Das EINS=ZWEI=EINS-Problem


fuchs-cond-coprod

Die konditionierte Coproduktion von Kommunikation und Bewusstsein
S.2: Es gibt aber auch die Möglichkeit, Verwirrungen dieser Art auf tiefer liegende Theorieprobleme zurückzuführen, die noch vor dem Splitting der Systemwelt in psychische und soziale Systeme eine eigentümlich subversive Rolle spielen, die mit dem Systembegriff selbst zu tun haben, Paradoxieprobleme, durch die ein viel massiver wirksames Skandalon bezeichnet wird.Wir nennen solche Probleme vorläufig EINS=ZWEI=EINS-Probleme.

...Kommt es aber auf diese Unabschließbarkeit an, geht es also um das, was man theoretische Grundlagenforschung nennt, bietet sich für das im Systembegriff eingezeichnete EINS=ZWEI=EINS-Problem der Ausdruck konditionierte Koproduktion an.7 Er besagt (in der Lesart, die ich wähle), daß – erstens – alles, was erscheint, seine Epiphanie historisch (das bedeutet das Adjektiv ‚konditioniert‘8) erwirtschaftet, und - zweitens - daß diese Erwirtschaftung an die Ökonomie einer Einheit gebunden ist, die nur für einen Beobachter eine Zweiheit ist. So wenig es den Herrn ohne den Knecht gibt, den Knecht ohne den Herrn, so wenig es also weder Herren noch Knechte gibt, so wenig ‚gibt‘ es die eine Seite der Differenz (das System) ohne die andere Seite (die Umwelt). Die Metaphern der Verschränkung, der Verzahnung, der Kopplung, der Interpenetration, aber auch der Grenze sind im Blick darauf unzureichend.9 Sie sind schon im Rahmen einer okkulten Ontologie des Raumes gearbeitet. Davon muß man sich jedoch nicht erschrecken lassen, insofern man Fragen der Einheit, der Zweiheit, der Dreiheit an die Philosophie bzw. an Zeichentheorien delegieren kann10.

Kôun Yamada Die torlose Schranke Mumonkan
Zen-Meister Mumons Koan-Sammlung Kösel Verlag 2004
S. 165 Koan 29

Von der Art dieses Koans gibt es noch eine andere interessante Geschichte. In der Tokugawa-Zeit lebte in Sendai, Japan, ein verehrter Zen-Meister der Soto-Schule namens Sonnô. Eines Tages kam ein Schüler zu Besuch und brachte Melonen als Geschenk. Der Meister, ebenso erfreut über den Schüler wie über das Geschenk, schlug vor, von den Früchten zu kosten. Sonnô sagte: "Sehr süss". "Ja", sagte der Schüler, "sehr süss". Dann fragte der Meister lächelnd: "Was meinst du, ist die Melone süß oder die Zunge? Wenn die Melone süß ist, hat das Süßsein nichts mit der Zunge zu tun. Wenn die Zunge süß ist, hat das Süßsein nichts mit der Melone zu tun. Wo herkommt eigentlich das Süßsein? Versuche, mir zu antworten!"
Der Schüler dachte eine Weile nach und sagte: "Das kommt vom ursächlichen Kontakt zwischen Zunge und Melone". Der Meister erwiderte: "Diese Antwort kommt von einer bloß theoretischen Sicht des Buddhismus. Sie enthält nichts von der Erfahrung eines Zen-Mönchs". Der Mönch sagte: "Wenn es so ist, wo kommt es denn wirklich her? Bitte, gebt mir ein Kehrwort!"...Da gab Meister Sonnô folgende Unterweisung: "Wo kommt es her? Nicht mal die Buddhas und Patriarchen können es dir sagen. Suchst du nach einem "woher", entdeckt du, dass die Melone das ganze Universum ist und dass es keine Zunge außerhalb der Melone gibt. Oder du entdeckst, dass die Zunge das ganze Universum ist und dass es keine Melone außerhalb der Zunge gibt. In der Welt der ganzen Wirklichkeit gibt es weder Subjekt noch Objekt. Die reale Tatsache überschreitet Geist und Dinge. Wir nennen es die wesenhafte Aktivität des Nicht-Denkens, die von Buddha zu Buddha und von Patriarch zu Patriarch überliefert worden ist. Von jetzt an musst du dich mehr und mehr darum bemühen". Der Mönch war tief beeindruckt.

