Niklas Luhmann
Beobachtungen der Moderne
Verlag für Sozialwissenschaften 2006


11 - 1. Das Moderne der modernen Gesellschaft

14 Wenn die moderne Gesellschaft sich selbst als "modern" tituliert, identifiziert sie also sich selbst mit Hilfe eines Differenzverhältnisses zur Vergangenheit. Sie identifiziert sich in der Zeitdimension. Zunächst ist das nichts besonderes. Jedes autopoietische System, auch zum Beispiel das des Einzelbewusstseins, kann nur mit ständigem Rückgriffen auf die eigene Vergangenheit eine eigene Identität aufbauen, das heißt: Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden. Dieser Rückgriff erfolgt heute jedoch nicht über Identifikation, sondern über Desidentifikation, über Differenz. Ob wir wollen oder nicht: wir sind nicht mehr, was wir waren, und wir werden nicht mehr sein, was wir sind.

22 Wenn das Individuum durch Technik derart marginalisiert wird, gewinnt es die Distanz, die es möglich macht, das eigene Beobachten zu beobachten. Es weiß nicht mehr nur sich selbst. Es bezeichnet nicht mehr nur sich selbst mit Namen, Körper und sozialer Platzierung. In all dem wird es verunsichert. Statt dessen gewinnt es die Möglichkeit einer Beobachtung zweiter Ordnung.

Individuum im modernen Sinn ist, wer sein eigenes Beobachten beobachten kann.

26 Wenn man die moderne Gesellschaft, wie es soziologischer Tradition entspricht, strukturell als funktional differenziertes System beschreibt, folgt daraus, dass die ausdifferenzierten, autonom gewordenen Funktionssysteme sich selbst von ihrer (innergesellschaftlichen und außergesellschaftlichen) Umwelt unterscheiden.

Operativ wird eine solche Differenz durch das bloße Fortsetzung der eigenen Operationen erzeugt. Aber diese Operationen können im System nur kontrolliert, zugerechnet, beobachtet werden, wenn das System - und jedes in anderer Weise - über die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz verfügt. Dies ist nur in der Form einer systemeigenen Unterscheidung möglich, denn anders verlören die Bezeichnungen „selbst“ und „fremd“ ihren Sinn. Die Unterscheidung verhindert, dass das System sich selbst laufend mit der Umwelt verwechselt. Sie verhindert auch, dass das System die eigene Landkarte mit dem Territorium verwechselt oder versucht, seine Karte, wie Borges erwogen hat, so komplex anzulegen, dass sie dem Territorium Punkt-für-Punkt entspricht.

Wenn aber das durch die Unterscheidung verhindert wird: wie ist dann die Einheit dieser Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz zu denken? Sie wird als Einheit operativ benutzt, ohne als Einheit beobachtbar zu sein. Das System kann zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz oszillieren und sich dabei den Zugang zur jeweils anderen Seite der Unterscheidung offen halten.

Aber die Einheit der Unterscheidung bleibt dabei vorausgesetzt als die Einheit des imaginären Raums ihre Kombinationsmöglichkeiten. Sie wird nicht als solche bezeichnet. Sie wird „blind“ verwendet als Bedingung der Möglichkeit, mit Ihrer Hilfe etwas zu beobachten und zu bezeichnen.

Fussnote: Sowohl dieTranszendentalphilosophie als auch die dialektische Theorie des objektiven Geistes bzw. der Materie, sowohl Kant als auch Hegel und Marx hatten genau hier Hoffnungen gehabt, die heute wohl niemand, der die Theoriezusammenhänge durchschaut, teilen würde. Das hoch getriebene, nie wieder übertroffene Bewusstsein der Theoriearchitektur, das man bei Kant und bei Hegel findet, zeigt im übrigen an, dass in der Umbruchszeit um 1800 jedenfalls nicht mehr naiv ontologisch argumentiert werden konnte, man aber andererseits auch nicht bereit war, die Hoffnung auf eine Welt referierende Metaphysik aufzugeben.

Es gibt, anders gesagt, kein Problem der Referenz, dass unabhängig von der radikalen Trennung von Selbstreferenz und Fremdreferenz lösbar wäre. Oder nochmals anders formuliert: es gibt keine gemeinsame (richtige, objektentsprechende) Einstellung zu einer vorgegebenen Welt.

