Niklas Luhmann
Archimedes und wir

Merve Verlag 1987

157 Die Grundintention der Systemtheorie der Gesellschaft besteht darin, eine Serie miteinander verbundener und komplexer Instrumente und Konzepte anzubieten - wie zum Beispiel Sinn, Ereignis, Relationen, Komplexität, Kontingenz, Handlung, Kommunikation, System, Umwelt, Struktur, Prozess, Selbstreferenz, Geschlossenheit, Selbstorganisation, Autopoiesis usw. -, die nicht beim Fischen in den Reservoirs der Tradition, sondern aus der Entwicklung einer interdisziplinären Perspektive gewonnen werden. In diesem Sinne hat dies einen Paradigmenwechsel ergeben, der neue Möglichkeiten für die Analyse sozialer Systeme eröffnet.

158 Diese neuen Möglichkeiten resultieren aus der Betrachtung sozialer Systeme als selbstreferentielle Systeme. Die Selbstreferenz eines Systems bezieht sich nicht nur auf die Ebene seiner Strukturen - im Sinne seiner Organisation - sondern auch auf die Ebene seiner Elemente - im Sinne seiner Autopoiesis oder seiner Produktion und Selbstproduktion.

Auf Grund dieses Modells können soziale Systeme als Systeme gefasst werden, die aus sich selbst jene Einheiten konstituieren müssen, die sie als Einheiten verwenden: ihre Elemente, ihre Prozesse, ihre Strukturen, ihre Teile und auch sich selbst. Zugleich behauptet die Systemtheorie, das zu alldem eine Reduktion der Komplexität der Umwelt notwendig ist.

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Um Systeme zu beschreiben, benutzte man anfänglich das Konzept der Selbstorganisation. Das Konzept der Selbstorganisation bezog sich jedoch nur auf die Strukturen eines Systems. Inzwischen ist dieser Bezug auf die Struktur durch den Bezug auf die Einheit - des Systems oder seiner Elemente - ersetzt worden.

Die Theorie selbstreferentieller Systeme behauptet, dass eine Ausdifferenzierung von Systemen nur mittels der Selbstreferenz zu Stande kommt, d.h. dank des Umstands, dass sich die Systeme in der Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst beziehen müssen, also auf die Elemente des Systems selbst, auf die Operationen des Systems selbst, auf die Einheit des Systems selbst.

Um dies tun zu können, müssen die Systeme eine Beschreibung ihrer selbst erstellen und anwenden; zu Ihrer Orientierung und als Prinzip der Produktion von Informationen müssen sie zumindest die Differenz von System und Umwelt zu benutzen wissen. Die selbstreferentielle Geschlossenheit ist daher nur in einer Umwelt möglich, nur unter ökologischen Bedingungen.

Die Umwelt ist ein notwendiges Korrelat der selbstreferentiellen Operationen. Die inzwischen klassische Unterscheidung zwischen „offenen“ und „geschlossenen“ Systemen wird durch die Frage ersetzt, wie selbstreferentielle Geschlossenheit Öffnung produzieren kann.

160Die Systemtheorie versucht, soziales Handeln in Begriffen von Kommunikation - verstanden als Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen - zu erfassen, unter radikalem absehen von jedem Bezug auf transzendentale Komponenten, von jeder Beziehung auf ein Subjekt…Ich halte es für besser, den Gebrauch der Subjektkategorie zu vermeiden. Wenn man sich mit der Bezeichnung Subjekt auf die Perspektive individuellen psychischen Lebens beziehen möchte, so kann dies auf der Ebene der kulturellen Semantik in den Begriffen „Individuum“ oder „Person“ behandelt werden; und unter dem systemischen Gesichtspunkt ist es möglich, die strengere Bezeichnung des „psychischen Systems“ zu verwenden.

161 Wenn man von der Perspektive des Subjekts absieht, kann man auch das, was traditionell unter sinnhaften sozialen Handeln verstanden wird, auf neue Weise beschreiben. D.h.: die grundlegende Operation, die zur Ausbildung von Sinnsystemen führt, ist nicht die Handlung, sondern die Kommunikation - also wie gesagt die Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen. Dasselbe gilt für das traditionelle hermeneutische Problem des Sinns. Sind ist nichts anderes als eine Selbstbeschreibung der Komplexität, eine Grundeoperation, mit deren Hilfe sich ein psychisches oder sozialer System höhere Komplexität appräsentieren kann.

164 Es geht um die gesamte Welt, die als bezogen auf die Systemreferenz sozialer Systeme gedacht wird, und das heißt als bezogen auf die sozialen Systemen eigene Differenz von System und Umwelt. Die Selbstreferentialität der Systemtheorie ist damit streng verbunden. Es gibt einen Unterschied zwischen Theorien, die asymmetrisch, und Theorien, die zirkuläre angelegt sind. Eine universelle Theorie betrachtet ihre Gegenstände innerhalb eines selbstreferentiellen Bezugspunkt ich denke, dass diese Figur der Selbstreferenz, d.h. der Einfluss des Beobachters und der Beobachtungs Instrumente in die Beobachtungsgegenstände selbst, eine spezifische Eigenschaft universeller Theorien ist, die man in der alteuropäischen Tradition nicht gesehen hat. In Letzterer handelt es sich immer um eine Beschreibung von außen, ab extra, zum Beispiel durch die Vermittlung eines Subjekts. Ich will sagen: die klassische Logik oder die klassische Ontologie haben immer einen externen Beobachter unterstellt, der in der Lage war, falsch oder richtig, d.h. zweiwertig, zu beobachten; aber sie haben nicht bedacht, dass dieser Beobachter, um die Wirklichkeit beobachten zu können, auch sich selbst beobachten muss.



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