Kôun Yamada
Die torlose Schranke
Mumonkan

Zen-Meister Mumons Koan-Sammlung

Ins Deutsche übersetzt von Ludwigis Fabian und Peter Lengsfeld
Kösel Verlag 2004


S. 165

Der Fall

Vom Wind flatterte eine Tempelfahne, und zwei Mönche stritten sich darüber. Der eine sagte: "Die Fahne bewegt sich". Der andere sagte: "Der Wind bewegt sich". Sie diskutierten hin und her, konnten aber die Wahrheit nicht finden. Der sechste Patriarch sagte: "Nicht der Wind bewegt sich. Nicht die Fahne bewegt sich. Euer Geist ist es, der sich bewegt". Die beiden Mönche waren von Ehrfurcht ergriffen.

Mumons Kommentar

Der Wind bewegt sich nicht. Die Fahne bewegt sich nicht. Der Geist bewegt sich nicht.

Teisho zum Fall

Der sechste Patriarch ist Meister Enô (Hui-neng), der im Fall 23 vorkam. Dort erfuhren wir, wie er als junger Mann zu tiefer Erleuchtung kam und nach Ôbai reiste, um sich unter Meister Kônin zu schulen. Enô wurde zur Arbeit in den Schuppen zum Reisreinigen geschickt. Nachdem aber durch den Aushang seines berühmten Gedichtes die Tiefe seiner Erleuchtung offenkundig geworden war, wurde er heimlich zum Dharma-Nachfolger des Meisters erwählt. Erinnert euch, wie Meister Kônin Enô den Rat gab: "Bleibe nicht auf diesem Berg! Verbirg dich vor den Leuten mindestens zehn Jahre lang. Hüte sorgfältig den heiligen Keimling, sonst wird die Eifersucht der Menschen dir großes Leid zufügen. Ich will dir zeigen wie du entkommen kannst". Dann führte er Enô zum Fluss; sie überquerten ihn mit einem Boot, wobei der Meister selbst die Ruder führte.

Etwa fünfzehn Jahre nach diesen Ereignissen erscheint Enô im Kontext des gegenwärtigen Koans. Der Ort ist Hosshôji, ein Tempel in der Provinz Kô. Als Enô zum ersten Mal in diesem Tempel kam, so wird berichtet, habe der Abt namens Insô gewusst, dass es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Menschen handelte. Insô fragte ihn: "Seid ihr nicht der Laie Ro, der den Dharma und die Robe vom fünften Patriarchen übernommen hat?" Enô dachte, es sei nun die richtige Zeit, seine Identität zu offenbaren und zeigte ihm die Robe. Der Abt zollte ihm tiefe Verehrung. Enô ließ sich das Kopfhaar scheren und wurde ein Mönch.

Wenn der Abt eine Predigt hielt oder ein Dharma-Gespräch stattfand, wurde zu jener Zeit am Tempeltor eine Fahne gehisst, um das Ereignis anzuzeigen. Eines Tages sahen zwei Mönche dieser Fahne im Winde flattern und fingen darüber zu diskutieren an, ob der Wind sich bewege oder die Fahne. Bald stritten sie sich. Der eine beharrte darauf, dass der Wind sich bewege, während der andere darauf bestand, dass es die Fahne sei. Enô hörte das, hielt die Streiterei für Unsinn und sagte: "Ihr lieben Mönche! Warum so heftig streiten? Es ist weder der Wind, der sich bewegt, noch die Fahne. Es ist euer Geist, der sich bewegt."

Das Problem der Mönche ist die Frage, ob der Wind oder die Fahne sich bewegt. Aber der sich bewegende Wind oder die sich bewegende Fahne sind nicht die eigentliche Realität oder das Faktum. Sie sind nur Namensschildchen. Der Wind sagt nicht: "Ich bewege mich". Die Fahne sagt nicht: "Ich bewege mich". Meister Enô sagte: "Der Geist bewegt sich". Aber, was ist das, der Geist? Enôs Bemerkung ist sozusagen eine Art Kompromiss zwischen den beiden Mönchen. Was er wirklich meinte, hatte er ihnen nicht mitgeteilt. Hätte er es getan, die Mönche hätten überhaupt nichts verstanden und wären in völliger Unwissenheit geblieben. Darum kam Enô ihnen einen Schritt entgegen und sprach auf ihrem Niveau. Aber sie verstanden ihn dennoch nicht.

An Enôs Stelle äußert sich Mumon zu diesem Punkt. In seinem Kommentar sagt er: "Der Wind bewegt sich nicht. Die Fahne bewegt sich nicht. Der Geist bewegt sich nicht"...

Von der Art dieses Koans gibt es noch eine andere interessante Geschichte. In der Tokugawa-Zeit lebte in Sendai, Japan, ein verehrter Zen-Meister der Soto-Schule namens Sonnô. Eines Tages kam ein Schüler zu Besuch und brachte Melonen als Geschenk. Der Meister, ebenso erfreut über den Schüler wie über das Geschenk, schlug vor, von den Früchten zu kosten. Sonnô sagte: "Sehr süss". "Ja", sagte der Schüler, "sehr süss". Dann fragte der Meister lächelnd: "Was meinst du, ist die Melone süß oder die Zunge? Wenn die Melone süß ist, hat das Süßsein nichts mit der Zunge zu tun. Wenn die Zunge süß ist, hat das Süßsein nichts mit der Melone zu tun. Wo herkommt eigentlich das Süßsein? Versuche, mir zu antworten!"

