Niklas Luhmann
Ideenevolution
Suhrkamp1870
2008

10 Die Absicht der folgenden Analysen ist es, das Forschungsprogramm einer Theorie soziokultureller Evolution aufzugreifen und es durch Klärung der Funktionsweise sinnhaften Erlebens und Handelns ein Stück weit zu fördern.

Wir beschränken uns dabei auf die Grundfrage, wie auf der Ebene sinnhafter Operationen eine abweichende Reproduktion überhaupt zustandekommt. Im Kontext der Theorie organischer Evolution stellen bestimmte Errungenschaften der chemischen Evolution, namentlich Proteine, ein ähnliches Problem. Hierfür stehen seit einiger Zeit Theorien der Selbstreproduktion (Autopoiesis) zur Diskussion, die Leben als Ordnung einer selbstreferentiellen Reproduktion und in diesem Sinne als selbstreferentielles System begreifen.

Die Elemente, die eine solche Ordnung der Reproduktion ermöglichen, werden durch die Ordnung selbst produziert, und Evolution ist bedingt durch Reproduktionsfehler, die diese autopoietische Organisation des Lebens voraussetzen, fortsetzen und zugleich modifizieren.

Die Einrichtung geschlossen-selbstreferentieller Systeme ist Ergebnis und Voraussetzung von Evolution; das Entstehen gerichteter Linearität, die dann als historischer Prozess aufgefasst und beschrieben werden kann, setzt sekundäre Strukturen voraus und ermöglicht sie wiederum auf höheren Ebenen des evolutionären Aufbaus der Realität.

Ganz ähnliche Verhältnisse sind überall dort zu vermuten, wo nicht Protein, sondern Sinn zum Aufbau von unwahrscheinlichen Ordnungen verwendet wird. Die Ähnlichkeit beruht nicht darauf, dass Organismen bestimmter Art Voraussetzung sind für sinnhaftes Erleben und Handeln und dass diese Voraussetzung irgendwie durchschlägt und höhere Ordnungebenen mitbestimmt.

Die These geschlossen-selbstreferenzieller Systeme hebt einen solchen Zusammenhang von Organismus-Analogie und Reduktion gerade auf. Wenn lebende Systeme (Organismen) und Sinnsysteme (zum Beispiel Gesellschaften) als autopoietisch oder als selbstreferentiell beschrieben werden, so heißt dies gerade,
dass sie durch unterschiedliche selbstreferentielle Struktur- und Prozessformen gebildet werden, die nicht aufeinander anschliessbar sind, obwohl sie sich wechselseitig über Systemgrenzen hinweg beeinflussen und (da sie nur als Resultat von Evolution existieren) auch existenziell bedingen können (conditioned coproduction).

"Ähnlichkeit" also zunächst nur in dem ganz abstrakten Sinne,
dass die Elemente, aus denen das System besteht, durch das System selbst konstituiert und reproduziert werden; und dass alle operativen Prozesse des Systems diese Selbstreferenz mitbestätigen und bewahren müssen.

Es ist sicher richtig, davon auszugehen, dass die soziokulturelle Evolution sozialer Systeme bestimmter Art, nämlich Gesellschaften, voraussetzt. Andererseits führt eine systemtheoretische Analyse von Gesellschaften nicht ohne weiteres zum Verständnis von Evolution, und Evolution ist nicht nur die Gesellschaft in der zeitlichen Struktur ihrer Veränderungen (zum Beispiel: als Phasenmodell oder als historisch dialektisches Gesetz) gesehen. Das Begreifen von Evolution setzt ein Begreifen des Zusammenhangs selbstreferentieller Reproduktion voraus.

Die Einheit dieses Zusammenhangs ist unabdingbare Voraussetzung von Evolution. Man muss zuvor erkennen, wie ein System die Elemente, hier also Handlungen, aus denen es besteht, mithilfe des Arrangements dieser Elemente selbst produziert; dann erst kann man danach fragen, wie dieser Reproduktionszusammenhang für Variation und für Selektion variierter Formen offen steht, ohne seine Einheit und Geschlossenheit einzubüßen.

Alle weiteren Erkenntnisse über Morphogenese, über Strukturaufbau und Strukturdeformation, über Veränderung der Strukturen aus Anlass von Umwelteinwirkungen, über Entstehung von relativ unwahrscheinlichen Ordnungen aus zufälliger Koinzidenz von Ordnung und Unordnung - all dies setzt jenes Kontinuieren der selbstreferentiellen Verknüpfung der Elemente voraus, sozusagen als Materie der Evolution, an der sie sich auswirkt.

