Heldensänger und Heldengesang 

UBoeschenstein

 
 
 

Karl der Grosse ging eines Tages über Land. 
Da traf er einen Bauersmann und er sprach: Grüss Gott, Bauer! Wie geht es euch? Der Bauer aber erwiderte: Grüss Gott, O Karl der Grosse! Mir geht es gut. 
Solche und andere Geschichten erzählt man sich seit langem oft und gerne von der Leutseligkeit Karls des Grossen.

Es muss schon mehr als vierzig Jahre her sein, dass ich diese schöne Geschichte vom grossen Kaiser Karl zum ersten Mal hörte. Ein betrunkener Freund gab sie an einem Fest zum Besten. Er war kein Heldensänger.

Wahrscheinlich persiflierte mein Freund eine halberinnerte Schullesebuchgeschichte. Mit solchen Geschichten über den grossen Karl wurden Generationen von folgsamen Schulkindern erzogen. Der grosse Kaiser wird in diesen “alten Sagen” zum leutseligen Fussgänger. Die Lesebuchautoren holten den ritterlichen Krieger Karl vom Pferd und verwandelten ihn in eine “volkstümliche” Vorbildgestalt. Mir blieb die Geschichte der Leutseligkeit Karls des Grossen nicht als Vorbildmuster in der Erinnerung. Ich erinnere mich nach vierzig Jahren noch an die Geschichte, weil sie eine Parodie ist. So erzählt der Narr, der Anti-Heldensänger. 

Die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Heldenlieder im Anfang des 19. Jahrhunderts liess Dichter und Musiker von einer “heldenhaften”, heroischen Vergangenheit träumen. Man studierte, editierte und adaptierte die schriftlich überlieferten Dokumente des höfischen Gesangs als Vorlagen für eine Ideologie der Nation, die im Verlauf der letzten 200 Jahre üble Blüten trieb.   

Der moderne Narr holt nicht nur den grossen Karl vom Pferd, er macht sich lustig über den den “teutschen” Kaiser - teutsch mit T geschrieben - von dem die Teusche Nation nach dem Untergang des heiligen römischen Reiches teuscher Nation 1806 zu träumen begann. Die Narrengeschichte ist gegen die umfangreiche Heldenepik des teutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts gerichtet, in der der Frankenhäuptling Karl als Gründer der germanischen Nation gefeiert wurde. 

So wird Geschichte gemacht, Geschichte konstruiert, Geschichte geschrieben. 
Überlieferte, geschriebene Geschichte, dies ist die Lehre meiner Narrengeschichte,  ist nicht eine Beschreibung von historischen Tatsachen auf Grund eindeutig fassbarer Dokumente, sondern eine Konstruktion, in der Interpretationen von bestimmten Voraussetzungen ausgehen. Wir interpretieren unsere Vergangenheit. Wir schaffen Kultur.

“Wir Menschen sind in der Lage, einen symbolischen und normativen Komplex zu erzeugen, der schliesslich eine evolutionäre Eigendynamik gewinnt, sich die einzelnen Menschen mental zurichtet und vor unentrinnbare Sachzwänge stellt. Auf diese Weise entsteht “Geschichte” als ein Prozess, der von niemandem gesteuert, von vielen gedeutet, von keinem aber restlos begriffen werden kann”. 

Ich zitierte aus einem Aufsatz von Rudolf Peter Sieferle. Um das Begreifen von Geschichte geht es bei meinem Thema: 
 

Heldensänger und Heldengesang
 

Ich will über drei Fragenkomplexe berichten:

1    Vom Übergang der mündlichen zur schriftlichen Kultur.
Heldengesang hat seine Wurzeln in der vorschriftlichen Zeit, in der Wissen mündlich tradiert wurde. Die Bewertung der Aufgabe des Sängers verändert sich fundamental, wenn Geschichte aufgeschrieben wird. 

2     Die soziale Ordnung der Germanen
Die Gesellschaft der fränkischen Eroberer, die sich um 400 im Norden Galliens etabliert, war eine rein mündliche Kultur. Die Funktion von Ritual und Mythos, dh. die Aufgabe der Sänger, veränderte sich ganz grundlegend, als die Krieger der Franken eine neue Religion übernahmen, deren Normen als schriftlich fixierte “heilige” Texte verewigt sind. 

3     Die Feudalgesellschaft der Karolinger
An den Höfen der neuentstandenen Feudalgesellschaft der Karolingerzeit wurde die schriftliche Wahrheit der Christen zum Herrschaftsinstrument. Die Sänger wurden zu Dienern und Unterhaltern abgewertet.  
 

1 Vom Übergang von der mündlichen zur schriftlichen Kultur.
 
 

GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

Seit Menschen sprechen können erzählen sie sich Geschichten. Sie vermitteln mit Geschichten ihre Erfahrungs-Kultur. Kultur, das heisst Wissen das Menschengruppen verbindet. Während Tausenden von Generationen waren es Geschichten über die Welt, Geschichten über andere Lebewesen, Geschichten über die anderen Menschen, über die Ahnen, die den Menschengruppen ermöglichten ihre gesammelte Erfahrung an die nächste Generation weiterzugeben. 

Die ersten Homo sapiens sapiens, die vor 40 000 Jahren im Europa der letzten Eiszeit Grosswild jagten, müssen in einer langen Geschichte von Geschichten Wissen der Ahnen immer wieder in Ritualen und Geschichtenerzählsitzungen am Lagerfeuer erneuert haben. In diesen Wildbeutergruppen gab es auch die ersten Sänger. Sie waren das Gedächtnis der Gruppe. Sie verwalteten die Wissensbibliothek. Ihre Stellung in der Gesellschaft war eine hochangesehene, ihre Aufgabe für das Überleben der ganzen Gruppe entscheidend wichtig. Die Wissensvermittlung in diesen “archaischen” Kulturen war mündlich. Die Forscher sprechen von “oraler Tradition”. Zwar gibt es schon bei den ersten Sapiens im Aurignacien (vor 30 000 Jahren) fixiertes Wissen. Die Figurinen und Reliefs, die Höhlenmalereien und Zeichnungen sind eine frühe Form von “schriftlicher” Aufzeichnung von Geschichten.  
Es sind aber immer nur Vorlagen für eine mündliche Wiederholung der für die Gruppe verbindlichen Mythen. Jede Wiederholung, jedes Ritual, veränderte die Geschichten. Sie blieben - so könnte man sagen - lebendig. 

Wo diese Geschichten der Menschen aufgeschrieben wurden, entstand eine völlig neue Form der Mythologie. Die Wahrheit wird nun nicht mehr erzählt und gesungen, sie wird ausgelegt vom Spezialisten für das Ritual, vom Priester. Er steht immer über den übrigen Gläubigen und er besitzt die vom Gott diktierte Wahrheit. 

