URS BOESCHENSTEIN    LUCY IN THE SKY

LUCY IN THE SKY  WITH  DIAMONDS
Wie aus gescheiten Affen dumme Menschen wurden.

Fakten und Gedanken zur Menschwerdung 
von Urs Boeschenstein
 
 

Diese Dame mit Kind und dieser Herr gehörten zu einer Gruppe von  Australopithekinen, die vor vier Millionen Jahren durch die afrikanische Savanne streifte, Pflanzen, Aas und Kleingetier sammelte und Nahrung in den ersten gemeinsamen Fressereien im gemeinamen Lager verzehrte. Die Dame heisst Lucy. 

Vor zwanzig Jahren haben Frühmenschenforscher ihre Überreste ausgegraben, das am besten erhaltene Skelett aus der Zeit der ersten Zweibeiner. 

Der Ausgräber dieses sensationellen Fundes, der Paläonthologe Donald Johanson, war ein Beatlesfan und hörte auf seinem Walkman “Lucy in the sky with diamonds”. So kam die Südaffenfrau 1974 zu ihrem schönen Namen. Sie hat im Diamantenhimmel sprechen gelernt. Hören sie zu. Lucy erzählt von Gott und der Welt.


Ich bin Lucy. Mich gibts seit  vier Millionen Jahren. Ich bin uralt. Mein Geist lebt schon sehr lange. Ich habe lange beobachtet, ich habe zugeschaut, was meine Enkelkinder machten: Wie sie lebten und überlebten, wie sie lernten, wie sie wanderten, wie sie miteinander stritten und sich versöhnten. 

Ich beobachtete, wie sie lernten sich selber zu beobachten. Wie sie lernten miteinander Futter zu suchen, wie sie ihr Futter teilten, wie sie ihre Kinder erzogen und wie sie anfingen, über das Sterben nachzudenken.Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ich sterben müsste. Wir waren traurig, wenn eine von uns wegging, aber nachdenken darüber, wohin die Toten gehen, kam mir nie in den Sinn. Mich interessierte, wer mit wem gut auskam, und wer mit wem streiten musste, mich interessierte, wie ich vom Fleisch, dass wir aus den toten Tieren herausrissen, meinen Anteil bekam, und ich wollte wissen, welche Pflanzen wir essen konnten und welche uns Bauchweh machten. Es gab viel zu lernen und die Toten - sie waren tot, fertig. 

Ich habe lange beobachten müssen, bis ich meine Enkel einen Totentanz tanzen sah. Die ersten waren die Aufrechten, die  “Homo erectus”. Und es vergingen vom “Erectus” an noch einmal zwei Millionen Jahre, bis meine Nachkommen auf die Idee kamen, die Toten in Steinkisten zu begraben, ihnen Blumen mit auf den Weg zu geben. Sie hiessen Neandertaler und sie sangen vor 100 000 Jahren Lieder über den Weg der Toten. 

Sie sangen Geschichten, wohin die Toten gingen und wie sie wieder zurückommen würden. Sie legten die Toten so ins Grab, dass die aufgehende Sonne sie aufweckten könnte. Die Sonne würde sie aus dem Totenland im Westen zurückbringen. Das sind eigenartige Geschichten, die meine Nachkommen erfanden. 

Mich kümmerten die Toten nicht. Ich war sehr traurig, wenn jemand nicht mehr da war, aber Angst vor den Toten musste ich nie haben. Mich interessierte das “hinc et nunc”, die Gegenwart. Sie können es mir glauben, das Leben findet immer in der Gegenwart statt. Die heutigen Menschen haben dies seit ein paar Generationen vergessen. Sie leben nur noch auf Ziele hin. Das macht sie unglücklich. Sie erreichen nie ihre Gegenwart. Das Planen, wie die Menschen das heute nennen, haben erst die Allerjüngsten unter meinen Enkeln erfunden, vor kaum ein paar tausend Jahren. Ich finde das eigenartig. Wie soll frau die Zukunft voraussagen. Die Zukunft steht nicht in den Sternen, wir müssen sie machen, mit unserem Tun.

Ein ganz besonders Gescheiter meiner Enkel hat gesagt: Wahrlich, ich sage euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Als der dies sagte, hatten meine Nachkommen schon ganz andere Vorstellungen vom Diesseits und vom Jenseits erfunden. Sie glaubten an einen grossen Gott, der die Ungehorsamen bestraft und vor dem die Menschen Angst haben müssen. 

