Felix Lau
Die Form der Paradoxie

Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form“ von G. Spencer Brown
Carl-Auer 2008


LauForm 152
Beobachtungen des Beobachters: Im 20. Jahrhundert wurde in mehreren Naturwissenschaften eine epistemologische Entdeckung gemacht, die das bisher vorherrschende wissenschaftliche Paradigma ins Wanken brachte: Es wurde die Bedeutung des Beobachters für das Beobachtete entdeckt.
Von der Entdeckung des Beobachters wird gesprochen, um zu kennzeichnen, dass das Beobachtete nicht unabhängig vom Beobachter ist: Der Beobachter bedingt das von ihm Beobachtete (mit). (Dies als vorgreifender Hinweis darauf, dass das „Phänomen des Beobachters“ nicht aussagt, dass das Beobachtete dem Beobachter nachrangig wäre. Die beiden Seiten der Unterscheidung ko-evoluieren, wie im dritten Abschnitt des Kapitels erörtert wird (siehe vor allem Seite 178).

Für die Neurobiologie hat Humberto Maturana gemeinsam mit Francesco Varela die Bedeutung des Beobachters und seiner Maßstäbe und Wertungen für jegliches Wahrnehmen und Erkennen herausgearbeitet.
Wie auch in konstruktivistischen Erkenntnistheorien ist hier mit dem „Beobachter“ gemeint,
dass ein System oder Bewusstsein (jedenfalls: eine Differenz, die als Einheit beobachtbar ist) eine Welt erfährt und wahrnimmt, indem diese „Einheit“ die Welt strukturiert, und zwar mit eigenen Mustern, Gewohnheiten, Wertvorstellungen etc.

Neben dieser Entdeckung in der Biologie liefert die moderne Physik ein prominentes und fundamentales Beispiel für die Bedeutung des Beobachters: In quantenmechanischen Experimenten wurde deutlich, dass die Versuchsanordnung (und damit die Absicht des Experimentators) bestimmt, welche Phänomene erscheinen. Es liegen somit experimentelle Bestätigungen für die These vor, dass je nach den Unterscheidungen, die ein Beobachter verwendet, ihm die Wirklichkeit erscheint. Zum Beispiel tritt das Phänomen Licht je nach Versuchsaufbau als Welle oder als Teilchen auf. Auch die Unschärferelation von Werner Heisenberg verweist auf den Beobachter. In eben diesem Sinne schafft der Beobachter die Welt, wie er sie erlebt, mit seinen Unterscheidungen. Der Beobachter ist in dieser Konzeption eben nicht (nur) ein Teil der Welt, sondern die andere Seite dessen, was er als Welt erfährt.

Dieses Kapitel erläutert die Entdeckung der Figur des Beobachters, wie sie sich in den Laws of Form darstellt. Dazu kommen wir zunächst noch einmal auf das letzte Kapitel des Indikationenkalküls zurück, in dem der die ganze Zeit implizite Beobachter durch den re-entry der Form in die Form explizit gefunden wurde. Von dort aus wird eine Definition der Beobachtung sichtbar, die auch der Systemtheorie von Niklas Luhmann zugrunde liegt.
Für die Darstellung des Beobachtungsbegriffes wurde die Unterscheidung zwischen Beobachtung erster und zweiter Ordnung gewählt, die auch Niklas Luhmann gebraucht und die ursprünglich von Heinz von Foerster mit der second order cybernetics formuliert wurde.

Seite 153: Die allgemeine Form des Beobachters
Den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen fanden wir schon im zweiten Kapitel der Laws of Form. Er führte zu der
Frage, was denn die erste Unterscheidung sei bzw. in welchem Raum sie getroffen wird. Dass wir uns schon immer auf der Innenseite eines crosses befinden, beschreibt George Spencer Brown folgendermaßen:

„Nimm an, jeder s0 [der seichteste Raum, also der Raum, in dem der Ausdruck als ganzer steht; F. L.] werde von einem ungeschriebenen Kreuz umgeben.“ (SPENCER BROWN 1997: 7)
„Suppose any s0 to be surrounded by an
unwritten cross.“ (SPENCER BROWN, 1969: 7)

Diese Aussage entspricht der Feststellung, dass jede Unterscheidung, die getroffen wird, eine Einheit teilt. Wenn es tatsächlich eine erste Unterscheidung gäbe, müsste sie allen anderen vorangehen und dürfte selbst keinen Raum teilen, da dieser wieder eine Seite einer anderen Unterscheidung wäre. Denn alles, was ist, ist, was es ist, weil es entsprechend unterschieden ist – und nicht ist, was es nicht ist. Das heißt: Jede Einheit ist eine Seite einer Unterscheidung.
Der re-entry ist die Beobachtung oder das Gewahrwerden des unserem Standpunkt umschriebenen Kreuzes, des ungeschriebenen Kreuzes.

