Elena Esposito
Soziales Vergessen
Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft
Suhrkamp 2002

Esposito32

3 Das Gedächtnis der Gesellschaft

Nach diesem doch exerem abstrakten Ausflug wenden wir uns nun der konkreteren Ebene der Gesellschaft zu und versuchen, die Frage zu klären, was es für die Gesellschaft bedeutet, über ein Gedächtnis zu verfügen, das, wie beschrieben, Redundanz und Varietät erzeugt, Kohärenz testet und permanent zwischen Erinnerung und Vergessen unterscheidet, wobei diese drei Eigenschaften auch als ein und dieselbe behandelt werden können. Es soll auch erläutert werden, welche Formen von Gedächtnis die Gesellschaft kennt, wie sich diese Formen verändern und woher die Veränderungen rühren, und schließlich welche Implikationen eine Veränderung der Form des Gedächtnisses beinhaltet.

Das Gedächtnis kondensiert, wie wir bereits erläutert haben, Identitäten - oder, allgemeiner, mehr oder weniger abstrakte Schemata, die reproduziert werden und dabei Redundanz organisieren. Um deutIich Abstand von der platonischen Vorstellung zu nehmen, dass das Gedächtnis aus statischen Ideen besteht, die nach Bedarf abgerufen werden können, empfiehlt es sich auch in Bezug auf Semantik, statt von Ideen von Schemata zu sprechen. Unter "Schemata" sind Regeln zu verstehen, die dem Vollzug von Operationen dienen. Man kann dann sagen, dass im Gedächtnis zum Beispiel nicht das Bild eines Kreises gespeichert, sondern die Regel bereitgestellt wird, nach der ein Kreis gezogen werden kann. Auf diese Weise erlaubt das Gedächtnis die Wiederverwendung von Ergebnissen aus vergangenen Operationen (Redundanz), ohne dabei das Spezifische der laufenden Operation zunichte zu machen (Varietät).

Im Falle der Gesellschaft sind die Schemata die Themen der Kommunikation. Sie bilden die Identitäten - oder Strukturen - aus, die wiedererkannt werden. Um die Themen herum wird die Varietät der Beiträge angeordnet, die nach und nach - als Operationen - erfolgen. Das Thema bestimmt nicht darüber, was gesagt wird, aber es sorgt dafür, dass die einzelnen Beiträge, sofern diese einem Thema zuzuordnen sind, aneinander und an vergangene Operationen des Systems anschließen. Auf diese Weise wird die Kohärenzprüfung flexibel genug gehalten und ist somit auch mit Innovationen vereinbar (der Sinn eines Themas wird im Verlauf der Argumentation verändert). Dabei wird die Kohärenzprüfung umso flexibler gehalten, je höher der Abstraktionsgrad des Themas ist.

Wovon aber hängt der Abstraktionsgrad von Themen ab? Oder anders ausgedrückt: Wie verändert sich das Themenrepertoire, das für Kommunikation zur Verfügung steht? Und wie und weshalb wandelt sich Semantik, bzw. wie operiert das Gedächtnis?

Um überhaupt über etwas sprechen zu können, benötigt man zunächst eine Sprache mit einem Wortschatz und einer dazugehörigen Grammatik. Man benötigt einen Satz an Basisregeln (Schemata), die eine erste Form von Rekursivität zulassen und auf diese Weise die Gleichzeitigkeit mit der Welt unterbrechen. Grammatik führt, wie Chomsky richtig bemerkt hat, dazu, dass man Sätze versteht, die man noch nie zuvor gehört hat; dies ermöglicht Grammatik gerade dadurch, dass sie ein Vergessen von Sinn und Zusammenhang des vorangegangenen Sprachgebrauchs erlaubt.

