BRUCE CHATWIN
SONGLINES



 

S. 22

Ich war nach Australien gekommen, um nach Möglichkeit selber in Erfahrung zu bringen und nicht aus Büchern anderer zu lernen, was eine Songline war - und wie sie funktionierte. Es war offensichtlich, dass ich nicht bis zum Kern der Sache vorstoßen würde, aber das wollte ich auch gar nicht. Ich hatte eine Freundin in Atelaide gefragt, ob sie einen Experten kenne. Sie gab mir Arkadys Telefonnummer.  

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mein Notizbuch benutze?« fragte ich. 
»Nur zu!« 
Um die Vorstellung der Traumzeit zu verstehen, sagte er, müsse man sie als eine Aborigine- Version der ersten beiden Kapitel der Genesis ansehen - mit einem entscheidenden Unterschied. In der Genesis erschuf Gott zuerst die »lebenden Dinge«, und dann formte er Vater Adam aus Lehm. Hier in Australien erschufen sich die Ahnen selbst aus Lehm, zu Hunderten und Tausenden, je einen für jedes totemistische Wesen. 
»Wenn also ein Aborigine Ihnen sagt: »Ich habe einen Wallaby-Traum«, will er damit sagen: »Mein Totem ist das Wallaby. Ich bin ein Mitglied des Wallaby-Klans.« 
»Ein Traum ist also ein Klan-Emblem? Eine Art Abzeichen, das »uns« von »ihnen« unterscheidet? »Unser Land« von »ihrem Land«?« 
»Das geht noch sehr viel weiter«, sagte er. 
Jeder Wallaby-Mensch glaubte, von einem universalen Wallaby-Vater abzustammen, der der Ahne aller Wallaby- Menschen und aller lebenden Wallabys war. Wallabys waren daher seine Brüder. Eins zu töten, um es zu verzehren, war sowohl Brudermord als auch Kannibalismus. 
»Und doch«, beharrte ich, »war der Mensch nicht mehr ein Wallaby, als die Briten Löwen, die Russen Bären oder die Amerikaner Weißkopf-Seeadler sind?« 
»Jede Spezies kann ein Traum sein«, sagte er. »Ein Virus kann ein Traum sein. Man kann einen Windpocken- Traum haben, einen Regen-Traum, einen Wüstenorangen- Traum, einen Läuse-Traum. Auf dem Kimberley-PIateau haben sie jetzt einen Geld-Traum.« 
»Und die Waliser haben Lauch, die Schotten Disteln, und Daphne wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt.« 
»Immer dieselbe alte Geschichte«, sagte er. 
Er fuhr fort, mir zu erklären, dass jeder totemistische Ahne auf seiner Reise durch das Land eine Spur von Wörtern und Noten neben seinen Fußspuren ausgestreut habe und daß sich diese Traumpfade wie Verkehrs-»Wege« zwischen den am weitesten auseinanderliegenden Stämmen über das ganze Land hinzögen. 
»Ein Lied, sagte er, »war gleichzeitig Karte und Kompass. Wenn man das Lied kannte, konnte man immer seinen Weg durch das Land finden.« 
»Und wanderte ein Mann beim »Walkabout« immer an einer dieser Songlines entlang?« 
»In den alten Zeiten, ja«, stimmte er zu. »Heutzutage nehmen sie den Zug oder das Auto.« 
»Und wenn der Mann von seiner Songline abwich?« 
»Das war Betreten fremden Bodens. Dafür konnte er mit dem Speer getötet werden.« 
»Aber solange er sich an seinen Pfad hielt, fand er immer Menschen, die seinen Traum teilten? Die in Wirklichkeit seine Brüder waren?« 
»Ja.« 
»Von denen er Gastfreundschaft erwarten konnte?« 
»Und umgekehrt.« 
»Ein Lied ist also eine Art Pass, ein Gutschein für eine Mahlzeit?« »Auch das ist komplizierter.« 
Zumindest theoretisch konnte ganz Australien wie eine Partitur gelesen werden. Es gab kaum einen Felsen oder einen Bach im Land, der nicht gesungen werden konnte oder gesungen worden war. Man mußte sich die Songlines wie Spaghetti aus Iliaden und Odysseen vorstellen, die sich hierhin und dorthin schlängelten, wobei jede »Episode« den geologischen Formen abzulesen war. 
»Unter Episode verstehen Sie »heilige Stätte«? fragte ich. 
»So ist es.« 
»Stätten wie die, die Sie zur Zeit für die Eisenbahngesellschaft vermessen?« 
»Sie müssen es so sehen«, sagte er. »Überall im Busch können Sie auf irgendeine Stelle in der Landschaft zeigen und den Aborigine an Ihrer Seite fragen: »Was für eine Geschichte ist das?« oder: »Wer ist das?« Es ist möglich, daß er »Känguruh« oder »Wellensittich« oder »Eidechse< antwortet, je nachdem, welcher Ahne diesen Weg gegangen ist.« 
»Und die Entfernung zwischen zwei solcher Stätten kann als Abschnitt des Lieds gemessen werden?« 
»Deshalb«, sagte Arkady, »habe ich so viele Schwierigkeiten mit den Leuten von der Eisenbahn.« 
Es war nicht leicht, einen Vermesser davon zu überzeugen, dass ein Haufen Flusssteine die Eier einer Regenbogenschlange oder ein rötlicher Sandsteinbrocken die Leber eines mit dem Speer erlegten Känguruhs war. Schwerer noch war es, ihm einsichtig zu machen, daß eine öde Schotterlandschaft die musikalische Entsprechung zu Beethovens 
Opus 111 war. Indem sie die Welt ins Dasein sangen, sagte er, seien die Ahnen Dichter in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes poesis  gewesen, das »Schöpfung« besage. Kein Aborigine könne sich vorstellen, daß die erschaffene Welt in irgendeiner Weise unvollkommen sei. Sein religiöses Leben hatte nur ein Ziel: das Land so zu erhalten, wie es war und wie es sein sollte. Ein Mann, der »Walkabout« ging,machte eine rituelle Reise. Er folgte den Fußspuren seines Ahnen. Er sang die Strophen seines Ahnen, ohne ein Wort oder eine Note zu ändern - und erschuf so die Schöpfung neu. 
»Manchmal«, sagte Arkady, »wenn ich meine alten Männer durch die Wüste fahre und wir zu einer Kette von Sandhügeln kommen, fangen sie plötzlich alle an zu singen. »Was singt ihr Leute da?« frage ich sie, und sie antworten: »Wir singen das Land herbei, Boss. Dann kommt das Land schneller.« 
Aborigines konnten nicht glauben, daß das Land existierte, bevor sie es sehen und singen konnten - wie auch das Land in derTraumzeit nicht existierte, bevor dieAhnen es sangen. 
»Das Land muß also zuerst als Vorstellung im Kopf existieren?« sagte ich. »Und dann gesungen werden? Erst dann kann es als existent bezeichnet werden?« 
»Richtig.« 
»Mit anderen Worten, »existieren« bedeutet »wahrgenommen werden«?« 