Zum Beispiel: Wenn wir etwas mit unseren Sinnen wahrnehmen, befindet sich die Wahrnehmung in unserem aktuellen Bewusstsein bzw. ist diese Wahrnehmung unser Bewusstsein, das heißt, die Aufmerksamkeit ist bei dem Gegenstand unserer Wahrnehmung. Dies kann alles sein: ein Gedanke, eine körperliche Empfindung oder ein Gefühl etc. Nun kann ein (weiterer) Gedanke auftreten, dass wir mit der Aufmerksamkeit „wo-auch-immer“ gewesen sind.
Wir sehen uns selbst als Beobachter. Wir könnten beliebig lange fortfahren zu beobachten, dass wir gerade beobachteten, das heißt ungeschriebene Kreuze aufspüren, und erkennen, dass auch sie in der Form sind. Re-entry der Form in die Form heißt deshalb, den Beobachter zu entdecken; wahrzunehmen, dass man permanent Zeuge dessen ist, was man erlebt.

Wir können zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Unterscheidung und Anzeige beobachten , und zwar mit dieser Unterscheidung selbst. Das heißt, wir beobachten diese Unterscheidung und können erkennen, dass wir für die Beobachtung unterscheiden und anzeigen: Wir beobachten diese Unterscheidung und nicht andere und wir zeigen ihre Seiten sogar mit Namen an.

Wir erkennen mit Beobachtung die Beobachtung. Insofern, als es für die Beobachtung keine Vorrangigkeit von Unterscheiden oder Anzeige gibt, da sie zugleich stattfinden, kann man davon sprechen, dass Beobachtung die Einheit der Differenz von Unterscheidung und Anzeige ist. Sie treten als Beobachtung nur zusammen und zugleich auf.

Seite 154: Es lässt sich beobachten, dass der Beobachter immer gegenwärtig ist. Solange ein System seine Operationen fortsetzt, das heißt auch: solange es beschrieben werden kann als in oder mit einer Umwelt agierend, ist sein Bewusstsein jetzt. Mit anderen Worten: Wir leben in der Gegenwart. Wir können aber noch unterscheiden, ob das Bewusstsein mit dem Hier-Jetzt befasst ist, oder ob es denkt – und im Denken auf Vergangenheit oder Zukunft bezogen ist. Man mag denken, dass Denken auch im Hier-Jetzt stattfindet, und zweifelsohne ist das Gehirn unentwegt jetzt aktiv.

Mit der Formulierung der Distinktheit von Hier- Jetzt und Denken soll darauf hingewiesen werden,
dass ein Sein im Hier-Jetzt frei ist von Wertungen, Motiven und Zielen. Und also auch frei von einem darauf bezogenen Denken.

Boe: vgl. Huineng Platformsutra20: The wisdom of Prajna is neither great nor small: these differences are due to the differences in the delusion and enlightenment of the minds of all living beings. Those with deluded minds and externalist views cultivate practices to seek Buddhahood without having realised their own essential nature; they are the ones with small faculties. If you open to understanding of the teaching of immediacy, you do not cultivate practice grasping externals; you simply activate accurate perception at all times in your own mind, so afflictions and passions can never influence you. This is perception of essential nature. Good friends, when you do not dwell on the inward or the outward, coming and going freely, you are able to eliminate the clinging mentality and penetrate without obstruction.
Platformsutra 21:
Good friends, insight sees through inside and out, clearly penetrating, discerning your own original mind. If you know your original mind, you are fundamentally liberated. If you attain liberation, this is prajna-samadhi, which is freedom from thought.
What is freedom from thought? If you
see all things without the mind being affected or attached, this is freedom from thought. Its function pervades everywhere, without being attached anywhere. Just purify the basic mind, having the six consciousnesses go out the six senses into the six fields of data without any defilement or mixing up, coming and going freely, comprehensively functioning without stagnation: this is prajna samadhi, freedom and liberation. This is called the practice of freedom from thought. If you do not think at all, you will cause thoughts to be stopped entirely. This is dogmatic bondage; this is called a biased view.


