DER SÄNGER TRISTAN
UBoeschenstein
 

Das Bild des mittelalterlichen Musikers in den Artus-Epen
 

    Uns ist in alten maeren wunders vil geseit 
    von heleden lobebaeren, von grôzer arebeit;
   von fröuden, hôchgezîten, von weinen und  von klagen, 
   von küener recken strîten muget ir nu  wunder hoeren sagen.  
                           
Zweitausendreihundertundneunundsiebzig solche Strophen lang ist dieses Lied: Der Nibelunge Nôt. Um 1200 ist es aufgeschrieben worden.  Wir können es heute lesen. Singen kann ich es, weil zwei Musikologen vor etwa dreissig Jahren den Versuch gemacht haben die Nibelungen- Melodie zu rekonstruieren. Die “maere” ist uralt. Spielleute haben sie Jahrhunderte lang gesungen, auswendig, ohne schriftliche Vorlagen. Wer waren diese Sänger,  die mittelalterlichen Musiker?
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Wer waren die Vermittler der Artus-Geschichten, der “matière de Bretagne”?
Ich will Ihnen zuerst von den Sängern erzählen. Punkt Eins.
Dann will ich die “widsith”, die Weitfahrer sozial einordnen. Wer waren die Fahrenden? Punkt Zwei.
Dazu muss ich Ihnen - Punkt Drei- von der gottgewollten Ordnung der Herren im Mittelalter erzählen und dann - Punkt Vier- zeigen, wer die “ioculatores “ waren, die Gaukler, die jugglers, les jongleurs, els joglars.
Am Schluss der ersten Stunde will ich Ihnen Tristan vorstellen, Tristan den idealen Spielmann, Tristan den Künstler, Tristan den Sänger und Harfner.
Es soll dann in der zweiten Stunde die Musik im Zentrum stehen. 
Gottfried von Strassburg beschreibt im Tristan, wie ein höfischer Spielmann spielt und wie er sein Spiel gelernt hat.
Wie unterscheidet sich die  Musikkultur  der “cantores” im Mittelalter vom Musikbetrieb von heute? Ich werde dazu einen Umweg nach Indien machen müssen, wo heute noch Musik nur über das Gehör vermittelt wird.
Fangen wir bei den Sängern an.
 
 
 

Wer waren die Sänger?
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Bei Tacitus heisst es: “...et celebrant carminibus antiquiis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est.“ Die Sänger der Germanen singen Heldenlieder. Bei den Kelten heissen diese Sänger Barden: poetae quos appellat Bardos, schrieb Diodorus Siculus  im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung.
Im Beowulf- dem Heldenlied der Sachsen - heisst der Sänger “scop”:

 .........Ein Gefolgsmann des Königs, 
 ein ruhmbedeckter Recke, gebundener  Rede  kundig, 
 Der sich all der vielen alten Sagen
 In grosser Menge erinnerte, 
 fand  unterdessen  manch  alte und neue  Worte,
 Kunst- und kenntnisreich gefügt.
 Der Krieger begann wieder ,
 Beowulfs Werk und Wirken wohlgesetzt  darzustellen 
 Und mit Geschick eine Geschichte   kunstvoll  vorzutragen
 Mit den Worten dabei zu wechseln.

Hier heisst - ums Jahr achthundert- der Sänger “scop”. Er singt nicht nur Heldenlieder: Er ist  auch Krieger. In der Met-Halle, beim Gelage, singen die Krieger.
   
 In der Halle, wo Harfenklang tönte,
 Der helle Gesang des Skops. 
 Es sagte,  der da  konnte
 Den Ursprung des Menschen von alters  her.
 Er erzählte, dass der Allmächtige die  Erde  erschuf, 
 Die dunkle Flur, soweit die Flut sie  umschliesst,
 Auch dass der Siegreiche setzte Sonne  und  Mond
 Als Licht und Leuchte den  Landbewohnern. 

Heldenliedersänger: scop, bardos, sangari, Aöden - bei den Griechen, oder Rhapsoden. In Indien heissen sie Rishis. Es gibt sie bei allen indo-europäischen Stämmen. Sie singen das Lob der tapferen Krieger, seit es die Krieger gibt, seit der frühen Bronzezeit, seit dem Ende der Megalith- Kultur. 
 

Exkurs I : Soziologie.
 
Seit es die Krieger gibt!
Seit es die Krieger gibt, haben sie ihre Helden-Sänger.
Denn Heldentaten wollen erinnert werden: von Odysseus bis zu Arjuna, dem Helden der Bhagavad- Gita, von Gilgamesch, bis  zum sagenhaften Arcturus, dem Polarbär im Himmel.

 Seit wann gibt es Sänger?
 Seit wann singen sie vom Anfang von Himmel und Erde?  
Seit  wann besingen sie “den Ursprung der Menschen”?
 
 Hier bin ich ihnen ein Geständnis schuldig. 
Ich bekenne mich  zum Glauben an eine lange, lange Entwicklung der Menschen.
 Beim Studium früher Kulturen bin ich drauf gestossen, dass  offenbar bis in die jüngste Vergangenheit, das heisst bis  etwa vor 5-6000 Jahren keine vertikalen Strukturen in  menschlichen Gesellschaften zu entdecken sind. 
Es gibt  keine Oberen und keine Unteren. 
 Bei Carl Friedrich von Weizsäcker fand ich wichtige  Gedanken zum Phänomen Macht. Seit es in menschlichen  Gesellschaften institutionalisierte Machtausübung gibt, hat  sich Grundlegendes verändert. 
 Wenn ich Ihnen von den Sängern und Musikern erzähle, tue ich  dies, weil mir das Studium dieser Menschengruppe  ermöglicht, das Phänomen Macht besser zu verstehen.
Und weil die Artus-Epik, die Literatur der Ritter, eine Literatur der Herrschaft ist, helfen Ueberlegungen zur Problematik der Macht auch zum Verständnis der Artus- Geschichten.  

