Niklas Luhmann
Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1998


pg 60
Schlüsselbegriffe: Unterscheidungen - daß Unterscheidungen nicht als vorhandene Sachverhalte (Unterschiede) begriffen werden, sondern daß sie auf eine Aufforderung zurückgehen, sie zu vollziehen, weil man anderenfalls nichts bezeichnen könnte, also nichts zu beobachten bekäme also nichts fortsetzen könnte - Form - George Spencer Brown Laws of Form«: Formen sind Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet, das heißt: auf welcher Seite der Form man sich befindet und wo man dementsprechend für weitere Operationen anzusetzen hat. Die andere Seite der Grenzlinie (der »Form«) ist gleichzeitig mitgegeben. Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite. - Form: entfaltete Selbstreferenz und zwar zeitlich entfaltete Selbstreferenz - Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form - Unterscheidung von System und Umwelt, und damit der Form »System« - daß System und Umwelt als die zwei Seiten einer Form zwar getrennt, aber nicht ohne die jeweils andere Seite existieren können. Die Einheit der Form bleibt als Differenz vorausgesetzt; aber die Differenz selbst ist nicht Träger der Operationen. Sie ist weder Substanz noch Subjekt, tritt aber theoriegeschichtlich an die Stelle dieser klassischen Figuren. - Operationen sind nur als Operationen eines Systems möglich, also nur auf der Innenseite der Form. Aber das System kann auch als Beobachter der Form operieren; es kann die Einheit der Differenz, die Zwei-Seiten-Form als Form beobachten - aber nur, wenn es dafür seinerseits eine weitere Form bilden, also die Unterscheidung ihrerseits unterscheiden kann. So können dann auch Systeme, wenn hinreichend komplex, die Unterscheidung von System und Umwelt auf sich selber anwenden; dies aber nur, wenn sie dafür eine eigene Operation durchführen, die dies tut. Sie können, mit anderen Worten, sich selbst von ihrer Umwelt unterscheiden, aber dies nur als Operation im System selbst. - Selbstorganisation - Autopoiesis - operativen (oder selbstreferentiellen) Geschlossenheit des Systems - Beobachter - Kommunikation

Die Unterscheidung yon System und Umwelt

Die theoretischen Ressourcen für eine »sinngemäße« Revolutionierung des Paradigmas der Gesellschaftstheorie entnehmen wir nicht der fachsoziologischen Überlieferung, sondern führen sie von außen in die Soziologie ein. Wir orientieren uns dabei an neueren Entwicklungen in der Systemtheorie, aber auch an Entwicklungen, die unter anderen Theorienamen laufen - etwa Kybernetik, cognitive sciences, Kommunikationstheorie, Evolutionstheorie. In jedem Falle handelt es sich um interdisziplinäre Diskussionszusammenhänge, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten einen Prozeß radikaler Veränderung durchlaufen haben und mit der Systembegrifflichkeit der 50er und frühen 60er Jahre kaum noch etwas gemein haben. Es sind ganz neue faszinierende intellektuelle Entwicklungen, die es erstmals ermöglichen, die alte Gegenüberstellung von Natur- und Geisteswissenschaften oder hard sciences und humanities oder gesetzesförmig bzw. textförmig (hermeneutisch) gegebenen Gegenstandsbereichen zu unterlaufen.

Die am tiefsten eingreifende, für das Verständnis des Folgenden unentbehrliche Umstellung liegt darin daß nicht mehr von Objekten die Rede ist, sondern von Unterscheidungen und ferner: daß Unterscheidungen nicht als vorhandene Sachverhalte (Unterschiede) begriffen werden, sondern daß sie auf eine Aufforderung zurückgehen, sie zu vollziehen, weil man anderenfalls nichts bezeichnen könnte, also nichts zu beobachten bekäme also nichts fortsetzen könnte.

