Niklas Luhmann
Die Religion der Gesellschaft
Suhrkamp 2002


Boe: Diese Auszüge sind das Ergebnis meines Versuches einen "Zettelkasten" anzulegen. Ich versuche mit Stichwörtern und Zitaten den Gedankengang Luhmanns mir einzuprägen.

Luhmann-Religion14-2010

13 ...eine Neubeschreibung der soziologischen Religionstheorie.

Wir wollen den Begriff Mensch durch den Begriff Kommunikation und damit die anthropologische Religionstheorie der Tradition durch eine
Gesellschaftstheorie ersetzen. Die Frage, welchen Ertrag das bringt, wird uns in den folgenden Kapiteln ausführlich beschäftigen. Im Augenblick kommt es nur darauf an, auf der Radikalität dieses Wechsels der Metaphorik, dieser Neubeschreibung hinzuweisen.

13 Die Religionssoziologie behandelte Religionen als soziale Tatsachen oder soziale Formen mit dem Anspruch, eine nicht religiös gebundene Beschreibung liefern zu können. Aber: was ist der Standort und die Wahrheit dieser Beschreibung in einer Gesellschaft, die die Religion von Bindungen an Logik und Erkenntnistheorie freistellt, um ihr einen Blick auf das Generieren von Formen schlechthin zu ermöglichen?

Die Religionsphänomenologie muss eine transzendentaltheoretische Prämisse annehmen, wenn sie nicht schlicht "Phänomene" mit "Tatsachen" verwechseln und das Paradox der "Inter-subjektivität" als Interobjektivität missverstehen will. Aber zugleich gibt es ja in derselben Gesellschaft Religionen, die ihrerseits über das "Sujekt" sprechen, dessen transzendentale Selbstgewissheit in Frage stellen und auf Selbstungewissheit mit Sinnangeboten zu reagieren versuchen.

Generieren von Formen ( = Unterscheidungen)

Luhmann_Religion14
14...kann es eine wissenschaftliche Beschreibung von Religion geben, wenn die Religion ihrerseits den Anspruch erhebt, die Ausschliessungskraft von Formen (als »dies und nicht das«) begründen zu können ? Kann man hier noch kausalwissenschaftlich vorgehen, oder muß man auf kybernetische Theorien zurückgreifen, die zirkuläre, auf der operativen Selbsteinschränkung des Zirkels beruhende Erklärungen bevorzugen?
Und wenn Religion eine paradoxe Beobachtungsweise ist: wie erklärt man dann das Generieren von Formen ( = Unterscheidungen), an die sich weitere Beobachtungen anschließen lassen? Und: handelt es sich nicht bei beiden Fragen um dieselbe Frage: um den Umgang mit zirkulären, selbstreferentiellen Verhältnissen ?

Boe: Was ist....? Seins-Fragen - Probleme der Definition von Bedeutung
Es geht um
Formbildung, um das Generieren von Formen, d.h. um Unterscheidungen. Unterscheiden heisst zwei Seiten durch eine Grenzziehung zu erzeugen. Beobachten heisst eine Seite zu bezeichnen, zu "markieren". Die andere Seite bleibt unmarkiert, unmarked space (und kann nur durch eine neue Unterscheidung, eine neue Beobachtung (unterscheiden-bezeichnen) er-fasst, be-griffen werden.

kann Religion extern nur im Modus der
Beobachtung zweiter Ordnung, nur als Beobachtung ihrer Selbstbeobachtung definiert werden - und nicht durch ein Wesensdiktat von aussen.

Boe: Wie funktioniert....?, wie operiert....? Welche Formen (Unterscheidungen) werden generiert? Prozess-Fragen - Probleme der Genese von Bedeutung - Sinn. Medium Sinn: Beobachtung - beobachten. Beobachtung zweiter Ordnung: beobachten des Beobachtens.
Welche Unterscheidungen braucht der Beobachter des Religionssystems (Religion als Form von Kommunikation)


Medium für jede Formbildung - Sinn - Unbeobachtbarkeit von Sinn

II. Das allgemeinste, nicht transzendierbare Medium für jede Formbildung, das psychische und soziale Systeme verwenden können, nennen wir "Sinn".

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Mit dem Begriff des Mediums ist festgelegt, daß Sinn nicht beobachtet werden kann - ebensowenig wie das Licht.
Beobachtungen setzen ja unterscheidbare Formen voraus, und diese Formen können nur im Medium und nur in der Weise gebildet werden, daß andere Möglichkeiten der Formbildung im Moment außer acht bleiben. Die Unbeobachtbarkeit von Sinn gibt denn auch einen ersten Hinweis darauf, dass dies etwas mit Religion zu tun haben könnte.

