Niklas Luhmann
Das Erziehungssystem der Gesellschaft
Suhrkamp 2002


Schlüsselwörter: Sozialisation - Personen -



pg 52
Nach dem alten Muster von Differenzierung und Integration geht es bei Sozialisation also um ein Korrelat der Differenzierung des allgemeinen Handlungssystems oder, noch allgemeiner gesagt, um ein Erfordernis des Zustandekommens von Handlung. Es gibt danach Handlungskomponenten, deren Beschreibung sowohl dem sozialen System als auch dem psychischen System zugerechnet werden kann. Nach Parsons bilden diese Interpenetrationsbereiche sogar eigene Systeme. Da es hier aber nur um eine Analytik des Begriffs von Handlung geht, bleibt völlig offen, wie diese Mischung von Psychischem und Sozialem konkret vor sich geht.

Wenn man zu einer Systemtheorie überwechselt, die von den Operationen ausgeht, die Systeme aus eigenen Produkten reproduzieren, kann diese Abstraktion von den konkreten Operationen nicht länger beibehalten werden. Man wird dann auch die Grundvorstellung von Parsons aufgeben müssen, daß Sozialisation eine Folgenotwendigkeit der Differenzierung des Begriffs von Handlung in seine verschiedenen Komponenten ist. Es bleibt die Einsicht, daß die getrennt operierenden Systeme, hier die psychischen und die sozialen Systeme, eine Innenansicht ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten entwickeln müssen, gleichsam eine vereinfachte Version dessen, was in ihrer Umwelt hochkomplex und für sie intransparent abläuft. Auf Seiten des sozialen Systems konstruiert man, wie oben erörtert, »Personen«, um sich eine Erfassung der Details ihrer körperlichen und psychischen Operationen zu ersparen und sich mit einem symbolischen Substitut zu begnügen. Dabei wird natürlich vorausgesetzt, daß die entsprechenden Umweltsysteme auf dem Niveau ihrer Eigenkomplexität operieren. Das entsprechende Korrelat auf Seiten psychischer Systeme dürften die Resultate von Sozialisation sein. Es handelt sich also um Eigenleistungen psychischer Systeme, mit denen diese dem Umstand Rechnung tragen, daß sie ihr Leben in sozialen Zusammenhängen zu führen haben. Das mag dann, je nach internen Konsistenzproblemen, auf eine Mischung von (oft gedankenloser) Konformität und Abweichung hinauslaufen.

Will man diesen Gesamtkomplex einer auf beiden Seiten erarbeiteten internen Abspiegelung intransparenter Komplexität bezeichnen und das wechselseitige Angewiesensein auf funktionierende Lösungen zum Ausdruck bringen, kann man den Parsons-Begriff der Interpenetration beibehalten. Man muß dann allerdings berücksichtigen, daß operative Vermischungen ausgeschlossen sind, daß psychische Prozesse nie soziale Prozesse und soziale Prozesse nie psychische Prozesse sein können sondern daß nur eine wechselseitige Reduktion der Komplexität der jeweils anderen Seite gemeint sein kann.

Für die Klärung des Begriffs der Sozialisation genügen aber die bereits eingeführten Begriffe der operativen Schließung und der strukturellen Kopplung. Damit verschiebt sich auch das Bezugsproblem der Sozialisationstheorie. Es geht nicht mehr um die Frage, wie Gesellschaft trotz eines ständigen Austausches ihres Personals kontinuieren kann. Das Problem ist vielmehr, wie operativ geschlossene psychische Systeme auf die strukturelle Kopplung mit dem Gesellschaftssystem reagieren.

Und die Antwort lautet: es kommt zu einem »structural drift«, der die psychische Autopoiesis dazu bringt, Strukturen zu wählen, mit denen sie in der Gesellschaft zurechtkommt. Das können Automatismen sein, die den Menschen frei machen für eine andere, situative Disposition über Aufmerksamkeit. Es können Neurosen sein oder alle Arten von Triebsublimierungen, für die Freud den Blick geschärft hat. In jedem Falle ist Sozialisation immer Selbstsozialisation und nicht Import von Kulturpartikeln in das psychische System. So ist denn auch die psychische Funktion von Sprache, die bis in den Wahrnehmungsprozeß hineinreicht, etwas völlig anderes als ihre kommunikative Funktion. Auch wenn es dieselben Worte sind, lösen sie im psychischen System ganz andere Rekursionen aus als im sozialen System. Und dies gilt erst recht bei normativen Regeln, kausalen Schemata oder anderen »frames« oder »scripts«, die für die strukturelle Kopplung benutzt werden können.

Die Rückführung des Begriffs der Sozialisation auf die Begriffe strukturelle Kopplung und structural drift klärt vor allem, daß Sozialisation ein Vorgang ist, der in allem sozialen Verhalten mitläuft.



Niklas Luhmann





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