Mir scheint, wir hatten es damals vor vier Millionen Jahren besser. Uns beschäftigten keine Phantasien von guten und bösen Geistern. Wir waren vollauf beschäftigt mit uns selber. Wir wussten ja, wer wir waren und welche Rolle wir im Spiel miteinander spielten, wir spürten den Ärger, wenn einer meinte, er könne uns bescheissen. Ich habe nie einem dazu die Chance gegeben. Ich habe mir in meiner Gruppe viel Unabhängigkeit erstritten. Die heutigen Menschen nennen dies Autonomie. Ich habe beobachtet, dass die Autonomie der Individuen in den grossen Gruppen der Heutigen seit ein paar hundert Jahren ständig abgenommen hat. Wo die Gruppen zu gross geworden sind, verlieren die einzelnen ihre Fähigkeit, für sich selber gut zu wählen. Sie müssen sich an Gebote der Oberen anpassen. Bei uns gab es keine Gebote, niemand befahl. Darum konnten wir auch immer selber entscheiden. Übrigens - wir hatten viel Spass miteinander. Ich weiss, sie glauben mir das nicht. Sie meinen ja immer noch, wir seien primitiv gewesen. Schauen sie mich doch einmal an.

Ich sehe gut aus, finden Sie nicht auch? Eigenartig auf diesem Bild ist nur der Mann. Der gehört nicht auf das Bild von mir und dem Kind. Ich weiss nicht was der grosse Mann hier soll. Es fehlen nämlich auf dem Bild all die anderen meiner Gruppe. Es waren viele, die Alten, die Jungen, die Kinder - ganz viele, ich habe sie nie gezählt, aber ich kannte alle und alle kannten mich.

Johanson hat mir gesagt, dass der Mann auf dem Bild mein Mann sei, er nennt das “enge Paarbindung” und behauptet, dass ich den einzigen Mann gewollt, gewünscht, gesucht habe. Da täuscht er sich aber. Ich habe mit vielen anderen gewollt und gewünscht, einen Speziellen habe ich nie gesucht, das gehörte sich auch nicht, das hätte das Zusammensein nur gestört. 

Meine Grosseltern hiessen Bonobo. Die haben es noch heute lustig miteinander, jeder mit jedem, jede mit jeder und jeder mit jeder, gross und klein durcheinander. So war das bei uns auch. Wofür hat man denn den Sex, wenn nicht zum Vergnügen. Aber ich weiss, dass ist ein Thema, über das man mit den Heutigen nicht reden kann. Die schämen sich. 

Das haben meine Kinder erst ganz spät gelernt, das Schämen wegen dem Sex. Wir schämten uns auch, aber nur, wenn wir etwas getan hatten, was der Gruppe nicht gefiel, wenn die andern lachten. Ich weiss noch, wie die anderen lachten, als ich dem Grossen eine runterhaute, weil er mir eine Banane weggenommen hatte. Wir lachten alle, als der ganz rot angelaufen war und ich schämte mich, dass ich plötzlich im Mittelpunkt stand. Aber eigentlich will ich gar nicht vom Schämen reden. 

Ich will Ihnen erzählen, was wir machten, wenn wir uns fürchteten und wir lernen mussten uns gemeinsam zu beruhigen. Dann haben wir miteinander getanzt, wir haben auf den Boden getrommelt. Wir suchten gemeinsam zu beruhigen, wir tanzten eine gemeinsame Stimmung.