Sinn der Form einer Grenze - Paradox - Selbigkeit von Bejahung und Verneinung, von wahr und unwahr, von gut und schlecht - Entfaltung einer Paradoxie

Das Medium Sinn enthält also einen Hinweis auf seine eigenen Grenzen. Aber damit ist zugleich gesagt, daß diese Grenzen mit sinnhaften Operationen nicht überschritten werden können. Man kann nur die Grenze auf ihrer Innenseite berühren und sich durch den Sinn der Form einer Grenze anzeigen lassen, daß es etwas außerhalb geben müsse.

Deshalb kann man, im psychischen Erleben und im Kommunizieren, mit Sinnlosigkeiten derart umgehen, daß man genau ihnen eine Form gibt. Diese Form symbolisiert dann für die weiteren Operationen Unverwendbarkeit; oder auch die Notwendigkeit, andere Anschlußmöglichkeiten zu suchen. Sie wird in der Tradition als »
Paradox« bezeichnet.

...daß jeder Sinn (und also auch: jeder Letztsinn) seine eigene Einheit nur als Paradoxie behaupten kann: als Selbigkeit von Bejahung und Verneinung, von wahr und unwahr, von gut und schlecht - von welchen positiven und negativen Fixierungen auch immer. Es gibt deshalb keine Einheit, auf die sich alles andere gründen ließe.

17/18
Was immer bestimmt wird, muß die Form der Entfaltung einer Paradoxie annehmen - der Ersetzung der Einheit der Paradoxie durch eine (irgendwie plausible, damit aber auch historisch relative) Unterscheidung bestimmbarer Identitäten.

Sinn = Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit - Sinn ist Verschiebung, ist "différance" (Derrida), ist »unlimited semiosis« (Peirce)

Sinn ist danach (und wieder: für einen Beobachter, der so unterscheidet) die Einheit der Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit.

Sinn ist Verschiebung, ist "différance" (Derrida), ist »unlimited semiosis« (Peirce), und doch muß man bei jeder Aktualisierung glauben können, daß es irgendwo einen festen Halt gibt, weil man schließlich sicher ist, daß es weitergeht. Dem entspricht die
Auflösung aller ontischen Bestimmtheiten in Zeitverhältnisse. Anschlußfähigkeit heißt auch: daß jede Aktualisierung die Form eines Ereignisses annehmen muß, das mit der Aktualisierung bereits wieder erlischt. Formen müssen daher aber das rettet sie nicht für immer, die Form einer (wiedererkennbaren) Struktur annehmen.

Boe: ontische Bestimmtheit = statisch, immer schon vergangen. Zeitverhältnisse = Prozessdenken, Dynamik von Sinn (Bedeutung) - Semiose

Somit gilt für das Medium Sinn und für alle derivativen Medien (Sprache zum Beispiel) ein eisernes Gesetz: Unverwendetes ist stabil, Verwendetes dagegen instabil. Der große Vorteil dieser Lösung ist: daß sie es den Systemen, die darüber verfügen, ermöglicht, sich vorübergehend vorübergehenden Lagen anzupassen. Sie können sich damit auf eine komplexere, zeitlich instabile Umwelt einlassen. Sie bleiben nicht, einmal auf Umwelt eingestellt, an der Umwelt kleben. Und das ist nur eine andere Formulierung für Ausdifferenzierung und operative Autonomie.

»unmarked space«

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Jede Determination, auch die Determination als »nur möglich«, als »unwahrscheinlich«, als »unmöglich«, erfolgt als Determination aus einem »unmarked space« heraus, der dadurch mitreproduziert wird.

Bezeichnet man Sinn als Medium, so bezeichnet man Sinn als unnegierbare Kategorie. Denn eine Negation wäre eine Bezeichnung, die ihrerseits wiederum ein Medium, also als allgemeinstes Medium Sinn voraussetzen würde. Die Leugnung von Sinn liefe auf einen »performativen Selbstwiderspruch« hinaus. Wenn man etwas als »sinnlos« bezeichnet, muß also ein anderer Gegenbegriff vorausgesetzt sein als »Sinn«.

Sinnlosigkeit - sinnvoller Sinn - Selbstbeschreibung - Identität -

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Einem Vorschlag von Alois Hahn folgend, kann man das Gefühl der Sinnlosigkeit und die Suche nach sinnvollem Sinn auf die
Selbstbeschreibung von psychischen bzw. sozialen Systemen beziehen. Dabei ist vorausgesetzt, daß mit Selbstbeschreibungen die Identität der Systeme bezeichnet wird, also etwas, was im System als nicht auswechselbar behandelt werden muß.