Seite 154: Diese minimalistischen Anforderungen an den Beobachtungsbegriff implizieren, dass Beobachtung notwendigerweise nur geschehen kann, wenn unterschieden wird. Was auch immer ich beobachte, kann ich nur beobachten, indem ich es von anderem unterscheide – unter Verwendung ganz verschiedener (und verschieden ausdifferenzierter) Unterscheidungen in Farben, Formen, Klängen oder auch solcher Unterscheidungen wie richtig/falsch, bedeutungsvoll/sinnlos, gut/böse etc. Wenn ich beobachte, unterscheide ich. Da ich aber etwas Bestimmtes beobachte – und nicht anderes –, muss ich mehr tun, ich muss ein Ungleichgewicht in die Unterscheidung bringen. Dafür wird hier der Begriff Anzeige verwendet. Wenn ich etwas beobachte, hebe ich eine Seite hervor.

Wir verallgemeinern diese Einsicht und erkennen, dass das allgemeinste Beschreibungsmuster, das jeder Wahrnehmung, Erfahrung, Beschreibung, Erklärung etc. zu Grunde liegt, die Idee der Unterscheidung ist. Jedwede Einheit entsteht aus oder mit einer Unterscheidung; eine Einheit ist, was sie ist, weil sie nicht ist, was sie nicht ist. Jeder „Gegenstand“ – ob Ding oder Gedanke oder Gefühl etc. – ist nur als Einheit erfahrbar, er wird als „Etwas“ erfahren; und er ist „Gegenstand“ eines Bewusstseins. Dass er ein „Etwas“ ist, und eben nicht anderes, macht seine Einheit aus.

Verglichen mit dem Alltagsgebrauch des Begriffes Beobachtung ist der hier verwendete sehr allgemein; mit ihm gilt, dass man immer irgendetwas beobachtet. Man kann nicht nicht beobachten; Aufmerksamkeit ist immer auf etwas gerichtet. Beobachtung findet in einem oder für einen oder durch einen Beobachter immer statt, und zwar: immer jetzt.

Boe: anzeigen - bezeichnen; auf-merken

Eine spezielle, aber
für uns als Beobachter grundlegende, weil jeder anderen vorangehende Unterscheidung ist die zwischen Beobachter und Beobachtetem bzw. Selbst und Anderem. Man erfährt sich stets selbst als den Handelnden, Sprechenden und Denkenden, Fühlenden. Auch wenn man sich nicht immer im gleichen Maße dieser grundlegenden Unterscheidung bewusst ist, so kann man sie doch stets und unzweifelhaft erkennen.

Wir gehen hier also davon aus, dass wir als Menschen, oder differenzierter: lebende und psychische Systeme, notwendig eine Unterscheidung getroffen haben: die zwischen uns und dem Anderen, dem Text, dem Gegenüber, dem Objekt. Das meint, dass wir uns bewusst machen können, dass wir es sind, die die Dinge so sehen, wie wir sie sehen. Diese Selbst-reflexion geschieht nicht permanent, ist aber stets möglich. (Es kann wohl auch nicht davon ausgegangen werden, dass es sich dabei um eine anthropologische Konstante handelt. Es ist möglich, unentwegt in die eigene spontane Tätigkeit versunken zu sein – ohne jemals darauf zu achten, dass es „jemand“ sei, der dies tut. Das Nicht-Reflektieren führt nicht zum Verschwinden des Beobachters – zumindest nicht für einen weiteren Beobachter, der den ersten als solchen beobachtet. Dieser erste Beobachter operiert permanent auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung.) Das heißt: Wir können uns der Anweisung, eine Unterscheidung zu treffen, nicht entziehen, weil wir ihr auch folgen, wenn wir ihr nicht folgen wollten. Wir treffen eine Entscheidung – auf Grundlage einer Unterscheidung.

