Niklas Luhmann
Beobachtungen der Moderne
Verlag für Sozialwissenschaften 2006


149 - V. Ökologie des Nichtwissens
Eines kann man heute sicher wissen: die Evolution hat immer schon in hohem Maße selbst destruktiv gewirkt. Kurzfristig und langfristig. Wenig von dem, was sie geschaffen hat, ist erhalten geblieben. Das gilt für die Mehrzahl der einst vorhandenen Lebewesen. Und ebenso sind fast alle Kulturen, die das menschliche Leben bestimmt haben, verschwunden. Der Sinn, den sie für die mit ihnen Lebenden gehabt haben, lässt sich kaum noch verstehen - bei allem archäologisch- kulturanthropologisch- geschichtswissenschaftlichen Auswerungsraffinement, über das wir heute verfügen. Die einstmals aktuellen Mentalitäten sind für uns nicht mehr, oder allenfalls über hochartifizielle Fiktionen, nachvollziehbar. Uns ist nur ein quasi touristisches Verhältnis zu diesen vergangenen Kulturen möglich. Den Selbstverständlichkeiten und kulturellen Formen, der „Lebenswelt“ unserer heutigen Gesellschaft wird es ebenso ergehen. Daran kann niemand ernstlich zweifeln.

151 Soll man also warnen und Vorkehrungen treffen? In den alten Weisheitslehren gab es immer eine Reflexionsfigur, die in Aussicht stellte, dass derjenige, der einer Prophezeiung auszuweichen versuche, sie genau dadurch verwirkliche. Die divinatorische Aufhellung der Zukunft erforderte, um dies zu vermeiden, eine Wiedereinführung von Dunkelheit in den Orakelspruch. Auch damals gab es schon Zweifel. Pindar ruft die Göttin des Glücks und des Zufalls, Tyche, an; denn kein Gott gibt den Sterblichen ein sicheres Zeichen. Aber das gehört zu einer heute versunkenen Welt. Wir versuchen mit allen Kräften, uns zu retten, wenn Schlimmes in Aussicht steht. Offenbar lassen wir uns durch ein anderes Verhältnis zur Zeit und zu unserem eigenen Können bestimmen.

152 Soziologie kritisiert die Gesellschaft, wie gewohnt. Sie verlangt mehr Aufmerksamkeit für Technikfolgen, für Risiken und Gefahren. Sie fordert ein und dirigieren von Ressourcen. Aber sie hat über dieser düsteren Zukunftsperspektive ein wichtiges Moment ihrer Tradition, ja geradezu eines ihrer Gründungs Motive vergessen, nämlich die Frage: was steckt dahinter?

Anfangen mit Marx war es immer auch ein Stück soziologischer Reflexion gewesen, die Welt der sozialen Erscheinungen nicht in der Perspektive des teilnehmenden Beobachters erster Ordnung, sondern in der Perspektive des Beobachters solcher Beobachter zu analysieren.

154
Die Frage, was steckt dahinter? lässt sich präzisieren, wenn man fragt: wie wird Nichtwissen behandelt?
Die Alarmier-Rhetorik auf der einen Seite und die Resistenz im Hinblick auf Notwendigkeiten gründen sich beide auf ein vermeintliches Wissen. Aber der Forscher, oft verständnislose Stil der Kontroversen verrät, dass dies Wissen auf ungesicherten Annahmen beruht. Das kann man relativ leicht erkennen.

Damit aber drängt sich die Hypothese auf, dass die ökologische Kommunikation ihre Intensität dem Nichtwissen verdankt.
Dass man die Zukunft nicht kennen kann, kommt in der Gegenwart als Kommunikation zum Ausdruck. Die Gesellschaft zeigt sich irritiert. Ihr steht zum Reagieren auf Irritation aber nur ihre eigene Weise des Operierens zur Verfügung, eben Kommunikation.

II. In einem ersten weiterführenden Schritt wollen wir der Frage nachgehen, was impliziert und was überhaupt zu erwarten ist, wenn ökologische Themen in die Beschreibung der modernen Gesellschaft eindringen. Manche der Absonderlichkeiten, die in der gegenwärtigen Diskussion auffallen und die im vorstehenden Abschnitt schon angedeutet waren, werden besser verständlich, wenn man sich zweierlei klarmacht: dass
(1) jede Beschreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft stattfinden muss, also der Beobachtung ausgesetzt ist und dies, heute zumindest, reflektiert; und dass
(2) jede Beschreibung an die Grundstruktur der Operation Beobachtung gebunden ist und die damit gegebenen Beschränkungen nicht überschreiten kann. Das zusammengenommen macht schon verständlich, weshalb die
Ökologie des Nichtwissens als Ökologie des (freilich kontroversen) Wissens angeboten wird.