 Die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter, ein Zeitalter ohne Macht ist im Mittelalter  noch durchaus lebendig. Schauen sie sich die Einleitung zur  Geschichte der Frau von Bath von Geoffrey Chaucer unter  diesem Blickwinkel noch einmal an.
 Oder lesen sie bei Plato im Politikos die Beschreibung der  Menschengesellschaft unter dem Vorgänger des Zeus, dem  Chronos.

 Die Sänger wussten um diese Zusammenhänge. 
 Sie waren Fahrende. Sie standen ausserhalb.

Die “sangari” waren nicht ortsgebunden. Sie zogen als “Weitfahrer”, als “widsith”,  von Stamm zu Stamm. 
Sie gehörten nicht dazu. Sie waren Gäste. Sie waren nicht sesshaft und hatten drum auch nicht die Rechte - aber auch nicht die Pflichten der Sesshaften. 
Sie waren “elende”- “eli- lenti”, die aus dem anderen Land, die Fremden.
Tristan gehört zu den Elenden. Er wird  als Vierzehnjähriger von fahrenden Kaufleuten geraubt, weil sein “seitspil” und sein “Schachzabel”, seine Schachkunst so gefallen hatten. Als ein Sturm die Räuber davon überzeugte, dass ihnen Gottes Strafe drohte, wird Tristan ausgesetzt.
 
  Nu wie gewarp dô Tristan?
  Tristan der ellende ? jâ, 
  dâ saz er unde weinde alsâ; 
  wan kint kunnen anders niht
  niwan weinen , alse inen geschiht.

Kinder können anders nicht, als weinen. Tristan ist 14 Jahre alt.
Tristan der ellende, der Fremde, der Heimatlose, findet Aufnahme bei König Marke. Der König gewährt ihm seinen “vriden”. 
Er steht unter dem Schutz des Fürsten. Er ist Gast bei Hofe. Sein “reht” ist der Schutz des Herrn. 

   sus wart der ellende dô
   dâ ze hove ein trût gesinde. 

Tristan wird ein  Hofmann, ein Asylant. 
Aber bleiben wir noch bei denen aus dem anderen Land, den “elenden”, den Fremden.

Die elenden Fahrenden
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Es gibt viele “elende” im 12. Jahrhundert.  Sie sind un-êrlich.
Sie haben keine “êre”, keinen Stand. Sie sind Fahrende. Sie haben keinen Namen. Sie sind Anonymos.
Ich zitiere Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter:

 Wie zahlreich und wie verschiedenartig das Volk der Fahrenden war, zeigen am deutlichsten die Reiserechnungen des Passauer Bischofs  Wolfger von Erla ( 1218), in denen die täglichen Ausgaben des Bischofs auf seinen Reisen durch Österreich und Italien in den Jahren 1203 und 1204 festgehalten sind. 
 Bischof Wolfger hatte eine offene Hand für alle, die seine Unterstützung suchten und sich um ihn drängten, wo immer er hinkam. 
 Zu den »Fahrenden« (vagi, girovagi) gehörte die Menge der »Armen« (pauperes, pauperculi) und »Alten« (vetuli), »Kranken« (infirmi), »Blinden« (caeci) und »Dickleibigen« (pingues); weiter die zahlreichen 
 »Pilger« (peregrini, wallerii) und »Büßer« (penitenciarii), die »armen Kreuzfahrer« (pauperes cruciferi) und die wandernden »Mönche« (monachi, moniales). 
 Nicht geringer war die Zahl von Studierten, die trotz ihrer Bildung auf dieselbe soziale Stufe abgesunken waren: die »armen Kleriker« (pauperes clerici), die »Scholaren« (scolares), die »Lotterpfaffen« (lodderpfaffi) und mancher »alte Kanonicus« (vetulus canonicus). 
 Noch größer war die Gruppe der fahrenden Künstler, die den Bischof auf seinen Reisen aufsuchten. Sie wurden zumeist in der traditionellen kirchlichen Terminologie als »Spielleute« (ioculatores), »Gaukler« (histriones) und »Schausteller« (mimi) bezeichnet. Es begegnen aber auch genauere Namen, aus denen sich ergibt, daß die musikalischen Darbietungen der Geiger« (gigari), »Sänger« (cantores, discantores), »Sängerinnen« (cantatrices) und eines »Mädchenchors« (puellae cantantes) sich besonderer Wertschätzung  erfreuten.

Es war nicht leicht, in der Welt der Sesshaften ein Fahrender zu sein. 
Sesshafte pflegen der Meinung zu sein, dass nur Sesshafte Menschen seien. Das ist ein fundamentaler Irrtum, der, wie es scheint, schwer auszurotten ist.
Für den Sesshaften ist die Unsicherheit des Fahrenden schwere Arbeit-“arebeit”, grosse Not. 

Wer daz elend bauen wil,
 der heb sich auf und sei mein gesel
 wol auf sant Jacobs strassen,
 zwei par schuech, der darf er wol,
  ein schüssel bei der flaschen.
Ein breiten hut den sol er han
  und an mantel sol er nit gan
 mit leder wol besetzet,
 es schnei oder regn oder wehe
 der wint, daz in die luft nicht netzet.
Sack und Stab ist auch darbei,
 er lug, daz er gebeichtet sei,
 gebeichtet und gebüßet,
 kumpt er in die welschen lant,
 er findt er kein teutschen priester.
So ziehen wir durch die welschen lant,
 die sein uns brüederen unbekant, 
 daz elend müessen wir bauen, 
 wir ruefen got und sant Jakob an
 und unser lieben frauen.

