GLOSSAR ZU NIKLAS LUHMANN
THEORIE SOZIALER SYSTEME

Claudio Baraldi / Giancarlo Corsi / Elena Esposito
Suhrkamp 1226,1997
 

S.63
Gesellschaft 

Die Gesellschaft ist ein besonderer Typ eines sozialen Systems [siehe System]. Sie ist dasjenige soziale System, das alle Kommunikationen einschliesst: Es gibt also keine Kommunikation außerhalb der Gesellschaft. Die Gesellschaft zieht die Grenzen der sozialen Komplexität, weil sie die Möglichkeiten beschränkt, die in der Kommunikation erfasst und aktualisiert werden können. Jede Differenzierung besonderer sozialer Systeme vollzieht sich in der Gesellschaft.

Entgegen entsprechenden Formulierungen der traditionellen Soziologie sind nicht Individuen, Beziehungen zwischen Individuen oder soziale Rollen die Elemente der Gesellschaft, sondern Kommunikationen. Die Grenzen der Gesellschaft sind auch keine Territorialgrenzen, sondern die Grenzen der Kommunikation. Die Menschen (psychische Systeme und Körper) sind Umwelt der Gesellschaft. Die Gesellschaft bezieht sich auf die Menschen wie auf Systeme in der Umwelt [siehe strukturelle Kopplung, Interpenetration]. 

Die Gesellschaft ist nur ein Typ sozialer Systeme neben jenen der Interaktion und der Organisation. Ihre Eigentümlichkeit kann auch als besondere Leistung einer Komplexitätsreduktion beobachtet werden: Die Gesellschaft ist dasjenige soziale System, das die letzten grundlegenden Komplexitätsreduktionen institutionalisiert und dadurch die Prämissen für das Operieren aller anderen sozialen Systeme (Interaktionen und Organisationen) setzt. Die Selektivität der Gesellschaft ermöglicht die Selektivität aller anderen sozialen Systeme; sie ist die Grundlage jeder weiteren Differenzierung [siehe Differenzierung] der Kommunikatisonsbereiche. 

Das Gesellschaftssystem dient als Bezugspunkt für die Erforschung der sozialen Evolution. Es ist immer intern differenziert [siehe Gesellschafts-differenzierung]. Was evolutiv variiert, ist dieForm ihrer primären Differenzierung. Diese Form ist die Struktur der Gesellschaft; die soziale Evolution besteht aus Veränderungen der Gesellschaftsstruktur.  Die Gesellschaft differenziert sich primär in Teilsysteme, die Kommunikationen unter stärker beschränkenden Bedingungen produzieren. Es handelt sich nicht um Interaktionen oder Organisationen, sondern um spezifische Gesichtspunkte, die die Gesamtgesellschaft aus einer besonderen Perspektive reproduzieren und mit der Veränderung der Gesellschaftsstruktur variieren (Funktionssysteme, Schichten, Stämme etc.). 

Diese Systeme brauchen nicht die Kommunikation von dem zu unterscheiden, was keine Kommunikation ist: dafür reicht ihre Lokalisierung innerhalb der Gesellschaft. Auf der Grundlage der ersten von der Gesellschaft vollzogenen Komplexitätsreduktion können sie spezifischere Kommunikationsformen konstituieren. 