Schauen wir uns jetzt das Koan an. Haben wir hier nicht die gleiche Situation? Wenn man sagt, der Wind bewegt sich, ist der Wind schlechthin alles und allein im Weltall. Außerhalb des Windes gibt es keine Fahne und keinen Geist. Wenn man sagt, die Fahne bewegt sich, ist die Fahne das einzige Ding im ganzen Universum. Es gibt keinen Wind und keinen Geist außerhalb des Universums...Sagt man, der Geist bewegt sich, ist der Geist alles. Nichts existiert außerhalb von ihm. Das wahre Faktum transzendiert alle drei. Und was ist das? Danach müsst ihr selbst ernsthaft suchen...Wie ich euch öfters sagte, ist das ganze Universum eins. Das Weltall und ich sind eins.(vgl. Buddha -Bodhi) Da wir jedoch, von Täuschung befangen, Subjekt und Objekt anerkennen, steigen dualistischen Gedanken und Konzepte in uns auf...Außerhalb des Subjekts gibt es kein Objekt, außerhalb des Objekts kein Subjekt. Die Wesenswelt, die leer ist, ist nichts anderes als die Welt unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Gewöhnliche Menschen halten für zwei, was wesentlich eins ist. Es gibt keine zwei. In einem Traum können wir viele Dinge sehen: Berge, Täler, Flüsse, Bäume, Gras, Tiere und Vögel. Wir sehen sie als äußere Objekte. Nach dem erwachen finden wir heraus, dass wir gar keine Dinge gesehen haben. Wir haben nur uns selber gesehen, oder? Unsere reale Welt ist nicht im geringsten anders als der Traum. Berge, Täler, Flüsse, Bäume, Gras usw. sind nichts anderes als unser wahres Selbst. Wir nennen es "das einzige MU im ganzen Universum" oder "unser eigenes Selbst" oder "das andere Selbst". Und davon gibt es nur eins im ganzen Universum. Oder wir können sagen: "Im Himmel und auf Erden gibt es allein ein Ich, einzig und ehrwürdig". Erkennt ihr die Welt der Einheit, wird euch das gegenwärtige Koan auf natürliche Weise klar werden...Jetzt freilich werdet ihr aus diesen Erklärungen irgendein Konzept von Einheit formen, aber ihr könnt mit einem bloßen Konzept oder nur intellektuellem Verstehen niemals zufrieden sein. Wenn ihr wirklich eins seid, eins mit allem Anderen, transzendiert ihr auch die Einheit selbst, denn "Einheit" ist ein Konzept.

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Zu Mumons Kommentar: "Der Wind bewegt sich nicht. Die Fahne bewegt sich nicht. Der Geist bewegt sich nicht. Wo seht ihr das Wesen des Patriarchen? Wer die Sache genau begreift, sieht, dass die Mönche, die Eisen kaufen wollten, Gold erhielten und dass der Patriarch mit seinen unduldsamen Worten schmählich versagt hat".

Wie Mumon sagte, bewegt sich in Wahrheit weder der Wind, noch die Fahne, noch der Geist. Wie aber können wir verstehen, was der Patriarch sagte: "Der Geist bewegt sich?" Obgleich der Patriarch natürlich mit der Tatsache der Wesenswelt vertraut war, begab er sich hinunter auf das Niveau der Mönche, um zu helfen, und sagte: "Der Geist bewegt sich". Darauf bezogen mag Mumons richtig erscheinen, wenn er sagt: "Nicht der Wind bewegt sich, nicht die Fahne, nicht der Geist". Aber aus meiner Sicht hat sogar Mumon es mit seinem Kommentar verfehlt, denn das wahre Faktum transzendiert alles, Bewegen und Nicht-Bewegen. Es ist einfach... ja, was? (Boeschenstein (lächelnd): Ein-fach!!!)

fuchsschweigen46
Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen Buddhismus

...Die einzigartige Weise mit der Zen Zugang eröffnen will zu einer letzten, unausdrückharen Realität, entzieht sich (traut man den überlieferten Schriften und den Schriften über die Schriften) jeglicher Beobachtung. Denn Beobachtung ist, um im Vorgriff zu formulieren, Differenzgebrauch mit Bezeichnungsoption, und Zen setzt voraus, daß jede Beobachtung, weil sie Differenz benötigt, verfehlen muß, was Zen meint.