Man kann dies mit Hilfe des Formbegriffs verdeutlichen, den George Spencer Brown seinen »Laws of Form« zu Grunde legt. Formen sind danach nicht länger als (mehr oder weniger schöne) Gestalten zu sehen, sondern als Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet, das heißt: auf welcher Seite der Form man sich befindet und wo man dementsprechend für weitere Operationen anzusetzen hat. Die andere Seite der Grenzlinie (der »Form«) ist gleichzeitig mitgegeben. Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite.

Keine Seite ist etwas für sich selbst. Man aktualisiert sie nur dadurch, daß man sie, und nicht die andere, bezeichnet. In diesem Sinne ist Form entfaltete Selbstreferenz und zwar zeitlich entfaltete Selbstreferenz. Denn man hat immer von der jeweils bezeichneten Seite auszugehen und braucht die Zeit für eine weitere Operation, um auf der bezeichneten Seite zu bleiben oder die formkonstituierende Grenze zu kreuzen.

Kreuzen ist kreativ. Denn während die Wiederholung einer Bezeichnung nur deren Identität bestätigt (und wir werden später sagen: deren Sinn in verschiedenen Situationen testet und damit kondensiert), ist das Hin- und Herkreuzen keine Wiederholung und kann daher auch nicht zu einer einzigen Identität zusammengezogen werden. (Spencer Brown unterscheidet entsprechend zwei Axiome: (1) „The value of a call made again is the value of the call“; und (2) „The value of a crossing made again is not the value of the crossing“) Das ist nur eine andere Version für die Einsicht, daß eine Unterscheidung sich bei ihrem Gebrauch nicht selbst identifizieren kann. Und eben darauf beruht, wie wir am Beispiel der binären Codierung ausführlich zeigen werden, die Fruchtbarkeit des Kreuzens.

Dieser Begriff der Form, hat zwar eine gewiße Ähnlichkeit mit Hegels Begriff des Begriffs insofern, als für beide der Einschluß einer Unterscheidung konstitutiv ist. In den Begriff des Begriffs hat Hegel jedoch sehr viel weitergehende Ansprüche eingebaut, die wir weder mitvollziehen können noch benötigen. Anders als die Form im hier gemeinten Sinne übernimmt es der Begriff, das Problem seiner Einheit selber zu lösen. Er beseitigt dabei die Selbständigkeit des Unterschiedenen (im Begriff Mensch zum Beispiel die Selbständigkeit der gegeneinandergesetzten Momente Sinnlichkeit und Vernunft), und dies mit Hilfe der spezifischen Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem, mit deren Aufhebung sich der Begriff als einzelner konstitniert. Daran kann hier nur erinnert werden, um dagegen zu setzen: Form ist gerade die Unterscheidung selbst, indem sie die Bezeichnung (und damit die Beobachtung) der einen oder der anderen Seite erzwingt und die eigene Einheit (ganz anders als der Begriff) gerade deshalb nicht selber realisieren kann. Die Einheit der Form ist nicht ihr »höherer«, geistiger Sinn. Sie ist vielmehr das ausgeschlossene Dritte, das nicht beobachtet werden kann, solange man mit Hilfe der Form beobachtet. Auch im Begriff der Form ist vorausgesetzt, daß beide Seiten in sich durch Verweisung auf die jeweils andere bestimmt sind; aber dies gilt hier nicht als Voraussetzung einer »Versöhnung« ihres Gegensatzes, sondern als Voraussetzung der Unterscheidbarkeit einer Unterscheidung.

Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form, vollzieht wie der Sündenfall einen Einschnitt in die Welt mit der Folge, daß eine Differenz entsteht, daß Gleichzeitigkeit und Zeitbedarf entstehen und daß die vorausliegende Unbestimmtheit unzugänglich wird.