Die Gesellschaftstheorie ist eine spezifische Theorie innerhalb der Soziologie (bezogen auf einen besonderen Fall der Theorie sozialer Systeme). Sie liefert eine Selbstbeschreibung [siehe Reflexion] der Gesellschaft in der Perspektive der Wissenschaft; es handelt sich um eine interne Perspektive, die die Gesellschaft selbst thematisiert. Da sie das Ergebnis des Operierens eines autopoietischen Teilsystems ist, spiegelt die Gesellschaftstheorie keine objektive Realität wider, sondern stellt eine Perspektive  unter anderen Beobachtungen von Gesellschaft bereit. Dank ihrer Wissenschaftlichkeit unterscheidet sich die soziologische Beobachtung von anderen Beobachtungen, denn sie kann den Beobachter einschließen: Die Soziologie weiß, daß ihre Beschreibung der Gesellschaft ein inneres Ergebnis der Gesellschaft selbst ist. Gerade deshalb kann die Soziologie auf die strukturellen Bedingungen dieser Beschreibung reflektieren. Die soziologische Selbstbeschreibung thematisiert die Sinndimensionen [siehe Sinndimension], in denen die Operationen der Gesellschaft Form gewinnen. Sie realisiert sich als Theorie der Kommunikation und der Medien, die die Kommunikation wahrscheinlich machen (Sozialdimension), als Evolutionstheorie (Zeitdimension) und als Theorie der Differenzierung (Sachdimension). Diese spezifischen Theorien bilden zusammen die Gesellschaftstheorie.

Bibliografie: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 16 f., 78 ff.; Soziale Systeme,I984; Soziologische Aufklärung I, 1970, S. 137 ff.; The Self-Description of Society, I984  
 

 

S. 65
Gesellschaftsdifferenzierung

Unter der primären Differenzierung der Gesellschaft versteht man die Bildung von Teilsystemen und System/Umwelt-Beziehungen [siehe Ausdifferenzierung]. Die Form der primären Differenzierung bildet die Struktur [siehe Struktur] der Gesellschaft. Die Form der Differenzierung bestimmt die Art und Weise, wie im umfassenden System die Beziehungen zwischen den Teilsystemen realisiert werden: Sie betrifft die Differenz zwischen Systemen, die füreinander zur jeweiligen Umwelt gehören. Die Differenzierungsform bildet die Struktur der Gesellschaft, weil sie eine Ordnung in den Beziehungen zwischen den Teilsystemen bestimmt, die die Kommunikations-möglichkeiten vorselegiert. Dadurch bestimmt sie die Grenzen, die die Komplexität [sieheKomplexität] der Gesellschaft erreichen kann. Wenn die Komplexität diese Grenzen übersteigt, reproduziert sich die Gesellschaft nur dann weiter, wenn sich die Form ihrer Differenzierung ändert. Die Form der primären Differenzierung variiert also evolutiv unter dem Druck der Komplexitätszunahme und bestimmt jeweils neue Niveaus der erreichbaren Komplexität. Die Differenzierungsformen unterscheiden sich je nachdem, wie die Grenzen zwischen den Teilsystemen und ihren Umwelten innerhalb der Gesellschaft gezogen werden. Sie ergeben sich aus der Kombination zweier Differenzen: 
(a) der Differenz System/Umwelt; 
(b) der Differenz Gleichheit/Ungleichheit in bezug auf die Verhältnisse der Teilsysteme zueinander.

 
Im Lauf der Evolution der Gesellschaft haben vier Differenzierungsformen als Strukturen gedient: 

Differenzierung in gleiche Teilsysteme(Segmentation); 
Differenzierung Zentrum/Peripherie; 
hierarchische Differenzierung in Schichten; 
funktionale Differenzierung.  


Segmentäre Differenzierung

Die segmentäre Differenzierung ist die Form, die in archaischen Gesellschaften nach einer ersten Phase der Differenzierung nach Geschlecht und Alter erschienen ist. Die Teilsysteme der segmentären Gesellschaft sind gleich hinsichtlich des Differenzierungsprinzips: dieses Prinzip ist die Abstammung (die Teilsysteme sind Stämme oder Clans oder Familien) oder die Residenz(die Teilsysteme sind Häuser oder Dörfer). Die Segmentierung kann sich außerdem innerhalb der primär ausdifferenzierten Teilsysteme wiederholen (Familien in Stämmen, Häuser in Dörfern). In einer segmentär differenzierten Gesellschaft ist die zugelassene Komplexität nicht besonders hoch: Jedes Teilsystem kann in der gesellschafts internen Umwelt nur andere gleiche Systeme beobachten, und die Gesellschaft verfügt insgesamt nur über eine beschränkte Selektivität. Die Grenzen der Gesellschaft sind enggezogen: Die beobachtete Welt wird immer auf die Differenzfamiliär/nichtfamiliär bezogen - mit dem ständigen Bedürfnis, alles auf Familiarität zurückzuführen. Die gesamte Kommunikation vollzieht sich als Interaktionen unter Anwesenden, weil es keine Mittel gibt, abwesende Adressaten zu erreichen [cf. Verbreitungsmedien]. 