Auch die Pilger waren Fahrende. Auch die Pilger hatten ihre Heimat, ihre Rechtssphäre verlassen und waren auf den “Gottesfrieden” angewiesen. Nicht mehr der “vriden” des Herren schützte sie, ihr Schutz war der “vriden” Gottes. Und es waren nicht wenige, die  wallten.  Etwa 10-15%  der Bevölkerung war unterwegs. Um 1200 hatte Deutschland etwa 10 Millionen Bewohner. Die Fahrenden, das waren 1- 2 Millionen Menschen.  
Wir hörten bei Bumke, alle diese Menschen seien abgesunken. Das ist ein sogenannter “ethnozentrischer” Fehlschluss, die Weltsicht des Sesshaften. Die Fahrenden waren keineswegs abgesunken. Sie standen ausserhalb. Und als Pilger stand jeder einmal in seinem Leben ausserhalb. Mann und Frau betrachten dann die Ordnung von aussen. 
Ich glaube, dass dieses “Ausserhalb-der Ordnung-Stehen” die wichtigste Funktion des Pilgerwesens war. Einmal im Leben musste jeder sich davon überzeugen können, dass es eine Weisheit der Unsicherheit gibt. Ich bin sicher, viele haben es auf Pilgerfahrten erfahren. 
Monatelang als Pilger unterwegs sein verändert. 
Ich kann davon ein Liedlein singen: Meine Pilgerfahrt auf der via superior von Einsiedeln bis zum Faro de Finisterre, 2222 km hat der Kilometerzähler meines Velo gezählt. Ich habe dabei viel “elend gebaut”. 
Die Jakobsbrüder, die wiedergekommenen Wallfahrer, hatten in der Heimat eine wichtige Aufgabe. Sie konnten vermitteln, weil sie ihre Mitte gefunden hatten und mit salomonischer Weisheit beraten konnten. So erfüllten vielleicht die Wiederkehrer in ihrer Heimat die Funktion der ausgleichenden Gerechtigkeit, die Funktion der Narren. 
Denn Narren sind keine Narren. Ihre Aufgabe ist es, lachende Weisheit zu verbreiten. Narren sind gescheit in einer verrückten Welt der herrschenden, beherrschenden Ordnung. 
 

Exkurs II : Soziologie

Was uns Menschen von den Primaten unterscheidet, ist unsere Fähigkeit nicht nur durch Mimik und Töne zu kommunizieren, sondern durch aneinandergefädelte Lautsymbole Geschichten zu vermitteln.
In kleinen Gruppen dienen Geschichten zur Schaffung von zwischenmenschlichen Kontakten. 
So denken Menschen miteinander über ihre Situation nach. 
Die Geschichtenerzähler, die Narren, die Sänger richten sich in mündlichen Gesellschaften immer an kleine Gruppen. Direkte Auseinandersetzung ist möglich. In diesem intimen Rahmen ist fundamentale Kritik möglich, ja, sogar erwünscht. 
Schreiben führt in eine andere Ebene: Wer schreibt, schreibt als Autorität. Kritik ist unerwünscht. Schreiben ist ein Machtpänomen .

Die gottgewollte Ordnung
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Wie sah sie denn aus, die gottgewollte Ordnung der Sesshaften?
Adalbert von Laon schreibt  um 1000AD:  
 Triplex ergo Dei domus est quae creditur  una. 
 Nunc orant, alii pugnant, aliique laborant. 
und Freidank schreibts deutsch:
 Got hât driu leben geschaffen: gebûre,  ritter  unde pfaffen.
Bertold von Regensburg predigt ca. 1270  von den 10 Chören der Engel und , weil ja hier im Jammertal der Erde die Ordnung der Christenheit gleich ist wie die Ordnung im Himmel, gibt es auch hier unten 10 Kasten:
Die ersten drîer leie liute daz sint die hoehsten unde die hêrsten, die der almehtige got selbe dar zuo  erwelt unde geordent hât, daz în die andern siben alle undertaenic wesen suln und în dienen suln.
 die pfaffen, die geistlîche liute unde die weltliche rihter, herren und ritter, die dâ witwen unde weisen schirmen suln. 
Es folgen dann die 7 dienende chöre:  
 alle die gewant wirkent
 alle die mit îsenînen wâfen arbeitend unde wirkend
 alle die mit kouf umbe gênt
  alle die dâ ezzen unde trinken veil habent
 alle die daz ertrîche buwent
 alle die mit erzenîe umbe gênt
und dann folgt ganz zuletzt der10. Chor: 
. ..Daz sint die gumpelliute, gîger unde  tambûrer,  swie die geheizen sîn, 
 alle die  guot für êre nement.

Ioculatores- Die Spielleute
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Alle die guot für êre nehmen.  Gut und Ehre , das sind Wörter , die wir auch kennen. Nur - um 1200 bedeuten sie ganz anderes.
Walter von der Vogelweide wird uns in der zweiten Stunde sagen, was er mit “guot und êre”  meint.
Was wir meinen, über die Spielleute, die Fahrenden zu wissen, stammt von schreibenden Angehörigen der Priesterkaste. 
Unser Mittelalterbild ist von ihnen geprägt. 
Für die Männer der Kirche waren die Nichtsesshaften zur ewigen Verdammnis verurteilt. 
Joachim Bumke schreibt:  
 Auch in sich war die Gruppe der ioculatores und Spielleute ganz uneinheitlich, und die Rangordnung wurde im wesentlichen durch die Art ihrer Tätigkeit bestimmt. In einer vielzitierten Passage aus der >>Summa confessorum<< des Thomas von Chobham (Tod nach 1233) wurden die Spielleute in drei Klassen geteilt und vom kirchlichen Standpunkt aus bewertet: 
Sed notandum quod histrionum tria sunt genera.
 »Es gibt drei Arten von Spielleuten. 
 [Erstens] solche, die ihre Körper in schandbaren Sprüngen oder schandbaren Gebärden verdrehen  und verbiegen 
 und die ihre Körper auf schandbare Weise entblößen  oder gräßliche Panzer oder Masken tragen: 
 die sind alle zur Verdammnis bestimmt, sofern sie nicht ihren Beruf aufgeben. 
 [Zweitens] gibt es andere, die nichts anderes tun als sich in fremde Angelegenheiten einmischen; 
 sie besitzen keinen festen Wohnsitz, sondern ziehen zu den Höfen der Fürsten und verbreiten Schimpf und Schande über Abwesende. Auch diese sind der Verdammung anheimgegeben; der Apostel verbietet nämlich, mit solchen Menschen zu speisen. 
 Sie werden scurrae vagi (fahrende Possenreißer) genannt, weil sie zu nichts taugen als zum Prassen und Schmähen. 
 Es gibt eine dritte Kategorie von Spielleuten, die Musikinstrumente besitzen, um die Menschen zu erfreuen, und von denen gibt es zwei Arten. 
 