...
Zen-Mönche, deren Erlösung und Erleuchtung (Satori) sich erst in dem Augenblick begeben kann, in dem sie jede Spur analytisch-differentiellen Denkens in sich getilgt haben.

...
Zen: Bodhidharma7, ein legendärer indischer Mönch, brachte diese Lehre (vermutlich 586 n.Chr.) nach China. Die Intellektuellen (Literaten) des Landes arrangierten sich mit Zen (Ch'an), weil sie, in taoistischer Tradition beheimatet, die Affinität zwischen Tao-Begriff (Idee einer primordialen Nichtzweiheit) und der Ablehnung jedweden dual verfassten Denkens durch Zen kaum übersehen konnten.

...
daß Zen (und hierin unterscheidet es sich kaum von anderen Religionen) über das Konzept einer ultimate reality, einer letztlich unerreichbaren, absoluten, jedes Sein fundierenden Wirklichkeit verfügt, auf die hin es alle seine Operationen orientiert.
Die Nirvana-Idee Buddhas liefert die (Un)konturen dieses Konzeptes:»Es gibt, ihr Mönche, einen Bereich, wo weder Festes noch Flüssiges ist, weder Hitze noch Bewegung, weder diese Welt noch jene Welt, weder Sonne noch Mond. Das, ihr Mönche, nenne ich weder ein Kommen noch ein Gehen, noch ein Stillestehn, weder ein Geboren«8.


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die primordiale Nicht-unterschiedenheit.

Jenes durch Differenzbildung mögliche Wissen heißt vijna, das Wissen der Nichtunterscheidung prajna11. Man kann sich im übrigen verblüffen lassen durch die genauen (hochmodernen, konstruktivistische Überlegungen präludierenden) Formulierungen, mit denen auf das Problem der Urdifferenz reagiert wird:

»Wir studieren die Wandlungen (I Ching), nachdem die Linien zusammengestellt sind. Können wir den Geist nicht auf das richten, was schon bestand, ehe ein Strich gezogen ward? Wenn wir verstehen, daß die ZweiForm aus dem Grunde entspringt, dann müssen wir fürwahr die Wandlungen nicht weiterhin studieren


...Der Zen-Buddhismus dagegen will die immanente Erfahrung der primordialen Differenzlosigkeit, das Erleben der Nichtzweiheit, den Direktkontakt mit dem Zweitlosen16. Der darauf bezogene Schlüsselbegriff ist Satori.

Er bezeichnet die Kombination von Immanenz und Transzendenz, oder genauer: deren Identität; er bezeichnet die Kombination von Subjekt und Objekt, oder genauer: deren Identität17. Das bedeutet:
Ausschaltung jeglichen dualistischen Denkansatzes und damit auch die Unmöglichkeit einer auf Satori bezogenen Begriffsbildung18 Deshalb scheint es ausgeschlossen, sich an Satori heranzudenken. Es geschieht und ist erreichbar nur im existentiellen Sprung. Entscheidend ist, daß der Sprung aus der Welt der Gesondertheiten in die gleiche Welt als ungesonderte führt. Die Satori-Erfahrung hebelt den Erleuchteten nicht aus der Welt heraus, sondern beläßt ihn an der Stelle, wo er sich befindet. Diese Stelle ist nun aber dieselbe und eine andere. Das erklärt die metaphysisch unprätentiöse Haltung der Zen-Meister: Sie bleiben, was sie sind und wo sie sind, sie bleiben in der Welt der Konkretionen19 Nur ihre Beobachtungstechnik hat sich geändert. Sie nichtbeobachten die Welt. Darin eingeschlossen ist sogar das Nichtbeobachten des Beobachtens. Bestimmtheit und Unterschiedenheit kommen als sie selbst und als anderes vor, als Bestimmtheit und Unbestimmtheit, als Unterschiedenheit und Ununterschiedenheit.