Der Begriffsvorrat der Gesellschaft [siehe Semantik] wird mündlich tradiert. Die Norm der Reziprozität ist grundlegend, weil sie die Funktion hat, die Gleichheit zwischenden Teilsystemen (Stämme, Familien, Dörfer etc.) zu erhalten, die die Form der Differenzierung definiert. Die Veränderung der Gesellschaftsstruktur beginnt mit einem Zerbrechen dieser Norm. Infolge der Kontakte zwischen unterschiedlichen Ethnien und innerer Veränderungen werden einigeFamilien reicher als andere, so daß die auf Gleichheit bezogene Reziprozität nicht mehr möglich ist. Die Abweichung von der Gleichheit erweist sich als vorteilhaft. Die Gesellschaften, die sich dann bilden, kombinieren die Prinzipien der Verwandtschaft und der Kontrolle des Territoriums,auf die sie nicht verzichten können. Man kann jedoch trotzdem das Primat des einen oder des anderen Prinzips als Form der Gesellschafts-differenzierung feststellen. 

Differenzierung zwischen einen Zentrum und einer Peripherie

Auf der Basis von Residenz, also von Territorialität, kann sich die Differenzierung zwischen einen Zentrum und einer Peripherie bilden. Auf der Basis von Abstammung, also von Verwandtschaft, kann sich die hierarchische Differenzierung in Schichten bilden. Diese neuen Differenzierungsformen teilen die Eigenschaft, daß die Teilsystemeungleich in bezug auf das Bildungsprinzip (Territorium oderVerwandtschaft) sind. Die Strukturveränderung wird durch die gleichzeitige Aufrechterhaltung segmentärer Differenzierung außerhalb des Zentrums (Stadt) oder der höheren Schichten gemildert. Die Differenzierung Zentrum/Peripherie erlaubt es, daß sich die Kommunikation ausgehend vom Zentrum (der Stadt) territorial in der Gesellschaft verbreitet. Es handelt sich um eine hierarchische Differenzierung nach dem Muster zivilisiert/nicht-zivilisiert. Man beobachtet eine Ungleichheit aufgrund der Residenz in der Stadt oder auf dem Lande.Auch die aus der Segmentierung entstandenen großen Reiche weisen diese Differenzierungsform auf (im Zentrum befinden sich der Kaiser und die Bürokratie). Das Problem dieser Form sind die knappen Kontakte, die zwischen Zentrum und Peripherie möglich sind. Die Machtausübung ist deshalb sehr begrenzt. Das Zentrum ist eine Art Insel in der Gesellschaft. 
 