Durch die schriftlich fixierte Wahrheit der monotheistischen Religionen wurde das Amt des Sängers abgewertet. Die Überlieferung der Geschichten der Ahnen wurde die Aufgabe der schreibenden Kleriker und die Sänger wurden zu blossen Unterhaltern. Die Aufgabe der Erhaltung des Gedächtnisses der Gruppe wurde von lateinisch schreibenden Hofberichterstattern übernommen. Biografie wurde literarisch.
 

Der Kampf zwischen schriftlicher Wahrheit und gesungener Wahrheit hat die Zeit der Karolinger geprägt. Die Sänger wurden verfemt. Sie standen von der Zeit Karls des Grossen bis im Hochmittelalter ausserhalb der Gesellschaft. Sie waren un-ehrlich. Sie hatten keine “êre”. 

“Die Ausdrücke “ehrlich” und “unehrlich” hatten im Mittelalter einen ganz anderen Sinngehalt und Umfang als heute, einen sakral-magischen Kern. Das althochdeutsche “êra” bedeutete unter anderem auch: “ Gnade, Gabe, Scheu, Friede”; noch ältere indogermanische Wurzelformen besagen: “ Ehrfurcht, Scheu, Verehrung”. Das Wort “Ehre” hängt sprachlich mit “hieros”- heilig zusmmen. “Aus der Ehrfurcht vor den Göttern hat sich der weltliche Ehrbegriff spät entwickelt.( Kluge-Götze: Etymologisches Wörterbuch)” (Dankert ) 

Was aus dieser Übergangszeit von Musikern und Sängern berichtet wurde, ist von Schriftkundigen überliefert worden. Es waren christliche Priester, die uns die “unehrlichen” Fahrenden vorstellen und sie als Kinder des Teufels von der Gemeinschaft der Gläubigen ausschliessen. Die geistlichen Schreiber nennen die Sänger: viles personae et infames. 

“Die schreibkundige Herrenschicht machte terminologisch im allgemeinen keinen Unterschied zwischen Berufskünstlern hohen oder niederen Grades, da alle Fahrenden, die weder Macht noch Reichtum besassen, gering geschätzt wurden. Die Sesshaften, als die das zum Leben materiell Notwendige Gebende, wurden von den “unsteten” als Bittende angegangen. Alle diejenigen, welche vor den Türen und Tischen der Reichen demütig aufwartend erschienen, waren für die hinter den Tischen sitzenden von gleichem Rang.” (Salmen )

An den Festen der germanischen Krieger waren die Sänger noch nicht “unstete” Bittende. In den Festhallen der fränkischen Krieger der Völkerwanderungszeit waren nicht Unterhalter aufgetreten, sondern sangeskundige Kämpfer, wie sie im angelsächsischen Beowulf-Lied beschrieben werden:

Ein Gefolgsmann des Königs, 
 ein ruhmbedeckter Recke, gebundener Rede kundig, 
 Der sich all der vielen alten Sagen
 In grosser Menge erinnerte, fand unterdessen manch alte  und neue Worte, kunst- und kenntnisreich gefügt.
Der Krieger begann Beowulfs Werk und Wirken wohlgesetzt darzustellen 
 Und mit Geschick eine Geschichte  kunstvoll vorzutragen
 Mit den Worten dabei zu wechseln. (Beowulf ) 

Die Funktion der Sänger veränderte sich zwischen 400 und 1200 fundamental: Der Sänger des Beowulf-Epos war ein Krieger unter gleichberechtigten Kämpfern. Er war der Sprecher der Männer des Stammes. Seine Kunst war eine uralte mündliche Tradition der Wissensbewahrung.  In den schriftlich fixierten Heldengeschichten des Hochmittelalters sind die Sänger Unterhalter. Sie arbeiten  an den Höfen der Adeligen. Sie gehören zur Unterschicht, sie sind “infam”. Sie sind Diener ihrer Herren. 

ouch quamen dare me dan viere hundert ministriere, 
die wir nennen speleman inde van wapen sprechen kan. sulche kunden singen van aventuren inde dingen, 
 die geschagen in alden jaren. 

sulche floteden cleine mit holze inde mit beine, 
 sulche bliesen up deme muset; 
 sulche harpen inde gigen, 
 sulche cum salterio druvige herzen machen vro.
 
sulche tumelden inde sprungen, 
 sulche die vil wale rungen; 
 sulche si samen striden inde merkatzen riden. 
 sulche die och kunden danzen mit den hunden, 
 sulche die ouch steine kuweden harde cleine. 
    (Morant und Galie )

Da werden drei Schichten von Unterhaltern unterschieden. Die Heldensänger, die Instrumentalisten und die Akrobaten. 
DER MYTHOS VON DER KULTURTRAGENDEN SCHICHT

Nur die Heldensänger galten den christlichen “literati”, den klerikalen Schreibern, als akzeptabel.

“Gab es eine Kontinuität der kulturtragenden Eliten über die Jahrhunderte bis ins Mittelalter hinein? fragt Dieter Kartschoke in seiner “Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter” (Karschoke ) 
Es gab keine Kontinuität! 
In den Germanengesellschaften bestimmte keine kulturtragende Schicht! Kultur war die gesammelte Tradition des ganzen Stammes. 
  
Erst seit dem Entstehen einer adeligen Oberschicht, wurde Kultur eine Sache der Herrschenden. Erst in der christianisierten Adelsgesellschaft entstand eine kulturtragende Elite. Was den Herrschenden diente, war KULTUR. Am Hofe der Karolinger war das die Überlieferung des lateinischen Christentums: In einem Kapitular aus dem Jahr 789 verbot Karl, dass die Sänger, ebenso wie die Sklaven, Ketzer, Heiden und Juden vor Gericht als Ankläger zugelassen wurden. Die Sänger waren “pagani”. Kulturtragend wurde die “Wahrheit” der christlichen Schreiber. 

Doch die gesungene Wahrheit der Sänger liess sich nicht so leicht ausrotten. Beim Volk lebte sie noch Jahrhunderte weiter. Der Sänger des Stammes blieb beim “gewöhnlichen” Volk eine wichtige Integrationsfigur und er steht durch das ganze Mittelalter in Konkurrenz zur Herrschaft der Kirchenmänner.(Eder )

Menschengruppen brauchen Erinnerungs-Kultur. Sie müssen für alles Wissen der Alten die Frage stellen: Was dürfen wir nicht vergessen?
 