 Die einen besuchen öffentliche Gelage und ausgelassene Geselligkeiten, um dort frohe Lieder zu singen und damit die Menschen zur Unkeuschheit anzustiften. Diese sind ebenso verdammungswürdig wie die ersten. 
Die anderen, die ioculatores genannt werden,  singen von den Taten der Könige und vom Leben der Heiligen,  und diese spenden den Menschen Trost in ihren Kümmernissen und ihren Ängsten. Sie können gerettet werden. 

“Sie können gerettet werden”, behauptet der Theologe Thomas. 
Was haben die Betroffenen geglaubt? Waren sie ein Leben lang zerknirscht? Hatten sie ein Leben lang Angst vor der ewigen Verdammnis? Oder standen sie auch da ausserhalb? 
In germanistischen und historischen Arbeiten der letzten hundert Jahre werden die oben zitierten Verdammungsurteile als Beweis dafür gebraucht, dass die Fahrenden eben “elende” waren,  Randständige, ohne Bedeutung für die Gesellschaft als Ganzes. 
Wirklich fundierte  Arbeiten darüber, welchen Beitrag die Fahrenden für die Verbreitung von Ideen und Nachrichten leisteten, sind auch heute noch kaum publiziert. Ebenso fehlen uns Beschreibungen und  Untersuchungen über Werte und Normen innerhalb der Gruppe der Fahrenden. 
Gab es unter Fahrenden auch Machtstrukturen, gab es auch Hierarchien? Wie haben sie sich selbst gesehen?  
Wir wissen darüber nichts, die “elenden” haben nicht geschrieben.
 
Ich weiss, vom Nordkap bis Gibraltar gab es christliche Kirchen. Es wurden dort christliche Messen gefeiert. 
Waren aber die Kirchgänger auch Christen?  
Wie von den Fahrenden, wissen wir auch von den “pauperes”, den 95% des Nährstandes, nichts. Sie haben nicht geschrieben. 
Sie waren alle Idioten. 
Alle 95%, denn so nannte der “doctus”, der gebildete Lateiner alle jene, die nur ihre Muttersprache sprachen. Wer nicht die Sprache der Priester sprach, war “idiota”.
Die Quellen für unsere Kenntnisse der Volkskultur fliessen nicht reichlich.
 

Wir kennen aber heidnische Volksbräuche? 
Wir lesen von den  Kräuterfrauen, den Hexen? 
Wir lesen in den Inquisitionsprotokollen über die Bauern und Schäfer in den Pyrenäen. 
Dachten vielleicht die exkommunizierten Schwyzer im 13. Jahrhundert auch ganz unorthodox, ganz unkatholisch? Dachten sie “heidnisch”?
Wie dachte im Mittelalter das Volk?
Wie kommt es, dass Musikanten aus der arabischen Welt auch an christlichen Höfen aufgetreten sind? In England haben sie ihre Musik in den Morrisdances, in den Maurentänzen  hinterlassen. 

Die Maurentänze:                                                   Morrisdance

Um 1200 wird die Literatur der weltlichen Oberschicht, der “potentes”, schriftlich. Die Sänger und Dichter fangen an zu schreiben. .Die ganze Artus- Epik gehört in diesen Zusammenhang. Sie wird geschrieben für die Kriegerkaste, die sich in diesen Texten selber feiert oder die sich in diesen Texten Ideale gibt, den idealen König, Artus, den idealen Ritter, Parzival, Gawain, Lancelot und wie sie alle heissen.
Und den idealen “spileman”: 
 »ich was ein höfscher spilman 
  und kunde genuoge 
  höfscheit unde vuoge. 
  sprechen unde swîgen, 
  Iîren unde gîgen, 
  harpfen unde rotten, 
  schimpfen unde spotten, 
  daz kunde ich allez alsô wol. 

So stellt sich der Spielman Tristan seinen Rettern im Hafen von Dublin vor. Er ist ein höfischer Spielmann. Er unterhält mit böser Zunge. Er tut das was Thomas von Chobbham anprangert. Er verbreitet Schimpf.  Er ist aber auch Diplomat - er weiss zu schweigen. 
Er kennt “hovescheit”, er ist höflich, “poli” - poliert, die Oberfläche- oder ist es die Oberschicht- glänzt, er kennt die zivilisierten Spielregeln der Fürstenhöfe. Und er kennt  die “vuoge”, die Kunst. 
Er spielt seine Instrumente perfekt: die Drehleier, die Geige, die Harfe und die Rotte, er kennt die Kunst. Er ist ein Kunst- Spielmann, ein “art- spilman”. 
Was den  Künstler  ausmacht,  bestimmen die Wertvorstellungen seiner Zuhörer. In den Artus-Epen ist es die Adelsgesellschaft, die polierte Oberschicht. In den Artus-Geschichten kommt das Volk nicht vor.
Kunst ist “ars”.  Das wird von der Gepflogenheit des Volkes, dem “usus” abgesetzt. So hiess es schon ums Jahr 1050 bei Guido von Arezzo, dem Erfinder der Notenschrift:

 Musicorum et cantorum magna est distantia.
 Isti dicunt, illi sciunt, quae componit   musica.  
 Nam qui facit, quod non sapit, definitur  bestia.

Gross ist der Unterschied zwischen einem Musikern und einem “cantor”. Nur der Gelehrte kennt Musik. Wer aber nicht weiss, warum er tut, was er tut, ist ein Tier. Für den geistlichen Herrn Guido sind die Spielleute Tiere, denn sie wissen nicht, was sie tun. 
Wussten sie es wirklich nicht? 
Oder fehlte ihnen vielleicht nur  die analytische Sprache der Gelehrten und wussten sie viel mehr über Musik als der Schreibmusiker, der Komponist? 
Waren vielleicht die Kon-Sonanten, die Zusammenspieler, viel näher bei der Göttin Musica als die Ko-legen? Die Zusammentöner mehr Musiker als die Zusammenleser?
Im höfischen Spielmann Tristan ist zum ersten Mal die Verbindung von Buch und Spiel Voraussetzung.

 der buoche lere und ir getwanc 
  was sîner sorgen anevanc. 
  und iedoch dô er ir began, 
  dô leite er sînen sin dar an 
  und sînen vlîz so sere, 
  daz er der buoche mêre 
  gelernete in so kurzer zît 
  danne ie kein kint ê oder sît. 
 Under disen zwein lernungen 
  der buoche unde der zungen 
  sô vertete er sîner stunde vil 
  an iegelîchem seitspil.
 