 
Stratifizierung

Im Zentrum kann sich auch eine neue Differenzierungsform entwickeln: eine Stratifizierung, die sich auf den Adel stützt (Beispiel ist Europa zwischen dem Spätmittelalter und dem I7. Jahrhundert). Damit entsteht eine Differenzierung der Differenzierungsformen: Im Zentrum kommt es zur Stratifikation und in der Peripherie wird Segmentation reproduziert. Die Stratifikation ist das deutlichste Beispiel des hierarchischen Prinzips, demgemäß die Teilsysteme der Gesellschaft einen ungleichen Rang haben. Die Ungleichheit entsteht mit der Schließung der Oberschicht (die Adligen) durch die Endogamie (das Verbot von Ehen außerhalb der Schicht). Stratifikation bedeutet ungleiche Verteilung der Ressourcen und der Kommunikationsgelegenheiten. Auf der Basis der Stratifikation gibt es die Rangdifferenz zwischen Adligen und Volk; innerhalb dieser beiden Schichten entwickeln sich dann weitere Differenzierungen. Innerhalb des Prinzips der Hierarchie müssen die Verhältnisse zwischen Teilsystemen immer auf den Rang bezogen werden. Die Oberschicht bestimmt durch die Ungleichheit die innere Ordnung der Gesellschaft. Die Gleichheit regelt dagegen dieKommunikation innerhalb der Schichten (Gleichheit zwischenden Adelsfamilien). Stratifikation bedeutet also Gleichheit im Rahmen von Ungleichheit. Die interne Gleichheit in der Oberschicht (die nicht unbedingt Kooperation bedeutet) sichert den beschränkten Zugang zu den verfügbaren Ressourcen: Gleichheit ist auf wenige beschränkt, weil nur wenige Familien von den Ressourcen profitieren können.

 

Dank der Akkumulation von Selektionsfähigkeiten in der Oberschicht erlaubt die Stratifikation die Ausbildung höherer Komplexität, verglichen mit den früheren Strukturen. Der wichtige Begriffsvorrat wird in der Oberschicht produziert (nur dort wird über Schrift verfügt), während die Unterschichten mit den Alltagsproblemen des Überlebens beschäftigt sind. Es ist dann die Oberschicht, die die Selbstbeschreibung der Gesellschaft produziert [siehe Semantik]. Die Stratifikation produziert eine deutliche und offensichtliche Ordnung; diese Ordnung macht weitere evolutive Veränderungen wahrscheinlich. Es ist dann kein Zufall, wenn um das I8. Jahrhundert in Europa (wenn die Komplexität zu hoch für dieStratifikation geworden ist) eine neue Strukturveränderung in Gang kommt.
 

 

Funktionale Differenzierung

Die Differenzierung in autopoietische, an eineFunktion orientierte Teilsysteme erscheint. Sie zerbricht die hierarchische Ordnung der Stratifikation und ist heute für die Weltgesellschaft kennzeichnend. In dieser funktional differenzierten Gesellschaft sind die Teilsysteme unter dem Gesichtspunkt der von jedem einzelnen erfüllten Funktion ungleich. Jedes Teilsystem differenziert sich nach seiner spezifischen Funktion in der Gesellschaft aus:

 

Die wichtigsten Teilsysteme sind das politische System, das Wirtschaftssystem, das Wissenschaftssystem, das Erziehungssystem,das Rechtssystem, die Familien, die Religion, das Medizinsystem, das Kunstsystem. Die wichtigste Kommunikation in der Gesellschaft ist nach diesen Funktionen strukturiert. Jede Funktion wird autonom von einem Teilsystem erfüllt. Jedes Teilsystem hypostasiert den Primat der eigenen Funktion. Jedes Teilsystem beobachtet also die Gesellschaft aus der Perspektive der eigenen Funktion. Diese Orientierung wird von einer binären Unterscheidung angeleitet [stehe Code], die keinen Eingriff von außen in der Erfüllung der Funktion toleriert. In jedem Teilsystem bedeutet der Code die Verwerfung der Unterscheidungen der anderen Teilsysteme, aber auch die Akzeptanz ihrer Relevanz in der Gesellschaft.

 

Im Wirtschaftssystem wird zum Beispiel die Orientierung an der wissenschaftlichen Wahrheit verworfen, aber die Relevanz der Wissenschaft für die Gesellschaft akzeptiert. Mit einem Begriff des Logikers Gotthard Günther kann man sagen, daß die funktional differenzierte Gesellschaft polykontextural definiert ist; mehrere Codierungen gelten zugleich, obwohl sie sich gegenseitig verwerfen. Die Beziehungen zwischen den Funktionen sind nicht hierarchisch auf der Ebene der Gesamtgesellschaft geregelt; die Ungleichheit zwischen den Systemen stützt sich also nicht mehr aufdie Hierarchie.