 

“Zu jeder Gruppe gehört eine solche Frage. Dort, wo sie zentral ist, dürfen wir von Gedächtnisgemeinschaften sprechen. Erinnerungskultur hat es mit “Gedächtnis, das Gemeinschaft stifetet zu tun.....Es lässt sich schlichterdings keine soziale Gruppierung denken, in der sich nicht Formen von Erinnerungskultur nachweisen liessen. (Assmann )
Der Begriff des “kulturellen Gedächtnisses” bezieht sich auf eine der Außendimensionen des menschlichen Gedächtnisses. 
Das Gedächtnis denkt man sich zunächst als ein reines Innenphänomen, lokalisiert im Gehirn des Individuums, ein Thema der Gehirnphysiologie, Neurologie und Psychologie, aber nicht der historischen Kulturwissenschaften. Was dieses Gedächtnis aber inhaltlich aufnimmt, wie es diese Inhalte organisiert, wie lange es was zu behalten vermag, ist weitestgehend eine Frage nicht innerer Kapazität und Steuerung, sondern äußerer, d. h. gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen.” (Assmann  )

Mit dem Entstehen einer Wissensbibliothek in geschriebenen Büchern wird der Sänger arbeitslos. Was früher in Geschichten, Sprüchen, Liedern tradiert wurde, wird nun aufgeschrieben und muss nicht mehr gelernt werden. Die Wiederholung des Wissens ist nicht mehr die Aufgabe des Zaubersängers. Wissen ist nicht mehr Zauberkönnen, es wird nun vom schreibenden Priester des Gottes verwaltet. 

Im 19. Jahrhundert sammelte der finnische Arzt Elias Lönnrot in Karelien die Lieder des Volkes, die Lieder der wandernden Sänger. Väinämöinen heisst der Zaubersänger bei den Finnen. Manche der Lieder erzählen von Urzeiten als der Sänger wichtig war:

 Väinämöinen alt und wahrhaft sagte darauf diese Worte:
 Niemals hat man hier vernommen, 
 Nie gehört und nie gesehen, nie im langen Lauf der Zeiten 
 Einen bessem Liedersänger, einen kundigeren Könner, 
 Als was ich vor Zeiten zirpte, vortrug in den jungen  Jahren, 
 Als ich sang auf Seebuchtwogen, kündete auf kahler Heide, 
 Flötete im Fichtenholze, Zauberworte sprach im Walde. 

Chalumeau: Lanquan li jorn
 

Die Geschichten und Lieder, die Lönnrot sammelte, wurden im Finnland des 19. Jahrhunderts immer noch von fahrenden Sängern gesungen. Seit langen Jahrhunderten war ihr Publikum ein von den protestantischen Schweden lutheranisiertes Christenvolk. Da konnte der Sänger nicht mehr zaubermächtig sein. 

 Doch ich kann jetzt nicht erklären, weiß auch nicht genau  zu sagen, 
 Was die starke Stimme lähmte, was die reine Stimme  störte. 
 Sie fließt nicht mehr gleich dem Flusse, gleitet nicht mehr  wie die Wogen, 
 Gleicht im Stubbenfeld der Egge, einer Föhre auf dem  Harsche.  
 Was bring ich denn schon zuwege als ein Sänger, als ein  Kenner? 
 Nichts vermag ich zu bemeistern, mir ist keine Kraft  verliehen; 
 Wenn der Schöpfer selber sänge, milden Mundes selber  spräche, 
 Säng ein solches Lied der Schöpfer, sänge er, des Sanges  mächtig: 
 Meere sänge er zu Mettrank, sänge ihren Sand zu Erbsen, 
 Säng zu Malz des Meeres Schlammgrund, säng zu Salz des  Meeres Wasser.   (Kalevala ) 

Väinämöinens Stimme ist gelähmt, seine Zauberkraft ist verloren.
Was in diesem Lied dem christlichen Schöpfergott zugeschrieben wird, war früher Aufgabe des Sängers. Er erhielt durch sein Singen das Universum im Gleichgewicht. Er wird - noch im 19. Jahrhundert - Zaubersänger genannt.
 
 
 

DIE FUNKTION DES FESTES

Der Ort der Vermittlung des urzeitlichen Sangeswissens war das gemeinsame Fest. An den gemeinsamen Lagerplätzen der Wildbeutergruppen und an den Trinkgelagen in den Stuben der Bauernhöfe des Nordlandes musste gemeinsam gefeiert werden. Die Lieder mussten wiederholt werden, immer wieder.

“Ohne die Möglichkeit schriftlicher Speicherung hat das identitätssichernde Wissen der Gruppe keinen anderen Ort als das menschliche Gedächtnis. Drei Funktionen müssen erfüllt sein, um seine einheitsstiftenden und handlungsorientierenden - normativen und formativen - Impulse zur Geltung bringen zu können: Speicherung, Abrufung, Mitteilung, oder: poetische Form, rituelle Inszenierung und kollektive Partizipation.” (Assmann ) 

 Herr des Himmels, gib für immer, 
 füg es weiter, wahrer Schöpfer, 
 Daß auf diese Art man lebe, weiterhin sich so verhalte 
 Auf dem Festschmaus in Pohjola, Sariolas Trinkgelage: 
 Laß das Bier in Bächen fließen, süßen Mettrank reichlich  rinnen 
 Daß am Tag Gesang ertöne, Frohsinn jeden Abend fülle.

Das Fest ist in allen frühen Kulturen zentral-wichtiger Teil der Kulturvermittlung: 

“In der Festzeit oder “Traumzeit” der großen Zusammenkünfte weitet sich der Horizont ins Kosmische, in die Zeit der Schöpfung, der Ursprünge und großen Umschwünge, die die Welt in der Urzeit hervorgebracht haben. Die Riten und Mythen umschreiben den Sinn der Wirklichkeit. Ihre sorgfältige Beachtung, Bewahrung und Weitergabe hält- zugleich mit der Identität der Gruppe - die Welt in Gang.” (Assmann ) 

Seit Menschen in engen sozialen Gruppen zusammenlebten, war das Fest mit seinen Mythen und Riten von zentraler Wichtigkeit im Leben der Menschen. Wichtigste kulturelle Errungenschaft der sprechenden Menschen war ihre Fähigkeit an gemeinsamen Festen Information auszutauschen. An regelmässigen Zuammenkünften wurden Verträge zwischen den Gruppen geschlossen und immer wieder erneuert. 

Entscheidend ist, dass diese Feste für alle verpflichtend waren. Kulturtragend war die soziale Tätigkeit der gesamten Gruppe. Dass die Sänger an diesen Zuammenkünften eine wichtige Rolle spielten, heisst nicht, dass sie bestimmten oder beherrschten. Ihre Aufgabe war die Integration des Stammes und der Stämme. Dazu gehört die Erhaltung der Erinnerung an die Ahnen. 
Fest und Alltag 
 

In Jäger und Sammler-Kulturen sind es mehr als die Hälfte der Tage eines Jahres, die dem Fest gewidmet sind. Zwei bis drei Stunden pro Tag brauchen Wildbeuter zum Suchen ihrer Nahrung. 10-12 Stunden verbringen sie beim gemeinsamen “Nichtstun”, beim Basteln, Singen und Geschichtenerzählen, beim Fest im Alltag. 

Auch in allen Bauernkulturen der Vorzeit wurde im Durchschnitt nicht mehr als 800 Stunden im Jahr für die Produktion von Nahrung eingesetzt. Die übrige Zeit galt dem gemeinsamen Fest. Dies gilt übrigens auch für die Bauernkultur unserer Vorfahren im Mittelalter: 150-180 Feiertage, die Hälfte des Jahres also, verbrachten die Menschen am gemeinsamen Fest. Die unzähligen Tage der Heiligen waren nicht von der christlichen Kirche erfunden, sie gehen zurück auf alte, heidnische Feste, die erst christianisiert werden mussten. 

