Niklas Luhmann
Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie
Wiener Vorlesungen Picus 1996




Luhmann Phänomenologie 30

Die Form, in der das Bewußtsein seine Operationen vollzieht, wird von Husserl (im Anschluß an Brentano) als Intention bezeichnet. Das setzt nach heutiger Vorstellung eine Kausalattribution, eine Zurechnung auf eine Absicht voraus. Wollte man dies mitberücksichtigen, würde sich jedoch die Eindeutigkeit des Begriffs auflösen; denn es käme dann darauf an, wer zurechnet und im weiteren: welche psychischen und welche sozialen Systeme (zum Beispiel Gerichte). Für Husserl, der das Bewußtseinsleben aus sich selbst heraus und als allgemeine Form erklären will, muß dies jedoch außer Acht bleiben. Man könnte daran denken, ausschließlich Selbstzurechnung in Betracht zu ziehen. Aber auch dies würde nicht in den Theorierahmen Husserls passen; denn Selbst- und Fremdzurechnungen variieren, wie eine umfangreiche psychologische Forschung zeigt, mit anderen Personenmerkmalen, also von Person zu Person. Es bleibt uns also nur die Möglichkeit, in der Art einer Husserlschen Epoche von Zurechnungsfragen abzusehen. Aber was bleibt dann zurück?

Vielleicht könnte man sagen: Intention ist nichts weiter als das Setzen einer Differenz, das Treffen einer Unterscheidung, mit der das Bewußtsein sich selbst motiviert, etwas Bestimmtes (und nichts anderes) zu bezeichnen, zu denken, zu wollen. Das würde zu einer mathematischen Theorie passen, die George Spencer Brown als Indikationenkalkül oder als Theorie operativ produzierter Formen ausgearbeitet hat. Das erste und unausweichliche Gebot des Bewußtseins wäre danach: draw a distinction, und dies in bewußter Form: als Eigenleistung der Selbstreproduktion des Bewußtseins.

Auch Husserls Weltbegriff würde damit harmonieren. »Welt« ist nach Husserl ein Endloshorizont immer weiterer Möglichkeiten, in dem aber alles, was überhaupt intendiert wird, Bestimmtheit annehmen muß. »Die Unbestimmtheit (des Horizontes, N.L.) bedeutet ja notwendig Bestimmbarkeit eines fest vorgeschriebenen Stils«, heißt es in Husserls »Ideen«. Bei George Spencer Brown würde die gleiche Aussage lauten, daß jede Unterscheidung das Kreuzen einer (durch sie selbst gesetzten) Grenze zwischen unmarked space und marked space erfordert.

Im Anschluß daran könnte man fragen: wie ermöglicht diese intendierende Füllung unbestimmbarer Horizonte sich selbst? Oder noch schärfer: Wie kompensiert sie das Risiko, das darin liegen muß, daß man Unbestimmtheiten als Bestimmbarkeiten behandelt und im seriellen Vollzug von intendierten Bestimmungen eine Geschichte erzeugt, die man dann selber ist?

Dies Problem taucht bei Husserl nicht auf, weil es als immer schon gelöst behandelt wird, und zwar als gelöst durch die Doppelstruktur von Noesis und Noema. Die Unterscheidung wird eingeführt als Befund der Selbstreflexion, unabhängig von allen empirischen Nachweisen - sozusagen per transzendentaler Evidenz. Jeder kann sie in sich selbst vorfinden - und niemand hat dem bisher widersprochen. Eben deshalb ist das Phänomene-erscheinen-Lassen eine unabdingbare Komponente des Bewußtseins. Die Theorie, die das beschreibt und sich dabei auf ihre eigenen Evidenzen stützt, heißt dann »Transzendentale Phänomenologie«. Sie macht sich unabhängig von kosmologischen Vorgaben, unabhängig auch von der ontologischen Unterscheidung von Sein und Schein. Phänomenologie ist jetzt nicht mehr eine Lehre von der Welt, wie sie erscheint, nicht mehr eine vorläufige Wissenschaft, der die Aufgabe noch bevorsteht, den Schein zu durchstoßen, um eine Erkenntnis des wirklichen Seins zu erreichen. Sondern Phänomene, das sind die Sachen selbst, »Realien«, die zum Operieren des Bewußtseins gehören so wie auf der anderen Seite das Bewußtsein des Bewußtseins, also das Bewußtsein, daß das Bewußtsein bewußt operiert. Es hat demnach keinen Sinn, mehr zu verlangen oder Wissen in anderer Form zu verlangen, jedenfalls nicht vom Bewußtsein. Das wird in sehr detaillierten Analysen ausgeführtaus - zum Beispiel in den Analysen von Wahrnehmung mit Hilfe des Begriffs der »Abschattung« in § 41 der Ideen.ig Abschattung ist eine Leistung des Bewußtseins, die es erbringt, um Phänomene als Dinge identifizieren zu können: »Jede Bestimmtheit hat ihr Abschattungssystem«. Die kontinuierliche Erscheinungs

Es ist, anders gesagt, die Differenz von Noesis und Noema, von Vorstellen und Vorgestelltem, die die Beschreibbarkeit der Welt gewährleistet und bestimmbare »Gegenstände« konstituiert. Es hat deshalb auch keinen Sinn, und hier sind wir bei Husserls Einwand gegen die neuzeitlichen Wissenschaften, die subjektiv sinnstiftenden Leistungen des Bewußtseins durch methodische Vorkehrungen zu neutralisieren. Denn mit ihnen würde auch die Objektwelt verschwinden. Daß das vergessen wurde, war nach Husserl der Irrweg der galileiisch-cartesianischen Wissenschaftsidee.