Luhmann_religion24 - 2010

Unterscheidung - Beobachter - wie die Welt Unterscheidungen generiert
Selbstreferenz/Fremdreferenz

24 Und
wenn man nach Unterscheidungen fragt, fragt man nach dem, der sie trifft - nach dem Beobachter.

Die Unterscheidung von Beobachter und Unterscheidung ist selbst eine Unterscheidung, und die Frage ist dann: wer ist hier der Beobachter?, oder genauer: wie muß ein Beobachter beschaffen sein, daß er in der Lage ist, seine Unterscheidungen und sich selbst zu unterscheiden?

Boe: Selbstreferenz/Fremdreferenz

(Siehe Laws of Form, Neudruck New York 1979, S. 76: »An observer, since he distinguishes the space he occupies, is also a mark...We see now that the first distinction, the mark, and the observer are not only interchangeable, but, in the form, identical.«

Systembildung - rekursive Netzwerke - Operation - re-entry

Wir setzen den Fortgang bei der Überlegung an, daß
Operationen im allgemeinen und Beobachtungen im besonderen nicht als Einzelereignisse möglich sind, sondern rekursive Netzwerke voraussetzen, mit deren Hilfe sie sich reproduzieren und damit zugleich diesen Reproduktionszusammenhang gegen eine Umwelt abgrenzen, die keine Operationen, sondern nur Ressourcen und Störungen beisteuert.

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Dieser Ausgangspunkt verweist auf Systembildung, und genauer: auf die Bildung operativ geschlossener, autopoietischer Systeme, die unter weiteren Bedingungen fähig sein können, sich selbst nicht nur auszudifferenzieren, sondern im Anschluß daran sich selbst von ihrer Umwelt zu unterscheiden. Die Unterscheidung von System und Umwelt wird dabei in sich selbst hineingedoppelt; und dies, wie sich aus unseren Prämissen ergibt, auf derjenigen Seite, die Anschlussfähigkeit bereithält - auf der Seite System. In der Terminologie von Spencer Brown handelt es sich um ein "re-entry" der Form in die Form

Selbstbestimmung - Selbstorganisation - Unterscheiden - Bezeichnen

Andererseits ist jedoch die Selbstbestimmung (Selbstorganisation) durch den Unterschied von Selbstreferenz und Fremdreferenz unerläßliche Voraussetzung für evolutionäre Selektion. Alle höheren Formen des Bewußtseins und alle soziale Kommunikation bleiben darauf angewiesen. Keine Gesellschaft wäre auch nur in Gang gekommen, wenn man nicht gelernt hätte, zwischen Worten (Selbstreferenz) und Dingen (Fremdreferenz) zu unterscheiden.

Verglichen mit dem
Unterscheiden schlechthin, das als Operation aus dem unmarked space der Welt auf etwas Bezeichnetes zugreift und dies dadurch vom unmarkierten Bereich der Welt unterscheidet - im Unterschied also zu dieser Normalform des Unterscheidens hat die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz den bedeutenden Vorzug, auf beiden Seiten anschlussfähig zu sein. Das System kann beobachten, daß es beobachtet.

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Wir hatten den klassischen Begriff des Subjekts durch den Begriff des Beobachters ersetzt, um klarzustellen, daß die Operationen, die das Medium Sinn produzieren und reproduzieren, in der realen Welt ablaufen und nicht in einer transzendentalen Sphäre außerhalb der Realität. Das hat freilich Konsequenzen für den Begriff der Realität. Realität wird damit zu einem rhetorischen Konstrukt, zur »conformity to orthodox practices of writing and reading«. Mit dieser Form verfügt die Kommunikation über die Möglichkeit, einen Gegenbegriff zu Realität zu bilden - sei es Idealität, sei es Subjektivität.

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Unbeobachtbarkeit der Welt und des Beobachters - Der Beobachter ist die Einheit der Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz - evolutionäre Errungenschaft »Sinn« -
Unterscheidung unbeobachtbar/beobachtbar
Form des Grundparadoxes der Selbigkeit des Verschiedenen.


Die Unterscheidung Beobachter/Welt unterscheidet sich von der Unterscheidung Beobachter/Beobachtetes. Diese Unterscheidung läuft auf die Unterscheidung unbeobachtbar/beobachtbar hinaus, mit der die Welt (man weiß nicht wer, man weiß nicht wie) sich selbst beobachtet.