“Das Fest dient - neben vielen anderen Funktionen - auch der Vergegenwärtigung fundierender Vergangenheit. Fundiert wird durch den Bezug auf die Vergangenheit die Identität der erinnernden Gruppe. In der Erinnerung an ihre Geschichte und in der Vergegenwärtigung der fundierenden Erinnerungsfiguren vergewissert sich eine Gruppe ihrer Identität. Das ist keine Alltagsidentität. Kollektiven Identitäten haftet etwas Feierliches, Außeralltägliches an.” (Assmann ) 

Alltag und Festtag waren zwar getrennte Zeitbereiche, aber das identitätsstiftende Ritual durchzog alle Lebensbereiche. Alles Zusammenleben war “geheiligtes” Ritual. 

Am Festtag gingen die Menschen in die Kirche, ja, aber sie gingen auch zum Tanz, zum gemeinsamen Essen und Trinken. Es waren die Priester, die dieses “geheiligte” Zusammensein ausserhalb der Kirche als Fressen und Saufen verurteilten. (Assmann )
 
 

Die Rituale und Feste der dieser frühen Menschenkulturen waren immer Angelegenheit der ganzen Gruppe. Es gab keine Ausgeschlossenen, ausser der Trennung von Jungen und Alten ,von Frauen und Männern. Die archaischen Kulturen kannten keine soziale Schichtung. 
Soziologen bezeichnen solche Gesellschaften als “egalitär” und sprechen von “regulierter Anarchie”, das heisst von Herrschaftslosigkeit. 

Für die Vermittlung der Mythen und Rituale gab es in diesen Gesellschaften durchaus schon Spezialisten. Anthropologen nennen sie Schamanen. Es wurden an den Festen auch erfolgreiche Jagden guter Jäger besungen und erzählt. Aber - es gab in den archaischen Kulturen keine Helden. 

Es gab keine privilegierten Krieger. Diese neue Schicht der Gesellschaft entstand erst in der Bronzezeit - das heisst in den frühen kleinasiatischen Staaten zwischen 4000 und 1000 v. Chr. und in den Häuptlingstümern der Bauerngesellschaften im Nordwesten Europas zwischen 2000 und 500 v. Chr. In diesen Staaten und Stämmen entstanden vor ca. 4000 Jahren Oberschichten von Kriegern und Priestern. In diesen stratifizierten Gesellschaften wird die Erinnerung an die Väter wichtig. Die Taten der Kriegerhäuptlinge mussten im Gedächtnis fixiert werden. Die Geschichten der Väter wurden aufgeschrieben. Man kann sie in heiligen Schriften nachlesen. 

In den schriftlosen Gesellschaften des Nordens wurde die Aufgabe der Erhaltung der Erinnerung an grosse Krieger von den Sängern übernommen. Seit es Krieger gibt brauchen sie Sänger, die ihre Heldentaten weitergeben. Heldenliedersänger waren seit der Bronzezeit für die Erhaltung der Machtposition der Krieger wichtig. 

ministriere, die wir nennen speleman inde van wapen sprechen kan. 
 sulche kunden singen van aventuren inde dingen, 
 die geschagen in alden jaren.          (Morant und Galie )

“Herrschaft braucht Herkunft.” 

“Heldenepik ist die bevorzugte Gattung des kulturellen Gedächtnisses im Rahmen einer bestimmten Gesellschaftsform. 

Diese Gesellschaftsform ist ritterlich, d.h. aristokratisch, kriegerisch un individualistisch geprägt. Zum Rittertum gehört, wo überall wir es auf der Welt antreffen. ein Superioritätsbewusstsein und ein besonderes, gewissermassen individualistisches Selbstgefühl, das sich wohl vor allem aus dem für die Pferdezucht notwendigen Landbesitz und aus der “übermenschlichen” Geschwindigkeit der Fortbewegung ergibt.” (Assmann )

All die vielen Heldenlieder, die Epen und “chansons de geste”, feiern die Taten einer Oberschicht. Aber diese Überlieferungen waren bis zur Verschriftlichung “Geschichten”, nicht Geschichte. 

Geschichte entstand erst in Kulturen, die Schrift entwickelten. Erst mit der schriftlichen Fixierung der Erinnerung gelang es der Oberkaste ihre Machtpositionen über viele Generationen zu erhalten. Dies ist der Grund des Interesses der Frankenhäuptlinge an der Schriftkultur des Christentums.   

Im Zusammenhang mit dem Schriftlichwerden von Überlieferungen  vollzieht sich ein allmählicher Übergang von der Dominanz der Wiederholung zur Dominanz der Vergegenwärtigung, von “ritueller” zu “textueller Kohärenz”. Damit ist eine neue konnektive Struktur entstanden Ihre Bindekräfte heißen nicht Nachahmung und Bewahrung, sondern Auslegung und Erinnerung. An die Stelle der Liturgie tritt die Hermeneutik. (Assmann )

In Schriftkulturen dienen die Schreiber immer den Mächtigen. Die schriftkundigen “Schriftgelehrten” bilden selbst einen Teil dieses Machtgefüges, sie sind die Spezialisten der Auslegung, denn Schreibtexte bedürfen der “Hermeneutik”, der Kunst der Auslegung. 

Die Sänger verloren ihre wichtige Stellung. Ihre Kunst war nicht “mächtig” und ihre Arbeit war nicht für die Ewigkeit bestimmt. Sie sangen nicht für die Nachwelt, sondern für die Lebenden, denen sie Vergangenes in Erinnerung brachten.  (Assmann )
Als Karl der Grosse den Auftrag gab, die Lieder der Vorfahren aufzuschreiben und damit für die Nachwelt zu erhalten, waren diese Lieder schon längst von den Schreibern abgewertet. “Keine gereimten Geschichten sind wahr”. Diesen Satz eines französischen Heldenliederdichters zitierte in der dritten Vorlesung Prof. Jung. 

Den christlichen Kanzleischreibern galt nicht die Wahrheit der Sänger, sondern die ewige Wahrheit der “Heiligen Schrift”. Was Kaiser Karl aufzuschreiben befahl, liess sein frommer Sohn Ludwig verbrennen. 
 
 
 

  
2 DIE GESELLSCHAFT DER GERMANEN
 Die Musiker in der Kultur der Völkerwanderung

 Die soziale Ordnung der Germanen
Die Gesellschaft der fränkischen Eroberer, die sich um 400 im Norden Galliens etablierte, tradierte eine rein mündliche Kultur. Die Funktion von Ritual und Mythos veränderte sich ganz grundlegend, als die Krieger der Franken eine neue Religion übernahmen, die ihnen den Auf- und Ausbau ihrer Macht ermöglichte. 
 