Mit dem Verweis auf den Beobachter ist immer mitgemeint, dass ein Beobachter nicht eine Welt vorfindet, weil sie etwas anderes als er ist und er die in ihr enthaltenen oder vorhandenen Unterschiede erkennen kann – und das dann besser oder schlechter, also wahr oder falsch. Der Wahrheitsbegriff hat einen dezentraleren Ort (siehe III .2. „Von Existenz zu Leere“, vor allem Seite 168). Vielmehr ist mit der Figur des Beobachters intendiert, darauf hinzuweisen, dass er selbst die Unterscheidungen trifft, um ein ungeformtes Medium (Welt) für sich selbst handhabbar zu machen. Das ungeformte Medium ist nicht (von sich aus) verschieden vom Beobachter.

Seite 156:
Dieser Abschnitt zum Beobachter spiegelt die Schwierigkeit der sprachlichen Produktion einer Figur, die nicht im Subjekt-Objekt-Dualismus situiert ist. Der Beobachter repräsentiert eine Welt und entsteht selbst im Prozess des Treffens von Unterscheidungen. Er ist nicht zu denken als jemand, der Unterscheidungen willkürlich trifft, er geht den Unterscheidungen zeitlich nicht voran. Er ist nach dieser Konzeption lediglich die Instanz, in der wir als Beobachter den Prozess der Beobachtung feststellen können. Der Beobachter ist das selbstreflexive, selbstbezügliche Moment „innerhalb“ der Form. Der Beobachter kann beobachten, dass er in der Form ist, dass er mit Formen/Grenzen „spielt“ – wie auch mit der Grenze zwischen ihm als Beobachter und ihm als Beobachtetem.

Der Neurobiologe und Kognitionsforscher Humberto R. Maturana war einer der ersten, der die Bedeutung des Beobachters für jede Erkenntnis über die Welt, die Realität oder das Universum wissenschaftlich klar herausstellte. Eine seiner bedeutsamsten und radikalsten Aussagen ist:

Alles, was gesagt wird, wird von jemandem gesagt.“ (MATURANA; VARELA 1987: 32)

Mit den Laws of Form kann man diesen Satz umformulieren in:

Alles, was unterschieden wird, wird von einem Beobachter unterschieden.“ (LAU 2005: 156)

Mit beiden Sätzen wird ein Unterschied zu einer, man muss es wohl so sagen: obsoleten Auffassung von Welt hervorgehoben. Von einer objektiven, also Beobachter unabhängigen Welt ausgehend, muss der Beobachter aus der Welt heraus gehalten werden. Spielte der Beobachter der Welt eine Rolle für das „Dasein“ der Welt, würde zumindest der Zugang zur Welt in Frage gestellt sein, wenn nicht eine objektive Realität überhaupt. Mit den Laws of Form wird wie bei Humberto R. Maturana die These vertreten, dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist.

Das heißt also, dass die Berücksichtigung des Beobachters und seine Integration in das Erkannte zu einer fundamentalen erkenntnistheoretischen Umstellung führt:
Ausgangspunkt aller Erkenntnis ist nicht "etwas ist so-und-so",
sondern "etwas ist für jemanden so-und-so".
Damit ändert sich auch die an Erkenntnis orientierte Fragerichtung:
An Stelle von: Wie erkennt ein Beobachter die Welt richtig?
Fragen wir:
Wie erschafft ein Beobachter eine Welt?

Seite 157: Beobachtungen erster und zweiter Ordnung

Wir unterscheiden in und mit der Beobachtung zwischen dem Beobachteten (der angezeigten Seite) und dem dadurch nicht Beobachteten (der unangezeigten Seite). Die sich daraus ergebende Unsichtbarkeit der Beobachtung selbst, setzen wir mit dem ungeschriebenen cross gleich. Das heißt, die momentane Beobachtung ist unsichtbar.

Prinzipiell kann ein Beobachter alles beobachten, was er unterscheiden kann, gegebenenfalls auch seine oder andere Beobachtungen (Unterscheidungen).

Ein Beobachter kann also beobachten, welche Unterscheidungen andere Beobachter (oder auch er selbst) treffen. Nur die eine Beobachtung, die er gerade macht, kann er nicht zugleich auch noch beobachten.