Der Schüler dachte eine Weile nach und sagte: "Das kommt vom ursächlichen Kontakt zwischen Zunge und Melone". Der Meister erwiderte: "Diese Antwort kommt von einer bloß theoretischen Sicht des Buddhismus. Sie enthält nichts von der Erfahrung eines Zen-Mönchs". Der Mönch sagte: "Wenn es so ist, wo kommt es denn wirklich her? Bitte, gebt mir ein Kehrwort!"

Da gab Meister Sonnô folgende Unterweisung: "Wo kommt es her? Nicht mal die Buddhas und Patriarchen können es dir sagen. Suchst du nach einem "woher", entdeckt du, dass die Melone das ganze Universum ist und dass es keine Zunge außerhalb der Melone gibt. Oder du entdeckst, dass die Zunge das ganze Universum ist und dass es keine Melone außerhalb der Zunge gibt. In der Welt der ganzen Wirklichkeit gibt es weder Subjekt noch Objekt. Die reale Tatsache überschreitet Geist und Dinge. Wir nennen es die wesenhafte Aktivität des Nicht-Denkens, die von Buddha zu Buddha und von Patriarch zu Patriarch überliefert worden ist. Von jetzt an musst du dich mehr und mehr darum bemühen". Der Mönch war tief beeindruckt.

Schauen wir uns jetzt das Koan an. Haben wir hier nicht die gleiche Situation? Wenn man sagt, der Wind bewegt sich, ist der Wind schlechthin alles und allein im Weltall. Außerhalb des Windes gibt es keine Fahne und keinen Geist. Wenn man sagt, die Fahne bewegt sich, ist die Fahne das einzige Ding im ganzen Universum. Es gibt keinen Wind und keinen Geist außerhalb des Universums. Sagt man, der Geist bewegt sich, ist der Geist alles. Nichts existiert außerhalb von ihm. Das wahre Faktum transzendiert alle drei. Und was ist das? Danach müsst ihr selbst ernsthaft suchen.

Wie ich euch öfters sagte, ist das ganze Universum eins. Das Weltall und ich sind eins. Da wir jedoch, von Täuschung befangen, Subjekt und Objekt anerkennen, steigen dualistischen Gedanken und Konzepte in uns auf.

Außerhalb des Subjekts gibt es kein Objekt, außerhalb des Objekts kein Subjekt. Die Wesenswelt, die leer ist, ist nichts anderes als die Welt unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Gewöhnliche Menschen halten für zwei, was wesentlich eins ist. Es gibt keine zwei. In einem Traum können wir viele Dinge sehen: Berge, Täler, Flüsse, Bäume, Gras, Tiere und Vögel. Wir sehen sie als äußere Objekte. Nach dem erwachen finden wir heraus, dass wir gar keine Dinge gesehen haben. Wir haben nur uns selber gesehen, oder? Unsere reale Welt ist nicht im geringsten anders als der Traum. Berge, Täler, Flüsse, Bäume, Gras usw. sind nichts anderes als unser wahres Selbst. Wir nennen es "das einzige MU im ganzen Universum" oder "unser eigenes Selbst" oder "das andere Selbst". Und davon gibt es nur eins im ganzen Universum. Oder wir können sagen: "Im Himmel und auf Erden gibt es allein ein Ich, einzig und ehrwürdig". Erkennt ihr die Welt der Einheit, wird euch das gegenwärtige Koan auf natürliche Weise klar werden.

Jetzt freilich werdet ihr aus diesen Erklärungen irgendein Konzept von Einheit formen, aber ihr könnt mit einem bloßen Konzept oder nur intellektuellem Verstehen niemals zufrieden sein. Wenn ihr wirklich eins seid, eins mit allem Anderen, transzendiert ihr auch die Einheit selbst, denn "Einheit" ist ein Konzept.

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Zu Mumons Kommentar

"Der Wind bewegt sich nicht. Die Fahne bewegt sich nicht. Der Geist bewegt sich nicht. Wo seht ihr das Wesen des Patriarchen? Wer die Sache genau begreift, sieht, dass die Mönche, die Eisen kaufen wollten, Gold erhielten und dass der Patriarch mit seinen unduldsamen Worten schmählich versagt hat".

Wie Mumon sagte, bewegt sich in Wahrheit weder der Wind, noch die Fahne, noch der Geist. Wie aber können wir verstehen, was der Patriarch sagte: "Der Geist bewegt sich?" Obgleich der Patriarch natürlich mit der Tatsache der Wesenswelt vertraut war, begab er sich hinunter auf das Niveau der Mönche, um zu helfen, und sagte: "Der Geist bewegt sich". Darauf bezogen mag Mumons richtig erscheinen, wenn er sagt: "Nicht der Wind bewegt sich, nicht die Fahne, nicht der Geist". Aber aus meiner Sicht hat sogar Mumon es mit seinem Kommentar verfehlt, denn das wahre Faktum transzendiert alles, Bewegen und Nicht-Bewegen. Es ist einfach... ja, was?

(Böschi: Ein-fach!!!)

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