Niklas Luhmann
Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1998

pg 76
Schlüsselbegriffe: lebende Systeme - sinnverarbeitende Systeme





Bei lebenden Systemen, also bei einer autopoietischen Organisation von Molekülen im Raum, kann man noch von räumlichen Grenzen sprechen. Ja, Grenzen sind hier besondere Organe des Systems, Membranen von Zellen, Haut von Organismen, die spezifische Funktionen der Abschirmung und der selektiven Vermittlung von Austauschprozessen erfüllen.

Diese Form von Grenze entfällt bei Systemen, die im Medium Sinn operieren. Diese Systeme sind überhaupt nicht im Raum begrenzt, sondern haben eine völlig andere, nämlich rein interne Form von Grenze. Das gilt schon für das Bewusstsein, dass sich eben dadurch vom Gehirn unterscheidet und nur so den neurophysiologische Selbstbeobachtung des Organismus "externalisiren" kann. Es gilt erst recht für das Kommunikationssystem Gesellschaft, wie seit der Erfindung der Schrift evident ist. Die Grenze dieses Systems wird in jeder einzelnen Kommunikation produziert und reproduziert, in dem die Kommunikation sich als Kommunikation im Netzwerk Systemen eigener Operationen bestimmt und dabei keinerlei physische, chemische, neurophysiologische Komponenten aufnimmt. Jede Operation trägt, anders gesagt, zur laufenden Ausdifferenzierung des Systems bei und kann anders die eigene Einheit nicht gewinnen. Die Grenze des Systems ist nichts anderes als die Art seiner Operationen, die das System individualisieren. Sie ist die Form des Systems, deren andere Seite damit zu Umwelt wird.

Niklas Luhmann

Glossar Systemtheorie


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