...Freiheit von jeder Unterscheidung24.

Aus dem gleichen Grund (und für uns wichtiger) fällt Reden aus. Schärfer noch als der Differenzgebrauch in Wahrnehmung, Referenz und Beobachtung verhindert Sprache, verhindert Kommunikation Satori. Denn ohne Differenzgebrauch (und ohne komplexen Gebrauch) geschähe weder Sprache noch Kommunikation. Schweigen wäre mithin die angemessene Form des Umgangs mit Zweitlosigkeit.


fuchsschweigen65
...daß Satori sich nicht kommunizieren lässt, aber die darauf bezogene Kommunikation verwickelt immer noch den Adepten so in die Paradoxie, hinter der sich Satori verbirgt, daß sie ihn an die Schwelle psychischer Sonderzustände treibt.

Ihm bleibt dann nur der Sprung. Entweder er springt aus der Kommunikation und läuft weg, um weitere Jahre verzweifelt angestrengten Denkens auf sich zu nehmen, oder -
er springt durch die Kommunikation mitten in die Paradoxie hinein, und zwar so daß er des Prä-differentiellen aller Differenzen ansichtig wird, des Urgrundes, der sich nicht beobachten lässt und zu dem man deshalb nur auf dem Weg sein kann. Dieser Weg (tao), so heißt es von altersher, ist auch schon das Ziel.

Peter Fuchs Die Psyche
pg 9
Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas. Man kann also auch sagen, daß das System nicht ausgedrückt ist durch das Zeichen System und nicht durch das Zeichen Umwelt, sondern durch das Zeichen der Differenz, durch die Barre in: System/Umwelt.
Eine Barre ist aber kein Ding, kein Moment der Welt als ein Etwas, auf das sich zeigen ließe anders als nur auf ein Zeichen1. Sie ist kein Objekt, das als Forschungsgegenstand in klassisch cartesischer Manier aufgegriffen werden könnte. Sie ist nichts als die Markierung eines Unjekts2. Oder – wie man es auch formulieren könnte:
die Markierung einer konditionierten Koproduktion3. Darunter kann man die laufende Ver-zweiung einer Einheit verstehn, bei der es keine Eins ohne die Zwei gäbe ohne beides: die Eins und die Zwei.


Peter Fuchs Die Metapher des Systems Velbrück 2001

Seite 14
...Klar ist jedenfalls, dass die Systemtheorie mit einer Differenz startet, mit der von System und Umwelt, und: dass der Einheitsbegriff des Systems der Begriff dieser Differenz ist. Einfacher gesagt: das System lässt sich nicht aus seiner Umwelt herausgeben, es ist nicht isoliertbar. Es ist jenes Co, jenes Zugleich, jener Zweiheit, die sich nicht in zwei Einsen zerlegen lässt. (Diese Zweiheit ist, genau besehen, wiederum Dreinheit, also eine Verkürzung der Triade x - Grenze - y. Das ließe sich ebensogut wieder auf die EINS der Grenze zuführen, die die Zweiheit auswirft und folglich eine Dreiheit etabliert.... dass das Eine ohne dass anderer nicht zu haben ist, ist geläufiger Topos.) Und im Augenblick, in dem man dieser Komplikation gewahr wird, zerfällt die cartesische Sprache. Mit ihr fallen auch die zweiwertigen logischen Mittel aus.

Seite 65
Existenz kommt ins Spiel durch den Einsatz von Unterscheidungen, bei denen jeweils eine Seite stärker in Anspruch genommen wird als die andere. Gesehen wird das Loch, nicht das Nicht-Loch, die Masche, nicht die Nicht-Masche oder, im Beispiel Spencer-Browns: Wir spülen nicht das Geschirr, sondern kratzen das Universum ab, »um dem Geschirr eine saubere Grenze zu geben«.187

187 Ebd., S. 191, Anmerkung :Spencer-Brown wählt zwar ein ökotrophologisches Beispiel, aber im Versteck dieses Beispiels sagt er auch, daß es keine Tätigkeit gibt, die nicht das Universum moduliert. Ich finde darin etwas sehr Tröstliches. Im übrigen sind weder die Beispiele Spencer Browns noch meine sonderlich originell:
Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe:
Durch ihr Loch in der Mitte
wird das Rad brauchbar.
Forme Ton und bilde ein Gefäß:
Es ist die Leere, die es brauchbar macht.
Schneide Tür und Fenster aus, damit ein Raum entsteht:
Es sind die Löcher, die ihn brauchbar machen.
Also kommt Gewinn durch das, was da ist,
Brauchbarkeit durch das, was nicht da ist.«

Lao-Tse, zitiert nach Watts, Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus, a. a. O., S. 48 f.