Die Welt hat sich um 1200 gründlich verändert, als die Lehre aus dem Buch, das Schreiben, das Lesen, die Schriftlichkeit - fast plötzlich - zentral wurde. Es gibt jetzt die absolute Wahrheit der Schrift. Es gibt die Satzungen des Rechts, römisch, geschrieben, nicht mehr das mündliche im Alltag verwurzelte “common law”. 
Der  “buoche lêre und getwanc  war sîner sorgen anevang”. 

Ich gehöre zu den unersättliche Lesern, jeden Tag ein paar Stunden lang. Ist vielleicht das Lesen auch meiner Sorgen Anfang? Wissen aus zweiter Hand? 
Ich spiele zum Ausgleich Musik. Ich lese nicht Musik, ich spiele. Musik war auch für den höfischen Spielmann Tristan nicht gelesen. 

Troubadourmelodie   Minne gebiutet mir

Der höfische Spielmann ist ein “menestriere”.
“menestriere” von lateinisch : ministerialis - Diener. Hier ist der Spielmann nicht mehr ein freier “pauper”, ein freier Rechtloser, er ist Diener.
Der höfische Spielmann ist Diener seines Herrn. Nur wenn seine Schönheit- wie im Fall Tristans - ganz klar auf seine Zugehörigkeit zur Adelskaste schliessen lässt, gehört er dazu.  Dann gehört er zum Gesinde des Herrn. Sie erinnern sich noch:
  
 sus wart der ellende dô
 dâ ze hove ein trût gesinde.

Der Ménéstrel- der Diener seines Herrn - unterhält die feine Hofgesellschaft. 
 

Ich lese aus dem Roman “Tristan”  des Meister Gottfried.

 Nu gevuogete sich daz,
 daz Marke an eime tage gesaz
  ein lützel nach der ezzenzît,
  sô man doch kurzewîle pflît,
  und losete sêre an einer stete
  einem leiche, den ein harpfaere tete,
  ein meister sîner liste,
  der beste den man wiste.
  der selbe der was ein Gâlois.
 nu kam Tristan der Parmenois
  und saz ze sînen vüezen dar
  und nam so vlîzeclîche war
  des leiches unde der süezen noten.
 »meister« sprach er »ir harpfet wol.
  die noten sint rehte vür brâht,
  senelîche und alse ir wart gedâht.
  die macheten Britûne
  von mînem hêrn Gurûne
  und von sîner vriundinne.«
 diz nam in sîne sinne
  der harpfaere und loste allez dar,
 »waz weistu« sprach er »liebez kint, 
  von wannen dise noten sint?
  kanstu ihtes iht hier an?«
  »ja schoener meister«, sprach Tristan 
  »ich haete es hie vor meisterschaft.
  nû hât ez aber sô cleine craft,
  daz ich vor iu niht engetar.«
  »nein vriunt, sê dise harpfen dar,
  lâ hoeren, welher hande
  kan man in dînem lande?«
  »gebietet ir daz, meister mîn,
  und sol ez mit iuwerm urloub sîn,
  daz ich iu harpfe?« sprach Tristan.
  »ja trut geselle, sê harpfe an!«
   Als er die harpfen dô genam,
  sînen handen sî vil wol gezam.
  die waren, alse ich han gelesen,
  daz sî niht schoener kunden wesen:
  weich unde linde, cleine, lanc
  und rehte alsam ein harm blanc.
  mit den so ruorte er unde sluc
  ursuoche und notelîne genuoc
  seltsaene, süeze, guote.
  hie mite wart ime ze muote
  umbe sîne leiche von Britûn.
  sus nam er sînen plectrun:
  nagel unde seiten zôher,
  dise niderer, jene hôher,
  rehte als er si wolte han.
 

 Tristan, der niuwe spilman,
  sîn niuwez ambet huob er an
  mit vlîzeclîchem ruoche.
  sîne noten und sîne ursuoche,
  sîne seltsaene grüeze
  die harpfete er so süeze
  und machete sî schoene
  mit schoenem seitgedoene,
  daz iegelîcher da zuo lief.
 Nu Tristan der begunde
  einen leich dô lâzen clingen în
  von der vil stolzen vriundîn
  Grâlandes des schoenen.
  und harpfen sô ze prîse
  in britûnischer wîse,
  daz maneger da stuont unde saz,
  der sîn selbes namen vergaz.
  da begunden herze und ôren
  tumben unde toren
  und ûz ir rehte wanken.
  dâ wurden gedanken
 in maneger wîse vür brâht.

Manch einer, der da sass, verlor sich in Gedanken und vergass sich selbst.
Ich bin nicht bei den Galotten, den Walisern, in die Lehre gegangen und kann nicht “harpfen”.
“mich lerten franzoîse lîren.” Ich habe bei den Franzosen gelernt zu leiern. Ich spiele ihnen auf meiner “chiffonie”,  meiner Drehleier eine “franzoîse wîse”:
 Pois prejatz me, senhors
 qu’eu chan, eu chanterai.
 Wenn ihr mir befehlt, meine Herren, dass ich singe,   dann  werde ich gehorchen. 
 Aber wie soll ich gut musizieren, wenn mein Herz  traurig ist.
Bernart von Ventedorn hat das gedichtet. Bernart, der Sohn eines Knechts, der seine Lieder am Hof der Königin Eleonor spielte.
Er war kein Fahrender. Er war ein Hof- Musiker.