 

Trotz der Ungleichheit zwischen den Funktionen und der Hypostasierung der eigenen Funktion in jedem System hat die Gesellschaft kein Zentrum und keine Spitze. Alle Funktionen müssen erfüllt werden, weil alle für die Gesellschaft grundlegend sind, und keine kann das Primat besitzen. Das hat auch die Unmöglichkeit einer Selbstbeschreibung der Gesellschaft unter einem einzigen Gesichtspunkt (des Zentrums oderder Spitze) zur Folge.           In der funktional differenzierten Gesellschaft beobachten dieTeilsysteme die Welt nicht gleichförmig (wie in den segmentären Gesellschaften) oder dogmatisch (wie in den stratifiziertenGesellschaften). Die Differenz System/Umwelt hat je nach Teilsystem eine andere Bedeutung. Jedes Funktionssystem produziert Selektionen nach Maßgabe der eigenen Unterscheidungen und toleriert eine sehr komplexe Umwelt - unter der Voraussetzung, daß die anderen Funktionen auch erfüllt werden. Im Vergleich zu früheren Gesellschaften wird Redundanz reduziert und Varietät erhöht [siehe Redundanz/Varietät]. Die Probleme derGesamtgesellschaft werden in jedem Teilsystem behandelt, das eigene Typologien und eigene Problemlösungen produziert: Inden unterschiedlichen Funktionssystemen vollzieht sich also diegleichzeitige Behandlung der wichtigsten Probleme der Gesellschaft. Tatsachen, Ereignisse und Probleme werden durch ihreSpezifizierung in den Teilsystemen generalisiert. Die Komplexitäts-zunahme im Vergleich zu früheren Gesellschaften entsteht aus dieser prioritätenlosen Vielseitigkeit der Beobachtung. Jedes Teilsystem kann nicht nur die Gesellschaft, sondern auch weitere Teilsysteme beobachten. In diesem Fall spricht man von Leistung. 

Auch wenn es sich hauptsächlich auf die Funktion für die Gesellschaft bezieht, muß jedes Funktionssystem Leistungen für andere Teilsysteme berücksichtigen: im politischen System werden Gesetze für die Wirtschaft erlassen, im Wirtschaftssystem wird wissenschaftliche Forschung finanziert, im Erziehungssystem wird für die Arbeit ausgebildet. Das bedeutet, daß die Funktionssysteme nicht nur unerläßlich autonom operieren, sondern auch auf eine enge Weise interdependent sind. Die Interdependenzen haben eine je nach System unterschiedliche Bedeutung: Das Erziehungssystem beobachtet zum Beispiel die Politik anders als das Rechtssystem, und für das politische System sind diese unterschiedlichen Perspektiven eine Differenzierung derUmwelt, die in den Umwelten des Erziehungssystems oder desRechtssystems nicht zu finden ist. Einzelne kommunikative Ereignisse können auch als Simultanoperationen von unterschiedlichen Teilsystemen identifiziert werden [siebe strukturelle Kopplung]: Der Vollzug einer Ehe ist zum Beispiel sowohl eine Rechtskommunikation als auch eineKommunikation in der Familie (und vielleicht auch eine religiöseKommunikation).

 