Dieser system- und evolutionstheoretische Hintergrund profiliert die Frage, ob und wie sich auf der Basis von Sinn eigenständige (autonome) selbstreferentielle Systeme entwickeln können.

Diese Frage lässt sich weder an eine Bewusstseinstheorie noch an eine Kommunikationstheorie zurückspielen, da Sinn sowohl in Bewusstseins-prozessen als auch in Kommunikationsprozessen vorkommt und beide Prozessarten, obwohl sie (zumindest in ihren entwickelten Formen) einander voraussetzen, nicht aufeinander zurückführbar sind. Bewusstsein ist nicht einfach ein Fall von Kommunikation, Kommunikation nicht einfach Prozess eines Bewusstseins. Daher muss - und das entspricht auch der Abstraktionslage unserer Problemstellung - die Analyse phänomenologisch mit der Frage beginnen,
was als Sinn wirklich gegeben ist, ohne dabei auf Annahmen über die Subjektivität, sei es des Bewusstseins, sei es der Kommunikation, zurückgreifen zu können.

12 Sinn ist gegeben als etwas, das auf sich selbst und anderes verweist. Ein momentan festgehaltener und insofern unbezweifelbar erlebter Sinnkern dient als Ausgangspunkt weiteren Erlebens - sei es des Verweilens und der genaueren Exploration, sei es des Übergangs zu anderen. Er bleibt an sich selbst zugänglich und auch wieder erreichbar als Voraussetzung dafür, dass anderes von ihm aus zugänglich ist. Eine Rose ist eine Rose - aber nicht nur eine Rose, sondern eine Rose in meinem Garten, die vom Unkraut bedroht ist, dass man chemisch bekämpfen müsste, was man aber neuerdings wiederum nicht soll, weil die Umwelt geschont werden muss, usw.

Die Selbstverweisung garantiert den jeweils aktuellen Sinn als Platzhalter für eine Vielzahl von weiteren Verweisungen, weiteren Möglichkeiten des Erlebens und der Kommunikation, die jeweils neuen Ausgangssinn aktualisieren mit jeweils neuen Möglichkeiten der Selbstverweisung und des rekursiven Wiederaktualisierens dessen, wovon man ausgegangen war. Insofern ist Selbstreferenz in einem ganz elementaren (weder ich- noch systembezogenen) Sinne diejenige Struktur, die Sinn als Elemente von Erlebens- und Handels Zusammenhängen konstituiert und reproduziert.

Zu diesem Funktionszusammenhang von Sinnkern (= intendierbaren Sinn), Selbstreferenz und Verweisung auf anderes gehört ein notwendiges Moment der Instabilität. Weder Bewusstsein noch Kommunikation können beim einmal gemeinten Sinn verbleiben. Sie müssen ihn verlassen und einer der Verweisungen nachgehen, sie müssen weiteres Erleben oder Handeln anschließen.

Sinnsysteme sind Systeme mit temporalisierter Komplexität. Ihre Letzteinheiten (Elemente) entstehen und vergehen mit der Zeit und haben keine Dauer. Da hier kann Stabilität nur auf Umwegen, nur durch Rückkehr zum Ausgangsinn wiedergewonnen werden. Die Stabilität besteht in der Möglichkeit dieser Rückkehr, in der stets mitangezeigten Rekursivität allen Sinnes, also in der Selbstreferenz. Ohne diese basale Selbstreferenz wäre das System seiner eigenen Instabilität ausgeliefert, könnte nur auf diese reagieren, könnte sich also nicht aufbauen. Andererseits kann keine auf dieser Basis entstehende Struktur jene basale Instabilität, der sie sich verdankt, aufgeben - es sei denn durch Selbstdestruktion. Denn alles, was jene Instabilität zu annihilieren versuchte, müsste Sinn benutzen und sich auf eben das einlassen, was beseitigt werden sollte.

Sinn ist universale Existenzform derjenigen Systeme, die sich auf einer solchen Basis konstituieren. Vom Sinn ausgehend, ist die ganze Welt zugänglich, aber stets nur in Formen, die wiederum Sinn geben, also an der selbstreferentiellen Konstitution mitarbeiten, sie reproduzieren.

