Peter Fuchs
Die Metapher des Systems
Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse
Velbrück Wissenschaft 2001

Seite 13

Vorwort: Im Moment, in dem das
Bewusstsein tut, was es tut (nennen wir es sehr vorläufig: Erleben erleben der Beobachtung), wird seine Welt sozial formatiert. Es erlebt nicht seine Welt. (Obwohl es sie nur selbst erlebt. Es ist ausgefüllt mit der Welt der anderen, in der jeder anderer mit der Welt der anderen ausgefüllt ist).
Schon in seiner Entstehung (sei es geno- oder phänotypisch) ist es strukturell gekoppelt an Sozialsysteme. Es ist nie etwas anderes gewesen als eben dies:
konditionierte Koproduktion, ein Bewohner der Differenz, kein Objekt oder Subjekte mit Eigenschaften, sondern eher ein Un-jekt, also jedenfalls, wenn wir paradox formulieren, nie etwas, was als Subjekt oder Objekt in irgendeinem Satz sein könnte.
(vgl. George Spencer Brown, A Lion's Teeth. Löwenzähne, Lübeck 1993, etwa Seite 20: "
How we, and all appearance that appears with us, appear to appear (The double appearance of "appear" is no mistake. The first is to see that there is no evidence for the appearance of anything but appearance, that appearance is the only evidence we have for appearance, and that nothing other has ever been known to appear) is by conditioned coproduction. Wir nehmen diese Formulierung auf als geglückte Metapher eines mitunter eher mystisch gesonnenen Mathematikers, mit der sich das System als Differenz bezeichnen lässt.)

Seine Welt ist nicht seine Eigenschaft. Es hat keine originäre oder originelle Welt; oder: ob es sie gehabt haben könnte (oder gar hat), ist für keinen Beobachter der Welt auszumachen. Die Welt des Ursprungs wäre fundamental verstellt dadurch, dass soziale und psychische Systeme auf einem Sinngrund (auf der Basis dieser Form Sinn) jeweils festlegen, was für eine Welt in der Differenz jener Systemtypen aufspringt. Und jede Prüfung, ob diese Welt originell oder allgemein ist, würde an der Inkommunikabilität von Privatheit scheitern.

Das sind, ich weiß, Leserabschreckungssätze.

Aber manchmal stellen sich Probleme so, dass sich schon ihre Formulierung glatten (wohlgeformten) Sätzen entzieht. Das ist besonders dann der Fall, wenn man Theorien radikal beim Worte nimmt, in deren Ausgangspunkt die
Idee der Differenz steckt. Differenzen sind keine Objekte, keine Subjekte, sie sind auch nicht Objekte oder Subjekte eines Dazwischen. Sie sind in der Sprache, die nicht ohne Sinnlichkeit auskommt, kaum abbildbar.

Sie müssten als ein besonderer Palimpsest formuliert werden: als Text mit einem gegenläufigen Zwischentext, der den Text erster Ordnung als Text zweiter Ordnung konterkariert. Im zweiten Text müsste die andere Seite der Unterscheidung aufgezeichnet sein, und das Lesen hätte simul et totum zu erfolgen. Das ist aber bekanntlich dem Gotte (oder vielleicht dem Derrida) vorbehalten. Wir haben nur das Zeichen der Barre, des Schieds des Unterschieds. (vgl. zum "Schied" M. Heidegger, Unterwegs zur Sprache, Pfullingen, 1963, S. 24))

Wir stecken irgendwie in der Unhintertreiblichkeit eines fundamentalen Betruges (Vielleicht würde Kant heute dieses Problem als Unhintertreiblichkeitsproblem bezeichnen). Fiele die Barre aus käme es zum Weder/Noch, also zum Tod. Es wäre übrigens möglich, auch vom platonischen Betrug zu sprechen, vom Urbetrug der abendländischen Philosophie.) und haben es möglicherweise auch deshalb mit dem "Beinahe-nichts des Undarstellbaren" zu tun. (J. Derrida, Auslassungspunkte, Gespräche, Wien, 1998, S.92. vgl. O. Jahraus und Nina Ort, Beobachtungen des Unbeobachtbaren, Weilerswist, 2000)

Klar ist jedenfalls, dass die Systemtheorie mit einer Differenz startet, mit der von System und Umwelt, und: dass der Einheitsbegriff des Systems der Begriff dieser Differenz ist. Einfacher gesagt: das System lässt sich nicht aus seiner Umwelt herausgeben, es ist nicht isoliertbar. Es ist jenes Co, jenes Zugleich, jener Zweiheit, die sich nicht in zwei Einsen zerlegen lässt. (Diese Zweiheit ist, genau besehen, wiederum Dreiheit, also eine Verkürzung der Triade X - Grenze - Y. So jedenfalls Ph.G. Herbst, Alternatives to Hierarchies, Leiden 1976, S.90. Das ließe sich ebensogut wieder auf die EINS der Grenze zuführen, die die Zweiheit auswirft und folglich eine Dreiheit etabliert.... Dass das Eine ohne das Andere nicht zu haben ist, ist geläufiger Topos.)

Und im Augenblick, in dem man dieser Komplikation gewahr wird, zerfällt die cartesische Sprache. Mit ihr fallen auch die zweiwertigen logischen Mittel aus.
(vgl. zum Beispiel in einem andern Kontext, aber im Duktus des gleichen Sprachproblems G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S.109: "Sie ( die einfache Unendlichkeit oder der absolute Begriff, P.F.) ist selbstgleich, denn die Unterschiede sind tautologisch; es sind Unterschiede, die keine sind. Dieses selbstgleiche Wesen bezieht sich daher nur auf sich selbst. Auf sich selbst: so ist dies ein anderes, worauf die Beziehung geht, und das Beziehen auf sich selbst ist vielmehr das Entzweien, oder eben jene Selbstgleichheit ist innerer Unterschied. Diese Entzweiten sind somit an und für sich selbst, jedes ein Gegenteil - eines Anderen, sondern nur das reine Gegenteil; so ist es also an ihm selbst das Gegenteil seiner." Was bleibt, ist dann der Cartesianismus als Krücke.)

Mit ihr fallen auch die zweiwertigen logischen Mittel aus, und konsolidierte andere Instrumente sind noch nicht in Sicht.
(Man wird hier an Gotthard Günther, Warren McCulloch, natürlich an George Spencer Brown denken; aber meinem Eindruck nach haben wir es mit Versuchen zu tun, die teilweise als gescheitert behandelt werden und teilweise noch nicht wirklich stattgefunden haben.)


Peter Fuchs

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