Ältere Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert über die Sänger und Musiker des Mittelalters weisen auf die Ehrlosigkeit der Fahrenden, auf ihre Randstellung in der Gesellschaft, auf ihre Besitzlosigkeit hin. 

“Im sozialen Gefüge aller Kulturvölker gibt es einen in der Minderzahl befindlichen Bevölkerungsteil, der sich von denen, die dauerhafte Güter und festen Grundbesitz erwerben konnten, durch seine Unbehaustheit, Heimatlosigkeit und sein unablässiges zeitweiliges Wandern wesensmässig unterscheidet. 

Fahrende im weitesten Sinne gehören allen Schichten und fast allen Berufsgruppen an: wandernde Mönche, Vaganten und Goliarden, Seeleute, fahrende Krämer, Spengler, Korbmacher, Scherenschleifer, Landsknechte, Bettler, Gaukler, Hellseher, Wahrsager, Zauberer, Bärenführer, Artisten, Musikanten und Musikvirtuosen.” (Salmen )

So beschrieb vor dreissig Jahren der Musikhistoriker Walter Salmen die soziale Stellung der fahrenden Musiker. Zu den Ausgestossenen gehörten aber nicht nur die Musiker. 
Verfemt waren auch alle die mit dem Tod in Berührung kamen: Scharfrichter, Henker, Schergen und Büttel. Aber auch die Totengräber, die Türmer, die Nachtwächter, die Bader und Scherer waren nicht zunftfähig. Man erklärte ihre Verfehmung mit ihrer Stellung am untern Rand der Gesellschaft. Nun waren aber auch Feldhüter, Wurzelkrämer, Leinenweber und Müller Verfemte. Auch die Schäfer und Hirten, die Schornsteinfeger, die Töpfer und Ziegler standen ausserhalb. Ihre Ehrlosigkeit kann nicht durch die Art ihrer Tätigkeit erklärt werden. 

“Die wirklichen Gründe der Outcast-Stellung, der Verunehrung, liegen in Wahrheit viel tiefer. Wir stossen fast allerorts auf urtümliche Sakral- und Kultkomplexe, die durch den siegreichen Kirchenglauben in die Bannzone der Verfemung und Verdrängung gerieten. Bekanntlich leugnete das Christentum nicht die alten Gottheiten des Heidentums, sondern machte Dämonen aus ihnen.” (Danckert )

Omnes dii gentium daemonia. Alle Götter gehören zur Art der Dämonen, hatte der Kirchenvater Augustin geschrieben. Ihm folgten die christlichen Theologen, denen die Missionierung der Heiden aufgetragen wurde. Es galt bei dieser Arbeit, die bösen Dämonen zu besiegen und zu vernichten. Um dies zu erreichen mussten die Vertreter dieser heidnischen Dämonen ausgeschaltet werden: Der Müller, der im Bereich der alten Fruchtbarkeitskulte eine wichtige Rolle hatte, (und an dessen Mühle kultische “Schweinereien”, d.h. Prostitution zum heidnischen Ritual gehörte), wurde anrüchig. Die Sänger, die altes Wissen weitergaben, mussten ausgeschlossen werden. Das Christentum konnte keine Konkurrenz zur einzig gültigen Wahrheit dulden. 

“Die Kirchenväter sind der Musik durchaus abgeneigt. Gottesdienst mit Musik hält Arnobius Afer für lächerlich. Clemens von Alexandrien will in der Kirche keine Instrumentalmusik, Auloi, Psalterion, keine Chöre und Tänze und ähnliche “ Leichtsinnigkeiten” dulden. Die zweite Synode von Arras (452) schliesst christliche Mimen, solange sie ihren Beruf ausüben, von der Kommunion aus. Ein mitleidloser Krieg der Kirche wird entfesselt. Tertullian und Alkuin rügen die zerstreunende, “weichliche” Musik, das Gelächter, das “Unsittliche” ihrer Gebärden und Tänze.” (Werner Danckert )

Was die christlichen Schreiber über die Sänger aufgeschrieben haben, ist von dieser Verdammung heidnischer Gebräuche geprägt. 

Die Abwertung der Musik und der Musiker durch die christlichen Machthaber hat die Ordnung der Gesellschaft fundamental verändert. Die Abwertung des Sängeramtes betraf alle gemeinsamen Rituale. Die Kontrolle der für die Gruppen notwendigen Feste durch die Kirche war ein wichtiger Teil des Machtapparats, der von den mächtigen “christlichen” Adeligen aufgebaut wurde.   
 
 
 
 

DIE ENTSTEHUNG VON HERRSCHAFT BEI DEN GERMANEN

Aus kleinen, noch weitgehend egalitär organisierten Stammesgruppen entstand durch die kriegerische Expansion der Franken ein riesiges Staatgebilde, das durch die Macht der christlichen Kirche, d.h. christlicher adeliger Bischöfe (und natürlich auch durch die Macht der Krieger) zusammengehalten wurde. 

Wir wissen wenig über die sozialen Strukturen all dieser Gruppen vor ihrem Übertritt zum Christentum. Wir wissen aber, dass die meisten Germanenstämme gesamthaft konvertierten. Nicht einzelne Gläubige wurden Christen, sondern immer ganze Stämme folgten ihren Anführern.  Dies lässt Schlüsse zu auf die soziale Organisation der heidnischen Stämme der Völkerwanderungszeit und die Funktion der Sänger in diesen Stammeskulturen. 

1 Die kulturellen Traditionen waren mit derjenigen der Kelten nahe verwandt. Offenbar gab es aber bei den Germanen keine Priester wie die Druiden bei den Kelten. Es waren Sänger, wie der nordländisch-finnische Väinämöinen, die priesterliche Funktion ausfüllten. 

2 Es waren Männergesellschaften, in denen Kampf und Krieg wichtig waren. Die Anführer ihrer kriegerischen Expeditionen hiessen “kuning”. Dieser Ausdruck heisst nicht mehr als “einem Geschlecht zugehörig” (germ. *kunja - vornehmes Geschlecht). Es gab in den frühen Germanengruppen noch keine erblichen Ämter, die Anführer wurden von der Stammesgemeinschaft gewählt, sie wurden “gekürt”. 

3 Die Stämme der Germanen hatten eine ganz andere soziale Struktur als die Sklavenhaltergesellschaften der Mittelmeerkulturen. Die Germanen kannten keine Sklaven. Es gab zwar Kriegsgefangene, aber keine eigentliche Sklavenhaltung. Die Gemeinschaft des Stammes war einem gewählten Kriegerhäuptling verpflichtet, aber alle Mitglieder des Stammes waren gleichberechtigt. Es gab in den frühen Germanengruppen keine gegen unten abgeschotete Adelskaste.