Der Formbegriff unterscheidet sich damit nicht mehr nur vom Begriff des Inhalts; aber auch nicht nur vom Begriff des Kontextes. Eine Form kann im Unterschied von etwas zu allem anderen liegen, ebenso auch im Unterschied von etwas zu seinem Kontext (etwa eines Bauwerks zu seiner städtischen oder landschaftlichen Umgebung), aber auch im Unterschied eines Wertes zu seinem Gegenwert unter Ausschluß dritter Möglichkeiten. Immer dann, wenn der Formbegriff die eine Seite einer Unterscheidung markiert unter der Voraussetzung, daß es noch eine dadurch bestimmte andere Seite gibt, gibt es auch eine Superform, nämlich die Form der Unterscheidung der Form von etwas anderem.

Mit Hilfe dieser für einen Formenkalkül, für ein Prozessieren von Unterscheidungen entwickelten Begrifflichkeit kann man auch die Unterscheidung von System und Umwelt interpretieren. Vom allgemeinen Formenkalkül her gesehen ist es ein Sonderfall, ein Anwendungsfall. Methodisch gesehen geht es deshalb nicht schlicht darum, die Erklärung der Gesellschaft aus einem Prinzip (sei es »Geist«, sei es »Materie«) durch die Erklärung durch eine Unterscheidung zu ersetzen. Der Unterscheidung von System und Umwelt, und damit der Form »System«, geben wir zwar eine zentrale Stellung, dies aber nur in dem Sinne, daß wir von hier aus die Konsistenz der Theorie, das heißt den Zusammenhang einer Vielzahl von Unterscheidungen organisieren. Das Verfahren ist dann nicht deduktiv, sondern induktiv; es probiert aus, was Generalisierungen einer Form für andere besagen. Und Konsistenz heißt dabei nichts anderes als Herstellung ausreichender Redundanzen, also sparsamer Umgang mit Informationen.

Für die Systemtheorie selbst wird mit Hilfe dieses Formbegriffs klargestellt, daß sie nicht besondere Objekte (oder sogar nur: technische Artefakte oder analytische Konstrukte) behandelt, sondern daß ihr Thema eine besondere Art von Form ist, eine besondere Form von Formen, könnte man sagen, die die allgemeinen Eigenschaften jeder Zwei-Seiten-Form am Fall von »System und Umwelt« expliziert. Alle Eigenschaften von Form gelten auch hier: so die Gleichzeitigkeit von System und Umwelt und der Zeitbedarf aller Operationen.

Vor allem aber ist mit dieser Darstellungsweise deutlich zu machen, daß System und Umwelt als die zwei Seiten einer Form zwar getrennt, aber nicht ohne die jeweils andere Seite existieren können. Die Einheit der Form bleibt als Differenz vorausgesetzt; aber die Differenz selbst ist nicht Träger der Operationen. Sie ist weder Substanz noch Subjekt, tritt aber theoriegeschichtlich an die Stelle dieser klassischen Figuren.

Operationen sind nur als Operationen eines Systems möglich, also nur auf der Innenseite der Form. Aber das System kann auch als Beobachter der Form operieren; es kann die Einheit der Differenz, die Zwei-Seiten-Form als Form beobachten - aber nur, wenn es dafür seinerseits eine weitere Form bilden, also die Unterscheidung ihrerseits unterscheiden kann. So können dann auch Systeme, wenn hinreichend komplex, die Unterscheidung von System und Umwelt auf sich selber anwenden; dies aber nur, wenn sie dafür eine eigene Operation durchführen, die dies tut. Sie können, mit anderen Worten, sich selbst von ihrer Umwelt unterscheiden, aber dies nur als Operation im System selbst. Die Form, die sie gleichsam blind erzeugen, indem sie rekursiv operieren und sich damit ausdifferenzieren, steht ihnen wieder zur Verfügung, wenn sie sich selbst als System in einer Umwelt beobachten. Und nur so, nur unter genau diesen Bedingungen, ist dann auch die Systemtheorie Grundlage für eine bestimmte Praxis des Unterscheidens und Bezeichnens. Sie benutzt die Unterscheidung System und Umwelt als Form ihrer Beobachtungen; aber sie muß, um dies tun zu können, diese Unterscheidung von anderen Unterscheidungen, etwa denen der Handlungstheorie, unterscheiden können, und sie muß, um überhaupt auf diese Weise operieren zu können, ein System bilden, hier also: Wissenschaft sein. Das Konzept erfüllt mithin, in Anwendung auf Systemtheorie, das Erfordernis, nach dem wir suchen: das Erfordernis einer Selbstimplikation der Theorie. Sie wird durch ihr Gegenstandsverhältnis zu »autologischen« Rückschlüssen auf sich selbst gezwungen.