S. 33
Pintupi
Die Pintupi waren der letzte »wilde Stamm«, der aus der Westlichen Wüste herausgeholt und mit der Zivilisation der Weissen bekannt gemacht wurde. Bis zum Ende der fünfziger Jahre hatten sie nach wie vor vom Jagen und Sammeln nackt in den Sandbergen gelebt, genau so, wie sie mindestens zehntausend Jahre lang gejagt hatten. Sie waren ein sorgloses, aufgeschlossenes Volk, nicht den strengeren Initiationsriten der sesshafteren Stämme unterworfen. Die Männer jagten Känguruhs und Emus. Die Frauen sammelten Samen, Wurzeln und essbare Maden. Im Winter nahmen sie Zuflucht hinter einem Windschutz aus Spinifex; und noch in der sengenden Hitze hatten sie meistens Wasser. Ein Paar kräftige Beine schätzten sie höher ein als alles andere, und sie lachten unentwegt. Die wenigen Weißen, die mit ihnen wanderten, waren erstaunt, laß ihre Babys so dick und gesund waren. 
Die Regierung vertrat jedoch die Ansicht, daß diese Steinzeitmenschen gerettet werden müßten - im Notfall für Christus. Ausserdem wurde die Westliche Wüste für Bergbauunternehmungen gebraucht, möglicherweise für Kernwaffenversuche Es erging der Befehl, die Pintupi in Armeelastwagen zu sammeln und sie auf regierungseigenen Farmen anzusiedeln. Viele wurden nach Popanji gebracht - eine Siedlung westlich von Alice Springs -, wo sie an Seuchen starben, mit den Männern anderer Stämme stritten, zur Flasche griffen und sich gegenseitig erstachen . 
Selbst in Gefangenschaft erzählen Pintupi-Mütter wie alle guten Miitter auf der ganzen Welt ihren Kindern Geschichten über die Entstehung der Tiere: Wie der Ameisenigel seine Stacheln bekam. Warum der Emu nicht fliegen kann. Warum die Krähe so glänzend schwarz ist. Und so wie Kipling seine Just-So-Siories mit eigenen Federzeichnungen illustrierte, so malt die Aborigine-Mutter Zeichnungen in den Sand, um die Wanderungen der Traumzeit- Heroen zu illustrieren. Sie erzählt ihre Geschichte in schnellen, abgehackten Ausbrüchen und zeichnet gleichzeitig die »Fußspuren« des Ahnen nach, indem sie mit dem ersten und dem zweiten Finger, immer einem nach dem andern, in einer doppelten punktierten Linie über den Boden fährt. Sie wischt jede Szene mit dem Handteller fort und zeichnet schließlich einen Kreis und eine Linie, die durch ihn hindurchführt- ähnlich wie ein großes Q. Das kennzeichnet die Stelle, wo der Ahne, von den Mühen der Schöpfung ermüdet, »zurück ins Innere« gegangen ist. Die für Kinder angefertigten Sandzeichnungen sind nur Skizzen oder »offene Versionen« von wirklichen Zeichnungen, die die wirklichen Ahnen darstellen und die nur bei geheimen Zeremonien gemalt und nur von den Eingeweihten gesehen werden dürfen. Trotzdem lernen die jungen Menschen anhand dieser »Skizzen«, sich in ihrem Land, in seiner Mythologie und seinen Schätzen zurechtzufinden. 
Vor einigen Jahren, als die Gewalttätigkeit und die Trunkenheit überhandzunehmen drohten, kam ein weisser Berater auf den Gedanken, den Pintupi Malmaterial zur Verfügung zu stellen und sie zu veranlassen, ihre Träume auf Leinwand zu übertragen. Als Ergebnis entstand im Handumdrehen eine australische Schule abstrakter Kunst. Old Stan Tjakamarra malte seit acht Jahren. Sobald er ein Bild fertiggestellt hatte, brachte er es zum Desert Bookstore, und Mrs. Lacey zog die Materialkosten ab und zahlte - ihm die ganze Summe sofort und in bar aus. 
 