4 Die Krieger feierten ihre Rituale und Feste in Männerhäusern. Solche Hallen der Männer gab es in den Kulturen des Nordens seit der Bronzezeit. Schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend wurde die Droge Alkohol zur Hauptdroge der Männer, und die früher weitverbreitete Cannabis- und Opium-Kultur wurde in den Frauenbereich verbannt. Männer- und Frauenbereich waren streng getrennt. In den Trinkhallen der Männer hatten die Frauen nichts zu suchen. 
 

 Da wurde Hrothgar, dem König, Kriegsglück zuteil,
 Kraftvoller Kampfesruhm.  
 Es kam ihm in den Sinn,
 Ein Hallengebäude zu bauen, die grossen Halle zum  Mettrunk,
 Grösser als jemand von den Menschenkindern jemals  erfahren hatte, 
 Und dort im Innern alles auszuteilen. (Beowulf 64-71)   
 Da wurde den Männern zusammen 
 in dem Biersaal eine Bank eingeräumt, 
 Wo hochherzigen Helden sich hinsetzten, 
 Die Kraftstolzen. 
 Ein Krieger betreute sie;
 In der Hand hielt er eine hübsch verzierte Bierkanne
 Und schenkte das hellschimmernde Getränk ein. 
 Ein Skop sang bisweilen hellstimmig in Heorot.
 Da herrschte bei den Helden Frohsinn. (Beowulf 491-499)

Heorot heisst im Beowulflied die Trinkhalle der Krieger. Sie ist gross, grösser, am grössten. Dort verbringen die Kämpfer ihre Zeit und empfangen Gäste, dort singen die Skops, die erfahrenen Sänger.  
 
 

5 Die wenigen Bruchstücke der alten germanischen “Männerhaus-Lieder”, wie das Beowulf- oder das Hildebrantslied, erzählen von den Kriegern. So erfahren wir zwar einiges über die Bedeutung des Heldenliedersängers, des Skops, im Lebenskreis der Krieger, aber nichts über die Musik und die Lieder, in anderen Lebensbereichen, bei den Frauen, den Jungen und Alten. 
 

In dieser von den Männern - und unter ihnen den privilegierten Kriegern - beherrschten Gesellschaft wird im Laufe von wenigen Generationen zwischen 500 und 800 der Abstand zwischen den “edlen” Kriegern und dem Volk immer stärker betont. 

Historiker nennen dies den Nobilisierungsprozess in den Germanengesellschaften des Frühmittelalters. Nicht mehr alle Männer können Krieger werden, das Amt des Kriegers wurde erblich in mächtigen Geschlechtern. Zur Erhaltung und zum Ausbau ihrer Macht bedienen sich diese privilegierten Geschlechter des Christentums. 
 
 
 

Christliche Mission - Bekehrung der Germanen

Christliche Bistümer hatte es in Gallien gegeben, seit das Christentum im römischen Kaiserreich Staatsreligion geworden war. Auf dem Konzil von Arles 314 tagten 16 Vertreter gallischer Bistümer.

Als die römischen Besatzer im Anfang des fünften Jahrhunderts ihre Legionen nach Italien zurückzogen und Germanenstämme in dieses Machtvakuum nachrückten, gab es nur noch wenige Nachrichten über christliche Gemeinden. Im Süden Galliens blieben Bistümer offenbar erhalten, im Norden - dort, wo die Franken und Burgunder in frühere römische Gebiete einwanderten - gibt es keine Dokumente christlicher Kirchentätigkeit. 

Erst nach 450 beginnt die von Rom gesteuerte Missionierung der heidnischen Germanenstämme. Den Bischöfen von Rom gelang es in einem vierhundert Jahre dauernden Kampf ihr Primat durchzusetzen. Dieser Machtkampf ging nicht nur gegen Heiden, sondern auch gegen Christen anderer Glaubensrichtung. Der Bischof von Rom kämpfte gegen die Arianer und gegen die Vertreter lokaler Ausformungen christlicher Theologie. Sie alle hatten sich der römischen Autorität unterzuordnen. 

Die neue Religion wurde in vielen Gegenden von der führenden Kriegerschicht übernommen. Der Gott der Christen wurde da ein Kriegerheld und besiegte böse Feinde. Hilfe im Kampf gegen Feinde waren auch schon die alten germanischen Stammesgötter gewesen, der neue Christengott führte alte Traditionen weiter. Die Mythen der Germanen erzählten vom Weltuntergang, vom Kampf der Guten gegen die Bösen, und die neue Religion gab diesen Geschichten nur eine neue Form. Der neue Gott ist Weltenrichter. Er befiehlt und verlangt Gehorsam. Mit diesem neuen Gott konnten die adeligen Krieger ihre Macht verteidigen, und mit der Hilfe des neuen Gottes konnten sie ihre Herrschaft ausdehnen. 
Die Christianisierung der heidnischen Germanen ist die Geschichte der Unterdrückung alter Traditionen durch eine neu entstehende erbliche Schicht adeliger Krieger. Sie bilden seit der Taufe des Franken-häuptlings Chlodwig (496) eine Führungsschicht in weltlichen und geistlichen Belangen. In diesem Machtkampf standen sich im ganzen Einflussgebiet der Franken, d.h. in der römischen Christenheit, eine Unterschicht von 98% der Bevölkerung und eine schmale Oberschicht von Kriegern und Geistlichen gegenüber. 

Die einzigen Vertreter des urzeitlichen Sängeramtes, die mindestens die Anfänge dieser Macht-Umschichtung überstanden, waren die Heldenliedersänger, die in der Festhalle der grossen Herren deren Taten besingen durften. Alle anderen Funktionen der “Wissensbewahrer” wurden von den christlichen Machthabern ausgerottet. 
   
Als vor einigen Jahren im alten Römerkastell von Stein am Rhein die Kirche Burg restauriert wurde, entdeckten die Ausgräber eine ganze Reihe von reich ausgestatteten Begräbnisstellen, die dokumentieren, wie zwischen 550 und 700 eine einzige Familie sich an die Spitze des Stammes setzte und sich gegen die übrigen Stammesmitglieder abgrenzte. Sie bauten sich ein Familienheiligtum, die erste christliche Kirche. Die Archäologen sprechen von typischen Adelsgräbern. 
(Zit. Markus Höneisen: Ausgrabungsbericht)

“Die separierte Lage in einer Kirche weist auf die Distanz zur Bevölkerungsmehrheit hin, welche auf en angestammten Reihengräbern bestattet. Wenn man dieses Recht der Separierung nach dem Tode teilweise über Generationen besass, war es wohl im Leben nicht anders. Denn das Erbbegräbnis setzt die Herrschaft, beziehungsweise den Besitz über den Bestattungplatz über längere Zeit voraus. Die Sippenbindung des Reichtums gilt als typisches Kennzeichen des frühmittelalterlichen Adels.”   (Höneisen )

Die Religion diente der Verfestigung von Macht. Sie spielte im Prozess der Herausbildung einer Machtelite eine entscheidende Rolle. Zur Kontrolle von Untertanen eignete sich die neue Religion vorzüglich. Das Christentum war eine Religion des Gehorsams einem Herrn gegenüber, und es war eine Religion der Erlösung von Einzelseelen. 