Würde dafür Aufmerksamkeit abgezweigt (würde die Aufmerksamkeit gleich verteilt), würde man also versuchen können, gleichzeitig Loch/Nicht-Loch, Masche/ Nicht-Masche, Geschirr/Nicht-Geschirr zu beobachten, verschwände die Grenze, gäbe es keine Unterscheidung mehr, löste sich Innen und Außen auf.188
Die Welt schnurrt auf die
Nicht-Unterscheidung zusammen.189

188 Ich zitiere aus diesem unglaublichen Last word, a.a.O., S. 194: »We do exactly the same with ourselves. When we die the self-boundary eventually disappears. Before it did so, we ascribed a huge value to what we called >inside< of ourselves, and comparativeley little value to what we called >outside<. The death experience is thus ultimatley the loss of the selective blindness to see both sides of every distinction equally. This by definition is absolute knowledge or omniscience, which is mathematically impossible except as equated with no knowledge at all. In the ascription of equal values to all sides, existence has ceased altogether, and the knowledge of everything has become knowledge of nothing.« Von hier aus lässt sich auch eine Theorie gewinnen, die die Logik der Auflösung von Symptomen nachzeichnet als Logik einer Unterscheidungsvernichtung.
189 Siehe auch die Studie über Zen-Buddhismus in Luhmann/Fuchs, Reden und Schweigen, a. a. O. Der abstrakte Expressionismus verlangt bei den Ergebnissen des action painting, daß der Beobachter ganz nahe an die Bildfläche herangeht. Das Reale entsteht dann als Nahezu-Löschung der Unterscheidungsfähigkeiten des Beobachters, als Angriff, als Befall des Vermögens zur Unterscheidung. Vgl. S. Zizek, Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur (Wo Es war, I), Wien I992, S. 66, Anm.19. Wenn die Nicht-Unterscheidung geschähe, hätte man es mit dem
Großen Tod zu tun, der Auflösung jeder Zentrik, etwas Positivem in den buddhistischen Traditionen, natürlich auch in der chinesischen Philosophie. Die Symbole Yin und Yang stehen für eine Polarität ein, in der nicht eine Seite der Unterscheidung verschwinden kann, ohne daß die andere verschwindet.
In James Joyce' Erzählung »The Dead« (Die Toten/The Dead, Frankfurt am Main 1990, S.115)
heißt es am Ende: »A few light taps upon the pane made him turn to the window. It had begun so snow again. He watched sleepily the flakes silver and dark, falling obliquely against the lamp

Diese Einschätzung kann man kaum noch tiefer legen, allenfalls festhalten, daß sie für die Sinnwelt gilt, in der Unterscheidungen und Bezeichnungen vorgenommen werden, in der den Anweisungen Spencer-Browns gefolgt werden kann, so dass sich auch sagen liesse Meaning is a selective blindness.190 Aber das ist selbst sinnförmig gesagt und fällt deshalb unter das eigene Gesetz. Der Satz formuliert seine eigene Blindheit. Er sagt nicht, wogegen er sich unterscheidet (eher schon, wogegen er sich entscheidet), und wollte man auf dieses Wogegen die Aufmerksamkeit gleichzeitig richten, verschwände sein Sinn.191


190 Ich fülle meine Welt bis zum Rand aus; mein Gesichtsfeld als universales Seinsmilieu, formuliert M. Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München I993, S. 151.
191 In gewisser Weise schützt Sinn vor Realität. Auf deren Destruktionseigenschaften komme ich zurück. Das Sinn-Verschwinden kann religiös geschätzt werden. »Das ganze Sein hat sich auf dieser Stufe in einen ausgedehnten, grenzenlosen Raum der Leere verwandelt, in dem nichts als etwas Bestimmtes begriffen werden kann. Der Mensch erfährt in dieser Situation unmittelbar die ganze Welt des Seins als Nichts«, kann im Rahmen des Zen formuliert werden. Vgl. T. Izutsu, Philosophie des Zen-Buddhismus, Hamburg I 979, S. 35.