Es ist nur eine leichte, im Ergebnis dann aber folgenreiche Reformulierung, wenn man die Unterscheidung von Noesis und Noema durch die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ersetzt. Das ist, wie mir scheint, ohne Sinnverlust möglich und bringt deutlicher heraus, daß die beiden Referenzen einander bedingen. Das Bewußtsein kann sich nicht selbst bezeichnen, wenn es sich nicht von etwas anderem unterscheiden kann; und ebensowenig kann es für das Bewußtsein Phänomene geben, wenn es nicht in der Lage wäre, fremdreferentielle Bezeichnungen von der Selbstbezeichnung zu unterscheiden. Die sich durch Intentionen steuernde Operationsweise des Bewußtseins ist nur auf Grund dieser Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz möglich. Die Unterscheidung hält es für das Bewußtsein offen, ob im weiteren Verlauf des Operierens Probleme mit den Phänomenen oder Probleme mit dem Bewußtsein selbst auftauchen. Was kann man mit diesem Ding anfangen, könnte man fragen. Oder: habe ich mich geirrt? Und formaler ausgedrückt: Das intentionale Operieren ist ein ständiges Oszillieren zwischen Fremdreferenz und Selbstreferenz und verhindert auf diese Weise, daß das Bewußtsein jemals sich in der Welt verliert oder in sich selbst zur Ruhe kommt.

Damit ist schon angedeutet, daß Zeit eine Rolle spielt; und dies nicht einfach nur so, sondern aus Gründen, die theoretisch rekonstruiert werden, also verstanden werden können. Husserl selbst hat umfangreiche, introspektiv gewonnene Analysen des »inneren Zeitbewußtseins« vorgelegt. Dabei ist das Entscheidende als Befund der Introspektion vorausgesetzt: daß dem Bewußtsein die eigene Zeitlichkeit stets nur im Moment des aktuellen Operierens (Husserl: des Bewußtseinslebens) zugänglich ist - weder vorher noch nachher. Das Bewußtsein existiert selbstzugänglich nur in den eigenen Operationen; und von da her kann Zeit nur in der Form momenthaft-aktueller Retention bzw. Protention gegeben sein. Alles weitere ist horizontförmige Rekonstruktion von nicht mehr aktueller Vergangenheit und noch nicht aktueller Zukunft, womit eine Gegenwart entsteht, die als Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft eingesetzt wird und es erlaubt, Differenzen und Übereinstimmungen (Diskontinuitäten und Kontinuitäten) in einer »objektiv« erscheinenden Welt - wiederum: zu unterscheiden.

Wenn das im Bewußtsein so vorgefunden wird, kann man aber immer noch fragen: Warum ist das so? Und wie hängt diese eigentümliche Temporalität des Bewußtseins mit den anderen Bewußtseinsmerkmalen zusammen? Und vor allem: Weshalb verdeckt sich das Bewußtsein seine eigene, radikal innerliche, »subjektive« Zeit durch die Annahme einer objektiven, einer chronologischen Zeit, in der es sich als sich-bewegend, als Bewußtseinsstrom rekonstruieren muß, so daß es erst einer phänomenologischen Analysetechnik bedarf, um die Wahrheit (wenn es denn das ist) herauszubekommen?

So zu fragen, so nach Erklärung zu fragen, überschreitet die deskriptiven Befunde einer introspektiv vorgehenden Phänomenologie. Wir kehren aber auch nicht zu den Prämissen einer ontologischen Metaphysik zurück, die nur fragen konnte, ob die Zeit überhaupt »ist« und nicht vielmehr »nicht ist«. Wir geraten auf ein merkwürdig ungesichertes Gelände, auf dem selbst Heidegger nur Holzwege ausmachen konnte.