Ventedorn                                                                   Pois Prejatz

Mittelalterliche Musik - Monophonie
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Ich las ihnen vor der Pause aus den Buch “Tristan”  von Gottfried von Strassburg.
Ich habe aus einem Epos vorgelesen. 
Aber “altiu maere” wurde doch gesungen? 
Ja, bis um 1200. Von 1200 an sind Epen nicht mehr Lieder; sie stehen in Büchern und werden gelesen. 
Anfang der geschriebenen Romankultur. 
Wie vorgelesen wurde wissen wir nicht. Wenn ich an die Schwierigkeiten denke, die ich beim Lesen von Manuskripten habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass Wort für Wort vorgelesen wurde.
Es muss geübte Vorleser gegeben haben, die Manuskripte nur als Gedächnisstütze brauchten.
Und das Singen? 
Das tun die feinen Ritter immer noch. Das gehört zum guten Ton. Begleiten lässt sich der Adelige vom Diener, vom Spielmann. 
Aber der ideale Ritter kann auch alles was der Spielmann kann
Erinnern sie sich noch?
Tristan nahm die Harfe und stimmte sie mit seinen schönen weissen Händen:
 mit den so ruorte er unde sluc
  ursuoche und notelîne genuoc
  seltsaene, süeze, guote.
 
 

“ursuoche”
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“ursuoche” und “notelîne” spielt er. In der Uebersetzung der Germanisten heisst es, er habe ein Vorspiel und zahlreiche Töne gespielt. Ich habe mich über diese Uebersetzung geärgert. Ein Musiker spielt nie nur zahlreiche Töne.
Aber das will ich Ihnen lieber musikalisch erklären. Ich spiele eine “notelîne”:
                                                     Chalumeaumelodie
Ich spiele nach einer “note”, einer Melodie: aufgeschrieben um 1340. Walter von der Vogelweide zugeschrieben. Hêr Walter starb um 1230. Hundertzehn Jahre vor der Niederschrift seiner “note”. 
Ich teile meinen musikalischen Vortrag nach der Art indischer Musiker in einen Alap und einen Ghat. Im Alap improvisiert der Solist - manchmal stundenlang - und führt seine Zuhörer langsam an die Komposition heran. Composition - so übersetzte meine Lehrerin in Indien jeweils den Ausdruck Ghat. 
Alap und Ghat zu Raga Palästina- zum Palästinalied des Walter von der Vogelweide.

Improvisation                                                           Palästinalied

Alap und Ghat zum Palästinalied.
Ich weiss, mittelalterliche Musiker spielten keinen Alap und keinen Ghat. Das tun indische Musiker. 
Weil mir aber kein Musikologe, kein Mitmusiker, hier in Europa überzeugend zeigen konnte, wie mittelalterliche Musik zu lernen und zu spielen sei, bin ich auf Abwege geraten. Bis nach Indien. 
Dort spielen auch heute noch Musiker, die nicht Noten lesen, 
Musiker, die Musik mit dem Ohr lernen. 
Sicher sind die Formen der indischen klassischen Musik anders als die Formen der mittelalterlichen Spielmannsmusik. Nicht Formen habe ich in Indien dazugelernt, sondern Strukturen. Die Strukturen der einstimmigen Musik, der Monophonie, sind überall gleich, in Arabien, in Nordafrika, in Persien, in Indien.  Alles liegt am Ton.
Meine Lehrerin in Indien hiess mich, meinen Ton suchen. Ich habe ihn nicht gefunden. Ja, ich konnte Monate lang nicht einmal verstehen,was ich suchen sollte. Meinen Ton?   
Tristan spielte eine “ursuoche”, ein Vorspiel, ein Präludium: Vor dem Spielen suchte er seinen Ton. Er umspielt diesen Ton, er spielt mit allen Tönen um diesen Ton, auf diesem Ton ist seine “note” gebaut. Die Note ist die kurze Zusammenfassung aller Möglichkeiten des Vorspiels. 
“notelîne”
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In der “ursuoche” zeigt der Musiker all die Melodieformeln, die “wandelungen”, die in seiner “note”, seiner Vorlage ,vorkommen. Er lernt diese “wandelungen” nicht im Buch. Tristan liest keine Noten, er lernt “by heart”, auswendig, durch Üben. Stundenlanges Üben. 

Tonbeispiel                                                                  Etüden 

Üben, üben, üben. stägeliuuf. stägeliaab.
Ein Musiker in einer oralen Musikkultur lernt acht bis zehn Jahre lang eigentlich nur Etüden. Dann hat er alles, was sein Instrument zu spielen in der Lage ist, einmal geübt. Dann kann er anfangen zu spielen. Dann erst fängt sein musizieren an.
 
 sô vertete er sîner stunde vil 
  an iegelîchem seitspil. 
  da kêrte er spate unde vruo  
  sîn emezekeit sô sêre zuo, 
  biz er es wunder kunde. 
  er lernete alle stunde 
  hiute diz, morgen daz, 
  hiure wol, ze jare baz.

“bis er ez wunders kunde”. 
Ursuoche unde Notelîn.

  Nu Tristan der begunde
  einen leich dô lâzen clingen în
  und harpfen sô ze prîse
  in britûnischer wîse,
  daz maneger da stuont unde saz,
  der sîn selbes namen vergaz.
 
Tristan spielt so eindrücklich, dass seine Zuhörer sich selber vergessen, dass sie ihren Namen, ihre Individualität aufgeben und eintauchen in die grosse, ganze Welt der Musik. Ein paar Mal in Indien habe ich das als Zuhörer erlebt. Wenn einer so musiziert geschieht Eigenartiges.

Ich spiele Ihnen in “britûnscher wîse” meine Lieblingsweise, die Klage des Tristan. Unter diesem Titel ist die Melodie um 1390 aufgeschrieben worden, in Italien. Es steht im Manuskript: Lamento di Tristano.