155 Von Beobachtung und, wenn Texte angefertigt werden, von Beschreibung soll die Rede sein immer dann, wenn Unterscheidungen benutzt werden, um etwas (und nichts anderes) zu bezeichnen.
Es soll nicht darauf ankommen, wie diese Operation Beobachtung realisiert wird - ob durch bewusste Disposition über Aufmerksamkeit etwa im Prozess des wahrnehmen oder Handelns, oder durch Kommunikation über bestimmte Themen, oder eventuell auch durch Operationen elektronischer Maschinen. Die Grundstruktur ist in allen diesen Fällen dieselbe, und schon sie genügt uns, um unser Thema voranzubringen.

Jede Beobachtung bewirkt, dass die eine Seite einer Unterscheidung bezeichnet wird und die andere folglich unmarkiert bleibt. Die Welt wird in einen markierten und einen unmarkierten Bereich eingeteilt.
Wenn Zeit zu Verfügung steht, kann man diese Grenze (die Form des „mark“) kreuzen - aber nur, indem man nun auf der anderen Seite etwas markiert, also unterscheidet und bezeichnet und damit erneut einen „unmarked space“ konstituiert. Außerdem bleibt die Operation des Unterscheidens selbst unmarkiert. Sie kann ja selbst nicht auf einer Ihrer Seiten vorkommen. Sie gehört also in den unmarkierten Bereich, operiert sozusagen aus dem unmarkierten Bereich heraus, indem der Beobachter selbst verbleibt.
Der Beobachter - ist das Unbeobachtbare, weil er sich selbst nicht als Moment seiner eigenen Unterscheidung, als eine ihre Seiten wieder finden kann.

Wenn von Gesellschaftstheorien die Rede ist, bedienen wir uns normalerweise nicht einer so abstrakten Terminologie. Wir sprechen für die Zeit vor der französischen Revolution von historischer (zum Beispiel: alt-europäischer) Semantik, für das 19. Jahrhundert von Ideologien. Semantik und Ideologie sind Ausdrücke eines Beobachters zweiter Ordnung, der beschreibt, wie und was ein Beobachter erster Ordnung beobachtet.

Der Beobachter erster Ordnung unterscheidet und bezeichnet direkt das, was er meint. Er sagt, was für ihn der Fall ist - und wenn er von den Ideologien anderer Beobachter spricht, dann eben, weil für ihn eine Tatsache ist, dass andere nach Maßgabe von Ideologien Erleben und Handeln.

157 Die Abstraktionen, die wir mit Begriffen wie Beobachten und Beschreiben und folglich mit dem Begriff der Selbstbeschreibung des Gesellschaftssystems gewinnen, hat vor allem den Vorzug, und von historischen Bedingtheiten und spezifischen sozialen Lagen (sozialen Klassen, sozialen Standorten, sozialen Interessen) unabhängig zu machen.
Jeder Beobachter konstituiert dadurch, dass er unterscheiden muss, um bezeichnen zu können, eine für ihn unsichtbare Welt, einen unmarked space, aus dem heraus er operiert und dem er selber mit seiner Operation angehört.

157 Was uns interessiert, ist das Verhältnis von marked und unmarked bei einer ökologischen Beschreibung des Gesellschaftssystems. Erstmals in der Geschichte der Gesellschaftstheorien wird mit der ökologischen Beschreibung der Gesellschaft eine deutliche Unterscheidung von System und Umwelt zu Grunde gelegt, und zwar gerade deshalb, weil es auf kausale Interdependenzen ankommen soll, die man nicht darstellen könnte, wenn man nicht unterscheiden würde.

159 Das Nichtwissen ist nicht schon selbst der unmarked space. Es ist zunächst nur die andere Seite der Form des Wissens - eine andere Seite, die ein Kreuzen der Grenze nahelegt und damit Bemühungen anregt, in der einen oder anderen (bezeichnungsfähigen) Hinsicht mehr zu wissen. Das Wissen des Nichtwissens verdeckt seinerseits, wie die docta ignorantia des Cusaners, den Bereich jenseits aller Unterscheidungen.