Solange Sprache an die Form der Oralität gebunden bleibt, ist das Gedächtnis von einem »psychischen Substrat«, das heißt von den Leistungen der Bewusstseinssysteme für Kommunikation, nicht zu trennen. Wiederholbarkeit funktioniert mithin nur, soweit die psychischen Systeme sich an die Wiederholungen erinnern und diese die Verarbeitungsfähigkeit der psychischen Systeme - die an sich begrenzt ist und die kurze Dauer eines menschlichen Lebens ohnehin nicht übersteigen kann - nicht überstrapazieren. Man kann nur über Themen kommunizieren, die von denjenigen, die an Kommunikation beteiligt sind, erinnert werden; und man kann nur in Formen kommunizieren, die sich im Gedächtnis der Beteiligten einprägen können. Diese Formen verlieren sich dann auch mit dem Verschwinden
der psychischen Systeme. Wie wir noch sehen werden, sind die Begrenzungen, die durch die Bindung von Gedächtnis an die psychischen Systeme zustande kommen, damit behebbar, dass überindividuelle Objekte, Formeln und Rituale eingeführt werden, auf die rekurriert werden kann. Aber selbst hierbei handelt es sich noch um recht konkrete Formen der Memorierung, so dass sich Fremdreferenz und Selbstreferenz der Tendenz nach permanent darin verfangen.

Speziell gesellschaftliche Formen von Gedächtnis können nur dann ausgebildet werden, wenn Kommunikationstechnologien - Schrift, Buchdruck und schließlich, als letzte Errungenschaften, elektrische und elektronische Medien - zur Verfügung stehen. Diese sind vom individuellen Gedächtnis psychischer Systeme in zunehmenden Maße unabhängig geworden und markieren zugleich Ausweitungen der Gesamtkapazität von Gedächtnis. Zur Kennzeichnung der Medien der Kommunikation verwendet Luhmann den Begriff»Verbreitungsmedien« und verdeutlicht damit den Sachverhalt, dass ihr Effekt in der Steigerung der Reichweite der sozialen Redundanz - und das heißt eben: in der Ausweitung des Gedächtnisses der Gesellschaft - besteht.

Die Einführung des Mediums der Schrift macht es zum Beispiel erforderlich, dass die Themen der Kommunikation unabhängig von konkreten Gegebenheiten und unabhängig von konkreten Kommunikationsteilnehmern verständlich sein müssen (der Leser befindet sich in der Regel in einem anderen Kontext als der Autor und kann somit auch nicht in das Kommunikationsgeschehen eingreifen). In diesem Fall kann das Gedächtnis nicht weiter auf kontextuelle Faktoren oder auf ein gemeinsames Wissen zurückgreifen und muss daher einen entsprechend höheren Abstraktionsgrad erlangen. Das Gedächtnis vergisst dann auch mehr. Zugleich - und gerade deswegen - erzeugt das Gedächtnis Formen von Redundanz mit einer größeren sowohl sozialen wie auch zeitlichen Reichweite. Jeder, der nur lesen kann, kann nun Informationen zu einem bestimmten Thema liefern. Auch kann jeder über Themen sprechen, ohne alle Informationen darüber im eigenen - individuellen - Gedächtnis gespeichert zu haben, da diese nun - teilweise zeitlich unbegrenzt - auf eine Art und Weise in Texten aufhewahrt werden, die der Beteiligung von psychischen Systemen nicht mehr bedarf - obwohl die Beteiligung psychischer Systeme weiterhin erforderlich bleibt, damit Gedächtnisleistungen über
haupt aktiviert werden. Jedenfalls wird durch das Medium der Schrift eine Steigerung und Vervielfältigung der Themenbreite erzeugt.