Die christlichen Glaubensdogmen ersetzten die alte germanische Religion der Gemeinschaft durch eine Religion der Erlösung, Erlösung von individuellen Seelen. Mit Angst vor Hölle und Verdammnis wurde das Volk, d.h. die Einzelnen,  bei der Stange gehalten. 
Die Angst vor der von Gott eingesetzten Obrigkeit diente jahrhundertelang der von Gott verfügten Erhaltung der Macht von Kriegern. Der heilige Caesarius von Arles  (gestorben 542) schrieb über zweihundert Predigten, in denen er seine Zuhörer vor dem “Jüngsten Gericht” warnte und den Gottkönig Jesus, den Weltenrichter beschwor. Kunstsinnige Zeitgenossen bewundern heute an romanischen Kirchenportalen die “HERRlichen” Abbilder des Pantokrators, der die Guten und die Bösen scheidet. Das sind Propagandaprodukte einer Machtelite, die mit Angst und Pein ihre Position verfestigte. Die von Rom ausgesandten christlichen Missionare versuchten auch gar nicht das Volk zu bekehren. Sie wandten sich an die Vertreter der Macht. 

“In der Regel gewannen die Propagandisten des Christentums erst die Grossagrarier und errichteten dann auf deren Land einen Stützpunkt, hinterliessen ein Kirchlein und zogen zum nächsten Herrn.”   (Deschner )

Die alten heidnischen Kultplätze wurden mit christlichen Symbolen übertüncht. Doch die heidnischen Bräuche blieben bestehen. An der ersten germanischen Kirchenversammlung  (Concilium Germanicum 742 oder 43) verfügten die Bischöfe:

“...dass das Volk keine heidnischen Dinge treibe, sondern allen heidnischen Unflat abwerfe und verabscheue, möge es sich handeln um die Totenopfer oder um Wahrsagerei, um Amulette und Schutzzeichen, um Beschwörungen oder Beschwörungsopfer, die törichte Menschen neben den Kirchen in heidnischer Weise darbringen unter Berufung der heiligen Märtyrer und Bekenner, wodurch sie den Zorn Gottes und der Heiligen herabrufen.” (Deschner )

Die Anführer des Volkes beim heidnischen Treiben waren die Musiker, die Sänger, die ihre angestammte Funktion des Integrators bei allen festlichen Anlässen weiterhin wahrnahmen. Die Sänger waren auch unter der neuen Religion beim Volk geehrt, sie waren die Heiler des Volkes, sie waren Berater, sie vermittelten die angestammten Traditionen, sie kannten die Regeln des Zusammenlebens, sie sprachen Recht ohne geschriebenes Gesetz. 

In der neu christianisierten Gesellschaft des siebten und achten Jahrhunderts, musste die adelige Kirchenleitung - denn alle Funktionäre der Kirche, Bischöfe und Mönche, waren Angehörige des Kriegerstandes - alle Macht und alle ihre Ge-Walt einsetzen, um den altangestammten heiligen Sänger zu entmachten. Was nicht den Interessen der Mächtigen entsprach, wurde als heidnisch gebrandmarkt und unterdrückt.  
 
 
 
 

DIE CHRISTLICHEN FRANKENKÖNIGE

Welche Mittel die Frankenkönige bei der Ausdehnung und Festigung ihrer Macht anwandten, können sie in all den Büchern nachlesen, die von den dynastischen Kämpfen erzählen, in denen Söhne und Väter, Brüder und Onkel sich gegenseitig  ermorden. Es diente die “christliche Brüderschaft” den Mächtigsten ihre Macht auszudehnen. Dabei spielte es längst keine Rolle mehr, ob die Gegner Heiden oder Christen waren. Gegner waren per definitionem “Heiden”.  

Die christlichen Adeligen von Stein am Rhein sind vom christlichen König Karlmann, dem Onkel unseres grossen Karl, ausgerottet worden. Beim sogenannten Carlstatter Blutbad (746) wurde die gesamte alemannische Oberschicht vernichtet. (Deschner ) Am ihre Stelle traten Vertreter der fränkischen Macht, Grafen und Bischöfe. Das Bistum Konstanz wurde zur grössten geistlichen Verwaltungsprovinz in deutschen Landen.
  
747 tritt Karlmann, der das Schwabenmassaker befohlen hatte, zurück und wird Mönch in einem Kloster vor Rom. Sein Bruder Pippin übernimmt alle seine Ämter und Pflichten. Seine Kriegszüge führen ihn im Süden von Gallien gegen die Sarazenen; gegen Nordosten expandiert die militärische Grossmacht gegen die Sachsen jenseits des Rheins. Zwischen 760 und 768 ( Pippins Todesjahr) nimmt er aber auch seinem christlichen Mitbruder Waifar, dem Herzog von Aquitanien, das Land weg und dehnt damit sein “Einflussgebiet” bis zu den Pyrenäen aus.  
 

Wichtigster politischer Erfolg Pippins war aber die Erlangung der Königswürde. Dabei musste sich Pippin über die angestammten Blutsrechte des letzten Merowingerkönigs hinwegsetzen. Der Papst half dabei. Pippin wurde der erste christliche König von Gottes Gnaden von Gott eingesetzt (a Deo institutus). Pippins Sohn Karl wird nach dem Tod des Vaters 768 sein Nachfolger. Er ist “rex Dei gratia”. 
 
 
 
 

3 DER HOF KARLS DES GROSSEN

Mit dieser Vergöttlichung des Königtums ist die Trennung von Mächtigen, den “potentes” und dem Volk, den “pauperes” offiziell von der Kirche geheiligt, d.h. sanktioniert. Von der Mitte des achten Jahrhunderts an gibt es den Hof der Mächtigen und eine davon scharf abgetrennte Schicht von Untertanen. 

DER HOF DER MÄCHTIGEN

Die Frankenkönige bauten ihre Pfalzen zu einem riesigen System von befestigten Verwaltungszentren aus. Diese Zentren waren Sitz der königlichen Verwalter und ihrer Schreiber. Die wichtigsten Entscheidungen werden in dieser neuentstandenen Kastengesellschaft nicht mehr im “Männerhaus” - der Trinkhalle - getroffen. Politische Macht übernahmen die geistlichen Herren der “capella regis”, der königlichen Hofkapelle. Es sind die “capellani”- die Mitglieder der Kapelle - mit ihren Schreibern, den “clerici”, die “höfisches” Verhalten bestimmen. 

Allerdings sind die Interessen der Geistlichen und der Krieger nicht immer identisch. Das sich die Kirche das Recht der Heiratssegnung aneignete, beschnitt die Machtbefugnisse der Krieger. Sie hatten jahrtausendelang - seit der Bronzezeit - Heiraten als Mittel der Machtvermehrung eingesetzt, nun verbot die Kirche die Scheidung und machte das alte Machtspiel der Vertragsabschlüsse durch Heirat und Scheidung schwierig. 

