Niklas Luhmann
Beobachtungen der Moderne
Verlag für Sozialwissenschaften 2006


11 - I. Das Moderne der modernen Gesellschaft
51 - II. Europäische Rationalität
87 Vorbedingung jeder Rationalität ist eine Unterscheidung, die in sich selber wieder vorkommt. Wir hatten das am Falle des Formenkalküls von Spencer Brown (distinction/indication), am Beispiel der Systemtheorie (System/Umwelt) und am Beispiel der Unterscheidung von Zeichen und Bezeichnetem illustriert,…
Man findet leicht weitere Beispiele, wenn man diese selbstimplikative Form einmal vor Augen hat - etwa die Unterscheidung von Beobachtung und Operation, die impliziert, dass die Beobachtung selbst eine Operation ist und dass die Unterscheidung selbst ein Instrument der Beobachtung ist; oder die Unterscheidung von Medium und Form, die sich selbst nur als Form in einem Medium behaupten kann.
Gemeinsam ist all diesen Fällen nicht nur die Form des Wiedereintritts der Unterscheidung in die Unterscheidung, sondern zugleich auch eine implizite Referenz auf den historischen Kontext, in dem sie formuliert sind; und auf die Erfahrung der modernen Gesellschaft.
Sie negieren implizit eine Orientierung an ontologischen Vorgaben, und seien es solche der Transzendentalphilosophie. Sie suchen Ihren letzten Anhalt in einer Differenz und beobachten folglich jede Suche nach Einheit - und sei es innerhalb der Atome der modernen Physik - als (hoffnungslosen) Wunsch, in den Stand der Natur oder sogar ins Paradies zurückzukehren.
88 Aber kann die Form des Eintritts der Unterscheidung in die Unterscheidung nur deshalb als rational gelten, weil sie diese Abkopplung ermöglicht? Ist das nicht nur eine historische Spezifikation, die nichts weiter festhält als das Scheitern aller referenzabhängigen Rationalitätsbegriffe?
Die Form garantiert Geschlossenheit, „perfect continence“,.. aber sie verdankt dies einer zunächst verdeckten, dann offenzulegenden Paradoxie, die darin besteht, dass die in sich wieder eintretende Unterscheidung dieselbe und nicht dieselbe ist.
Offenbar symbolisiert die Paradoxie die Welt. Sie stoppt den Beobachter, bevor er es unternimmt, etwas über die Welt auszusagen, was nur dazu führen könnte, dass die Welt sich der Aussage entzieht.
Die Paradoxie der Form wäre, so gesehen, eine Repräsentation der Welt im Modus der Unbeobachtbarkeit - aber mit der Aufforderung, die Paradoxie durch auf sie passende Unterscheidungen aufzulösen, sie durch Identifikation von Unterschieden zu entfalten. Die andere Seite der Form des Rationalen, die ausgeschlossen sein muss (obwohl sie bezeichnet werden könnte), ist die Paradoxie der Form.
Mithin scheint die Abhängigkeit des Bezeichnens vom Unterscheiden dasjenige Problem zu sein, dass die europäische Entwicklung in Richtung auf eine Beobachtung zweiter Ordnung gelenkt hat.
Wenn so formuliert wird, tritt zu Tage dass die fernöstliche Mystik (wenn dies europäische Wort überhaupt passt) anders reagiert, nämlich mit einer direkten Rejektion des Unterscheidens, in besonders drastischer Form mit der kommunikativen Praxis des Koan im Zenbuddhismus.
Die in einer Frage liegende Erwartung eines spezifischen Antwort, die als Bezeichnung von etwas immer eine Unterscheidung aktualisieren, eine andere Seite mitführen muss, wird als Erwartung zerstört - verbal oder auch brachial.
90 Das läuft nicht auf eine Paradoxie hinaus, die als eine spezifische Form des ausweglosen Hin und Her ja ihrerseits wieder eine Form ist, also eine andere Seite hat, nämlich den Bedarf für eine Entfaltung der Paradoxie durch Überführung in praktikable Unterscheidungen (Prototyp: Unterscheidung von Typen oder Ebenen).
Vielmehr wird das Erleben direkt auf das Unterschiedslose bezogen, und dies in der Perspektive eines Beobachters erster Ordnung. Was immer auf diese Weise erreicht wird: es ist nicht soziale Elaborierung der Differenzen, sondern Befreiung vom Unterscheidenmüssen.
90 Europäer sind gewohnt, fremde Kulturen vom Unverständlichen ins Verständliche zu transformieren. Die weltweite Kommunikation hat sie dazu gezwungen, besonders seit der Entdeckung Amerikas, die zusammenfiel mit der Erfindung des Buchdrucks. Und wir sind auch gewohnt, als Leser von Romanen und von Ideologiekritikern zu sehen, dass andere nicht sehen, was sie nicht sehen.
Aber Rationalität könnte, wenn man den alten Weltbezug des Begriffs festhalten und die neuzeitlichen Derangierungen nicht mehr mitmachen will, wohl nur wieder gewonnen werden, wenn man jene Gewohnheiten mit einem autologischen Schluss abrundet, sie also auch auf den anwendet, der sie praktiziert, und sie damit universell setzt. Dann ginge es darum, zu verstehen, dass man nicht versteht, was man nicht versteht, und Semantik auszuprobieren, die damit zurecht kommen.
In der Tradition hatte man das als Religion bezeichnet. Aber wenn dieser Begriff fortgeführt werden soll, dann müssten entsprechende Erwartungen ausgewechselt werden. Dann ginge es nicht um ein Potenzial für Sicherheit, sondern um ein Potenzial für Unsicherheit. Und nicht um Bindung, sondern um Freiheit: um den Ort der Willkür, die nirgendwo einen Platz findet, um Imagination.