Die Effekte von Schrift werden erst mit der Erfindung des Buchdrucks voll wirksam, weil erst der Buchdruck zu einer echten Unabhängigkeit der schriftlichen von der mündlichen Kommunikation und ihren Formen führt. Mit dem Buchdruck wird Kommunikation gänzlich anonymisiert und entkoppelt sich vollständig von Interaktion unter Anwesenden. Letztlich werden die Themen schriftlicher Kommunikation überhaupt von jeder konkreten Kommunikation entkoppelt, weil sie nun möglichst für eine unbegrenzte Anzahl unbekannter Kommunikationssituationen (an denen alle potentiellen anonymen Leser beteiligt sind) verständlich sein müssen. Die Themen der Kommunikation bestimmen dann immer weniger über die Inhalte der weiteren Beiträge und es wird immer schwieriger vorauszusehen, was in Zukunft gesagt werden wird. Der einzelne Leser interpretiert den Sinn von dem, was er liest, auf eine Weise, die seine Person und die Situation, in der er sich befindet, übersteigt. Ein gedrucktes Buch ist kein Brief und die Bedingungen, auf denen ein Buch basiert, beschränken sich nicht aufden individuellen Erfahrungsschatz des Lesers (zu dem auch die Texte gehören, die der Leser sich durch Erinnerung zu eigen gemacht hat), sondern erstrecken sich auf die anonymen Kenntnisse, die in Büchern aufbewahrt werden. Das auf Wiederholung basierende Gedächtnis geht über in ein Gedächtnis, das auf Verweisung gründet. Die von der Dynamik der Operationen erzeugten Redundanzen werden durch »künstliche Redundanzen« ersetzt, die es gestatten, sich auf die Suche nach den Informationen zu begeben, die man gerade braucht. Das Gedächtnis dient nicht weiter der Ansammlung von Informationen - diese werden nun grösstenteils vergessen -, sondern der Bereitstellung von Prozeduren, mit deren Hilfe Informationen aus Büchern gewonnen werden können. Das derart veränderte Gedächtnis liefert eine völlig neuartige Stabilitätsgarantie.

Mit der Erfindung des Buchdrucks gewinnt das Gedächtnis eine eigene Dynamik, die mit der Einführung der weiteren Medien - etwa dem Fernsehen, dem Kino, dem Telephon oder den Medien der Informatik - noch zusätzlich beschleunigt wird. Um die Veränderungen des Gedächtnisses zu analysieren, werden wir uns deshalb insbesondere mit den Charakteristiken und Auswirkungen der Kommunikationstechnologien auseinander setzen, die in erster Linie als immer ausgefeiltere Werkzeuge des Vergessens angesehen werden müssen. Dies besonders deshalb, weil der Abstraktionsgrad des Gedächtnisses davon abhängig ist, welche Mittel des Umgangs mit sich selbst - und dies sind im wesentlichen die Verbreitungsmedien - dem Gedächtnis zur Verfügung stehen.

Der Hinweis auf die Medien genügt allerdings nicht. Die Erforschung der Medien, die in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat, hat durch zahlreiche empirische Befunde zeigen können, dass die Annahme einer direkten Korrelation von Medien und semantischer Entwicklung (bzw. Ideenevolution) nicht ausgefeilt genug ist.

Zwischen Kommunikationstechnologien und Semantik herrscht kein unmittelbares, monokausales Verhältnis in dem Sinne, dass auf die Einführung einer neuen Kommunikationstechnologie ein bestimmtes Stadium semantischer Entwicklung folgt. Transformationen im Begriffsapparat können umgekehrt der Einführung neuer Medien vorgelagert sein. In der Renaissance erfolgte eine begriffliche Revolution, die von einem Humanismus vor dem Buchdruck "vorbereitet" worden ist, während der Buchdruck in China weder zu einer Entwicklung der experimentellen Wissenschaft noch zu einer Zunahme begrifflicher Abstraktion geführt hat. Die leichten Innovationen, die im Griechenland im 6. Jahrhundert v. Chr. zu der Erfindung der alphabetischen Schrift geführt haben, reichen als Erklärung des »griechischen Wunders« sicher nicht aus, vor allem, wenn man zusätzlich in Betracht zieht, dass Schriften mit einem bestimmten Grad an Phonetismus schon seit Jahrtausenden in voneinander derart verschiedenen Gesellschaften wie dem antiken Mesopotamien und Ägypten zur Verfügung standen. Ohne die Bedeutung der Medien mindern zu wollen, muss dennoch festgehalten werden, dass sie Veränderungen in den Formen von Gedächtnis nicht hinreichend erklären. Die Medien bilden zwar eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung für den Übergang von Semantik zu bestimmten Graden von Abstraktion. Der Gegenstand des Gedächtnisses verlangt daher neben einer Berücksichtigung der Medien auch die Analyse gesellschaftlicher Strukturen.