Die Männer der Kirche und die Krieger rekrutierten sich zwar aus den gleichen Familien, sie waren aber verschiedenen Herren verpflichtet, und die Auseinandersetzungen geistlicher und weltlicher Interessen durchzieht die ganze Geschichte des späteren Mittelalters.  

Die Spielleute

Der Einfluss der Kirchenmänner ist in der sogenannten “höfischen” Kultur sehr stark und bedeutet eine Marginalisierung der alten Traditionen. Was nicht den Interessen der Geistlichkeit entsprach, war - wie wir feststellten - heidnisch. “Die Spielleute galten als Träger unfrommer Wollust” (Deschner ).

Der Spielmann ist ein “heidnischer” Spielmann, 
er singt in einer “loter sprâcha”; 
seine Geschichten sind “lugi-sagilon, lugi-spellen”, 
seine Lieder “huor-lieden, wunne-spelen”. 

Die Schreiber prangern den “cantus laicorum obscenus” an, sie schreiben von “ sonus inutilum”, von “cantica turpida”. Aber die “ioculatores” - die joglars, die jugglers, die Gaukler - liessen sich nicht vom Hof vertreiben. Die Mächtigen wollten unterhalten werden: 

“ioculator“ wurde zum Sammelnamen für alle, die aus der Unterhaltung anderer ein Gewerbe machten, es sei nun durch Singen, Musizieren oder durch die Aufführung von Kunststücken. ioculator bedeutet “Lustigmacher” im weitesten Sinne. Der “ioculator” ist der Allerweltskünstler.    (Danckert )

Im Bereich, wo die “lingua theodisca”, d.h. deutsch gesprochen wurde, heisst der Unterhalter “spileman”. 
Spil heisst: Zeitvertreib, Belustigung, Scherz. 
Der Spielmann ist der “gleeman”, er erfreut. 
Spielleute sind aber auch “scherzer, spottari, snurrich”. 
Sie sind die Narren, die unterhalten und den Mächtigen den Spiegel vorhalten. 
 

Der Gaukler (ahdt. gouggalari) ist aber auch der Zauberer. Gaukler sind Heiler und tragen die Traditionen der heidnischen Schamanen weiter. Das lateinische Wort “mimus” - Schausteller - wird in mittelalterlichen Texten mit “hâzus - Hexer” übersetzt.

“Die mitreissende Kunst des “Tönezauberers” erschien dem mittelalterlichen Menschen, auch den gebildeten, als dämonisch. Daher stellte man noch im 14. Jahrhundert Zauberer und Spielleute in eine Reihe mit “Unholden” (von Dämonen besessenen) und von Geistern besessenen Epileptikern.” (Danckert ) 

Der Volkskundler Werner Danckert beschreibt hier den Stand der Dämonisierung des Sängers und Musikers im Hochmittelalter. Den Anfang dieses Prozesses finden wir in den frühen christianisierten Adelsgesellschaften der Merowinger und Karolingerzeit. 

“Spielleute wirkten noch jahrhundertelang nach der Einführung des Christentums als die Ordner und Vorsänger bei den alten heidnischen Festbräuchen, bei den Fruchbarkeitsriten, bei Tanz und Mummenschanz. Im Widerstreit gegen die Geistlichkeit vertraten sie das einheimische Brauchtum. 

Die “Erbfeindschaft zwischen der Kirche und dem Spielmann” erklärt sich sehr einfach: seit den Tagen der Kirchenväter erblickt die Geistlichkeit in den “ioculatores” “weiterwirkende Träger des von ihr als überwunden betrachteten Heidentums”. (Danckert )

Am Hof des seit Weihnachten 800 “Kaiser” genannten Frankenhäuptlings Karl sind die Geistlichen zwar an der Macht beteiligt, sie bestimmen aber nicht über die Freizeit des grossen Fürsten. Karl ist ein durchaus traditionsverhafteter Krieger. Er unterstützt an seinem Hof die Sänger. Da kann sein geistlicher Berater Alkuin wettern gegen die heidnischen Teufel, sein Herr Karl will seine Unterhaltung in der unter germanischen Kriegern gewohnten Weise. An seinem Hof singen Barden über die Heldentaten der Vorfahren. 

Sie heissen “scop, liod-slaho, liudari, skald”. 
Sie begleiteten ihren Gesang auf Saiteninstumenten. 
Diese “Harfen” hiessen  bei den Germanen  “gamen-wudu, gleô-beam”, Freudenholz. 
Der Sänger war ein “gleo-man”, ein Freudenbringer. Urbild dieses Meistersängers war  Odin, der Zauberkundige. 

Was Wunder, dass der fromme Alkuin gegen diese Form von Unterhaltung aufbegehrte. Am Konzil von Tours 813 wird allen Geistlichen die Teilnahme an weltlichen Belustigungen verboten und Alkuin verlangte von Karl ein Dekret, das Schaustellungen und Spiele verbot. Das Gesetz hatte wenig Wirkung, schreibt Werner Danckert. 

Der Kampf der Kirche gegen den heidnischen Sang, “daz gibôsi”, wie die Kleriker ihre Konkurrenz  nennen , hatte unter Karls Sohn Ludwig einen ersten Erfolg zu feiern. Der Nachfolger Karls liess die Sammlungen von Liedern seines Vaters - sicher auf Anstiften geistlicher Berater - verbrennen.  Ludwig war ein folgsamer Sohn der Kirche, er wird drum auch “der Fromme” genannt. Seit seiner Herrschaft waren die Musiker und Sänger jahrhundertelang an manchen Hoffesten gern gesehene, aber immer auf Distanz gehaltene Diener ihrer Herren.  

Ihre Aufgabe war es von der Leutseligkeit Karls des Grossen zu berichten. Oft und gerne. 
 

“Geschichte” ist ein Prozess, der von niemandem gesteuert, von vielen gedeutet, von keinem aber restlos begriffen werden kann”. 

Dieses Zitat von Rudolf Peter Sieferle hatte ich an den Anfang meiner Überlegungen zum Heldengesang am Hofe Karls des Grossen gestellt. 

Ich meine nicht “Geschichte restlos zu begreifen”, ich bin aber davon überzeugt, dass die Geschichte der Ausbildung von sozialen Unterschieden der Macht, von “potentes” und “pauperes”, von Mächtigen und machtlosen Armen,  am Grunde aller Probleme liegt, mit denen wir heute noch konfrontiert sind. Ich glaube, dass wir noch viele spielmännische Narren brauchen, um die Herrschaft der Mächtigen blosszustellen. 

Ich meine auch, dass die Heldenlieder, die uns in alten Schriften überliefert sind, keine brauchbaren Modelle des Zusammenlebens enthalten. Die männnlichen Tugenden der Krieger, die in diesen Liedern gefeiert werden, haben die Menschen genau dahin gebracht, wo sie heute nicht mehr weiter wissen. 
 
 
 

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