Insofern ist die sinnhafte Welt ein geschlossener Zusammenhang, der nichts anderes zugänglichmacht als das, was seiner autopoietischen Konstitution sich fügt. Aber diese Geschlossenheit ist durch ihre zirkuläre Konstitution zugleich endlose Offenheit, da sie auch allen Negationen Sinn gibt und alles, was sie ausschließen sucht, einbezieht. Mit Husserl kann man deshalb die Welt als Horizont von Sinn bezeichnen und Sinn als nur in der Welt, nur durch Horizonte identifizierbar.

Die Sinnwelt ist - und auch dies entspricht dem Konzept der Autopoiesis - für sich selbst ohne Grenzen. Dieser Ausgangspunkt lässt sich in zwei verschiedene Richtungen auswerten. Für beide findet man in der neueren Literatur reichlich Belege. Es kommt uns im folgenden darauf an, sie zu kombinieren. Die eine Auswertungsrichtung kann man mit dem Begriff Reduktion bezeichnen. Ihr Kernsatz lautet: alle Ordnung ist Reduktion. Die andere geht vom Begriff der Differenz aus. Sie postuliert: aller Ordnungsaufbau setzt Differenzen voraus, an denen er sich orientiere.

Evolution ist nur möglich, wenn aus einem laufenden reproduzierten Überschuss an Möglichkeiten immer wieder Geeignetes ausgewählt werden kann. Auch und gerade soziokulturelle Evolution ist in dieser Weise auf Überschuss-reproduktion und Repression angewiesen, und dies nicht im Sinne eines historischen Nacheinander, sondern im Sinne eines laufenden Miteinander.

Dies Schema hat auf einer eher anthropologischen Basis verschiedene Deutungen gefunden; man hat vom Auslösevermögen sprachlich codierter Intelligenz und religiös-moralischen Reduktionen gesprochen oder auch von Instinktverlust, Weltoffenheit und institutionellen Absicherungen. Gehirnphysiologische Untersuchungen stützen diesen Gedanken, und ebenso eine Art kybernetischer Ethnologie. Er findet in einer Analyse des Sinnbegriffes eine Verankerung außerhalb spezifische anthropologischer Prämissen (was natürlich nicht heißt: dass er die Evolution des Menschen nicht voraussetzen müsste). Der Haupteinwand gegen diese These ist geläufig: Aus dem bloßen Überschusspotenzial lasse sich keine Orientierung für die Reduktion ableiten. Die Frage, was richtig sei, bleibe unbeantwortet. Und mehr noch: wie überhaupt etwas geschehen könne, bleibe unklar, wenn die Operationsanweisung nur laute: reduziere Komplexität! In dieser Erklärungslücke schiebt sich jene zweite Analyse von Sinn, die von der Grunderfahrung einer Differenz ausgeht.

Konstitutiv für allen Sinn ist eben jene Differenz, die die Reduktions-notwendigkeit vorgibt: die Differenz von aktuell gegebenem Inhalt und Horizont weiterer Möglichkeiten, die auch noch verfolgt werden könnten. Man könnte, wenn man alle modaltheoretische Behandlung einmal ausklammert und in der phänomenologischen Einstellung verbleibt, Sinn auch als die Differenz von Wirklichem und Möglichem bezeichnen. Phänomenologie ist hier weder gemeint als Erscheinen eines Geistes in der Welt noch als Erscheinen der Welt im Geiste. Wir setzen weder das Hegelsche noch das Husserlsche Theorieprogramm fort, sondern begreifen Phänomenologie als Lehre vom Erscheinen der Differenz, und zwar zunächst: der Differenz des Wirklichen und des Möglichen.

16 Das Sinn als Differenz gegeben ist, heißt vor allem, dass man bei allem Prozessieren von Sinn (also auch beim Entwurf einer Theorie über Sinn) von Differenz und nicht von Einheit auszugehen hat. Mit Selbstreferenz (Zirkularität) und Differenz sind zugleich die Voraussetzungen dafür bezeichnet, dass Ereignisse Informationswert gewinnen, als Informationen aufgefasst und weiterverarbeitet werden können. Information ist eine aktuell erfahrene Selektion, die einen Systemzustand ändert – „a difference that makes a difference“, um mit Bateson zu formulieren.

Ereignisse sind nämlich nicht an sich selbst schon Information, und Information ist nicht schon die bloße „Übertragung“ (Nachricht) von etwas in einem Bewusstseins- bzw. Kommunikationszusammenhang. Zur Qualität einer Information gehört außerdem, dass etwas anderes, was hätte sein können, ausgeschlossen wird. Die Information mag erwartet oder unerwartet eintreffen, sie mag nur den Zeitpunkt festlegen, indem etwas geschieht, oder mehr oder weniger auch das, was geschieht: in jedem Falle besteht ihr Neuigkeitswert und ihr Anschlusswert darin, dass sie eine Entscheidung trifft und damit den Wahlbereich eingeschränkt, indem dann weiterhin etwas geschehen kann.