Wie wir zuvor bereits gezeigt haben, hängt die mögliche Komplexität von Systemoperationen von der Struktur des zugrunde liegenden Systems ab. Insbesondere hängt die mögliche Komplexität von Kommunikation von der Struktur der Gesellschaft ab, in der diese ausgebildet werden. Gemäß der Theorie von Niklas Luhmann wird
die Struktur einer Gesellschaft wesentlich von ihrem Grad der Differenzierung bestimmt, das heißt von der Art, in der die System/UmweltDifferenz im System selbst wiederholt wird und zur Ausbildung von Teilsystemen führt. Jede Gesellschaft kennt irgendeine Form interner Differenzierung. Die Kriterien der Differenzierung können allerdings von Gesellschaft zu Gesellschaft erheblich variieren. Luhmann unterscheidet konkret und empirisch vier verschiedene Formen der primären Differenzierung von Gesellschaft, die sich im Verhältnis wachsender Komplexität voneinander unterscheiden: segmentäre Differenzierung, Differenzierung nach Zentrum und Peripherie, stratifikatorische Differenzierung und funktionale Differenzierung.

Der Übergang von einer Differenzierungsform zur nächsten markiert den Übergang von einer Situation, in der gleiche Bedingungen für alle Kommunikationen herrschen (mit einer damit einhergehenden Einschränkung der Varietät und der Anzahl der Kommunikationen) zu einer Situation, in der die Kommunikationsbedingungen der Städte sich von denen auf dem Land und die der oberen Stände sich von denen der unteren Stände unterscheiden, schließlich hin zu einer Situation, in denen die Kommunikationsbedingungen in der Politik andere sind als in der Wissenschaft oder in der Wirtschaft. Jede dieser Unterscheidungen setzt spezifische Strukturen voraus, die ihrerseits rekursiv in der Kommunikation selbst ausgebildet werden, sobald die Grenzen der Entfaltungsmöglichkeiten der vorangegangenen Strukturen erreicht sind. Dies geschieht zum Beispiel, wenn in stratifikatorischen Gesellschaften Hierarchien entstehen, die sich von der Hierarchie unterscheiden, die die Differenz zwischen dem Adeligen und den gemeinen Leuten markiert. Die Kommunikationen in den Bereichen Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft lösen sich von rangabhängigen Rücksichten. Man kauft eine Ware unabhängig von demjenigen, der sie verkauft, nur auf der Basis des festgelegten Preises. In dem Moment wird der gesamte Ablauf von Kommunikation auf eine andere Grundlage gestellt. Es erfolgt ein immenser Komplexitätsanstieg, der mit einer Vermehrung der Orientierungen (bzw. Strukturen) von Kommunikation einhergeht, die nicht weiter miteinander koordiniert werden können. Diese Entwicklung darf allerdings nicht als durch ein Projekt gesteuert oder als bewusst in Gang gebracht vorgestellt werden. Sie wird nicht beobachtet, sondern geschieht sozusagen blind, indem Operationen sich schlicht ereignen. Niemand nimmt sich vor, auf eine andere Weise zu kommunizieren. Man tut es einfach. Eine andere Frage ist, wie diese Veränderungen beobachtet werden
bzw. was beobachtet wird, wenn auf die eine oder andere Weise kommuniziert wird.

Die Leithypothese dieser Arbeit besteht in der Annahme, dass im Verlauf gesellschaftlicher Evolution zwischen den Differenzierungs-formen der Gesellschaft und den Kommunikationstechnologien ein gegenseitiger Anpassungsdruck und eine ständige Wechselwirkung herrschen. Das Gedächtnis der Gesellschaft ist jeweils das Ergebnis dieser Dynamik.