Die autopoietische Schliessung der beteiligten Funktionssysteme wird jedoch nie aufgehoben. Sie bestimmt die Fortsetzung der Kommunikation: Nach der Eheschließung orientiert sich die Kommunikation in der Familie nicht an Gesetzen, während die rechtliche Stellung der Ehepartner sich nicht an der Frage ihrer Liebe orientiert. Außer der Gesellschaft und den anderen Teilsystemen kann ein Funktionssystem auch sich selbst durch Reflexion [siehe Reflexion] beobachten. Das politische System kann sich zum Beispiel mit Hilfe der politischen Theorie und das Erziehungssystem kann sich mit Hilfe der Pädagogik beschreiben. Jedes System bezieht aus der Reflexion die Möglichkeit, sich selbst als aus der Umwelt ausdifferenziert zu beobachten, also auch sich auf andere Systeme (die Gesellschaft oder andere Teilsysteme) zu beziehen. Um sich selbst reproduzieren zu können, muß jedes Funktionssystem seine Funktion - für die Gesellschaft -, seine Leistungen - für andere Teilsysteme - und seine Reflexion - auf sich selbst - differenzieren und kombinieren können. Die funktional differenzierte Gesellschaft ist das erste Beispiel einer Weltgesellschaft: Sie schließt alle in der Welt produzierten Kommunikationen ein - ohne Beschränkungen aufgrund territorialer Diskontinuitäten. In der vormodernen Zeit war jede Gesellschaft durch territoriale Grenzen definiert, außerhalb deren andere Kommunikationsbedingungen galten; heute existieren dagegen in der Welt uniforme Gesellschaftsbedingungen: Die unterschiedlichen Funktionen (Wirtschaft, Politik, ErziehungWissenschaft usw.) werden nicht nur innerhalb der Territorialgrenzen erfüllt, sondern simultan in der ganzen Welt. Die Einheit der Gesellschaft kann also nicht mehr durch diese Territorialgrenzen bestimmt werden; die Differenzen zwischen den geographischen Gebieten können nur in bezug auf eine umfassende Gesellschaft beobachtet werden - etwa mit Hilfe der Unterscheidung zwischen entwickelten und unterentwickelten Gebieten. 

In der funktional differenzierten Gesellschaft verschwinden Stratifikation und Segmentation als Differenzierungsmusternicht. Sie sind aber nicht mehr die primären Differenzierungsformen und gewinnen deshalb eine neue Bedeutung. Auch wenn dieStratifikation keine Grundprämisse in der Gesellschaft mehr ist, wird sie ständig durch Auswirkungen der funktionalen Differenzierung reproduziert und sogar verstärkt als Differenzierung inmehr oder weniger offenkundige soziale Klassen. Die Segmentation reproduziert sich ihrerseits in Formen, die von Funktionen abhängig sind: zum Beispiel als Differenzierung der Nationalstaaten in der Politik, der Unternehmen in der Wirtschaft, der Schulen im Erziehungssystem. Die Differenzierung nach Funktionen verbreitert und differenziert den Horizont der Möglichkeiten, die für jedes Funktionssystem verfügbar sind; sie reichert die Beziehung zwischen Independenzen und Interdependenzen der Teilsysteme an; sie regt Variationen in der Gesellschaft an und erhöht die Bedingungenfür Selektivität im Vergleich zu früheren Differenzierungsformen. Das bedeutet sowohl Vorteile als auch Probleme, weil dadurch den sozialen und den psychischen Systemen sehr viel höhere Komplexität verfügbar wird.

Zur Differenzierung von Systemen innerhalb der Gesellschaftkommt es nicht nur in der Form der primären Differenzierung sondern auch in der Form innerer Differenzierung zahlreicher weiterer sozialer Systeme, die mit den Teilsystemen verbunden oder auch nicht verbunden sein können. Diese weitere Differenzierung ergibt sich aus Situationen doppelter Kontingenz [siehe doppelte Kontingenz] innerhalb einer schon strukturierten Gesellschaft. So entstehen zunächst viele kleine soziale Systeme, die ständig aufgelöst und wiederaufgebaut werden: die Interaktionen [siehe Interaktion]. Und im Zusammenhang mit den Funktionssystemen bilden sich in der modernen Gesellschaft besondere organisierte Systeme [siehe Organisation].  [C. B.]

Bibliografie: Die Gesellschaft der Gesellschaft, l997, s. 609 ff.; Gesellschaftsstruktur und Semantik I, I980; Ökologische Kommunikation, I986; Differentiation of Society, I977 


                                

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