Die heutigen Menschen sagen, wir hätten böse Geister vertrieben. Dummes Zeug, für uns gab es keine bösen Geister, das haben erst die Späteren erfunden. Wir brauchten alle Kraft, um Nahrung zu finden. Wir zogen durch die weiten Weideplätze der Tiere, und diejenigen unter uns die gute Nasen hatten, waren immer vorneweg. Ich hatte eine gute Nase, ich konnte tote Tiere schon von weitem riechen. Ich brauchte mein Riechen auch, wenn wir miteinander lagerten. Ich lag immer lieber neben denen, die gut rochen. Und es gab welche, die konnte ich nicht riechen. Das hat mich immer gut vorgewarnt. Da war ich vorsichtig. Mit dem Grossen - sie erinnern sich, das war der auf dem Bild von mir und dem Kind - da hab ich Distanz gehalten. Den Grossen konnte ich nicht riechen, der war manchmal - . Jetzt wirds schwierig. Ich wusste nicht, was der war. Ich habe erst beim Beobachten lange, lange später gesehen, dass die Späteren dies “bös” nannten. Was “bös” ist, wussten wir noch nicht. Aber - wenn ich mich richtig erinnere - der Grosse war “bös”, der ist manchmal ausgerastet. Johansen sagt mir, dass dem die Kontrollinstanz “Gewissen” fehlte. Er meint, dies habe sich erst bei den Späteren entwickelt. Das stimmt natürlich nicht. Wir wussten meistens sehr gut, was sich gehört und wie wir unsere Rolle zu spielen hatten. Ich hatte schon ein sehr gutes Gewissen und - das muss ich auch noch 
sagen - ich hatte auch ein gutes Gewissen, ich musste mich selten schämen. 
 

Johansen hat natürlich recht, wenn er sagt, dass das Gewissen, die Kontrollinstanz für das Zusammenleben, wichtig ist. Das Zusammenleben meiner Kinder ist nur gut, wenn sie sie sich auf eine gemeinsame Stimmung verlassen können. Bei uns haben die meisten Männer und Frauen, Kinder und Alte zur Stimmung beigetragen. Wir fühlten uns fast immer recht wohl miteinander. Und wenn wir stritten, dann konnten wir uns ja nachher stundenlang lausen. 

Ich habe Ihnen von den Neandertalern erzählt, von jenen meiner Enkel, die das Begraben erfunden hatten. Sie brachten sich bei den Trauerritualen in gemeinsame Stimmung, und das ist immer gut. Probleme ergaben sich eigentlich erst bei den noch Späteren, die anfingen, ihre Geschichten von den Toten auch zu glauben. Sie verwechselten Religion mit Glauben. Religion ist doch gemeinsame Stimmung - Wiederholen von Beisammenseinwissen. Es geht doch beim Tanzen nicht um Glauben, es geht immer nur um die Zufriedenheit. 

Bei den heutigen Menschen ist seit ein paar Generationen der Inhalt der Geschichten wichtiger geworden als das Erzählen der Geschichten. Sie haben alle Angst vor dem Tod. Angst vor dem Tod ist eine sehr dumme Erfindung. Angst vor dem Tod erfanden erst die Priester der Herren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

 Ich konnte Angst vor dem Tod in meinem Leben nicht brauchen. Ich war vorsichtig. Ich passte gut auf. Ich wollte mich nicht verirren. Das konnte ich nur, wenn ich keine Angst hatte. Ich hatte nie Mühe, unser Lager wieder zu finden. Ich musste ja nur auf die Sonne schauen, und den anderen zurufen. Ich konnte sehr gut rufen, ganz lang, wie Tarzan. Das richtige Singen haben aber erst fast zwei Millionen Jahre nach uns die “Homo habilis” erfunden. 

Er heisse KNM 1470, sagen die Leute hier im Museum. Sie sagen auch, dass er eine Broccaregion habe, ein Sprachzentrum auf der linken Seite des Gehirns. Ich habe nie gehört, dass die Habilis geredet haben. Aber tanzen konnten sie. Sie brauchten ihre Broccaregion, um ihre Beine im Takt zu bewegen. Mit ihrer Stimme konnten sie aber auch tanzen, rauf und runter, langsam und schnell. Ich habe ihnen gerne zugehört. Ich hab auch zugeschaut, wie sie im Takt schlagen lernten und wie sie die ersten Steine zerschlugen und die toten Tiere nicht mehr auseinanderbeissen mussten. Die Leute im Museum sagen, die Habilinen seien die ersten Werkzeugmacher gewesen. Das ist natürlich Unsinn. Werkzeuge brauchten wir auch. Oder ist meine Tragtasche für das Kind etwa kein Werkzeug? Ich hatte sie mir aus der Haut von einem toten Tier gebastelt. Und ich habe darin auch Knollen und Pilze ins Lager getragen. 

Mit den Pilzen wars manchmal schwierig. Es gab welche, die viel Bauchweh machten. Und es gab welche, die den Kopf veränderten. Das haben die Homo habilis dann beim Tanzen gebraucht. Sie haben die “schlechten” Pilze gesammelt und getrocknet und sie am grossen Fest miteinander gegessen. Im Museum sagen sie, die Homo habilis hätten die ersten Rituale erfunden. Stimmt natürlich nicht. Wir haben auch schon miteinander gefeiert. Das waren doch auch Rituale, unsere Stimmungstänze. 