Um die gerade verwendete Unterscheidung beobachten zu können, braucht er eine weitere Unterscheidung, für die dann das gleiche gilt. Dies wird in der Systemtheorie als blinder Fleck bezeichnet. Wenn wir eine Unterscheidung operational verwenden, ist diese für uns unsichtbar; wir können nie zugleich die Unterscheidung treffen und beobachten. Um die Unterscheidung, die wir gerade bei der momentanen Beobachtung verwenden, beobachten zu können, müssten wir
zur gleichen Zeit zwei verschiedene Beobachtungen ausführen: Das Beobachtete und der Beobachtende sind aber im unterscheidenden Beobachten nicht zeitgleich denkbar. Das heißt, dass das Treffen einer Unterscheidung stets blind für sich selbst ist. Der blinde Fleck ist die Unterscheidung, die wir für die jetzt stattfindende Beobachtung treffen. Der blinde Fleck ist das, was man nicht sieht, wenn man sieht, was man sieht.

Für George Spencer Brown spielt diese Unbeobachtbarkeit der gerade stattfindenden Beobachtung keine wichtige Rolle. Einen ähnlichen Gedanken findet man bei ihm aber in dem Begriff der selektiven Blindheit. Im Zusammenhang des Konzeptes der selektiven Blindheit wird erörtert, inwiefern auch gesagt werden kann, dass der blinde Fleck gerade das Sehen ermöglicht – und nicht einschränkt (siehe den entsprechenden Abschnitt in III. 3.: S. 180f.).

Mit dem Indikationenkalkül können gerade auch diese verschiedenen Beobachtungsebenen ausgemacht werden: Ein Beobachter trifft eine Unterscheidung, und sieht dabei nur eine der beiden durch die Unterscheidung hervorgerufenen Seiten. Auf einer anderen Ebene kann ein zweiter Beobachter die vom ersten getroffene Unterscheidung von anderen Unterscheidungen unterscheiden.

Der erste Beobachter sieht eine Identität, wenn er eine Unterscheidung trifft, denn er bezieht sich auf eine Seite der Unterscheidung (für ihn die Einheit) und nicht die andere oder die Unterscheidung selbst; der zweite sieht darin eine Differenz (genauer: die Identität einer Differenz; oder in der Differenz eine Identität bzw. Einheit), indem er auch die andere, die vom ersten Beobachter nicht angezeigte Seite der Unterscheidung sehen kann.

Eine Beobachtung zu beobachten meint, die vom ersten Beobachter getroffene Unterscheidung zu sehen; das heißt zu sehen, wie ein Beobachter beobachtet.

Ein zweiter Beobachter kann die Unterscheidung des ersten von anderen Unterscheidungen differenzieren. Ein zweiter Beobachter kann sehen, was der erste nicht sehen kann, aber auch seine Operation erzeugt einen blinden Fleck.

„Der Schritt von der Beobachtung erster zur Beobachtung zweiter Ordnung löst eine ganze Kaskade von Folgen aus. Nur eines erreicht er nicht: die Beobachtung der ihn selbst einschließenden Einheit, die Rückkehr in den unmarked space.“ (LUHMANN 1992: 127)

Vom Standpunkt der Beobachtung zweiter Ordnung, das meint, wenn beobachtet wird, wie (mit welchen Unterscheidungen) ein anderer Beobachter beobachtet, sieht der Beobachter, dass Beobachter nicht sehen, was sie nicht sehen. Das scheint trivial, führt aber beispielsweise zu der weit weniger trivialen Einsicht, dass auch die Beobachter selbst zu dem gehören, was sie nicht sehen können. Die eigene Materialität des Beobachtens, das sehen, wie man selbst gerade sieht, entzieht sich dem Beobachter notwendig. Oben hatten wir entsprechend formuliert, dass der Beobachter für sich selbst imaginär ist (siehe den „Exkurs in die Systemtheorie von Niklas Luhmann“: S. 147ff.).

Grundsätzlich gibt es beliebig viele Beobachtungsebenen: Beobachtung von Dingen, Definitionen, Ideen etc. (Beobachtung erster Ordnung), Beobachtung von Beobachtung von Dingen (Beobachtung zweiter Ordnung) usw. Da Beobachtung immer ein Treffen von Unterscheidungen impliziert, hat jede Beobachtung aber zugleich die Form des Beobachtens erster Ordnung. Als qualitativ unterschieden werden lediglich die Ebenen der Beobachtung von Dingen und der Beobachtung von Beobachtung verstanden.