 
 

Seite 81

Die Weissen, begann er, gingen von der verbreiteten, irrtümlichen Annahme aus, das die Aborigines, weil sie Wanderer waren, keine Landbesitzordnung  hätten. Das sei Unsinn. Aborigines, das stimmte, konnten sich ein Territorium nicht als ein von Grenzen umschlossenes Stück Land vorstellen, sondern sahen es eher als ein verschachteltes Netz von »Linien« oder »Durch-Gängen«. 
 

»Alle unsere Wörter für »Land« sind identisch mit den Wörtern für »Linie«, sagte er. 
Dafür gab es eine einfache Erklärung. Der grösste Teil des australischen Buschlandes bestand aus dürrem Gestrüpp oder Wüste, wo die Regenfälle immer unregelmäßig kamen und wo auf ein fettes Jahr sieben magere Jahre folgen konnten. In einer solchen Landschaft herumzuziehen bedeutete Überleben, am selben Ort zu bleiben war Selbstmord. Die Definition vom »eigenen Land« eines Menschen war »der Ort, an dem ich nicht fragen muss«. Doch um sich in diesem Land »zu Hause« zu fühlen, musste man imstande sein, es zu verlassen. Jeder hoffte,wenigstens vier »Aus-Wege« zu haben, auf denen er in Krisenzeiten reisen konnte. Jeder Slamm - ob es ihm gefiel oder nicht - musste Beziehungen mit seinen Nachbarn pflegen. 
»Wenn A also Obst hatte«, sagte Flynn, »und B hatte Enten und C eine Ockergrube, dann gab es offizielle Regelungen für den Austausch dieser Waren und offizielle Routen, entlang denen gehandelt wurde.« 
Was die Weissen »Buschwanderung« zu nennen pflegten, war in der Praxis eine Art Buschtelegraf plus Börse, bei der Botschaftern zwischen Völkern ausgetauscht wurden, die einander nie sahen, die von der Existenz des anderen keine Ahnung haben mochten. 
»Dieser Handel«, sagte er, »war kein Handel, wie ihr Europäer ihn versteht. Kein Geschäft, bei dem mit Profit gekauft und verkauft wurde! Der Handel unseres Volkes war immer symmetrisch.« 