Wir brauchten das Zusammensein, und meine Enkel brauchten es auch. Wir mussten doch unsere Stimmung finden und immer wieder finden. Dafür erfanden wir die Religion. Aber ich weiss, für die heutigen Menschen ist das ganz anders. Die glauben, der Sinn der Rituale sei der Glaube. Das ist Unsinn. Den Glauben an Geschichten gibt es erst, seit die Menschen das Sprechen erfanden. Das konnten wir nicht. Die späteren meiner Enkel erfanden das Singen. Sie sangen vom Regen, von den grossen Wolken, die den Regen brachten, und sie trommelten miteinander, um den Regen zu rufen. 

Sie glaubten aber nicht an einen grossen Regner. Den grossen Regner erfanden erst die heutigen Menschen. Die haben eine Sprache, mit der sie ihr Beobachten des Beobachtens  beobachten können. Ich erinnere mich, dass sie ganz am Anfang des Sprechens ganz brauchbare Geschichten erfanden. Aber irgendwann begannen sie, ihre Geschichten auch zu glauben, sie meinten, ihre Geschichten seien wahr, nur weil sie sie erdacht hatten. Aber eben, das ist auch wieder ein Thema, über das frau mit den Heutigen nicht reden kann. Da drohen die grossen Männer, dass sie ein ernstes Wort zu sagen hätten. Nach meiner Erfahrung - und ich hab ja lang genug zugeschaut - sagen die grossen Männer meistens ernsthaften Unsinn. Wahrlich dumm sinds, die Männer, saudumm! 

Damals vor zwei Millionen Jahren, als meine Enkel noch eine richtige Religion hatten, verbrachten sie viel Zeit beim miteinander Tanzen und Singen. Es gab bei ihnen Frauen und Männern, die schlecht rochen, die ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatten, aber die Gesänge haben viel ausgeglichen. Und die Gesänge schufen neue Ordnungen. Meine Enkel lernten Ordnungen nicht nur erkennen, sie schufen selber welche. Sie konnten stundenlang mit Zeugs spielen, und manchmal entstand beim Spielen etwas Neues, ein Werkzeug oder sogar etwas Schönes, was frau sich um den Hals hängen konnte. Die Eitelkeit ist eine wichtige Tugend. Frau muss sich zeigen können. Mann auch. Mir scheint, die Habilis konnten sich beim Singen schon sehr gut zeigen. Aber so richtig lernten das erst die Homo erectus. Sie begannen sich zu schmücken. 

An denen hatte ich meine Freude. Die waren gescheit. Sie waren die ersten meiner Enkel, die auswanderten. Sie zogen in all jene Gegenden unseres blauen Planeten, wo es Nahrung für Menschen gab und wo Menschen bequem leben konnten. Man nennt diese Enkel “erectus”, die Aufrechten. Dabei gingen wir doch auch schon aufrecht. Wenn ich Johansen, meinem Ausgräber, das sage, lacht er. Und er sagt, dass halt auch die Heutigen manchmal Fehler machen. So habe ich ihm denn verziehen. Verzeihen ist wichtig. Das haben wir schon vor vier Millionen Jahren gewusst. Die “Erectus” konnten viel besser verzeihen, als wir das konnten. Sie lebten ganz anders zusammen als wir. Sie hatten das Feuer gezähmt, und sie sassen gern um das Feuer herum und tanzten Geschichten vom Verzeihen. Sie sangen gerne miteinander, und die gemeinsame Stimmung wurde bei den Homo erectus noch viel wichtiger als bei uns. Sie sangen Grundgeschichten.
 

Johansen nennt das “Weltbilder”. Er sagt, die gemeinsamen Weltbilder seien die Grundlage aller Kultur. Da bin ich einverstanden. Weltbild ist geteiltes Wissen, zu dem jeder beitragen kann, vor allem die neugierigen Jungen. Und die Jungen der Erectus waren schon sehr erfolgreiche Erfinder. Sie wussten, was sie wollten. Und sie konnten tanzen, was sie wollten. Johansen nennt das “mimetic skill”, mimetische Darstellungsfähigkeit. Meine späteren Enkel konnten darstellen beim Tanz. Sie konnten tanzen, wie es war auf derJagd und beim Suchen und beim miteinander Pilze essen und auf Himmelsreisen gehen. Die Tanz- und Himmelsreisen der Erectus, das war schon was ganz Neues. Was die sich dabei alles vorstellen konnten, die Bilder, die beim Tanz entstanden, davon hätten wir früher nicht einmal träumen können. 

