Ausnützung von Menschen durch andere aufkommen. Der Zusammenhalt der Gruppen war viel zu fragil, als dass Mann ihn durch Machtgehabe gefährden durfte. Die Menschen wurden über die längste Zeit ihrer Geschichte dazu erzogen, ihre Beziehungen zu den anderen über alles andere zu stellen. Dies bedeutete, dass sie ihre Rangkämpfe auf ein Minimum abbauten, dass sie ihren “Streit” ritualisierten und nur “zum Schein” kämpften, und dass sie in ausgiebigen “Befriedungs-Ritualen” die Stimmung der Gruppe im Gleichgewicht hielten. 
 
 
 
 

Narr
Der Narr müsste da fragen, warum denn in unseren Millionen-Gesellschaften das  Gleichgewicht verlorenging? 

Wir spielen unser Leben lang Rangkämpfe. Und wir sind unzufrieden, weil die Welt nie so ist, wie wir sie wollen. Ein Zuviel an Rangkampf, an Wettbewerb ist gesundheitsschädlich. 

Wir modernen Menschen haben den Streit ritualisiert, wir nennen es Sport. Aber wir kämpfen nicht zum Schein, wir kämpfen um den Sieg. Im Lauf unserer “Geschichte” haben sich die Umgangsformen der Krieger überall durchgesetzt. Wir werden dazu erzogen, uns im Kampf durchzusetzen. Jeder weiss, dass er/sie zu kämpfen hat. Wer kooperiert, erreicht nichts im Leben. Schon als Schüler muss man gute Noten haben. Hänschen lernt sich Anerkennung zu verschaffen durch Konkurrenz. Hans weiss dann, wie er siegen muss. Er hat gelernt, Gewalt einzusetzen im Kampf ums Ansehen. 

Und - wie steht es mit der Stimmung der Gruppe? Wo spüren wir Gruppenstimmungen? im Fussballstadion? im überfüllten Bus? beim Politisieren? Gibt es da ein Gefühl des Gleichgewichts?

Wir kennen in unseren Massengesellschaften nur noch rudimentäre Reste von Gruppen.  “Mammi-Pappi- Kind”- Gruppen genügen nicht, um Kinder zu sozialisieren, sie bieten den Kindern zu wenig Möglichkeiten, Geborgenheit mit anderen zu lernen. Die erste grössere Gruppen, die heutige Kinder erleben, ist die Schulgruppe. Da herrscht ein mörderischer Rangkampf. Kinder können in dieser Konkurrenzwelt kein Vertrauen lernen.
 

Die Motivationstheorie von Norbert Bischof sieht die Strebungen des Menschen eingespannt in den Gegensatz von Geborgenheit und Selbständigkeit. Geborgenheit entsteht aus kooperativem Verhalten, Selbständigkeit erfordert Konkurrenzverhalten. Autonomie wächst aus dem Streben, jemand zu sein. Heisst das auch, dass dieses Streben dazu führt, jemand besonders  zu sein, den Nächsten zu be-herrschen? 
M
Machtstreben ist nicht angeboren. Man muss es den Menschen beibringen. Es ist kein unkontrollierbarer Trieb, aber ein unstillbares gelerntes Verhalten.

Es gibt zwischen den beiden Polen des Verhaltens, zwischen den Bedürfnissen nach Geborgenheit und jenen nach Selbständigkeit, einen Gleichgewichtszustand, der immer wieder erreicht werden kann. 

Wenn aber eine ganze Kultur nur noch ein  Ziel kennt: die Natur zu  beherrschen, ihr immer mehr Güter abzugewinnen, dann ist diese Kultur suchtkrank. Die “Sucht nach mehr” ist eine Krankheit. Der Drang, für sich selbst zu sorgen, ist eskaliert zum höchsten Ziel unserer Wettbewerbsgesellschaft. Egoismus nennen die Psychologen diesen Drang zu zeigen,  dass man der Beste ist. 

Im normalen Entwicklungsprozess des Kindes spielt das soziale Imitationslernen eine ausserordentlich grosse Rolle. Kinder identifizieren sich auch ohne erzieherischen Druck mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Sie ahmen ihn aus eigenen Stücken nach - wohl aufgrund einer angeborenen Lerndisposition. Darüber hinaus wirkt Erziehung seitens der Erwachsenen auch direkt formend auf die Grundhaltung der Kinder. Bei kriegerischen Völkern - und wir Europäer gehören dazu - unterweist man die Knaben darin, sich nichts gefallen zu lassen und Aggressionen mit Gegenaggression zu vergelten. 