Die Beschreibung der Formen von Gedächtnis muss dies in Rechnung stellen und aus dem jeweiligen Ergebnis der Korrelation von Differenzierungsform und Kommunikationstechnologie resultieren. Auf die Formen interner Differenzierung und den dazugehörigen Komplexitätsansprüchen der Kommunikation bauen die Möglichkeiten auf, die durch die zur Verfügung stehenden Medien bereitgestellt werden - insbesondere sind hier die (alphabetische und nicht-alphabetische) Schrift, der Buchdruck (und darauf auflbauend die interaktionsunabhängige Kommunikation als Grundlage für die Ausdifferenzierung des Systems der Massenmedien) und schließlich der Computer gemeint. Daraus resultiert eine begrenzte Anzahl an Formen von Gedächtnis, die wir im Folgenden noch darstellen und diskutieren werden.

Indem man das Gedächtnis aus dem Spiel gegenseitiger Beeinflussung und Beschleunigung von gesellschaftlicher Differenzierungsform und Kommunikationstechnologien heraus versteht, müsste man eine Art von Selektivität gewinnen, die es ermöglicht, die Verwicklungen zu vermeiden, in die die üblichen Untersuchungen über die Massenmedien hineingeraten. Die Auswirkungen der Kommunikationstechnologien auf die Struktur der Gesellschaft liegen derart offen zutage und besitzen eine so hohe Plausibilität, dass die Annahme von Kausalität zunächst unausweichlich erscheint. Unter diesem Blickwinkel führte die Schrift zur griechischen Philosophie, die Erfindung des Buchdrucks zur modernen wissenschaftlichen Revolution und so fort. Wenn man aber nicht bereit ist, die Idee von Endkausalitäten zu akzeptieren - was heute schwierig ist -, dann kann man kaum erklären, wie eine Innovation durchgesetzt werden kann, noch bevor die Effekte erzeugt sind, die eine solche erforderlich machen - die Effekte aber können selbst nur Auswirkungen eben der Innovation sein. Sofern der Sachverhalt plausibel sein sollte, dass die durch das Medium der Schrift möglich gewordene Kommunikation über Entfernungen hinweg zu grundlegenden Veränderungen der Formen von Kommunikation geführt hat, ist damit noch nicht ersichtlich, wie die Schrift, noch bevor die Vorteile oder gar die Idee einer interaktionsunabhängigen Kommunikation bekannt waren, entwickelt werden konnte. Und selbst wenn man, wie dies mittlerweile üblich ist, behauptet, dass die ersten Formen von Schrift sich eher als aide-memoire denn als Verbreitungsmedien durchgesetzt haben, hat man damit den Funktionswandel von Schrift noch nicht erklärt und auch die Frage nicht geklärt, weshalb dieser Wandel im einen Fall stattgefunden hat und im anderen nicht. Unsere Antwort darauf wird sein, dass solche Dynamiken mit der zugrunde liegenden Struktur von Gesellschaft und mit dem Komplexitätsgrad von Kommunikation, der dadurch ermöglicht wird, in Zusammenhang stehen und dass die Medien einerseits eine Beschleunigung der Dynamiken ermöglichen und andererseits auch dazu beitragen, den Ubergang von einer Differenzierungstorm zu einer anderen zu erklären. Beispielsweise hätte die Maschine von Gutenberg (die ja zuvor schon mehrfach erfunden worden war, ohne indes besondere Effekte gezeitigt zu haben), ohne eine Steigerung der Intensität und Vielfalt von Kommunikation und ohne eine zunehmende Alphabetisierung im späten Mittelalter und im Zeitalter des Humanismus, nicht durchgesetzt werden können. Andererseits hätte sich das Modell interaktionsunabhängiger Kommunikation, das den Ubergang zu funktionaler Differenzierung markiert, ohne den Buchdruck nicht durchsetzen lassen. Eine Medientheorie erfordert nach unserer Auffassung deshalb die Rückbindung an eine Theorie der Gesellschaft - dies gilt erst recht für eine Theorie von Gedächtnis.