Ich bin immer gerne “beobachtend” dabei gewesen, wenn die “Erectus” Theater spielten, wenn sie ihre Rollen einübten und dabei lernten, sich immer besser selber zu beobachten, und auch lernten ihre inneren Bilder mit den Bildern der anderen zu verbinden. Das nennt man dann eben Religion, das Teilen von Vorstellungen. 

Wir konnten zwar auch schon teilen, aber wir teilten nicht Wissen, wir teilten Gefühl. Johansen sagt, dass erst die Erectus zu richtigen Menschen wurden, als sie lernten, Wissen beim Singen und Tanzen zu teilen. Da bin ich natürlich gar nicht einverstanden, wir waren auch Menschen, auch wenn uns die Heutigen als Affen bezeichnen. Ich gebe aber zu, dass meine späten Enkel viel dazu lernten. Sie sind schneller im Denken als wir es waren. Bei uns ging alles noch viel langsamer. Schnell entscheiden war nicht unsere Stärke. Wir reagierten zwar mit dem Gefühl schnell, und das genügte uns auch. Aber das schnell Denken ist ein Vorteil. 

Ich will Ihnen beschreiben, wie die “Erectus” das Jagen lernten. Da war Schnelligkeit wichtig. Einmal hab ich zugeschaut, wie sich eine Erectusgruppe versammelte und wie eine zweite Gruppe dazukam, und dann noch eine, und wie sie dann miteinander Geschichten tanzten und trommelten. Es war unter ihnen eine grosse Tänzerin. Sie tanzte den Mamuttanz so gut, dass alle, die Alten und die Jungen, mittanzten, bis sie vor Müdigkeit umfielen, und nur noch ein paar alte Frauen das Feuer hüteten, bis die anderen wiederaufwachten. Dann machten sie sich auf zur Jagd. Johansen hat mir erzählt, dass die Heutigen den Ort jener Mamutjagd Torralba nennen. Er sagt, die Archäologen hätten an jener Fundstelle in Spanien unzählige grosse Knochen gefunden, aber keine Köpfe. Da hab ich gelacht. Das ist doch klar, dass die Späteren das Beste an der Beute nicht liegen liessen. Das haben wir auch schon am meisten geschätzt, das Hirn. Wir haben immer dem Finder das Beste überlassen. Was im Kopf drin war - das war das Feinste. Und für die “Erectus” war das natürlich nicht anders. Die Köpfe brachten die Jäger ins Lager, und da feierten sie dann ihren gemeinsamen Jagderfolg beim grossen Fest. 

Das hätten sie sehen und hören sollen. Da wurde nächtelang getrommelt und gesungen, gespielt und - ja das kann man den Heutigen fast nicht sagen - miteinander - eben...Johansen meint, die Homo erectus hätten schon die Familie erfunden gehabt. Ich habe beim Beobachten nie “Familien” gesehen. 

Ich sah nur Frauen und Männer, die miteinander Kinder versorgten. Und die Kinder gehörten allen in der Gruppe. Alle waren für den Nachwuchs verantwortlich. Das Überleben hing ja von den Kindern ab. Johansen sagt, die Kindererziehung sei ganz wichtig gewesen. Blödsinn. Wir haben unsere Kinder nicht erzogen. Kinder muss frau nicht ziehen, wohin denn auch, die laufen von selber hinten nach. Aber den Kindern zeigen, wie man am besten miteinander auskommt, das war sehr wichtig. Das ist aber nicht “Erziehung”, das ist Vorbild. Ich sage Ihnen, die meisten von uns waren gute Vorbilder, und die Kinder hatten gute Modelle, sonst hätten wir nicht überlebt. 