Beobachtung erster Ordnung ermöglicht in jedem Fall eine Beobachtung zweiter Ordnung. Wir können jederzeit unsere Aufmerksamkeit darauf richten, wie wir selbst oder andere gerade beobachteten. Dies spiegelt sich darin, dass das Treffen einer Unterscheidung einem zweiten Beobachter in jedem Fall erlaubt, die Unterscheidung zwischen Beobachtendem und Beobachtetem zu treffen.

Die beiden Ebenen der Beobachtung können wir in der Form der Laws of Form wiederfinden: Der Spencer Brownsche „Kalkül der Beobachtung“ macht deutlich, dass Unterscheidungen nicht nur das Andere des Bezeichneten (die andere Seite der Unterscheidung), sondern auch das Andere der Unterscheidung immer mit sich führen.

Das heißt beispielsweise für die Unterscheidung des Kalküls, dass er eine Grenze zieht, die Möglichkeiten beschränkt, auswählt. Wir können davon sprechen,
dass die Form des Kalküls auch immer mitführt, was der Kalkül nicht ist.

Deshalb ermöglicht er Berechnungen, in denen er selbst noch einmal vorkommt als das, was er (zunächst) nicht erfasste.
Dieses Unbezeichnete, die andere Seite dessen, was wir im und mit dem Kalkül unterscheiden und anzeigen, ist das „Andere“ der Beobachtung und der Verknüpfung von Beobachtung, also das „Andere“ der Erkenntnis. Es entzieht sich unseren Versuchen einer begrifflichen Annäherung durch Rationalität und bestimmendes Denken.

Also: Das auf Unterscheidungen beruhende Beschreibungs- und Erklärungsmuster lässt sich wieder auf Unterscheidungen selbst anwenden, das heißt, wie gesagt, dass wir Unterscheidungen unterscheiden können. Dann ist eine Unterscheidung die bezeichnete Einheit der Unterscheidung, die wir (gerade) treffen. Wir unterscheiden „diese“ Unterscheidung von anderen Unterscheidungen. Des Weiteren kann dieses Beschreibungsmuster, diese Formtheorie sich selbst als verschieden von anderen Möglichkeiten betrachten, zu beschreiben und zu erklären, was ist. Von daher kann es auch keinen Vorrang beanspruchen oder anders mit „Theorien“ in Konkurrenz treten.
In Frage steht nicht mehr die Wahrheit einer Theorie, sondern was man mit ihr erkennen kann.

Seite 160:
Die Paradoxien des Beobachters und der Welt: Wir führen zwei Paradoxien an, die mit selbstbeobachtenden Systemen einhergehen. Der Beobachter ist ein beobachtendes System, das fähig ist, sich selbst zu beobachten. Im Sinne der vorangegangenen Überlegungen zu Unterscheidungs- und Paradoxiebegriffen treffen wir auch in der Selbstbeobachtung eines Beobachters, das heißt eines Systems, auf Paradoxien.

Bei dem Versuch eines Beobachters, sich selbst vollständig zu beobachten, das heißt sich selbst als Ganzheit oder Einheit oder Aktualität in den Blick zu bekommen, unterwandert er eine Grenze. Die entstehende Oszillation wird hier mit Paradoxie des Beobachters bezeichnet.

Wenn ich mich selbst beobachte, kann ich zum Beispiel sehen, ob ich glücklich oder traurig, aufgeregt oder ruhig, krank oder gesund etc. bin, worauf auch immer ich gerade achte. Was ich aber in dem Augenblick der (Selbst-) Beobachtung prinzipiell nicht sehen kann, ist die Ganzheit oder Einheit meiner selbst.

In der Selbstbeobachtung muss sich der Beobachter selbst in zwei Zustände unterteilen: den beobachteten und den beobachtenden. Wenn ich mich selbst beobachte, unterteile ich mich – dessen bewusst oder nicht – in zwei Aspekte, weil ich dann zugleich Beobachter und Beobachteter bin. Damit bin ich als einheitliches Ganzes nicht mehr fassbar, gerade weil ich mich (als Ganzes) in den Blick zu nehmen versuche. Ich muss mich getrennt haben, um mich sehen zu können. Die Ganzheit kann ich also niemals derart in den Fokus bekommen. Das gleiche gilt für die Beobachtung meiner Selbstbeobachtung. Ich kann den Versuch meiner Selbstbeobachtung beobachten, dabei eine weitere Unterscheidung treffend. Ich sehe jetzt, dass ich mich als mich-selbst-beobachtend beobachte. Und nun sehe ich, dass ich mich als jemanden beobachte, der sich selbst als sich-selbst-beobachtend beobachtet etc. Man sieht das eigene aktuelle Denken, indem man einen weiteren Gedanken anschließt, der dann der aktuelle ist. Man oszilliert zwischen: sich als aktuelle Tätigkeit zu sehen und sich selbst dabei in eine weitere Unterscheidung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten getrennt zu haben.