Aborigines waren allgemein der Ansicht, dass alle »Güter« potentiell schädlich waren und sich gegen ihre Besitzer richteten, sofern diese nicht ständig in Bewegung waren. Diese »Güter« mussten nicht unbedingt essbar oder nützlich sein. Die Menschen taten nichts lieber, als unnütze Dinge tauschen - oder Dinge, die sie sich selbst beschaffen konnten: Federn, heilige Gegenstände, Schnüre aus Menschenhaar. 
»Ich weiss«, unterbrach ich ihn. »Manche Völker handelten mit ihren Nabelschnüren.« 
»Ich sehe, daß Sie die einschlägigen Bücher gelesen haben.« »Tauschgüter, fuhr er fort, »sollten eher als Spielsteine eines gigantischen Spiels angesehen werden, bei dem der ganze Kontinent das Spielbrett war und alle seine Bewohner Spieler. 
»Güter« waren Absichtserklärungen: um wieder zu handeln, sich wieder zu treffen, die Grenzen festzusetzen, untereinander zu heiraten, zu singen und zu tanzen, um Schätze zu teilen und Gedanken auszutauschen.« Eine Muschel konnte von einer Hand zur andem gehen, von der Timorsee bis zur Grossen Bucht, über »Strassen«, die seit Anbeginn der Zeit überliefert worden waren. Diese »Strassen« folgten der Linie unversiegbarer Wasserlöcher. Die Wasserlöcher selbst waren Zeremonienzentren, wo sich Männer verschiedener Stämme versammelten. 
»Zu Corroborees, wie Sie es nennen?« 
»Sie nennen es Corroborees«, sagte er. »Wir nicht.« 
»Stimmt«, nickte ich. 
»Wollen Sie sagen, dass eine Handelsstraße immer an einer Songline entlangführt?« 
»Die Handelsstraße ist die Songline«, sagte Flynn. »Denn Lieder und nicht Dinge sind Hauptgegenstand des Tauschens. Der Handel mit »Dingen« ist eine Begleiterscheinung des Handels mit Liedern.« 
Bevor die Weissen kamen, fuhr er fort, war niemand in Australien ohne Land, denn jeder erbte als seinen oder ihren privaten Besitz-ein Stück vom Lied des Ahnen und ein Stück von dem Land, über das das Lied führte. Die Strophen eines Menschen waren seine Besitzurkunde für sein Territorium. Er konnte sie an andere ausleihen. Er konnte sich seinerseits Strophen borgen. Nur verkaufen oder loswerden konnte er sie nicht. Wenn zum Beispiel die Ältesten vom Klan der Rautenschlange beschlossen, dass es Zeit war, ihren Liederzyklus von Anfang bis Ende zu singen, wurden den Weg hinauf und hinunter Botschaften ausgesandt, um die Besitzer des Lieds zu einer Versammhmg am Zeremonienplatz herbeizurufen. Dann sang jeder Besitzer, einer nach dem andern, sein Stück von den Fussspuren des Ahnen. Immer in der richtigen Reihenfolge! »Eine Strophe ausserhalb der Reihe zu singen«, sagte Flynn düster, »war ein Verbrechen. Gewöhnlich bedeutete es die Todesstrafe.« 
»Ich verstehe«, sagte ich. »Es war wohl die musikalische Entsprechung eines Erdbebens.« 
»Schlimmer«, sagte er und blickte finster. »Es bedeutete, die Schöpfung ungeschehen zu machen.« 
Wo immer sich ein Zeremonienplatz befand, fuhr er fort, bestand die Möglichkeit, dass sich an ihm die anderen Träume überschnitten. So konnten bei einem dieser Corroborees vier verschiedene totemistische Klans von beliebig vielen verschiedenen Stämmen versammelt sein, die allesamt untereinander Lieder, Tänze, Söhne und Töchter austauschten und sich gegenseitig »Wegerechte« garantierten. 
»Wenn Sie ein bisschen länger hiergewesen sind«, sagte er, mir zugewandt, »werden Sie den Ausdruck »rituelles Wissen erwerben« kennenlernen.« 
Dies bedeutete, daß der Mensch seine Lied-Karte vergrösserte. Er erweiterte seine Möglichkeiten und erforschte die Welt mit Hilfe des Lieds. 
»Stellen Sie sich zwei Schwarze vor«, sagte er, »die sich zum erstenmal in einem Pub in Alice begegnen. Der eine wird es mit einem Traum versuchen. Der andere mit einem anderen. Dann wird mit Sicherheit etwas klicken...« 
»Und das«, fuhr Arkady dazwischen, »ist der Anfang einer schönen Trinkerfreundschaft.« 
Alle lachten darüber, bis auf Flynn, der weitersprach. 
Als nächstes müsse man verstehen, sagte er, dass jeder Liederzyklus alle Sprachbarrieren überspringe, ohne Rücksicht auf Stämme oder Grenzen. Ein Traumpfad konnte im Nordwesten in der Nähe von Broome beginnen, sich durch zwanzig oder mehr Sprachen schlängeln und schliesslich bei Adelaide ans Meer gelangen. 
»Und doch ist es immer dasselbe Lied«, sagte ich. 
»Die Menschen unseres Volkes glauben«, sagte Flynn, »daß sie ein Lied an seinem »Geschmack« oder »Geruch« erkennen können... Womit sie natürlich die Melodie meinen. Die Melodie bleibt immer dieselbe, von den ersten Takten bis zum Finale.« 
»Die Worter können sich ändern«, unterbrach Arkady wieder, »aber die Melodie lebt fort.« 
»Heisst das«, fragte ich, »dass ein junger Mann auf »Buschwanderung« seinen Weg quer durch Australien singen könnte, vorausgesetzt, er kann die richtige Melodie summen?« 