Ich habe meine Kinder nie bestraft. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass es sowas wie Strafe überhaupt gibt. Ich habe ihnen gezeigt, wie frau es macht. Und  die Kleinen haben es schon als Säuglinge gespürt und gelernt. Das gilt übrigens auch heute. Die heutigen Menschen meinen, es liege an der Erziehung, und sie ziehen und ziehen, meist in der falschen Richtung. Das Zusammensein lernen die Jungen nicht beim ziehen, und beim Bestrafen schon gar nicht. Da bekommen sie nur Angst. Und - Sie wissen doch: Ängstliche lernen nichts dazu. Dabei ist doch das Lernen das Allerwichtigste. Es ist doch alles immer wieder neu. Auch wenn man sich drauf verlassen kann, dass sich alles immer wiederholt, umgehen müssen wir doch immer mit Neuem. Und da hilft einem zwar die Erfahrung, aber es braucht auch neue Reaktionen. Und die ergeben sich nur, wenn die Menschen frei entscheiden können, und keine sturen Väter behaupten, sie besässen die ganze Wahrheit. Wir hatten keine Väter nötig. Wir brauchten Vorbilder, und das waren alle in der Gruppe. 

Die Heutigen glauben an Autoritäten. Das ist zum Lachen. Ich kann Ihnen meine lange Erfahrung kurz zusammenfassen: Bei uns - den ersten Menschen - gab es keine Autoritäten. Wir kannten keine Herrschaften. Wir hatten niemanden über uns. Und drum funktionierten unsere Gruppen. Das ist so geblieben, bis die Heutigen die Herren erfanden. Das war vor ein paar hundert Jahren. Da wurden sie wahrhaftig dumm. Sie glauben an ihre Herren. 

Herren gibt es erst, seit sich meine Enkel vermehren wie die Kaninchen. Bei uns hatten die Frauen immer nur ein Kind, und wir nährten unsere Kinder solange, bis sie sich selber Nahrung suchen konnten. Dann wurden sie selbständig. Die anderen Kinder zeigten ihnen dann, wie man miteinander streitet und sich wieder versöhnt, wie man lernt zu unterscheiden, mit welchen man gerne zusammen laust und welchen man aus dem Wege geht. 

Wir hatten immer genug Kinder, und wir Frauen sorgten dafür, dass es nicht zuviele Kinder gab. Unterwegs konnten wir Frauen nur einen Säuger tragen. Das war bei uns Menschen so, bis meine Urenkel aufhörten zu wandern. Das war vor nicht mehr als drei bis viertausend Jahren. Da begannen meine Enkelinnen, viele Kinder zu produzieren, jedes Jahr eines. Und seither leben die Menschen in Gruppen zusammen, in denen nicht mehr jeder jeden kennt, wo man ständig mit Fremden zusammentrifft. Seither haben die Menschen Angst voreinander. Sie müssen auch Angst haben, denn das Gefährlichste im Leben sind die Fremden. Johansen sagt mir, dass man heute die Menschen unterscheidet nach “Völkern” und dass man das Lebensgebiet dieser Völker Staaten nennt. Ich habe beobachtet, dass in diesen Völkern keiner mehr den andern kennt und keiner mehr dem andern vertrauen kann. 

Das ist schlimm. Wenn man den anderen nicht mehr vertrauen kann, dann werden die Menschen krank. Sie wollen dann immer mehr. Und wenn sie immer mehr haben, wächst eine neue Angst: Man könnte etwas verlieren. Wir hatten nie etwas zu verlieren. Wir wussten damals, dass wir alles miteinander teilen mussten. Dann gabs für alle genug. 

Ich sage Ihnen, die Heutigen, die Homo sapiens, sind eigenartige Tiere. Sie haben das Zusammensein verlernt. Es gibt so viele von ihnen, dass sie sich nicht mehr verstehen können. 

Als das anfing mit den Homo sapiens - vor 150 000 - Jahren war das noch nicht so. Ich habe die Sapiens beobachtet, wie sie lernten Geschichten zu erzählen und wie sie lernten mit den Fremden umzugehen, indem sie miteinander Geschichten erzählten. Johansen nennt das Geschichtenerzählen mit den Fremden “Allianzbildung”. Er sagt, die Allianzen zwischen den fremden Gruppen hätten den sprechenden Homo sapiens ermöglicht, die ganze Welt zu besiedeln. Da ist etwas dran. Ich habe beobachtet, wie die Gruppen sich immer wieder trafen und sich erzählten, wie die Welt hinter den Bergen ausschaut und wie man über die Berge steigen kann. Ich habe auch gesehen, wie sie über das Meer fuhren und wieder zurückkamen und den anderen berichteten. Das Geschichtenerzählen der sprechenden Menschen ist das beste Mittel, um Verträge mit anderen zu schliessen. 