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Wenngleich auf operativer Ebene ist unvermeidlich ist, Innen und Außen zu differenzieren, kann eine Theorie (für die dies ebenfalls unvermeidlich ist) dennoch zum Ausdruck bringen, dass es in beiden Fällen um Referenz, in beiden Fällen also um Beobachtung geht. Will man dies sagen, muss man auf einer Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung operieren (und ich betone: operieren!). Das erfordert spezifische logische Vorkehrungen, wie sie heute in der second order cybernetics diskutiert werden. Die Einheit der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz liegt mithin in der Spezifik der Bedingungen der Möglichkeit einer Beobachtung zweiter Ordnung.

42 Daraus ergibt sich auf semantischer Ebene ein Nachholbedarf. Wenn man unter Postmoderne das Fehlen einer einheitlichen Weltbeschreibung, eine für alle verbindlichen Vernunft oder auch nur einer gemeinsam- richtigen Einstellung zur Welt und zur Gesellschaft versteht, dann ist genau dies das Resultat der strukturellen Bedingungen, denen die moderne Gesellschaft sich selbst ausliefert. Sie erträgt keinen Abschlussgedanken, sie erträgt deshalb auch keine Autorität. Sie kennt keine Positionen, von denen aus die Gesellschaft in der Gesellschaft für andere verbindlich beschrieben werden könnte.

43 Vielleicht kann man dieses Paradoxie entfalten und dadurch auflösen, dass man zwischen Operation und Beobachtung unterscheidet.

Fußnote: Dass hiermit eine zu Grunde liegende, aber eben paradoxe, Einheit aufgelöst wird, soll nur noch anmerkungsweise erläutert werden. Denn wenn es um soziale Systeme, also um Kommunikation geht, ist jede Operation zugleich Beobachtung (im Hinblick auf die Unterscheidung von Information, Mitteilung und Verstehen) und als beobachtbarer Vollzug der Beobachtung Operation. Ähnliche Begriffsverhältnisse findet man im Formenkalkül von George Spencer Brown - hier im Verhältnis von distinction und indication. Und hier zeigt der Kalkül zugleich, dass und wie dies anfangs unbeachtet bleiben der paradox bei hinreichender Komplexität des Kalküls eingeholt und mit der Figur des Wiedereintritts der Form in die Form aufgenommen werden kann.

44 Die Operation der gesellschaftlichen Kommunikation produziert die Einheit des Gesellschaftssystems, in dem Sie rekursiv auf andere gesellschaftliche Kommunikationen zurückgreift bzw. vorgreift und dadurch eine Differenz von System und Umwelt erzeugt....Alle Beobachtung bleibt unterscheidungsabhängig,wobei die Unterscheidung im Gebrauch nicht beobachtet werden kann.

45 Die spezifische Modernität dieser Beobachtung zweiter Ordnung liegt nur darin, dass sie nicht mehr auf eine gemeinsame Welt angewiesen, nicht mehr ontologisch prädisponiert ist, sondern auch, wenn nicht primär, die Frage verfolgt, was ein Beobachter mit seinen Unterscheidungen sehen und was er nicht sehen kann.

46 Wir finden uns im Lande des Motivverdachts, des Romans, der Ideologiekritik, der Psychotherapie. Und wir finden uns damit, von diesen bereits erprobten Sonderfällen abgesehen, im Bereich desjenigen Mechanismus, in dem die moderne Gesellschaft mit Formen experimentiert, die sich unter diesen Bedingungen bewähren können.

46 Was für Formen könnten das sein? Auch wenn die Selbstbeschreibung der Gesellschaft sich nur noch aus einem rekursiven Netzwerk der Beobachtung von Beobachtungen oder der Beschreibung von Beschreibungen speist, wäre zu erwarten, dass sich beim Betrieb dieser Operationen Eigenwerte ergeben, d.h. Positionen die sich bei weiterem Beobachten des Beobachtens nicht mehr verändern, sondern stabil bleiben. Diese Eigenwerte sind in der modernen Gesellschaft jedoch nicht mehr Gegenstände der unmittelbaren Beobachtung. Sie können nicht als Identität von Dingen vorgestellt werden.
47 … dass auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung alle Aussagen kontingent werden; und dass man jede Beobachtung auch die zweiter Ordnung, mit der Frage konfrontieren kann, welche Unterscheidungen sie verwendet und was für sie infolgedessen unsichtbar bleibt. Das legt die Vermutung nahe, dass die Eigenwerte der modernen Gesellschaft in der Modalform der Kontingenz formuliert sein müssen.
Boe: vgl. Seite 93: III. Kontingenz als Eigenwert der modernen Gesellschaft

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