Wie anders verläuft dagegen die Sozialisierung in einer Kultur mit friedlichem Ideal! Bei den Buschleuten der Kalahari sah ich bisher noch nicht, dass ein Kind dazu ermuntert wurde, einen Angriff durch einen Gegenangriff zu vergelten. Nur bei ganz kleinen Kindern duldet man, dass sie andere spielerisch mit einem Stock schlagen, und lacht darüber. Man trennt Krabbler, die einander in die Haare geraten, und beschwichtigt sie. Können die Kinder laufen, dann gesellen sie sich zu den Kinderspielgruppen, in denen ihre weitere Sozialisierung stattfindet. Aggressionen werden von den älteren Kindern nicht geduldet. Sie schreiten ein, beschimpfen, schlagen sogar den Aggressor und beschwichtigen und trösten den Beleidigten. Sie unterweisen im Teilen und gemeinsamen Spiel und bekräftigen damit jene Verhaltensweisen, die der Aggression entgegenwirken. 
    I.Eibl-Eibesfeldt 1990

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“Kriegerische Gesellschaften trainieren auf Aggressivität.”
    I. Eibl-Eibesfeldt

Narr
Friedliche Gesellschaften programmieren ihre Mitglieder auf Konsensfindung  und nicht auf Rangkampf.

Leistungs- und Rangstreben, das heisst Konkurrenzprogramme, werden auf Sportplätzen der  englischen Public Schools gepflegt, und die machtbesessenen Kolonisatoren verbreiteten ihre Rituale überall in ihrem Einflussbereich, auch unter Menschengruppen, die keine Konkurrenzspiele kannten, sondern im Lauf ihrer Geschichte Rituale entwickelt hatten, die die Kooperation einübten. 
Als die Engländer den Maori auf Neuseeland ihr Gesellschaftsmodell “Cricket” brachten, spielten die Maori mit zwei Bällen. Sie spielten,  Verlierer und Gewinner gab es keine. 

Eine sportbesessene Gesellschaft ist krank. Wir trainieren, wie Eibl-Eibesfeldt sagt, Aggression. Wir haben aggressive Reaktionsformen zu “Selbstverständlichkeiten” emporstilisiert: Krieg ist der Vater aller Dinge! - und wir wundern uns, wenn unsere Kinder sich nicht mehr friedlich in eine Spielgruppe einordnen können.In Gesellschaften, die Konkurrenzverhalten immer belohnen, kann gar kein “Spiel” mehr stattfinden, das nicht  Gewinner und Verlierer schafft. Im grossen “Nullsummenspiel der Gegenwart” gibt es nur Verlierer.

Gewalt wächst aus einem Mangel an Kommunikation. Menschen haben gelernt, in Sekundenschnelle rund um den Globus “Informationen” zu senden, eine Riesenmenge. Haben sie in ihrer Anonymität vielleicht verlernt, diese Informationen zu verstehen? Verstehen heisst, auf dem Standpunkt des anderen stehen, ver-stehen. 

Exzessive Gewalt ist eine Krankheit  moderner Herrschafts-Gesellschaften. 
 

Exzesive Gewalt entsteht, wenn die  Grundmotivation Autonomie  über die ebenso wichtige Grundmotivation Intimität  gestellt wird. Solche Gesellschaften züchten Egoismus und Aggression. Sie haben keine Zeit mehr für ihre Beziehungen. Gewalt ist eine Folge kranker Kommunikation. Sie entsteht, wenn Menschen einander be-kämpfen, um Rang streiten. In Leistungsgesellschaften schwindet die Fähigkeit der Einfühlung in den “Nächsten”. Die Menschen verlieren ihre Geborgenheit in der Gruppe und ver-lernen das Grundlegendste: das Vertrauen.

M
Gewalt ist eine Folge kranker Kommunikation.

In kleinen, überblickbaren Jäger und Sammlergruppen konnte aggressives Verhalten der Individuen von der “Gruppenstimmung” kontrolliert werden. Seit die Menschengruppen vor viertausend Jahren begannen zu wachsen, wurden die Kontrollmechanismen der Gesellschaften “unpersönlich”. Damit wuchs auch die Gewalttätigkeit. Die Frage nach den Anfängen der Gewalt kann beantwortet werden: 
Gewalt gibt es in Grossgesellschaften, wie sie seit der Bronzezeit entstanden sind. Sie ist eine Folge unserer “Kriegermentalität.”

ZUM WEITERLESEN:

• I.Eibl-Eibesfeldt  Der Mensch das riskierte Wesen. Piper 1991
• Norbert Bischof Das Rätsel Oedipus. Piper 1986
 

 

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