Niklas Luhmann
Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1998

Seiten 1122f

Schlüsselbegriffe: Selbstbeschreibungen des Gesellschaftssystems - Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung - Die Selbstbeschreibung endet für den Beobachter erster Ordnung mit Angaben über invariante Grundlagen, über die Natur und über Notwendiges. Heute nimmt der Wertbegriff, der Superunbezweifelbares symbolisiert, diesen Platz ein. Für den Beobachter zweiter Ordnung erscheint die Welt dagegen als Konstruktion über je verschiedenen Unterscheidungen. Ihre Beschreibung ist infolgedessen nicht notwendig, sondern kontingent, und nicht mit Bezug auf Natur richtig, sondern artifiziell. - Durch funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems wird jedem Funktionssystem die Einrichtung einer eigenen Autopoiesis ermöglicht. Zugleich wird die Position eliminiert, die als die »herrschende« für alle sprechen konnte. Dadurch entsteht jener logische Strukturreichtum, der, wenn man ihn an traditionalen Erwartungen mißt, als Relativismus oder als Pluralismus beschrieben wird. Vor allem gewinnen und reproduzieren die Funktionssysteme damit eigene Grenzen, die es ihnen ermöglichen, die Gesellschaft durch die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz zu rekonstruieren, bezogen auf das jeweils eigene Funktionssystem. Unter diesen Rahmenbedingungen operiert auch die Wissenschaft und speziell die Soziologie. - Übergang von Substanzbegriffen zu Funktionsbegriffen - Reformulierung des Realitätsbegriffes - moderne Gesellschaft - sie kommt im Beobachten ihres Beobachtens immer nur auf den Punkt, an dem etwas auszusetzen ist - und sei es schließlich auf den Zentralpunkt, an dem das Gute und das Schlechte fusionieren: daß man beobachten kann, daß der Beobachter nicht beobachten kann, wie er beobachtet. Die eigentümliche Ausnahmslosigkeit dieser Struktur präsentiert sich nicht mehr in der Ferne, nicht mehr in der Form eines unbedingt existierenden Wesens. Sie liegt für uns in der Operation des Beobachtens selber, in der Angewiesenheit auf Sinn als Medium, das nur selektiv, nur für Formbildung, nur mit Hinweis auf etwas anderes benutzt werden kann.


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Selbstbeschreibungen des Gesellschaftssystems

Was Selbstbeschreibungen des Gesellschaftssystems angeht, also des Systems, das in sich selbst Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung ermöglicht, führt der Übergang von der ersten zur zweiten Ebene dazu, die Realität als kontingent, als auch anders möglich zu beschreiben.

Die Selbstbeschreibung endet für den Beobachter erster Ordnung mit Angaben über invariante Grundlagen, über die Natur und über Notwendiges. Heute nimmt der Wertbegriff, der Superunbezweifelbares symbolisiert, diesen Platz ein.

Für den Beobachter zweiter Ordnung erscheint die Welt dagegen als Konstruktion über je verschiedenen Unterscheidungen. Ihre Beschreibung ist infolgedessen nicht notwendig, sondern kontingent, und nicht mit Bezug auf Natur richtig, sondern artifiziell. Sie ist selbst ein autopoietisches Produkt. Dabei wird (und darin liegt die autologische Komponente) die
Differenz von notwendig/kontingent und von natürlich/artifiziell nochmals reflektiert und auf die Unterscheidung von Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung zurückgeführt.

Die Ambition einer gemeinsamen Grundlage, eines Grundsymbols, eines Abschlußgedankens muß aufgegeben - bzw. den Philosophen überlassen werden. Die Soziologie findet, jedenfalls auf diesem Wege, nicht zu dem, was Hegel »Geist« genannt hatte. Sie ist keine Geisteswissenschaft.

Im heutigen Kontext werden die damit angedeuteten Unterschiede hauptsächlich am Wertbegriff diskutiert. Es versteht sich von selbst, daß keine Wissenschaft und auch nicht die Soziologie eine wertlose Kommunikation produzieren will; und zumindest in diesem Sinne gibt es keine »wertfreie« Wissenschaft. Aber was sonst ist mit dieser Formulierung gemeint? Auch diese Frage klärt sich, wenn man Beobachten erster und Beobachten zweiter Ordnung unterscheidet.

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Der Beobachter erster Ordnung beobachtet mit Hilfe von Werten. Seine jeweiligen Werte machen für ihn den Unterschied, der sein Erkennen und Handeln steuert.
Der Beobachter zweiter Ordnung bezieht die Semantik der Werte auf ihre Verwendung in der Kommunikation. Er kann zum Beispiel erkennen, daß über die Bezugnahme auf Werte weder Entscheidungen abgeleitet noch Konflikte vermieden werden können. Vor allem aber sieht er, wie die Unbezweifelbarkeit der Werte in der Kommunikation produziert wird, nämlich dadurch, daß nicht direkt, sondern indirekt, nicht über sie, sondern mit ihnen kommuniziert wird.