Der sich aller Beobachtung entziehende unmarked space bleibt unzugänglich durch die Zugänglichkeit im Modus Wissen/Nichtwissen.

Aber während einst den Beschreibungen des Kosmos oder der Schöpfung der Natur ein unerklärbares Ordnungsmoment - eben dass es diese Ordnung gibt - mitgespielt und das Unbeobachtbare der Einheit aller Unterscheidungen (damals: Einteilungen) verdeckt hatte, ist heute das Nichtwissen gleichsam die andere Seite des Wissens...

160 Und während man sich damals mit Annahmen über die Naturgleichheit von kosmischer Welt und Menschenwelt, mit Seinsanalogien usw. beruhigen konnte beunruhigt man sich heute mit der Vergeblichkeit der Versuche, Klarheit über das Verhältnis von Gesellschaftssystem und Umwelt zu gewinnen.

160 Die andere Situation erfordert einen anderen Beobachter. Das ändert nichts daran, dass auch dieser Beobachter sich in der Operation eines Beobachtens und Beschreibens nicht selbst beobachten kann. Die Frage ist also: wie er beobachtet, wenn er sein eigenes Beobachten der Unterscheidungen, die er verwendet, nicht einordnen kann, sondern so formulieren muss, als ob er von außen, aus dem unmarked space heraus beobachten könne.

161 und das ist ebenso trivial wie richtig: Sie können die Einheit ihrer Unterscheidungen nicht sehen, also weder die Einheit von Destruktion und Überleben noch die Einheit von guten und bösen Beteiligten. Sie können auch nicht sehen, dass Warnen eine komplexe Aktivität ist, deren Darstellung und Kalkulation eine mehrwertige Logik erfordert (die es nicht oder allenfalls in der Form von Wahrheitstafeln gibt).

Die Einheit nicht sehen können heißt: die entsprechende Unterscheidung nicht ablehnen und durch andere ersetzen können.
Die Beobachter können nicht, um es in der Sprache von Gotthard Günther zu formulieren,
auf die Ebene „transjunktionaler“ (im Unterschied zu konjunktionalen und disjunktionalen) Operationen übergehen. Offenbar gibt es also einen direkten Zusammenhang zwischen Welt und Beobachtung und dem, was auf beiden Seiten im unmarked space verschwinden muss, um die Beobachtung zu ermöglichen.

162 Die Bewährungsprobe für das, was unsichtbar bleibt, liegt in dem, was dadurch sichtbar gemacht werden kann. Hatte es sich, nach dem bisherigen Ertrag zu urteilen, gelohnt, sowohl das Nichtwissen als auch die radikale Zweiwertigkeit zu verdecken. Das Urteil muss eindeutig negativ ausfallen, und erst damit kommen wir zur Kritik

165 Anfang und Ende liegen in Gottes Hand, und darin liegt auch die Sicherheit, dass es nicht schlecht gemeint sein kann. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts erweitern sich die Zeithorizonte beträchtlich, und erst dann kann es zu der Vorstellung kommen, dass angesichts so komplexer Sachverhalte Gott selbst Zeit brauche und möglicherweise noch dabei sei, die Welt zu schaffen. Das rechtfertigt die Erwartung eines Fortschritts, und im "Jahrhundert der Erziehung" rechnen Pädagogen diesen Prospekt in eigene Aufgaben um: von Generation zu Generation bessere Menschen, also bessere Erziehung, also bessere Menschen.

Aber auch diese Welt ist verschwunden. Eine neue Mathematik und eine neue Physik haben sie abgelöst. Raum- und Zeitverhältnisse werden jetzt als abhängig von der Variable gesehen, die ihren Zusammenhang konstituiert, nämlich von der Geschwindigkeit der Beobachter und von deren Beschleunigung bzw. Verlangsamung.

In der Welt Einsteins war noch Möglichkeiten mathematischer Umrechnung vorgesehen - neben physikalischen Letztgrenzen der Geschwindigkeit eine Art Haltepunkt für objektives wissen. Aber die Physik hat inzwischen auch dies problematisiert durch sehr viel radikalere Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit einer Welt, die auf Selbstbeobachtung eingerichtet ist.