17 Die immer schon vorhandene, immer schon ausgelegte Welt sieht mithin nicht nur Typen für mögliche Sinnbestimmungen vor, sondern auch und vor allem den Gebrauch dieser Typen in Differenz zu anderen. Bereits verfügbare Differenzen sind Voraussetzung dafür, dass etwas überhaupt als Informationen auftreten kann und Direktion wird für Anschlussselektionen gewinnt. Und ebenso klärt umgekehrt der Gebrauch von Informationen das, was als Differenz vorausgesetzt war.

Die Voraussetzungen des Einführens von Informationsqualität in die Welt, wenn man so formulieren darf, sind mit ihn in sich selbst schon recht komplex. Sie erfordern Selbstreferenz als Voraussetzung für die Herstellung von Bezügen auf anderes, für eine nichts zufällige Verknüpfung von Einzelheiten. Dazu kommt, dass jedes Generieren von Information die Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit voraussetzt und regeneriert, also als Moment in der autopoietische mit Produktion von Sinn mitwirkt. Schließlich ist nicht die einfache Selektion schon Information und auch nicht die bloße Eingabe (input) einer Nachricht in ein System; sondern die Selektion muss für ein selbstreferentielles System einen Unterschied ausmachen, muss in diesem einen Anstoß zur selbst Änderung bewirken: „a difference that makes a difference“.

Daher ist Information und Informationsverarbeitung ein durch Beobachtung und des Deskription außen kaum fassbarer Sachverhalt, der seine eigentümliche Qualität erst durch Projektion auf eine Differenz und durch Beziehungen auf selbstreferentielles Prozessieren gewinnt, mithin einen Kontext voraussetzt, der von Moment zu Moment variiert und nicht wie eine Art Gesamtfaktum der Beobachtung zugänglich ist.

Diese Erläuterungen des Sinnphänomens klären zugleich, wie die basale Selbstreferenz allen Sinns funktioniert. Jedes Sinnelement (wie immer es im Prozessieren von Sinn als Element konstituiert wird) verweist auf anderes und auf sich selbst. Es bleibt dadurch beim Fortgang der Sinnbestimmung im Horizont und erzwingt so die Reproduktion der Differenz von aktualem Sinn und anderen Möglichkeiten.

Wird auch dies noch vorausgesehen bzw. erinnert, dann kommt es zu einem
Wiedereintritt“ der Differenz in die Differenz. Das heißt: im Horizont des gerade aktualisierten Sinnes wird anderer Sinn als Sinn, nämlich als Differenz von Aktualität und auf sie bezogenem Horizont sichtbar. Reproduziert wird so der Kontext der Selektion, der jede Einzelselektion als kontingent erscheinen lässt und immer auch für andere Selektionen offenbleibt.

Alles Anschlusserleben und Anschlusshandeln, dass Verweisungen in einer aktuell gegebenem Sinnlage aufnimmt und weiterverfolgt, legt sich selbst zwar fest. Diese Bestimmung produziert aber ihrerseits Verweisungen auf weitere Möglichkeiten und Erinnerungen daran, dass sie nicht hätten erfolgen müssen. Sie schreibt die Situation gleichsam fort und erschließt damit neue Möglichkeiten, die aber nur dadurch möglich sind, dass man auf bereits bestimmtes zurückgreifen kann.

19 Sinn ermöglicht es mithin durch selbstreferenzielle Reproduktion seiner ihn konstituierenden Differenz, dass Ereignisse Informationswert gewinnen und als Information Spuren hinterlassen, Reduktionen vollziehen, Zeichen setzen, sich einkerben und dadurch für sich selbst und für anderes zur Verfügung stehen, erinnert werden und als Sinnkern für weitere Operationen dienen können. Dabei profiliert sich jeder Sinn - gleichgültig, wodurch Ereignisse ausgelöst werden - zunächst durch die ihn konstituierende Universaldifferenz: er erscheint in einem Horizont anderer Möglichkeiten

Mit dem Sinnschema gewinnen Systeme, die es verwenden, Abstand von den Auslösefaktoren, Abstand von ihrer Umwelt und sind dann gezwungen, ihre Umwelt und sich selbst mit größeren Freiheitsgraden zu erfahren.

Niklas Luhmann


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