Akzeptiert man diesen differenztheoretischen Ausgangspunkt, dann erscheinen alle Entwicklungen der neueren Systemtheorie als Variationen zum Thema »System und Umwelt«. Zunächst ging es darum, mit Vorstellungen über Stoffwechsel oder Input und Output zu erklären, daß es Systeme gibt, die nicht dem Entropiegesetz unterworfen, sondern in der Lage sind, Negentropie aufzubauen und damit gerade durch die Offenheit und die Umweltabhängigkeit des Systems dessen Unterschied zur Umwelt zu verstärken. Daraus konnte man folgern, daß Unabhängigkeit und Abhängigkeit von der Umwelt keine sich wechselseitig ausschließenden Systemmerkmale sind, sondern unter bestimmten Bedingungen miteinander gesteigert werden können. Die Frage war dann: unter welchen Bedingungen? Hierauf konnte man mit Hilfe der Evolutionstheorie eine Antwort suchen.

Ein nächster Entwicklungsschritt lag in der Einbeziehung selbstreferentieller also zirkulärer Verhältnisse. Zunächst dachte man an den Aufbau von Strukturen des Systems durch systemeigene Prozesse und sprach folglich von Selbstorganisation. Hierbei wurde die Umwelt als Quelle eines unspezifischen (sinnlosen) »Rauschens« begriffen, dem das System gleichwohl durch den Zusammenhang eigener Operationen Sinn abgewinnen könne. So versuchte man zu erklären, daß das System - zwar in Abhängigkeit von der Umwelt und keinesfalls ohne Umwelt, aber ohne durch die Umwelt determiniert zu sein - sich selbst organisieren und eine eigene Ordnung aufbauen könne: order from noise. Die Umwelt wirkt, vom System her gesehen, zufällig auf das System ein; aber genau diese Zufälligkeit sei für die Emergenz von Ordnung unentbehrlich, und je komplexer die Ordnung werde, desto mehr.

In diesen Diskussionsstand hat Humberto Maturana mit dem Begriff der Autopoiesis, ein neues Moment eingeführt. Autopoietische Systeme sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente selbst erzeugen. Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz. Sie kommen nicht bloß zusammen. Sie werden nicht bloß verbunden. Sie werden vielmehr im System erst erzeugt, und zwar dadurch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen. Und insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwelt des Systems keinerlei Entsprechung gibt.

Angesichts einer umfangreichen und recht kritischen Diskussion muß vor allem auf den geringen Erklärungswert des Begriffs der Autopoiesis hingewiesen werden. Er verlangt nur, daß man bei allen Erklärungen von den spezifischen Operationen auszugehen hat, die ein System - und zwar das erklärte ebenso wie das erklärende - reproduzieren. Er sagt aber nichts darüber welche spezifischen Strukturen sich in solchen Systemen auf Grund von strukturellen Kopplungen zwischen System und Umwelt entwickelt haben. Er erklärt also nicht die historischen Systemzustände, von denen die weitere Autopoiesis ausgeht. Die Autopoiesis des Lebens ist eine biochemische Einmalerfindung der Evolution; aber daraus folgt nicht, daß es Würmer und Menschen geben müsse.