Drehleier:                                                                     Lamento
 

 Nu dirre leich der was getan:
  nu hiez der guote künec dar gân
  und sprach, daz man in baete,
  daz er noch einen taete.
  »mu voluntiers!« sprach Tristan.
  rîlîche huob er aber an
  einen senelîchen leich als ê.
  er sanc diu leichnotelîn
  britûnsche und gâloise,
  latînsche und franzoise
  so suoze mit dem munde,
  daz nieman wizzen kunde,
  wederez süezer waere
  oder baz lobebaere,
  sîn harpfen oder sîn singen.
  sich huop von sînen dingen
  und von sîner vuoge
  rede unde zal genuoge.

Die ganze Hofgesellschaft rennt herbei und mäniglich staunt. Der neue Spielmann Tristan kann alles. Er singt brîtunsch, englisch. Er spielt gâlois, Walisisch und erkennt lateinische und französische Lieder, Melodien, Tänze.

“die wîsen”
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Das Repertoire ist gemein-europäisch. Es ist nicht international. Nationen gibt es um 1200 nicht. Es gibt viele Länder, und in vielen Ländern leben viele verschiedene Menschen, die alle auch Musik machen, schon immer. Auch heute spielt der Volksmusikant Schottisch, Polka und Allemande.
Ich will Ihnen einen deutschen Tanz, einen deutschen Reihen fiedeln, eine “note” von Neidhart, dem aus dem “riuwental”. 

Neidhart                                                                            Sumer 

Ich kann ihnen auch einen “britûnischen” leich, einen englischen Reihen, eine “carol” singen. Das Mädchen im Moor. Es isst Frühlingsblumen, the primrose and the violet. Sie trinkt das frische Wasser der Quelle, sie wohnt in einem Rosen- und Lilienhaus.
  
Maid in the moor lay                                                          Carol

Maid in the moor lay , seven nightes fulle. Sieben Tage lang lebt das Mädchen im Wasserland. Englisch heissts sieben Nächte lang. Sie isst Frühlingsblumen, sie trinkt von der Wasserquelle, sie wohnt im Weissen und im Roten. 
Mythologisch Gebildete unter ihnen erkennen Mythologeme: 
Die heilige Sieben,  das Wasser, denn: “panta rhei”- alles fliesst-, und die Farben des Mondes, weiss: die Farbe der jungfäulichen Göttin, rot: die Farbe der Frau. 

Wie alt ist wohl dieses Lied? Aufgeschrieben wurde es im Mittelalter, um 1240.
 
  Tristan dô der verande
  sînen leich nach sîner gêr,
  Marke sprach: »Tristan, gâ her.
  der dich dâ hat gelêret,
  der sî vor gote gêret
  und dû mit ime! daz ist vil wol.
  dîne leiche ich gerne hoeren sol
  underwîlen wider naht,
  sô du doch niht geslafen maht.
  diz tuostu wol mir unde dir.«
  »ja herre, wol.« »nu sage mir,
  kanstu kein ander seitspil noch?«
  hêrre, ich han gevlizzen
  an iegelîchem seitspil
  und enkan doch keines alsô vil,
  ine kunde es gerne mere.
  ouch han ich dise lêre
  niht vil manegen tac getriben
  und zwâre ich bin derbî beliben
  under mâlen kume siben jar
  oder lützel mêre , daz ist wâr.
  mîch lêrten Parmenîen
  videln und symphonîen.
  harpfen unde rotten
  daz lêrten mîch Galotten,
  zwêne meister Galoise.
  mich lêrten Britûnoise,
  die waren ûz der stat von Lût,
  rehte lîren und sambjût.«

Fiedeln und symphonien kann der Spielmann. Das hat er in Parmenien, in der Bretagne gelernt. 
“Symphonien”, das ist die Drehleier. 
Synphonia - das Zusammenklingen. 
Das ist das Geheimnis aller Borduninstrumente. Bordun: So nennt man den langen, langen Ton der alten, einstimmigen Instrumente.  
Noch heute heisst der Dudelsack in Italien: Zampogna; in Spanien die Drehleier: Zamfonia.

Tristan spielt auch walisische Instrumente. Er hats bei den Galotten gelernt: Harfe und Rotte. 
Er kann das alles. Aber er betrachtet sich selber keineswegs als Meister. Er hat zwar fleissig geübt. Aber halt nicht lang genug, “chume siben Jâr”.
Mir gehts auch so. Es sind bei mir zwar mehr als “siben jâr”, aber die gründliche Ausbildung in der Kunst der “wandelunge”, der Improvisation, nach uralt überlieferten Mustern,wird kein Musiker mehr nachholen können. Seit wir in Europa mehrstimmige Musik entwickelt haben und gelernt haben von Noten zu spielen, ist die hochentwickelte Spielmannskunst verlorengegangen. Wir spielen nicht mehr nach dem Ohr, wir spielen nach dem Gesicht, wir lesen Noten.
Es ist nicht alles Fortschritt, was glänzt.

Ist der süsse Mai noch so süss wie damals?
                                       En mai

Eine “franzoîse wîse”, von einem namenlosen Trouvère geschaffen, in einem Liederbuch vom Schreiber aufgeschrieben und - 
vielleicht vom Meister von der Vogelweide übernommen.

Walter von der Vogelweide                                     under der linden

 Under der linden
 an der heide
 dâ unser zweier bette was
 dâ mugt ir finden
 schône beide
 gebrochen bluomen unde gras.
  vor dem walde in einem tal,
  tandaradei
  schône sanc diu nahtegal.

 Ich kam gegangen
 zuo der ouwe:
 dô was mîn friedel komen ê.
 dâ wart ich empfangen,
 hêre frowe,
 das ich bin saelic iemer mê
  kuster mich? wol tusent stund:
  tandaradei
  seht wie rôt ist mir der munt.

 dô het er gemachet
 alsô rîche
 von bluomen eine betestat.
 des wirt noch gelachet
 inneclîche,
 kumt iemen an daz selbe pfad
  bî den rosen er wol mac
  tandaradei
  merken wâ mirz houbet lac.
 
 daz er bî mîr laege
 weissez iemen
 nu enwelle got so schamt ich mich
 wes er mit mir pflaege
 niemer niemen
 bevinde daz wan er und ich
  und ein kleines vogelîn
  tandaradei
  daz mac wol getriuwe sîn.
 
