Thomas Hoover Die Kultur des Zen

Diederichs Gelbe Reihe


In Nanking, der Hauptstadt des chinesischen Südreiches, machte Bodhidharma Halt, um den Kaiser Wu aufzusuchen, der als besonders frommer Buddhist galt. Der Kaiser war entzückt darüber, in berühmten indischen Lehrer zu Gast zu haben, und brüstete sich sogleich mit seinen eigenen Ruhmestaten.

„ ich habe zahlreiche Tempel erbauen lassen. Ich habe Abschriften von den heiligen Suttren anfertigen lassen. Ich habe viele Menschen zu Buddha geführt. Ich frage dich: Was ist mein Verdienst? Welche Belohnung habe ich mir verdient?“ Bodhidharma, so heißt es, brummte darauf: “Nicht die geringste.“

Der Kaiser war betroffen, doch er beharrte: „ Dann sage mir - welches ist der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?“ „ Offene Weite - nichts von heilig“, erwiderte Bodhidharma, womit er die Lehre des Nicht-Haftens meinte. Der Kaiser fragte nun schon weniger freundlich: „ Wer bist du, der mir hier gegenübersteht?“

„ Ich habe keine Ahnung“, erwiderte Bodhidharma.

Die Lehre von der offenen Weite hatte kaum etwas mit den anderen Sekten des chinesischen Buddhismus gemein. Ch’an (Zen) kannte keine heiligen Bilder, weil es keine Götter verehrte, und weil sein zentrales Dogma darin bestand, dass Dogmen sinnlos sind, nahm es auch den Schriften ihre sakrale Bedeutung. Der Meister gab dem Schüler die paradoxe Lehre weiter, dass nichts gelehrt werden kann. Die wahre Erkenntnis ist nur möglich, wenn wir unsere instinktiven und intuitiven Kräfte sprechen lassen, statt sie der Herrschaft des Verstandes unterzuordnen. So wurde Zen die Religion des Antirationalen, dessen was man den Gegen-Geist nennen könnte.





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