Und ebenso für den Fall der Kommunikation. Die autopoietische Operation der Kommunikation voraussetzende Kommunikation erzeugt Gesellschaft, aber daraus ergibt sich noch nicht: was für eine Gesellschaft. Autopoiesis ist demnach ein für das jeweilige System invariantes Prinzip, und erneut: für das erklärte ebenso wie für das erklärende. Damit wird die ontologische, in Seinsinvarianten liegende Erklärungsweise aufgegeben und mit ihr die Subjekt/Objekt-Differenz. Aber damit ist noch nicht gesagt, welche historischen Ausgangslagen über strukturelle Kopplungen die Richtung der Spezifikation von Strukturen bestimmen. Gesagt ist nur, daß man für die Beantwortung dieser Frage das System selbst untersuchen muß.

Autopoiesis ist deshalb nicht als Produktion einer bestimmten »Gestalt« zu begreifen. Entscheidend ist vielmehr die Erzeugung einer Differenz von System und Umwelt. Durch Abkoppelung des Svstems von dem, was dann als Umwelt übrig bleibt, entstehen intern Freiheitsspielräume, da die Determination des Systems durch seine Umwelt entfällt. Autopoiesis ist also, recht verstanden, zunächst Erzeugung einer systeminternen Unbestimmtheit,, die nur durch systemeigene Strukturbildungen, reduziert werden kann. Das erklärt nicht zuletzt, daß Gesellschaftssysteme das Medium Sinn erfunden haben um dieser Offenheit für weitere Bestimmungen in den systeminternen Operationen Rechnung zu tragen. Sie kennen als eigene Operationen deshalb nur Sinnformen seligierende Kommunikationen.

Selbstverständlich kann diese autopoietische Reproduktion nicht ohne Umwelt geschehen (sonst wäre, wie wir wissen, die andere Seite der Form kein System). Aber man muß jetzt sehr viel genauer angeben (und davon wird unsere Gesellschaftstheorie profitieren können), wie autopoietische Systeme, die alle Elemente, die sie für die Fortsetzung ihrer Autopoiesis benötigen, selbst produzieren, ihr Verhältnis zu Umwelt gestalten. Alle Außenbeziehungen eines solchen Systems sind daher unspezifisch gegeben (was natürlich nicht ausschließt, daß ein Beobachter das spezifizieren kann, was er selbst sehen will und sehen kann). Jede Spezifikation, auch der Beziehungen zur Umwelt, setzt eine Eigentätigkeit des Systems und einen historischen Zustand des Systems als Bedingung seiner Eigentätigkeit voraus. Denn Spezifikation ist selbst eine Form, also eine Unterscheidung; sie besteht in einer Auswahl aus einem selbstkonstruierten Auswahlbereich (Information), und diese Form kann nur im System selbst gebildet werden. Es gibt weder Input noch Output von Elementen in das System oder aus dem System. Das System ist nicht nur auf struktureller, es ist auch auf operativer Ebene autonom. Das ist mit dem Begriff der Autopoiesis gesagt. Das System kann eigene Operationen nur im Anschluß an eigene Operationen und im Vorgriff auf weitere Operationen desselben Systems konstituieren. Aber damit sind keineswegs alle Existenzbedingungen angegeben, und die Frage sei nochmals wiederholt: wie kann man nun diese rekursive Abhängigkeit des Operierens von sich selbst unterscheiden von den fraglos fortexistierenden Umweltabhängigkeiten? Diese Frage kann nur durch Analyse der Spezifik autopoietischer Operationen beantwortet werden (oder anders gesagt: die Antwort liegt nicht schon in dem oft oberflächlich rezipierten Begriff der Autopoiesis selbst). Diese Überlegungen werden uns dazu führen, dem Begriff der Kommunikation zentrale Bedeutung für die Gesellschaftstheorie zuzusprechen.