 

  Der nahtegalen der ist vil,
  sî kunnen alle ir ambet wol
  und singent wol ze prîse
  ir süeze sumerwîse.
  ir stimme ist lûter unde guot,
  si gebent der werlde hôhen muot
  und tuont rehte in dem herzen wol.

Gottfried beschreibt im sogenannten Literaturexkurs seine schreibenden Zeitgenossen. Walter von der Vogelweide ist die Schönste der Nachtigallen.

  (ich meine aber von ir doenen
  den süezen, den schoenen),
  wâ sî der sô vil naeme,
  wannen ir daz wunder kaeme
  so maneger wandelunge.
  ich waene, Orphêes zunge,
  diu alle doene kunde,
  diu doenete uz ir munde.

“Orphêes zunge”- die Sprache des mythischen Sängers der Vorzeit, die Musiksprache der Schamanen.
Am Fusse der Pyrenäen, in Duruthy, gruben Archäologen Flöten aus. Die Fundschichten sind 30 000 Jahre alt. Heisst das, dass die Musiktradition der orphischen Spieler 30 000 Jahre alt ist? Und was sagt dies über unsere Vorstellung des Fortschritts? Was heisst Zivilisation? 
Das fragt sie hier ein Spielmann. Dr. Fulltime Nobody, ein Namenloser, der Narr.
Er reagiert aufmerksam auf ein wichtiges neues Phänomen der schriftlichen Ritterkultur: Hier haben zum ersten Mal die Künstler einen Namen. “Ich, Wolfram von Eschenbach, erzähle euch die Geschichte von Parzival.”
Vor achthundert Jahren sass “hêr Walter”, der von der Vogelweide auf einem Felsen und dachte übers Leben nach. “Ich saz uf eime steine.....”
                                               Walter von der Vogelweide. 

 Ich saz uf eime steine,
 und dahte bein mit beine:
 dar ûf satzt ich den ellenbogen:
 ich hete in mîne hant gesmogen
 daz kinne und ein mîn wange.
 dô dahte ich mir vil ange,
 wie man zer welte solte leben:
 deheinen rât kond ich gegeben,
 wie man driu dinc erwurbe,
 der keines niht verdurbe,
 diu zwei sint êre und varnde guot,
 daz dicke ein ander schaden tuot:
 daz dritt ist gotes hulde,
 der zweier übergulde.
 die  wolt ich gerne in einen schrîn.
 jâ leider desn mac niht gesîn,
 daz guot und weltlich êre
 und gotes hulde mêre
 zesamne in ein herze komen.
 stîg unde wege sint în benomen:
 untriuwe ist in der sâze,
 gewalt vert uf der strâze:
 fride unde reht sint sêre wunt.
 diu driu enhabent geleites niht, 
 diu zwei enwerdent ê gesunt.

“fride und reht sind sêre wunt”- die Schutzsysteme der Gesellschaft sind krank. “gewalt vert uf der strâze”. Es fehlt die Geborgenheit der kleinen Gruppe, der “friden”. Und es fehlt der Schutz der grossen Gruppe, das “reht” des Kaisers. Es herrscht Macht. Das kann nur verändert werden, wenn Machtstreben mit “gotes hulde” aufgehoben wird. “guot” (was der Mensch zum Leben braucht) und “êre” (den Rang, den die Menschen in einer Konkurrenzgesellschaft so angestrengt erkämpfen) müssen mit Gottes Gnade ins Gleichgewicht kommen. “guot und êre”. 
Ins Gleichgewicht kommen Menschen nur, wenn sie mit “gotes hulde”, mit Gottes Gnade, “Zu-frieden-heit” finden, den inneren Frieden. Seelig sind die Fried-fertigen. Der Physiker Werner Heisenberg übersetzt “seelig” mit “zufrieden”. Zufriedene Menschen sind “seelig” .“Seelig”, engl.“silly”. Seelig = silly.
Eine Mit-Teilung aus dem Reich der “ioculatores”, dem Reich der Narren.

Exkurs III: Soziologie

Zur Funktion der Sänger: 
Sänger sind Unterhalter. Sie bringen Menschen in Stimmung. Sie ermöglichen gemeinsame Stimmung.
Sänger sind Narren. Sie sind Kritiker. Sie hinterfragen. Sie stellen die herrschende Ordnung in Frage. 
Sänger stehen ausserhalb. Sie können fragen, weil sie als Fremde, als Fahrende ausserhalb der Ordnung der Sesshaften stehen. 

 
Artus- Epik: Spielleute und Ritter
 

 die gumpelliute, gîger unde  tambûrer,  swie die  geheizen sîn, 
 alle die guot für êre nement. 

Spielleute nehmen “guot” für “êre”. Sie wollen keinen Rang. 
Sind die “gumpelliute” seelig? Oder sind sie “silly”? Welche Narren wollen das beurteilen.

Tristan - der Sänger und Harfner, Tristan, der Spielmann. 

Für die Romanfigur Tristan ist das Spielen nur ein Teil seiner “vuoge”, seines Könnens. 
Er brauchts als idealer Rittersmann für die “abentmaerlin”, die höfische Abendunterhaltung. 
Daneben ist Tristan ein perfekter Jägersmann, ein grosser Drachentöter, ein ort- und zeitüblicher Kriegsheld, der - wie alle anderen seiner fiktiven Zeitgenossen in Ritterromanen - stets voll gerüstet durch die Lande zieht und gegen jeden losprescht, der ihm begegnet. Er ist zwar nicht immer ganz treu, aber immer ganz tapfer, ein idealer Ritter eben. 
Ein typisches Mitglied jener “Jovenes”- Klasse, jener jüngeren Adeligensöhne, die sich durch Kampf in “tjost”- in Turnier  und Krieg  ihren Lebensunterhalt verdienten, damals im idealen Mittelalter, als die Welt noch in Ordnung war und man noch wusste, wo der Bartli den Most holt.
Mir sind die idealen Ritter unheimlich. 
Meine Damen und Herren, ich danke. 
 
 
 

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