Hans-Peter Hasenfratz
Die religiöse Welt der Germanen
 

Ritual, Magie, Kult, Mythos
Herder. 1992

S. 110
Germanischen Gottheiten: 
Es scheint, daß im Süden der Fruchtbarkeitsbereich "gottheitlich" besser und differenzierter "abgedeckt" wird als im Norden. Das mag damit zusammen hängen, daß die nordischen Quellen, wenn auch gebrochen, die kriegerische Wikingerzeit widerspiegeln oder wenigstens wider spiegeln wollen, die Darstellung des "dritten Standes" und seiner für ihn typischen religiösen Lebensäußerungen von der der beiden obern Stande und ihrer Ideolgieüberformt worden ist.

Die Macht des Schicksals.

Die Gottheiten sind nicht die höchsten und letzten Mächtigkei ten. Auch sie sind zusammen mit den Menschen und den über menschlichen Wesen dem Schicksal unterworfen, das die jetzige Welt unausweichlich ihrem Ende zutreibt. 

Das heißt man im Norden: Götterschicksal (ragna rok). Selbst Odin kann das Schicksal nicht ändern; seine schamanistische Befähigung setzt ihn nur instand, es genauer zu erkennen. So kann er zwar zur Unterwelt reiten und dort mit einem Wecklied (valgaldr) eine (lange tote) Seherin (volva) aus ihrem Grab zwingen, um von ihr Balders Geschick zu erkunden; ändern aber kann er das Verhängnis nicht. 

Das Schicksal als oberste Macht wird teils als unpersönliche, abstrakte Wesenheit vorgestellt: altisländisch urdr, althochdeutsch wurt  (dazu we-wurt: :Wehschicksal; , altenglisch wyrd  (zu "werden") und altisländisch mjotudr, altsächsich metod, altenglisch me(o)tod  (zu "messen") - also: das, was "wird", das, was "zu misst". 

Im altenglischen Beowulf-Epos (Handschrift um 1000, die Dichtung ist älter) stehen beide Begriffe einmal so zusammen, daß der andere den einen erklärt: wyrd- "eines jeden Menschen Schicksal" (metod manna gehwæs). 

Teils wird das Schicksal personifiziert, und man spricht im Norden von mehreren Schicksalsfrauen (Nornar ; Etymologie unsicher), gewöhnlich von dreien: urd, verdandi, Skuld), “Gewordenes",  "Werdendes", "Gesolltes": Vergangenheit, Gegenwart, Zu kunft). Sie legen das Schicksal durch dasselbe runenzauberische Losorakel fest, das uns schon von Tacitus her geläufig ist. Bei der Festlegung des Loses für den einzelnen verfährt die letzte der Nornen meist am mißgünstigsten - ein Zug, der sich im Volksmärchen erhalten hat (die Gabe der "bösen Fee" im "Dorn röschen"). 

Die Dreizahl der Nornen erinnert an die Dreizahl der Matronen. Und tatsächlich verwischt sich das Bild, wenn Saxo von einem Göttertempel (deorum edes) zu berichten weiß, einer Orakelstätte der Nornen (oracula Parcarum), in deren Innern drei junge Frauen (nympha) auf drei Sitzen zu sehen waren und wo man nach feierlicher Ableistung von Gelübden das künftige Geschick der Kinder erfragen konnte. 
So mag 600 Jahre vor Saxo ein Matronenheiligtum ausgesehen haben; während uns von einem tempelgebundenen Kult der Nornen mit Gelübden nichts bekannt ist.  

In den Religionen indogermanischer Völker läßt sich die Tendenz beobachten, das bunte und verworrene Wirken der Gottheiten der Lenkung höherer Ordnungsmächte zu unterstellen. So unterstehen in Indien die Götter dem rtam (rechte "Ordnung"), später dem karma  (universales Prinzip der Tatvergeltung), im alten Iran dem Prinzip der alles verordnenden und vorordnenden Zeit (Zurvan: Zeit, Zeitgott), bei den Griechen der moira (Anteil;das, was jedem zugeteilt ist; Schicksalsgöttin), bei den Römern dem unaus weichlichen, alles regierenden fatum (Spruch des Schicksals. 

In diesem Kontext ist auch bei den Germanen die höherrangige Position der Schicksalsmacht allen andern Mächten gegenüber zu verstehen. 

Und in diesem Kontext ist wohl auch die Attraktivität des Christengottes für den antiken Menschen und den Germanen zu verstehen: der Christengott ist Herr über das Schicksal, in seiner Hand steht "jedes Menschen Geschick" (metod) - eben die wyrd , ohne sein Zutun fällt kein Spatz vom Himmel und kein Haar vom Haupt (Psalm 31,16; Matthäus 10,29f). 

Was könnte seine Überlegenheit über die alten Götter besser erweisen als gerade dies? Und wie liess sich dies sprachlich besser darstellen als daß man in einem altenglischen christlichen Hymnus um 670 leinem "der frühesten Zeugnisse volkssprachlicher Lyrik nördlich der Alpen") den Namen des Schicksals (metod) auf Gott übertrug und Gottes Macht als "metudæs mæcti" pries? 
 

Der Umgang mit Macht

Die religiöse Haltung des Menschen der Macht (den Mächten) gegenüber hat verschiedene Formen: Unterwerfung, ritueller Aufwand (Übergangsriten, Zauber), kultische Verehrung. 

Diese Formen sind in der Praxis kaum streng zu scheiden. Generell und grob läßt sich aber sagen: 
Unerwerfung gilt gegenüber den Schicksalsmächten, 
kultische Verehrung gegenüber den Gottheiten,
ritueller Aufwand gegenüber dem Menschen selbst und gegenüber den übermenschlichen Wesen.   

Dem Schicksalgegenüber gibt es eigentlich nur Unterwerfung. Der Mensch vermag zwar durch rituellen Aufwand, nämlich Zauber IRunenzauber, Totenzauber, Wahrsagezauber), das Schicksal zu erkunden, aber nicht abzuändern. Das vermag nicht einmal die Gottheit.

Der Mensch als solcher wird nicht kultisch verehrt bei den Germanen. Sein Leben und Tod müssen aber von rituellem Aufwand begleitet werden, sollen sie gelingen. Ein Mensch kann auch andere Menschen durch rituellen Aufwand beeinflussen: zauberisch manipulieren (Schadenzauber, Liebeszauber). 
Und ein Mensch kann sich selber durch rituellen Auf wand beeinflussen: durch bestimmte rituelle Techniken über menschliche Macht an sich induzieren. In gewissen Fällen scheint der tote Mensch allerdings kultische Verehrung genossen zu haben: Die nordischen Quellen erwähnen Alben und Disenopfer, sind aber zu spärlich, zu wenig verläßlich und ausführlich, als daß man sich von diesen kultischen Begehungen ein genaues Bild machen könnte und dann müßte im mer noch vorausgesetzt werden, daß es sich bei den Alben und Disen tatsächlich um männliche und weibliche Verstorbene der Sippe gehandelt.
 
 
 
 
 

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