93 - III. Kontingenz als Eigenwert der modernen Gesellschaft

95 Die Erkenntnistheorie hat im „Radikalen Konstruktivismus“ (wie immer schillernd und umstritten dieser Begriff) ein Verhältnis zur eigenen Kontingenz gefunden, in dem sie Zirkularität nicht mehr ausschließt. Damit wird auch die Problemstellung des alten Skeptizismus überwunden. Denn dieser hatte die Möglichkeit einer festen, wahrheitsfähigen Beziehung zwischen Erkenntnis und Realität nur bezweifelt, weil alles immer anders sein kann, während man heute sieht, dass eine solche Beziehung gar nicht bestehen darf, weil dies zu einer Überlastung mit Informationen führen und Erkenntnis damit ausschließen würde.
96 Innerhalb des Apparats modallogischer Begrifflichkeit ist der Begriff der Kontingenz rasch und eindeutig definiert. Kontingent ist alles, was weder notwendig noch unmöglich ist.

149 - V. Ökologie des Nichtwissens

200 Wir hatten mit sehr theoretischen Überlegungen (self-framing?) schon behauptet, dass der Beobachter und die Welt sich durch das, was unterschieden und bezeichnet wird, trennen, obwohl beide, der Beobachter und die Welt, unbeobachtbar bleiben. Ist Kultur das dafür geeignete Instrument? Ist Kultur also gegen ein Nichtwissen gemauert? Und kann und muss das gesagt werden, wenn die Frames zunehmend individuell zugeschnitten werden?
Auf einen letztmöglichen Begriff hin gesteigert, ist Kultur alles was der Entfaltung von Paradoxien dient, auf die ein Beobachter stößt, wenn er nach der Einheit der Unterscheidung fragt, die er benutzt, - sei es der Unterscheidung von System und Umwelt, sei es der Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen, sei es der Unterscheidung von Beobachter und Beobachtetem.
Entfaltung der Paradoxie heißt: Wiedereinführung von Identitäten, die ein weiteres Operieren ermöglichen.
Das kann nicht logisch gesehen, denn die Paradoxie befindet sich außerhalb der Grenzen der Logik, die ihrerseits eine Art von Kultur ist, nämlich eine Art Entfaltung der Paradoxie zum Zwecke der Einrichtung von Kalkülen.
Weder vom Sein noch vom Denken her gibt es dafür eindeutige Anweisungen. Paradoxieentfaltung kann nur sprunghaft, nur kreativ (was nicht heißen soll: willkürlich) geschehen. Und Kultur scheint das Medium zu sein, in dem Paradoxieentfaltungsformen stabile und je für ihre Zeit plausible Identität annehmen können. Kultur ist die Börse an der die Optionen für Paradoxieentfaltung gehandelt werden.

Boe: Denken3

Niklas Luhmann

HOME