Aus dieser Argumentation auf zwei Ebenen kristallisiert sich ein »Katalog« an Formen von Gedächtnis heraus, die weder mit den Differenzierungsformen der Gesellschaft (im Sinne eines »stratifizierten« oder »funktionalen« Gedächtnisses) noch mit den verschiedenen Verbreitungsmedien (als mündliches bzw. schriftliches Gedächtnis oder gar als »Buchdruckgedächtnis«) zusammenfallen. Dies bekräftigt die Annahme der Autonomie des Gedächtnisses. In der Gesellschaft werden spezifische Formen von Selektivität ausgebildet, die nur in bestimmten Fällen eine Veränderung der Formen von Redundanz (oder eben: von Gedächtnis) mit sich führt. Wir werden deshalb nicht eigens von einer speziellen Form von Fernsehgedächtnis oder von einem speziellen Kinogedächtnis sprechen können. Und wir werden eine der von Luhmann vorgesehenen Differenzierungsformen, die segmentäre Gesellschaft, unberücksichtigt lassen. Schließlich wird die Annahme einer Gedächtnisform, die eigens an den Computer gekoppelt ist, nicht auch die Hypothese einer Umstellung der Struktur funktionaler Differenzierung mit einschließen.

Bezüglich der segmentären Gesellschaften fehlen noch einige klärende Erläuterungen. Es handelt sich dabei um Gesellschaften, deren mögliche Komplexität sehr eingeschränkt ist, weil Kommunikation nur auf der Basis von Interaktion zwischen Personen der gleichen Gruppe prozessieren kann und es auch keine Möglichkeit der Aufbewahrung von Kommunikation gibt.
Selbst wenn die Einführung der Schrift die Form von Gedächtnis nicht kausal determiniert und auch nicht (wie wir noch sehen werden) zwangsläufig zu einer Überwindung mündlicher Kommunikation führt, kann ohne irgendein Mittel der Aufbewahrung weder von der Erzeugung einer spezifischen Form von Redundanz der Beobachtungen noch von der für die Beobachtungen bestehenden Möglichkeit einer Kohärenzprüfung ausgegangen werden. Ohne Schrift findet Kommunikation nur unter allzu konkreten Bedingungen statt und wird damit auch von den Merkmalen der Situationen beherrscht, in die sie gebettet ist. Die Ereignisse werden nacheinander erlebt und können auch nur in derselben Reihenfolge verstanden werden. Die Kohärenz hängt direkt von den Strukturen der Operationen ab, so dass die Ausdifferenzierung eines autonomen Gedächtnisses - im Sinne einer Kohärenzprüfung auf der Ebene von Beobachtung - gar nicht erst möglich wird. Natürlich werden auch in segmentären Gesellschaften Semantiken erzeugt und es bilden sich auch hier Formen heraus, die Wiederholung und Wiedererkennen unter Garantie stellen; diese Formen variieren aber fortlaufend (d. h. sie vergessen), weil sie permanent konkreten Situationen angepasst werden müssen. Man könnte auch sagen, dass Semantik und Operationsstrukturen völlig aneinander haften und dass das Gedächtnis deshalb keine eigene Autonomie entwickeln kann. Das Vergessen kommt dann dadurch zustande, dass sich die Kommunikation ändert - und eben nicht das Gedächtnis. Unter diesen Voraussetzungen kann in segmentären Gesellschaften unmöglich von einem einheitlichen Gedächtnis der Gesellschaft ausgegangen werden. Vielmehr scheint dies eine Projektion von Gesellschaften zu sein, die
über Schrift verfügen und deshalb annehmen, dass Gesellschaften ohne Schrift zumindest ein funktionales Äquivalent dafür besitzen müssten. Vansina zeigt, dass alle Gesellschaften - auch schriftlose - über eigene "worldviews" verfügen, die allerdings als Repräsentationen der Wirklichkeit einen solchen Grad an Selbstverständlichkeit besitzen, dass sie nicht weiter thematisiert werden. Als bereits vollständige Begriffssysteme existieren sie nur für einen außenstehenden Beobachter, der sie seinerseits, weil sie von den internen Beobachtern nicht beobachtet werden, dennoch nicht beobachten kann.