Man teilt ja nicht mit, daß man für Gerechtigkeit, Frieden, Gesundheit, Erhaltung der Umwelt usw. sei, um damit die Möglichkeit zu eröffnen, auf diese Mitteilung mit Annahme oder mit Ablehnung zu reagieren; sondern man sagt nur, was man für gerecht und was man für ungerecht hält. Die Geltung des Wertes wird vorausgesetzt und hat allein in diesem Modus der Kommunikation ihre täglich erneuerte Unbezweifelbarkeit.

In der Perspektive des Beobachters zweiter Ordnung wird also nicht etwa "wertfrei" argumentiert. Man ersetzt nur die wertende Unterscheidung, die in Bezug auf sich selbst blind operiert, durch die Unterscheidung Wertgeltung/Kommunikation. Auch diese Unterscheidung funktioniert, wie der autologisch Rückschluß lehrt, blind; und es kann sein, daß sie sich in der Forschungspraxis nicht bewährt und durch eine andere Unterscheidung ersetzt werden muß. Im Kontext der Kommunikation gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen wird damit eine Distanz zu den unmittelbaren Wertengagements in der Gesellschaft erzeugt, die es der Soziologie ermöglicht, sich innerhalb ihres operativ geschlossenen Systems am Netzwerk der eigenen Kommunikation auszurichten.

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Was die Soziologie zusätzlich tun kann, ist: die strukturellen Bedingungen für ihre Position als Beobachter zweiter Ordnung zu reflektieren. Sie liegen, wie leicht zu sehen, in der funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems.

Durch funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems wird jedem Funktionssystem die Einrichtung einer eigenen Autopoiesis ermöglicht
. Zugleich wird die Position eliminiert, die als die »herrschende« für alle sprechen konnte. Dadurch entsteht jener logische Strukturreichtum, der, wenn man ihn an traditionalen Erwartungen mißt, als Relativismus oder als Pluralismus beschrieben wird. Vor allem gewinnen und reproduzieren die Funktionssysteme damit eigene Grenzen, die es ihnen ermöglichen, die Gesellschaft durch die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz zu rekonstruieren, bezogen auf das jeweils eigene Funktionssystem. Unter diesen Rahmenbedingungen operiert auch die Wissenschaft und speziell die Soziologie. Soziologie kann in ihrer Gesellschaftsbeschreibung miterfassen, daß sie ihrerseits in der Gesellschaft durch die Gesellschaft ermöglicht wird.

Das führt schließlich auf die Frage zurück, wie es in einem Kommunikations-zusammenhang auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung zu Stabilitäten kommen kann.

Während der Beobachter erster Ordnung voraussetzt, daß es eine geordnete Welt gibt, die eindeutige Merkmale hat, die man richtig oder falsch beschreiben kann,

muß der Beobachter zweiter Ordnung auf diese logisch-ontologische Annahme verzichten.
Er muß voraussetzen, daß die Welt diverses Beobachten toleriert, und zwar so, daß das, was sie bei unterschiedlichen Unterscheidungen zeigt, nicht immer als Irrtum der einen oder der anderen Beobachtung eliminiert werden kann.

Legt man die allgemeine Theorie rekursiver Operationen zu Grunde, kann man dies Problem als Frage nach den »Eigenwerten« des Systems formulieren. Die relativ invariante Objektwelt und die Regelmäßigkeiten (Erwartbarkeiten) ihrer Variation werden nun beobachtbar als »Eigenwerte« des Systems, das sie konstruiert.

Das Problem verschärft sich, wenn man
Latenzbeobachtungen einbezieht. Dann kann man wissen, daß man sich über Phänomene nicht mehr verständigen kann, und muß folglich Sprachformen entwickeln, die trotzdem eine Fortsetzung der Kommunikation ermöglichen.

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Hierfür könnte der Übergang von Substanzbegriffen zu Funktionsbegriffen einen Anhaltspunkt bieten. Man könnte formulieren: die Funktion der Funktion ist die Funktion - um deutlich zu machen, daß es sich um eine Form handelt, die universell und also auch selbstreferentiell praktiziert werden kann.

Im weiteren können sich dann nur noch Fragen der Ergiebigkeit, der Opportunität usw. stellen, nicht aber Fragen der Bedingungen der Möglichkeit. Es handelt sich um ein durch Problembezug eingeschränktes Vergleichsverfahren, das für praktische wie für theoretische Zwecke geeignet ist. Es eignet sich in der Form der Frage nach latenten Funktionen besonders gut für eine Beobachtung dessen, was andere nicht beobachten können. Es kann auch offen bleiben, ob die funktionale Betrachtungsweise »kritisch« gemeint ist, das heißt hier: zur Ablehnung aufrufen soll, oder nicht. Dem Beobachter bleibt diese Einschätzung überlassen, sofern er selbst mit der Unterscheidung kritisch/affirmativ beobachten will.

Dieser Hinweis auf die Funktion der Funktion, Eigenwert zu sein in einem autopoietischen Kommunikationszusammenhang auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung, ist exemplarisch zu verstehen. Exemplarisch und auch historisch. Es ist so gekommen. Man kann aus dem bloßen Vorkommen rekursiver Operationen auf dieser Ebene der Selbstbeschreibung nicht schließen, daß und welche Eigenwerte sich finden lassen.