Stellt man zunächst einmal die abstrakte Frage: wer unterscheidet überhaupt Zeit?, und wer unterscheidet die Zeit in der Zeit nach dem Schema vorher (Retention) und nachher (Protention)?, dann sieht man, daß Husserl hier noch der Metapher des Flusses oder der Bewegung und damit einer langen europäischen Tradition verhaftet bleibt. Diese hatte seit Aristoteles und dann wieder seit der Einführung der mechanischen Uhren im 14. Jahrhundert die Frage der Unterscheidung als Frage der Zahl, des Maßes, der Chronologie behandelt und als Substrat der Chronologie, als das zu Messende, Bewegung vorausgesetzt. Das genügte einstweilen, um den Beobachter in Distanz zur Zeit zu bringen, als einen Beobachter, der die Zeit richtig oder falsch abliest, mißt, berechnet. Auf dieser Grundlage ist jedoch, da Zeitmessung selbst schon Technik ist (denn sie muß exakte Wiederholbarkeit garantieren) die von Husserl intendierte Technik-Kritik nicht mit letzter Radikalität durchführbar. Wenn man dagegen davon absieht, die Unterscheidung der Zeit in der Zeit als Messung oder als Zahl zu begreifen: welche Gründe gäbe es dann, an einem ontologischen bzw. phänomenologischen Substratbegriff der Bewegung, des Fließens, des Strömens festzuhalten?

Es fällt sicher schwer, darauf zu verzichten und gleichsam augustinisch zu argumentieren: wir wissen nicht, was Zeit ist. Immerhin gibt es zwei wichtige Anhaltspunkte. Einerseits impliziert die Operationsweise des Intendierens immer schon Zeit, jedenfalls im Sinne eines Transzendierens der im Moment aktualisierten Befindlichkeit. Vor allem aber kann ein laufendes Oszillieren zwischen Fremdreferenz (Phänomenen) und Selbstreferenz (Bewußtsein) nur eingerichtet werden, wenn Zeit für das Umdirigieren der 5 Schwerpunktsetzungen zur Verfügung steht und wenn man bei jeder Faszination durch Phänomene schon weiß, daß man im nächsten Moment gerade dies leid sein wird und sich fragen wird: Warum interessiert mich das überhaupt? Läßt man Zeit außer Acht oder verläßt man sich auf eine ontologisch orientierte Logik, die Zeit nicht einbeziehen kann, bekommt man es, wie Techniker der formalen Kalkulationen wissen, mit Paradoxien zu tun. Man muß dann entweder »gödelisieren«, also die durch die Prämissen des Kalküls gezogenen Grenzen transzendieren, oder »temporalisieren«, also dem kalkulierenden System Zeit geben. Es geht dann nicht mehr um wahr/falsch sondern um flip/flop.

Husserl hatte wohl gemeint, die Einheit seiner Transzendentalen Phänomenologie durch die Einheit ihres Objekts »Subjekt« garantieren zu können. Wir können jetzt bereits ahnen, daß man darauf verzichten kann. Der aufgedeckte Zusammenhang von Operation, Bistabilität (Selbstreferenz/Fremdreferenz), Zeit und Oszillation trägt sich selbst - und ist deshalb möglicherweise auch an ganz anderen Objekten nachzuweisen. Die gesuchte Einheit könnte demnach die Oszillation selbst sein, nämlich die Notwendigkeit, bei der Besetzung der einen Seite einer Form (also Fremdreferenz und nicht Selbstreferenz, Objekt und nicht Subjekt, Beobachtetes und nicht Beobachtendes oder umgekehrt) die andere Seite für Wiederbesetzung freizugeben. Das würde unter anderem voraussetzen, daß das System über ein Gedächtnis verfügt, das das Freigegebene als wiederbesetzbar festhält und dadurch die 111usion zeitbeständiger Objekte (oder Phänomene) erzeugt. Das Gedächtnis objektiviert, es kontrahiert, es errechnet die Beziehung Identität zwischen den Bezeichnungen von Beobachtungen, die als Operationen nur nacheinander vollzogen werden können.

Diese stark abstrahierte Reformulierung des Husserlschen Theorieentwurfs ließe sich deshalb vor allem für Theorievergleiche einsetzen. So fällt, um nur dies zu nennen, die Isomorphie mit Strukturen auf, die die kybernetische Systemtheorie seit ihren Anfängen bestimmt haben. Die Kybernetik übt zwar keine Urteilsenthaltung im Sinne von Husserls »Epoche«. Aber auch sie traut der Welt nicht und interessiert sich deshalb für Kontrolle. Auch jene merkwürdige Bistabilität von selbstreferentiellen und fremdreferentiellen Anschlußmöglichkeiten wird vorausgesetzt. In der Kybernetik ist Selbstreferenz durch die bekannte (zumeist kausale interpretierte) feedback-Schleife vertreten. Fremdreferenz findet man als zielgerichtetes Verhalten wieder. Die Operationsweise selbst besteht in der Transmission von Signalen, also ebenfalls in einer Sequenz, die Zeit braucht und mit immer neuen Informationen fortgesetzt werden muß, wenn das System nicht aufhören soll zu operieren; und Operieren heißt Existieren. Erst im Formenkalkül von George Spencer Brown kommt jedoch Zeit in einem ganz anderen Sinne ins Spiel. Im Ubergang zu Gleichungen zweiter Ordnung, zu rekursiven Funktionen, zu einem re

Niklas Luhmann

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