»Theoretisch ja«, bestätigte Flynn. Um 1900 hatte es den Fall eines Mannes aus Arnhemland gegeben, der auf der Suche nach einer Ehefrau quer über den Kontinent gewandert war. Er heiratete an der Südküste und wanderte mit seiner Frau und seinem neuerworbenen Schwager zurück nach Hause. Dann heiratete der Schwager ein Mädchen aus Arnhemland und wanderte mit ihr in den Süden zurück. 
»Arme Frauen«, sagte ich. 
»Praklische Anwendung des Inzesttabus«, sagte Arkady. »Wenn man frisches Blut will, muss man ein Stück laufen, um es zu bekommen.« »Aber in der Praxis«, fuhr Flynn fort, »rieten die Ältesten dem jungen Mann, nicht weiter als zwei oder drei »Etappen« entlang der Linie zu wandern.« 
»Was verstehen Sie unter »Etappe?« fragte ich. 
Eine Etappe, sagte er, sei die »Übergabestelle«, wo das Lied in den Besitz eines anderen übergehe, wo man sich nicht mehr um ihn kümmern musste und ihn nicht mehr ausleihen konnte. Man sang seine Strophen zu Ende, und dort lag die Grenze. 
»Ich verstehe«, sagte ich. »Wie eine internationale Grenze. Die Strassenschilder wechseln die Sprache, aber die Strasse ist nach wie vor dieselbe.« 
»Mehr oder weniger«, sagte Flynn. »Aber das sagt nichts über die Schönheit des Ganzen aus. Hier gibt es keine Grenzen, nur Strassen und »Etappen.« 
Da war zum Beispiel das Stammesgebiet der Aranda in Zentralaustralien. Wenn man davon ausging, dass es sechshundert Träume gab, die sich in das Gebiet hinein- und aus ihm herauswoben, bedeutete das zwölfhundert an seinem Perimeter verstreute »Übergabestellen«. Jeder »Halt« war von einem Ahnen in derTraumzeit in seine Position gesungen worden: sein Platz auf der Lied-Karte war daher unveränderlich. Aber da jeder einzelne das Werk eines anderen Ahnen war, gab es keine Möglichkeit, sie seitlich miteinander zu verbinden und so eine moderne politische Grenze zu schaffen. 
In einer Aborigine-Familie, sagte er, konnte es vorkommen, dass es fünf leibliche Brüder gab, von denen jeder einem anderen totemistischen Klan angehörte, jeder mit unterschiedlichen Bündnissen innerhalb und ausserhalb des Stammes. Gewiss, bei den Aborigines gab es Kämpfe und Vendetten und Blutfehden - aber immer nur, um ein Ungleichgewicht oder ein Sakrileg abzuschaffen. Der Gedanke, das Land ihrer Nachbarn zu überfallen, wäre ihnen nie gekommen. 
»Letzten Endes«, sagte ich zögernd, »läuft es auf etwas hinaus, das dem Vogelgesang ziemlich ähnlich ist. Auch Vögel singen ihre territorialen Grenzen.« 
Arkady, der mit der Stirn auf den Knien zugehört hatte, sah hoch und warf mir einen Blick zu: Ich habe mich schon gefragt, wann du damit ankommen würdest. Flynn führte dann das Gespräch weiter, indem er ausführte, was so viele Anthropologen in Verzweiflung gestürzt hatte: Die Frage der doppelten Vaterschaft. 
Frühe Australienreisende berichteten, dass die Aborigines keinen Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Empfängnis herstellten: ein Beweis, falls es an Beweisen mangelte, für ihre hoffnungslos »primitive« Mentalität. Das war natürlich Unsinn. Jeder wusste sehr genau, wer sein Vater war. Doch es gab zusätzlich eine Art paralleler Vaterschaft, welche die Seele mit einer bestimmten Stelle in der Landschaft verband. Jeder Ahne hatte, so glaubte man, während er seinen Weg durch das Land sang, eine Spur von »Lebenszellen« oder »Geisterkindern« an der Linie seiner Fußspuren hinterlassen. 
»Eine Art musikalisches Sperma«, sagte Arkady und brachte wieder alle zum Lachen - diesmal auch Flynn. Das Lied lag somit in einer ununterbrochenen Kette von Strophen auf der Erdoberfläche: eine Strophe für jedes Paar Schritte des Ahnen, jede Strophe aus den Namen gebildet, die er beim Wandern »auswarf«. 
»Ein Name nach rechts und ein Name nach links?« 
»Ja«, sagte Flynn. 
Man musste sich eine bereits schwangere Frau bei der täglichen Nahrungssuche vorstellen. Plötzlich tritt sie auf eine Strophe, und das »Geister-Kind« springt auf - durch ihren Fussnagel bis hinauf in ihre Vagina oder durch eine offene Schwiele an ihrem Fuss -, arbeitet sich bis in ihren Bauch vor und schwängert den Fötus mit Gesang. 
»Die erste Regung des Babys«, sagte er, »entspricht dem Augenblick der »geistigen Empfängnis.« Dann kennzeichet die zukünftige Mutter die Stelle und eilt davon, um die Ältesten zu holen. Diese interpretieren dann die Position und bestimmen, welcher Ahne diesen Weg gegangen ist und welche Strophen in den Besitz des Kindes übergehen werden. Sie reservieren ihm eine »Empfängnisstätte«, die der nächsten Landmarke an der Songline entspricht. Sie kennzeichnen seinen Tschuringa in der Tchuringa-Lagerstätte. 