Wir folgern, daß der Weltbegriff (also auch der Um-Weltbegriff) auf Sinnsysteme bezogen werden muß, auf soziale und psychische Systeme. Jenseits von Sinn macht der Systembegriff keinen Sinn, gibt es keine Unterscheidungen, ist schiere Indifferenz gegenüber Identität und Differenz.192 Über alles da draußen, darunter, dahinter läft sich reden - auf der Innenseite von Sinn.193

192 Dies ist nicht selbst wieder eine ontologische Aussage. Sie beschreibt den Effekt sinngeladener Operationen. Ich komme auch darauf zurück.
193 Wir können damit (aber ohne entsprechend weitreichende Ambitionen) sagen, daß die geistige Situation einer Zeit ihre Sinn-Situation ist und die Sinn-Situation die konditionierte Koproduktion sozialer und psychischer Systeme. Damit ließe sich K. Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, 5., zum Teil neu bearbeitete Auflage, Berlin I933, entschieden schärfer stellen.

Wir schränken damit den Systembegriff entschieden ein, und nur deshalb können wir über eine Um-Welt reden. Strenggenommen behaupten wir damit, daß der Satz: Es gibt Systeme nur dann Sinn macht, wenn er selbst selektiv blind, also sinnhaft ist. Er müßte lauten: Es gibt Sinnsysteme.194 Und nur Sinnsysteme beobachten. Denn nur sie sind blind-in-Hinsicht-auf: Der Rest ist Weder-Noch: weder tot noch lebendig, weder innen noch außen.195

194 Dies ist nur eine leichte Zuspitzung dessen, was Luhmann (Soziale Systeme, a. a. O., S. 283 f.) selbst dazu sagt.
195 Auch solche Formulierungen sind nicht neuartig. Ich denke, weil es sich in dieser Arbeit so fügt, an den mittleren Weg der achtfachen Verneinung der japanischen Sanron-Schule, hier zitiert nach L. Brüll, Die japanische Philosophie. Eine Einführung, Darmstadt I989, S. 30:

»Weder Entstehen noch Aufhebung –
Weder Vernichtung noch Ewigkeit -
Weder Einheit noch Vielheit -
Weder Kommen noch Gehen-«
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Die Nirvana-Idee ist nicht anders: »Es gibt, ihr Mönche, einen Bereich, wo weder Festes noch Flüssiges ist, weder Hitze noch Bewegung, weder diese Welt noch jene Welt, weder Sonne noch Mond. Das, ihr Mönche, nenne ich weder ein Kommen noch ein Gehen, noch ein Stillestehen, weder ein Geboren Udana VIII, zit. nach F. Kraus, »Erlösung durch Erleuchtung«. Einführung zu Daisetz Teitaro Suzuki, Der Weg zur Erleuchtung. Die Übung des Koan als Mittel, Satori zu verwirklichen oder Erleuchtung zu erlangen, Baden-Baden, S. 7»Ich habe gesehen die Leiber, nicht die Leiber; ich will sagen die Körper, nicht die Körper; ich will sagen die Beiner, nicht die Beiner; ich will sagen den Staub, nicht den Staub ...«, formuliert Abraham a Santa Clara, hier zitiert nach H. Waldenfels, »Zen und Philosophie«, in: Zen Buddhism Today. Annual Report of the Kyoto Zen Symposium, published by the Kyoto Seminar for Religious Philosophy, No. 2 (1984) S. 1-28. Das ist nicht nur, wie Brüll (ebenda) sagt, ein Substitut für die Totalität aller Verneinungen, sondern die Verneinungsverneinung schlechthin. Dieses Weder/Noch scheint in der Logik als »Nicodscher Junktor« (aber auch als Peirce-Pfeil) aufzutauchen. Vgl. dazu Ch. Mann, »A universe comes into being«, in: Mind &Logic, Colour, Vagueness. Semiotics, Acta Analytica 10 (1993) S. 93



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