Jean Clam


Jean Clam
Kontingenz Paradox Nur-Vollzug
Grundprobleme einer Theorie der Gesellschaft
UVK 2004

Seite 234

238
Gesellschaft ist ein sich selbst enthaltendes Feld sozialer Kommunikation und der Ort aller Selbstbeschreibungen menschlicher Kommunikation; es ist die Stelle, an der aller Sinn geboren wird; sie bildet die allumfassende, allkonstituierende Intersubjektivität. Alle Vorstellungen, alle sinnintendierte Gabe von Welt sind kommunikative Leistungen: Gesellschaft (d.h. soziale Kommunikation) Ist die sich selbst gebärende Realität…

Die Kondensationen der sozialen Kommunikation (in Bedeutungen, Institutionen, Routinen, Systemen…) sind vollends kreishaft und haben keinerlei Verankerung in irgendeiner Wirklichkeit jenseits der aktuellen Kommunikation selbst. Sie sind paradox, weil sie eine strukturelle Referenz zu einem unbestimmten Weiter (kommunikativen Anschlusses) und einer unerreichbaren inneren Konsistenz beinhalten. Es ist die Gesellschaft als Gesamtheit einer zirkulär und außenlos all- und selbstkonstituierenden Intersubjektivität der Kommunikation, die das Paradigma eines Systems oder einer Wesenheit abgibt, die sich aller Objektivation entzieht und die Beobachtung selbst einschliesst und mitumfängt, die sie als ihr gegenständliches Korrelat setzt.

Seite 247
Meine These ist, dass Luhmanns wichtigste prinzipielle Behauptungen sich an einen apriorischem Boden ohne transzendentale Referenz anlehnen, den ihnen die Brownsche Protologik bereitstellt. Der logischer Kalkül Spencer Browns lässt sich somit ganz zu Recht und mit größter Genauigkeit als
Protologik bezeichnen.

Hingegen war die klassische Logik der philosophischen Tradition
(a) eine umfassende Theorie der diskursiven Anzeige (Aussage und Rede) und der Ableitung (Deduktion von Aussagen aus Aussagen) wie in der inaugoralen Logik des Aristoteles; sie war ferner
(b) eine apriorische Deduktion oder bloß die apriorische Beschreibung der konstituierenden Akte des reinen Bewusstseins, die am Aufbau der Erkenntnis in Urteil unter Rechnung beteiligt sind, wie in den transzendentalen Logiken Kants und Husserls; zuletzt
(c) konnte sie auch den formalen oder mathematischen Korpus von Aussagen oder Theoreme ausmachen, die – wie in einer Algebra - von einer kleinen Anzahl von Axiomen und Symboldefinitionen abgeleitet und syntaktisch korrekt beschrieben werden.

Kontrastierend mit diesen Logikformen - insbesondere mit der zuletzt genannten - , bildet Spencer Browns Unternehmen Programm einer Untersuchung der präprädikativen, vor-diskursiven Gesetzmäßigkeiten des Sich-überhaupt-etwas-Gebens, worüber etwas ausgesagt werden kann. Es geht dabei um die Emergenz der elementarsten Setzungen von etwas schlechthin. Die Gesetze der Delineation von etwas überhaupt vor dem Hintergrund von all dem, was es nicht ist, sind die Gesetze der Form als Formereignis oder Formankunft aus der reinen Unterscheidung von Etwas und Nicht-Etwas.

Solche Gesetze müssen auf einer Ebene verortet werden, die derjenigen der durch die klassische Logik erfassten enuziativen Formen vorausgelagert ist. Protologik bezeichnet somit, in unserer Deutung, die Logik, welche im allgemeinsten Akt der Erscheinung und Setzung von Etwas impliziert ist. Sie offenbart „unsere innere Kenntnis der Struktur der Welt“ (Spencer Brown, LoF, S.xiii). Die Form, wie sie Spencer Brown versteht, geht allem, was die Logik auf ihrer eigenen Ebene der Generalisierung thematisieren kann, voraus. Sie muss auf einer Stufe der Ursprünglichkeit und Allgemeinheit denkerisch angesiedelt werden, die „jenseits des Punktes von Einfachheit liegt, an denen die Sprache aufhört, normal zu fungieren“ (ibid. S.xx). Sie widerstrebt dadurch jeglichem Ausdruck („it resists expression“ ibid.), während die Logik als solche selbst etwas Diskursives ist, worüber ich reden und das ich objektivieren kann.


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