Diese paradoxe Figur wird auf den Punkt gebracht durch die Formulierung:
Ich kann (mich) nur dadurch sehen, indem ich es unmöglich mache, (mich) zu sehen; indem ich mich als Einheit zu gewinnen suche, trenne ich mich. Zugleich scheint es ganz unproblematisch zu sein, mich selbst zu beobachten, da „ich“ diese Paradoxie in einem zeitlichen Nach-einander auflöse mit der Unterscheidung zwischen Teil und Ganzem.

Die Paradoxie des Beobachters hängt zusammen mit folgender Überlegung, die uns auf die Paradoxie der Welt führt: Die Welt, das Universum, „Alles“ (wie auch immer wir es benennen wollen) ist eine Ganzheit, eine Einheit. Offensichtlich erscheint es unterschieden (für einen Beobachter), aber als Ganzes ist die Welt oder das Universum eine Einheit. Zu dieser Beobachtung und Beschreibung kann es aber nur kommen, weil Welt (auf welche Weise auch immer) beobachtet wird.
Wenn sich Welt aber selbst beobachtet, bekommt sie sich als Ganzheit nicht mehr in den Blick, denn sie muss sich unterteilen in einen beobachtenden und einen beobachteten Zustand. Was die Welt also sieht (wenn wir so formulieren wollen, dass der Beobachter die Beobachtung der Welt repräsentiert) , ist nur zum Teil sie selbst, da sie sich in ihrer Selbstbeobachtung verhalten muss, als wäre sie von sich selbst unterschieden.

Eben durch Beobachtung entzieht sich die Welt in ihrer Ganzheit der Beobachtung, denn die Beobachtung und ihr Einfluss auf das Beobachtete sind Welt. Die Welt verändert sich mit unserer Beobachtung, und ein Beobachter kann sie nie als das erkennen, was oder wie sie (ohne ihn) ist. Würde das gelingen, träfen wir bei der Beobachtung keine Unterscheidungen.

Das Universum ist auf eine Art und Weise beschaffen, die es befähigt, sich selbst zu sehen, ohne dabei je alles – die ungetrennte Einheit, die den Unterschied zwischen Universum und Erkennendem übersteigt – sehen zu können. Und es ist weiterhin in der Lage zu erkennen, dass es dies ist, was es kann.

Letztlich heißt das in beiden Fällen: Jede Absicht auf vollständige Beschreibung, die nur vollständig ist, wenn sie sich selbst einbezieht, läuft auf das Problem der Paradoxie auf.

Aber: Die unmittelbare Erfahrung von Welt kann nie paradox sein, denn alles ist, wie es ist. Auf dieser Ebene – die Dinge sind, wie sie sind – kann keine Paradoxie auftreten, da es nur diese eine Ebene gibt, nichts könnte anders sein; daher kann keine Selbstbezüglichkeit vorgefunden werden. Nur die Beobachtung und Beschreibung (der Erfahrung) von Welt kann paradox sein. Wir finden auch bei Niklas Luhmann: „Ein Paradox ist ja immer ein Problem eines Beobachters. Wollte man behaupten, das Sein selbst wäre paradox, wäre eben diese Behauptung paradox.“ (LUHMANN 1990: 123)
Die Behauptung wäre paradox, weil sie selbst dem „Sein“ zugerechnet werden muss.

Als Einheit muss Beobachtung bereits von etwas anderem unterschieden (und markiert) sein: Man kann nicht unterscheiden, ohne bereits unterschieden zu haben. Beobachter können demnach die Welt per se nie sehen. Sie können nur sich selbst in der Welt sehen (siehe III. 3. den Abschnitt „Zen“, S. 190ff.).

Felix Lau
Lau Form 163: Von Existenz zu Leere


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