Und dann habe ich zugeschaut, wie sie lernten zu zählen und wie sie lernten zu zeichnen und zu formen. Sie begannen nicht nur Nahrung miteinander zu tauschen, sondern auch Kleider und das, was sie Schmuck nennen. Du gibst mir, und ich gebe Dir. Wichtig für die Sapiens war auch die Erinnerung an früher. Sie vergassen in ihren Anfängen nicht, wie viel Zeit wir miteinander verbringen mussten, um zufrieden zu sein. Genau wie wir damals, brauchten sie ganz viel Zeit für das Miteinander. Johansen sagt, dass man das Miteinander-Geschichten-Erzählen “verbales Lausen” nenne. Das ist endlich einmal ein gescheites Wort: mit Sprache lausen. Das konnten wir Alten noch nicht. 

Den Sapiens brachte das Wortlausen ganz viel Vergnügen. Sie erzählen sich fast ununterbrochen Geschichten. Sie wollen halt wissen, wer wem was tut, oder getan hat, oder tun wird. Heute nennen sie dieses verbale Lausen Poesie oder Literatur und sie lesen - jeder für sich allein - Geschichten über “wer wem was” tut. Sie nennen das dann Kultur. Wie wenn wir früher keine Kultur gehabt hätten. 

Neugierig sind sie halt, die Homo sapiens, sagt Johanson. Ich kann Ihnen versichern, wir waren ebenso neugierig. Nur haben wir unsere Geschichten nicht aufschreiben können. Das habe dann zu einer Wissensexplosion geführt, meint Johanson. Ja, beim Eid, eine Explosion. So eine habe ich dann bei Hiroshima beobachtet. Da ist die Welt explodiert, als Folge der Wissensexplosion. Als vor dreitausend Jahren diese Wissensexplosion begann, begann auch die Bevölkerungsexplosion, und die Heutigen gaben sich Ordnungen der Gruppe, die den jungen Männern die Führungsrolle in die Hände spielten, und diese Männer spielten dann mit Waffen. Ich habe genau zugeschaut, als die ersten Krieger kamen. Da hat sich die Welt sehr verändert. Die Männer übernahmen die Macht und seither spielen sie Machtspiele. Das ist das Dümmste. 

Seither sind viele Menschen krank. Sie vertragen die Macht nicht. Sie haben Angst. Aber diese Geschichte kennen sie ja, sie lernen sie in der Schule. Ich kann Ihnen als erfahrene Beobachterin nur einen Rat geben: Verlieren Sie die Beherrschung!

Wirklich, ich meine es ganz ernst. Verlieren Sie die Beherrschung. Solange es Herrschaft gibt, werden die Menschen nicht gesund werden. Das ist meine Erfahrung. Ich habe drei Millionen Jahre zugeschaut, wie meine Enkel miteinander lebten, traurig und lustig waren, und ich habe gesehen, dass sie nur miteinander zufrieden sein können, wenn in der Gruppe jeder jeden gut kennt, wenn es keine Fremden gibt, vor denen frau Angst haben muss, weil sie nicht weiss, wie sie sich verhalten soll. Richtig verhalten können sich meine Enkel nur mit denen, die sie gut kennen. In den Massengesellschaften, wie Johanson dies nennt, gibt es keine Gemeinschaft mehr. Oder nur noch ganz selten. Das macht die Menschen krank. 

Also, wie gesagt: Verlieren Sie die Beherrschung! Suchen sie Freunde fürs Leben, dann lohnt sich das Leben auch. Und - das wärs dann. Ich gehe jetzt wieder schlafen und schaue erst wieder vorbei, wenn ich lang geschlafen habe. 

Es nimmt mich wunder, ob es in ein paar Jahrhunderten noch immer so viele unglückliche Enkel gibt. Vielleicht lernen sie ja wieder in kleinen Gruppen zu leben, vielleicht lernen sie wieder, dass Miteinander wichtiger ist als kämpfen. Vielleicht erzählen sie sich dann wieder Geschichten der Kooperation und belohnen nicht mehr die Sieger! Vielleicht!
 

BIBLIOGRAFIE
 

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Sproul Barbara Schöpfungsmythen der östlichen Welt.
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