Flynns Stimme wurde vom Lärm eines tief über unseren Köpfen einfliegenden Jets übertönt. 
»Amerikaner«, sagte Marian bitter. »Sie fliegen nur nachts ein.« Die Amerikaner haben eine Weltraumbeobachtungsstation in Pine Gap in den MacDonnell-Bergen. Wenn man in Alice landet, sieht man eine riesige weiße Kugel und eine Ansammlung anderer Installationen. Niemand in Australien, nicht einmal der Premierminister, scheint zu wissen, was dort wirklich vorgeht. 

146
»Und wie geht die Geschichte von diesem Platz, alter Mann?« 
Alan starrte mit reglosem Gesicht ins Feuer. Die glänzende Haut spannte sich straff über seinen Wangenknochen. Dann neigte er den Kopf fast unmerklich zu dem Mann in Blau, der aufstand und die Reisen des Eidechsen-Ahnen mimisch darzustellen begann (wobei er hin und wieder Pidgin-Wörter einwarf). Das Lied erzählte davon, wie der Eidechsenmann und seine liebliche junge Frau aus dem Norden Australiens bis zum südlichen Meer gewandert waren und wie ein Bewohner des Südens die Frau verführt und ihn mit einem Ersatz nach Hause geschickt hatte. Ich weiss nicht, was für eine Art Echse er gewesen sein soll: ob er eine »Judenechse« war oder ein »Erdkuckuck« oder eine von den runzligen Echsen mit dem bösen Blick und der Halskrause. Ich weiss nur, dass der Mann in Blau die Eidechse so lebensecht nachmachte, wie man sie sich besser nicht vorstellen konnte. Er war Männchen und Weibchen, Verführer und Verführte. Er war ein Vielfrass, ein Hahnrei, ein müder Wanderer. Er krallte seine Echsenfüße seitlich in die Erde, erstarrte und reckte den Kopf. Er schob das untere Lid über die Iris und liess seine Eidechsenzunge hervorschnellen. Er liess seinen Hals zornig zu einem Kropf anschwellen, und schliesslich als füür ihn die Zeit zum Sterben war, zuckte er und wand sich, bis seine Bewegungen immer kraftloser wurden, wie die des Sterbenden Schwans. Dann klappte sein Kiefer zusammen, und das war das Ende. 
Der Mann in Blau winkte in Richtung des Berges, und mit dem triumphierenden Tonfall dessen, der die beste aller Geschichten erzählt hat, rief er: »Da. . . da ist er!« Die Vorführung hatte nicht länger als drei Minuten gedauert. Der Tod der Eidechse berührte uns und machte uns traurig. Aber Big Tom und Timmy waren seit der Episode mit dem Frauentausch völlig aus dem Häuschen und johlten und kicherten noch lange, nachdem der Mann in Blau sich gesetzt haue. Sogar das resignierte, schöne Gesicht des alten Alan verzog sich zu seinem Lächeln. Dann gähnten sie einer nach dem anderen, breiteten ihre Bündel aus, rollten sich zusammen und schliefen ein. »Sie müssen etwas für Sie übrig haben«, sagte Arkady. »Das war ihre Art sich für das Essen zu bedanken.« Wir zündeten eine Sturmlampe an und setzten uns auf ein paar Campingstühle in einiger Entfemung vom Feuer. Was wir gesehen hatten, sagte er, sei natürlich nicht der wirkliche Eidechsensong, sondern eine »falsche Fassade«, ein für Fremde aufgeführter Sketch. Der wirkliche Song hätte jedes Wasserloch benannt, aus dem der Eidechsenmann trank, jeden Baum, aus dem er einen Speer schnitzte, jede Höhle, in der er schlief, und hätte die ganze lange Wegstrecke umfaßt. Er hatte das Pidgin viel besser verstanden als ich. Dies ist die Version, die ich damals notierte: 