Boe: vgl. Spencer Brown LoF105

Beobachter, mit deren Hilfe die Welt sich selbst beobachten kann - das sind in diesem Falle Physiker, oder genauer: komplexe physikalische Apparate, die voraussetzen, dass es (lebende) Physiker gibt, die ihre Konstruktion ausdenken und anleiten und ihre Ergebnisse interpretieren können.

Aber wie erfährt die Welt, dass sie sich selber beobachtet - wenn nicht durch Kommunikation? Die Soziologie wird daher diese Theorie einer sich selbst beobachtenden Welt nochmals umrechnen und die Frage stellen, wie die Beobachtung der Welt in der Welt kommuniziert wird.

167 Was heute Sorge bereitet und was erst eigentlich Katastrophe in einem ökologischen Sinne ist, sind Veränderungen schneller oder langsamer Art, die in winzigen oder riesigen räumlichen und zeitlichen Ausmaßen stattfinden und sehr typisch in winzigen und in riesigen zugleich. Sie sprengen die an Dingen und Kausalitäten orientierten Realitätsvorstellungen des Einzelmenschen und der kommunikativen (sprachlichen) Praxis der Gesellschaft. Sie können nicht mehr in handhabbares, nicht mehr in anschlussfähiges Wissen überführt werden, auch wenn es Berechnungen, Halbwertzeiten etc. gibt.

Offenbar dienen die Veränderungen in den Kommunikationstechnologien nicht dazu, die räumlich- zeitlich unheimlich gewordene Welt besser zu repräsentieren. Die Operation Kommunikation, die die Gesellschaft reproduziert, folgt einer eigenen Evolution, die nicht auf die Veränderungen der Extension der Raum/Zeit-Dimensionen des Weltwissens zurückzuführen ist, die diese Gesellschaft gleichzeitig produziert.

168 Die Beschreibung von Raum und Zeit kann diesen Veränderungen folgen, wenn sie ihr Instrumentarium prinzipiell von Einteilungen (des Seins, der Welt) auf Unterscheidungen (eines Beobachters) umstellt.

Die Tradition hatte von Aristoteles bis Hegel die Zeit mithilfe der Unterscheidung von Sein und Nichtsein zu präsentieren versucht, war damit aber genau auf die Einheit dieser Unterscheidung, auf Ihre Paradoxie gestoßen. Auch die Einteilung des Ganzen in Teile scheiterte an Eigentümlichkeiten der Zeitpunkt man musste aber immer schon wissen, was Zeit sei, um die Unterscheidung von Sein und Nichtsein als Paradoxie formulieren und die Einteilungen der Zeit am Nichtsein des „Jetzt“ scheitern zu lassen. Die Auswege liefen, wie bekannt, über Begriffe wie Bewegung, Prozess, Dialektik, und dies im Bewusstsein, dass auch diese Bezeichnungen nicht taugen, um die Zeit selbst zu erfassen.

Zeit konnte so nur als etwas bezeichnet werden, das an zeitaffinen Phänomenen, um es mit Derrida zu formulieren: abwesend blieb. Die Frage blieb ungefragt, warum ein Beobachter überhaupt mit der Unterscheidung von Sein und Nichtsein anfängt, warum er die Besonderheiten des Phänomens Zeit benutzt, um diese Unterscheidung zu sabotieren, sie in eine Form einer Paradoxie zu bringen und warum er dann nach Rettungsbegriffen wie Bewegung greift, von denen er weiß, dass sie zur Beschreibung von Zeit nicht taugen.
Wenn wir angesichts dieser sichtbaren Folgen einer obstinat auf Ontologie setzenden Sichtweise die „meta ta physika“ im Beobachten vermuten, zwingt uns das, die Beobachtungsweise von Einteilen auf Unterscheiden umzustellen

169 Denn nur so kann das Beobachten sich als Operation selbst reflektieren. Das heisst unter anderem: dass auf eine kategoriale Dekomposition der Welt verzichtet werden muss; den Kategorien sind, wenn man beim Sprachgebrauch des Aristoteles bleibt, Einteilungen des Seins.