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Es ist auch schwer, sie zu entdecken, wenn gleichzeitig immer auch ein Beobachten erster Ordnung mitläuft, das die Welt als Welt der Dinge aufnimmt. Und es mag andere Eigenwerte geben, zumal selbstreferentielle Unabdingbarkeiten sich auch sonst nachweisen lassen, etwa beim Begriff des Nutzens in der Frage nach dem Nutzen der Ablehnung der Reflexion des Nutzens und vor allem bei der Umarbeitung des Begriffs der Vernunft aus einem naturalen, den Menschen vom Tier unterscheidenden Phänomen in ein transzendentales, sich selbst einsichtig machendes. All dies sind geordnete Rücksichtslosigkeiten, die es ermöglichen, die Kommunikation über die Gesellschaft in der Gesellschaft fortzusetzen, auch wenn man auf eine einhellige Erfassung des Objekts verzichten muß und folglich gerade diesen Verzicht zu reflektieren hat.

Wenn es aber zutrifft, daß die Eigenwerte der modernen Gesellschaft letztlich in Funktionsangaben liegen und daß Selbstbeschreibungen sich folglich an der Funktion der Selbstbeschreibung orientieren, ist der Seitenblick auf andere Möglichkeiten stets eingebaut. Und das heißt nicht zuletzt: daß sich neue Anforderungen an die Präzision von Beschreibungskonzepten ergeben, die es trotzdem ermöglichen, sich über Probleme und funktionale Äquivalenzen zu verständigen und Meinungsverschiedenheiten zu erhalten, ohne dem Belieben die Tür zu öffnen.

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Hierzu könnte man schließlich Überlegungen heranziehen, die in der Semiotik und der Texttheorie entstanden sind. Linguistische, konstruktivistische und dekonstruktivistische Techniken der Textanalyse sind inzwischen so weit fortgeschritten, daß sie einer Soziologie gefährlich werden könnten, die ihren Realitätsbegriff über metaphysische Prämissen festlegt. Der Ausgangspunkt dieser Kritik war die
Problematisierung der Möglichkeit einer Beziehung von Zeichen zur Außenwelt gewesen. Das hat zur Reformulierung des Realitätsbegriffes geführt.

Wenn Realität nach wie vor als Widerstand gegen beliebige Thematisierungen begriffen werden soll - und welchen anderen Realitätsbegriff hätten wir? - dann muß es sich um Widerstand von Zeichen gegen Zeichen, von Sprache gegen Sprache, von Kommunikation gegen Kommunikation handeln. Das heißt: um rekursiv gebildete Komplexität. Das System testet, so gesehen, an selbsterzeugter Ungewißheit und an selbsterzeugtem Widerstand im laufenden Operieren das, was es von Moment zu Moment als Eigenwert behandeln kann. Will man dem innerhalb soziologischer Theoriekonstruktionen Rechnung tragen, muß auch die Gesellschaftstheorie auf
Selbstreferenzkonzepte umgestellt werden.

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Die moderne Gesellschaft ist, wie der Gott des Aristoteles, mit sich selber beschäftigt. Sie tut, wie der Gott der Christen, alles, was sie tut, um ihrer selbst willen.

Im Unterschied aber zur alteuropäischen Semantik, die solche Figuren der geschlossenen Selbstreferenz in die Transzendenz verlagert und ihnen die Qualität des unbedingt Guten zugesprochen hatte, um die gelegentliche Korruption oder sogar die prinzipielle Verderbtheit der Natur (und in ihr: der Gesellschaft) dagegen ins Profil zu setzen, hält die selbstreferentiell geschlossene Gesellschaft der Moderne sich selbst für mangelhaft, für kritikLedürftig, für verbesserungsfähig und dann wieder: für an Aufklärung leidend.

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Und während die alte Welt meinte, sich mit den Augen des Primärbeobachters Gott beobachten oder, wenn dessen Kriterien (unterscheidet er überhaupt?) nicht deutlich wurden, in Spiegeln auf Besseres hin beobachten zu können, ist die moderne Gesellschaft vor allem mit ihrer eigenen Misere beschäftigt. Sie kann sich nur selber zu Hilfe kommen.

Aber sie kommt im Beobachten ihres Beobachtens immer nur auf den Punkt, an dem etwas auszusetzen ist - und sei es schließlich auf den Zentralpunkt, an dem das Gute und das Schlechte fusionieren: daß man beobachten kann, daß der Beobachter nicht beobachten kann, wie er beobachtet.

Die eigentümliche Ausnahmslosigkeit dieser Struktur präsentiert sich nicht mehr in der Ferne, nicht mehr in der Form eines unbedingt existierenden Wesens. Sie liegt für uns in der Operation des Beobachtens selber, in der Angewiesenheit auf Sinn als Medium, das nur selektiv, nur für Formbildung, nur mit Hinweis auf etwas anderes benutzt werden kann.

Niklas Luhmann
Systemtheorie
Glossar Systemtheorie

Beobachten - Beobachter
Sinn
Kommunikation

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