Zunächst klären die bisherigen Begriffsfestlegungen auch den heute oft benutzten Begriff der operativen (oder selbstreferentiellen) Geschlossenheit des Systems. Damit ist selbstverständlich nichts gemeint, was als kausale Isolierung, Kontaktlosigkeit oder Abgeschlossenheit des Systems verstanden werden könnte. Die Einsicht, die schon mit der Theorie offener Systeme gewonnen war, daß Unabhängigkeit und Abhängigkeit aneinander und durch einander gesteigert werden können, bleibt voll erhalten. Man formuliert jetzt nur anders und sagt, daß alle Offenheit auf der Geschlossenheit des Systems beruhe. Etwas ausführlicher gesagt, heißt dies, daß nur operativ geschlossene Systeme eine hohe Eigenkomplexität aufbauen können, die dann dazu dienen kann, die Hinsichten zu spezifizieren, in denen das System auf Bedingungen seiner Umwelt reagiert, während es sich in allen übrigen Hinsichten dank seiner Autopoiesis Indifferenz leisten kann.

Ebensowenig wird die Einsicht Gödels widerrufen, daß kein System sich selbst zu einer logisch widerspruchsfreien Ordnung schließen könne. Damit ist letztlich nichts anderes gesagt als das, was auch wir voraussetzen: daß der Systembegriff auf den Umweltbegriff verweist und deshalb weder logisch noch analytisch isoliert werden kann. Auf operativer Ebene (in unserem Themenbereich: in bezug auf Kommunikation) beruht Gödels Argument auf der Einsicht, daß eine Aussage über Zahlen eine Aussage über die Aussage über Zahlen impliziert (oder anders: daß Kommunikation nur selbstreferentiell funktionieren kann).

Zugleich muß aber betont werden, daß dies nur einen Beobachter betrifft, der mit Hilfe der Unterscheidung System/Umwelt bzw. mit Bezug auf Operationen beobachtet und uns in der Frage noch nicht festlegt, wie denn die Einheit des Systems zustandekommt.

Die Einsichten in die zirkuläre, selbstreferentielle und insofern logisch symmetrische Bauweise dieser Systeme haben zu der Frage geführt, wie denn diese Zirkel unterbrochen und Asymmetrien hergestellt werden. Wer sagt denn, was Ursache und was Wirkung ist? Oder noch radikaler: was vorher und was nachher, was innen und was außen geschieht? Die Instanz, die darüber befindet, wird heute oft "Beobachter" genannt.

Dabei ist keineswegs nur an Bewußtseinsprozesse, also nicht nur an psychische Systeme zu denken. Der Begriff wird hochabstrakt und unabhängig von dem materiellen Substrat, der Infrastruktur, oder der spezifischen Operationsweise benutzt, die das Durchführen von Beobachtungen ermöglicht. Beobachten heißt einfach (und so werden wir den Begriff im folgenden durchweg verwenden) Unterscheiden und Bezeichnen.

Mit dem Begriff Beobachten wird darauf aufmerksam gemacht, daß das »Unterscheiden und Bezeichnen« eine einzige Operation ist; denn man kann nichts bezeichnen, was man nicht, indem man dies tut, unterscheidet, so wie auch das Unterscheiden seinen Sinn nur darin erfüllt, daß es zur Bezeichnung der einen oder der anderen Seite dient (aber eben nicht: beider Seiten). In der Terminologie der traditionellen Logik formuliert, ist die Unterscheidung im Verhältnis zu den Seiten,die sie unterscheidet, das ausgeschlossene Dritte. Und somit ist auch das Beobachten im Vollzug seines Beobachtens das ausgeschlossene Dritte. Wenn man schließlich mit in Betracht zieht, daß Beobachten immer ein Operieren ist, das durch ein autopoietisches System durchgeführt werden muß, und wenn man den Begriff dieses Systems in dieser Funktion als Beobachter bezeichnet, führt das zu der Aussage: der Beobachter ist das ausgeschlossene Dritte seines Beobachtens. Er kann sich selbst beim Beobachten nicht sehen.

Der Beobachter ist das Nicht-Beobachtbare, heißt es kurz und bündig bei Michel Serres. Die Unterscheidung, die er jeweils verwendet, um die oder die andere Seite zu bezeichnen, dient als unsichtbare Bedingung des Sehens, als blinder Fleck. Und dies gilt für alles Beobachten, gleichgültig ob die Operation psychisch oder sozial, ob sie als aktueller Bewußtseinsprozeß oder als Kommunikation durchgeführt wird.