169
An die Stelle dessen, was als Anschauung behauptet war, tritt die Möglichkeit, etwas (im Unterschied zu anderem) zu bezeichnen, also einen Ort in Entfernung von…., einen Weg in Richtung auf…., ein Ereignis als von heute aus gesehen (aber auch von einem heute vergangenen oder zukünftigen Zeitpunkt aus gesehen) vergangen bzw. in der Zukunft liegen. Die Welt privilegiert keine dieser Zäsuren. Für einen Beobachter mögen sie in unterschiedlicher Weise zweckmäßig sein. Aber man kann nicht mehr wissen, dass und wie die Welt sich über Raum und Zeit expliziert. Man kann nur beobachten, dass die Wahl von Unterscheidungen und Bezeichnungen, Gegenwarten und Raumstellen Konsequenzen hat für das, was von da aus beobachtet bzw. nichtbeobachtet werden kann. In jedem Falle sind Raum und Zeit selber nur Medien für mögliche Unterscheidungen, Medien für mögliche Beobachtungen, sind aber ihrerseits ebenso unbeobachtbar wie die Welt als Welt.

176 Alle Probleme, die in der Kommunikation auftauchen, können nur durch Kommunikation weiterbehandelt und in weitere Probleme transformiert werden, für die das selbe gilt. Trotz Gödel: es gibt keine externen Ressourcen. Es gibt nur die Möglichkeit, interne Probleme (etwa solche der Logik) intern durch Externalisierung zu „lösen“, was aber die Folge haben kann, dass die Externalisierung selbst zum Problem wird.

179 Sieht man sich um, um herauszubekommen, wie die Gesellschaft heute mit einem solchen rekursive Netzwerk der Kommunikation von Nichtwissen zurechtkommt, so fällt auf, dass das Problem als ein ethisches Problem formuliert wird es wird damit aus einem kognitiven Kontext in einen normativen Kontext verschoben. Wenn jeder eigene Unkenntnis mitteilen und zugleich die prätendierte Kenntnis anderer entlarven kann, so dass und Kenntnis als Summe der Kommunikation übrig bleibt, wird das nicht hingenommen, sondern stattdessen die Übernahme der Verantwortung für Folgen angemahnt.

187 Über Zukünftiges kann unter modernen Bedingungen praktisch nur noch im Modus des Wahrscheinlichen bzw. Unwahrscheinlichen gesprochen werden, also im Modus einer fiktiv gesicherten (durch Fiktionen duplizierten) Realität. Man weiß mithin, dass die künftigen Gegenwarten anderes bringen werden, als die gegenwärtige Zukunft zum Ausdruck bringt, und eben diese Diskrepanz wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass man nur noch über Wahrscheinlichkeiten bzw. und Wahrscheinlichkeiten verhandelt, wenn es um Zukunft geht.

200 Wir hatten mit sehr theoretischen Überlegungen (self-framing?) schon behauptet, dass der Beobachter und die Welt sich durch das, was unterschieden und bezeichnet wird, trennen, obwohl beide, der Beobachter und die Welt, unbeobachtbar bleiben. Ist Kultur das dafür geeignete Instrument? Ist Kultur also gegen ein Nichtwissen gemauert? Und kann und muss das gesagt werden, wenn die Frames zunehmend individuell zugeschnitten werden?

Auf einen letztmöglichen Begriff hin gesteigert, ist Kultur alles was der Entfaltung von Paradoxien dient, auf die ein Beobachter stößt, wenn er nach der Einheit der Unterscheidung fragt, die er benutzt, - sei es der Unterscheidung von System und Umwelt, sei es der Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen, sei es der Unterscheidung von Beobachter und Beobachtetem.

Entfaltung der Paradoxie heißt: Wiedereinführung von Identitäten, die ein weiteres Operieren ermöglichen.
Das kann nicht logisch gesehen, denn die Paradoxie befindet sich außerhalb der Grenzen der Logik, die ihrerseits eine Art von Kultur ist, nämlich eine Art Entfaltung der Paradoxie zum Zwecke der Einrichtung von Kalkülen.

Weder vom Sein noch vom Denken her gibt es dafür eindeutige Anweisungen. Paradoxieentfaltung kann nur sprunghaft, nur kreativ (was nicht heißen soll: willkürlich) geschehen. Und Kultur scheint das Medium zu sein, in dem Paradoxieentfaltungsformen stabile und je für ihre Zeit plausible Identität annehmen können. Kultur ist die Börse an der die Optionen für Paradoxieentfaltung gehandelt werden.

Boe: Denken3

Niklas Luhmann Beobachtungen der Moderne

HOME