Unsere nun folgende Aufzählung der verschiedenen Gedächtnisformen darf nicht im Sinne einer geschichtlichen Rekonstruktion eines evolutionären Prozesses verstanden werden, in dessen Verlauf es zu immer komplexeren Formen von Gedächtnis gekommen ist. Es handelt sich dabei vielmehr um einen Bestand an Formen, die auch gleichzeitig existieren können; die historischen Anspielungen (die notgedrungen recht frei gehalten sind) dienen deshalb lediglich der Unterscheidung von Möglichkeiten und erheben nicht den Anspruch aufVollständigkeit. Auch ist die Reihenfolge der Formen (damit ist der Sachverhalt gemeint, dass eine Form nicht vor der vorausgegangenen auftreten kann) eher dadurch bedingt, dass es verschiedene, gesellschaftsstrukturell vorgegebene Grade von Komplexität gibt, als durch eine autonome Dynamik von Gedächtnis. Indem man die Zweigleisigkeit der Differenzierung einerseits und der Kommunikationstechnologien andererseits weiterverfolgt, kristallisiert sich eine Reihe von Möglichkeiten heraus, deren gegenseitige Wechselwirkungen noch im Einzelnen untersucht werden müssen. Einmal sind die Formen mit den ihnen vorausgegangenen kompatibel (und werden deshalb Jahrtausende lang tradiert), das andere Mal setzt sich eine Form durch, die keine Alternativen zulässt. Das werden wir von Fall zu Fall sehen. Unsere Aufzählung sieht jedenfalls vier verschiedene Formen vor, die in den folgenden Kapiteln einzeln besprochen werden:

das divinatorische Gedächtnis,
das rhetorische Gedächtnis,
Gedächtnis als Kultur und
das prozedurale Gedächtnis
.

Auf der Basis der von Harald Weinrich oder Aleida Assmann vorgeschlagenen Modelle kann dieselbe Aufzählung auch mit Hilfe entsprechender Metaphern für das Gedächtnis erfolgen, auf die wir ebenfalls immer wieder zu sprechen kommen werden. Man kann dabei die folgenden Metaphern unterscheiden:

- Wachsmasse bei Platon oder im Ad Herennium. Das Gedächtnis wird als eine Art Gegenstand behandelt, der zur physikalischen Welt gehört, in der, aufgrund der Berührung mit anderen Körpern, Spuren hinterlassen werden; die Erinnerung währt so lange, wie die Spur sichtbar bleibt, darauftrirt dann das Vergessen ein, das mit Unkenntnis gleichzusetzen ist.

- Speicher bei Aristoteles oder bei Augustinus. Das Gedächtnis wird als eine Sammlung von Gegenständen angesehen, von der sich die jeweils aktuelle Erinnerung unterscheidet;

- Archiv oder Spiegel (je nachdem, ob Äußerlichkeit oder Innerlichkeit bevorzugt wird): Dabei handelt es sich um das Modell der Renaissance, wie man es bei Giulio Camillo finden kann und das ebenfalls in der Idee der Methode von Ramus bis Descartes enthalten ist. Das Gedächtnis wird hierbei eher als Ordnungsprinzip denn als Sammlung von Gegenständen betrachtet. Diese Vorstellung folgt dem Übergangsmodell einer Universalbibliothek, in der alle Bücher (und das heißt: die Bücher, die schon geschrieben worden sind, und die Bücher, die in Zukunft geschrieben werden) vollständig gesammelt werden sollen; die Idee der Universalbibliothek vermittelt zwischen der Idee des Archivs und der Idee des Speichers;

- Netz: in der Neurophysiologie, im WorldWideWeb und ganz allgemein in allen Projekten, die mit Computer zu tun haben. Hier wird Gedächtnis als computing device gehandelt, das die Informationen nicht speichert, sondern diese auf der Basis eigener Operationen jedes Mal neu erzeugt. Es handelt sich um ein »networked storage model«, bei dem aus Gedächtnis ein reiner »selector« wird, der statt per Indexierung mit Assoziationen operiert - das aktive Modell von einem »Gedächtnis für die Bewegung«.



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