Das Gesellschaftssystem wird demnach nicht durch ein bestimmtes »Wesen«, geschweige denn durch eine bestimmte Moral (Verbreitung von Glück, Solidarität, Angleichung von Lebensverhältnissen, vernünftig-konsensuelle Integration usw.) charakterisiert, sondern allein durch die Operation, die Gesellschaft produziert und reproduziert. Das ist Kommunikation.

Mit Kommunikation ist folglich (wie schon mit Operation) ein jeweils historisch-konkret ablaufendes, also kontextabhängiges Geschehen gemeint - und nicht eine bloße Anwendung von Regeln richtigen Sprechens. Für das Zustandekommen von Kommunikation ist unerläßlich, daß alle Beteiligten mit Wissen und mit Nichtwissen beteiligt sind. Das hatten wir in den methodologischen Vorbemerkungen schon notiert und als Einwand gegen den methodologischen Individualismus angesehen. Denn wie soll man Nichtwissen als einen Bewußtseinszustand auffassen, wenn nicht in Abhängigkeit von kommunikativen Situationen, die bestimmten Anforderungen spezifizieren bzw. bestimmte Informationschancen erkennbar werden lassen. Schon deshalb ist Kommunikation eine autopoietische Operation, weil sie die Verteilung von Wissen und Nichtwissen erst produziert, indem sie sie ändert.

Als Sinnpraxis sieht sich auch Kommunikation genötigt, Unterscheidungen zu treffen, um die eine Seite zu bezeichnen und auf dieser Seite für Anschlüsse zu sorgen. Damit wird die Autopoiesis des Systems fortgesetzt. Aber was geschieht mit der anderen Seite? Sie bleibt unbezeichnet und braucht daher nicht auf Konsistenz hin kontrolliert zu werden. Hier wird nicht auf Zusammenhänge geachtet. Daher wird normalerweise rasch vergessen, wovon das Bezeichnete unterschieden worden war - sei es vom "unmarked space", sei es von Gegenbegriffen, die für weitere Operationen nicht in Betracht kommen. Die andere Seite wird zwar laufend mitgeführt, weil anders keine Unterscheidung zustandekäme, aber sie wird nicht benutzt, um etwas Bestimmtes zu erreichen.

Weitere Klärungen ergeben sich aus der Einsicht, daß die elementare Operation der Gesellschaft ein zeitpunktgebundenes Ereignis ist, das, sobald es vorkommt, schon wieder verschwindet. Dies gilt für alle Komponenten der Kommunikation: für Information, die nur einmal überraschen kann, für Mitteilung, die als Handlung an einen Zeitpunkt gebunden ist, und für das Verstehen, das ebenfalls nicht wiederholt, sondern allenfalls erinnert werden kann. Und es gilt für mündliche wie für schriftliche Kommunikation mit dem Unterschied, daß die Verbreitungstechnologie der Schrift das Ereignis der Kommunikation zeitlich und räumlich an viele Adressaten verteilen und damit zu unvorhersehbar vielen Zeitpunkten realisieren kann.

Mit diesem zeitpunktbezogenen Begriff der Kommunikation korrigieren wir zugleich einen populären Begriff der Information. Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten. Sie kann als Überraschung weder Bestand haben noch transportiert werden; und sie muß systemintern erzeugt werden, da sie einen Vergleich mit Erwartungen voraussetzt. Außerdem sind Informationen nicht rein passiv zu gewinnen als logische Konsequenz von Signalen, die aus der Umwelt empfangen werden. Vielmehr entbalten sie immer auch eine volitive Komponente, das heißt einen Vorausblick auf das, was man mit ihnen anfangen kann. Bevor es zur Erzeugung von Informationen kommen kann, muss sich also ein Interesse an ihnen entwickeln.

Niklas Luhmann
Systemtheorie
Glossar Systemtheorie

Einheit von Kommunikation: Information, Mitteilung, Verstehen

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