Der Eidechsenmann und seine Fmu brachen auf, um an die südliche See zu wandern. Die Frau war jung und schön und hatte eine viel hellere Haut als ihr Mann. Sie überquerten Sümpfe und Flüsse, bis sie bei einem Berg halt machten- dem Berg bei Middle Bore -, und dort verbrachten sie die Nacht. Am nächsten Morgen kamen sie am Lager von ein paar Dingos vorbei, wo eine Mutter einen Wurf von jungen Hunden säugte. »Ha!« sagte der Eidechsenmann. Ich werde mich an diese Hündchen erinnern und sie süäter esen.«. Das Paar wanderte weiter, an Oodnadatta vorbei, am Eyre-See vorbei und gelangte bei Port Augusta ans Meer. Ein scharfer Wind wehte vom Meer herüber, und die Eidechsenfrau fror und begann zu zittern. Er sah auf einer Landspitze der Nähe das Lagerfeuer von ein paar Bewohnern des Südens brennen und sagte zu seiner Frau. »Geh hinüber zu diesen Leuten und borge dir einen Feuerstock.« Sie ging, doch einer der Männer aus dem Süden, den es nach ihrer helleren Haut gelüstete, verführte sie - und sie willigte ein, bei ihm zu bleiben. Er machte seine eigene Frau heller, indem er sie von Kopf bis Fuss mit gelbem Ocker einschmierte, und schickte sie mit dem Feuerstock zu dem einsamen Wanderer. Erst als die Ockerfarbe abgegangen war, entdeckte der Eidechsenmann seinen Verlust. Er stampfte mit den Füssen auf. Er schwoll vor Zorn an, aber da er ein Fremder in einem fernen Land war, war er machtlos und konnte keine Rache nehmen. Unglücklich machte er sich mit seiner hässlicheren Ersatzfrau aufden Heimweg. Unterwegs hielter an, um die Dingohündchen zu töten und zu verspeisen, aber sie verursachten ihm Verdauungsstönungen und machten ihn krank. Als sie den Berg bei Middle Bore erreichten, legte er sich hin und starb. . . 
 
 
 
 

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