Der Beobachter ist die Einheit der Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz. Er kann sich daher nicht selber bezeichnen. Er bleibt für sich selbst unsichtbar. Und ebenso die Welt, die für ihn als Einheit der Differenz von System und Umwelt fungieren müßte.

Die ganze Beobachtungsapparatur des doppelseitig bezeichnungsfähigen Unterscheidens findet sich in den unmarked space der Welt eingebaut, aus dem heraus auch der Beobachter beobachtet. Daran ändert sich durch diese
evolutionäre Errungenschaft »Sinn«, die Bewußtsein, Gesellschaft, Sprache, Kultur (und dürfen wir schon sagen: Religion?) überhaupt erst möglich macht, nichts.
Man darf konzedieren,
daß die Intention auf Beobachtung der Einheit der Differenz möglich bleibt und in der Sinnwelt Sinn macht. Aber dieser Sinn nimmt die Form des Paradoxes an, die Form des Grundparadoxes der Selbigkeit des Verschiedenen.

...die Beobachtungsoperation stösst aus dem Unbeobachtbaren ins Beobachtbare vor - draw a distinction! ist die Anweisung zum Kreuzen dieser Grenze. Um eine solche erste Unterscheidung kommt man auf keiner Ebene des Beobachtens herum -
das ausgeschlossene Dritte, die Einheit der Unterscheidung

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Ein Beobachter kann beobachten, daß und wie ein Beobachter beobachtet. Es gibt durchaus beobachtbare
Beobachtungen zweiter Ordnung. Doch welcher Ordnung immer: die Beobachtungsoperation stösst aus dem Unbeobachtbaren ins Beobachtbare vor.

Die Weisung Spencer Browns: draw a distinction! ist die Anweisung zum
Kreuzen dieser Grenze. Um eine solche erste Unterscheidung kommt man auf keiner Ebene des Beobachtens herum - auch dann nicht, wenn man Beobachter beobachtet, und auch dann nicht, wenn man sich selbst als Beobachter beobachtet. Einfacher gesagt: die Operation des Beobachtens bleibt für sich selbst unbeobachtbar.

Das Beobachten bewegt sich innerhalb, nicht außerhalb seiner Unterscheidung. Für alles Beobachten gilt: »Distinction is perfect continence«. Es selbst ist jedoch
das ausgeschlossene Dritte, die Einheit der Unterscheidung, die in der Unterscheidung selbst nicht unterscheidbar ist. Es benötigt, sagt man, einen »blinden Fleck«. Oder in transzendentaltheoretischer Sprechweise: die Unbeobachtbarkeit der Beobachtung ist die Bedingung der Möglichkeit von Beobachtung, die Bedingung des möglichen Zugriffs auf Gegenstände.

Kreuzen der Grenze - cross - re-entry

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Begriff des "re-entry". Von re-entry kann mit Bezug auf sehr verschiedene Unterscheidungen die Rede sein. Wir hatten oben von der Möglichkeit eines re-entry der Unterscheidung von System und Umwelt ins System gesprochen. Im Falle der Religion geht es dagegen um ein re-entry der Unterscheidung beobachtbar/unbeobachtbar ins Beobachtbare.

Das einfache Beobachten erfordert nur das Kreuzen der Grenze, die das zu Bezeichnende unterscheidet von allem anderen. Diese Grenze gibt es nicht vorher, sie entsteht überhaupt erst, indem man sie kreuzt. Die Unterscheidung muß ein Moment der Operation sein (sonst könnte man nichts im Unterschied zu anderem bezeichnen), aber sie muß nicht als Form markiert werden. Das wird im Falle eines re-entry anders, denn diese Operation kann nur vollzogen werden, wenn die Unterscheidung bezeichnet wird, die in ihren selbstgeschaffenen Bereich wiedereintritt. In Spencer Browns Terminologie: das »cross« (Anweisung zu kreuzen) muß als »marker« (Bezeichnung der Form) benutzt werden. Und das kann man tun, ohne den marker zum Kreuzen zu benutzen.

Das re-entry ist eine paradoxe Operation, da es zwei Unterscheidungen als dieselbe benutzt und die Unterscheidung cross/marker ambivalent werden läßt; aber es ist zugleich eine Operation, die sich von dem imaginären Raum, den sie voraussetzt, unterscheidet.

Zwei-Seiten-Form - Unterscheidung beobachtbar/unbeobachtbar

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Der Raum wird durch die Unterscheidung gespalten - und dadurch als Einheit unbeobachtbar. Diese Unterscheidung wird als Form markiert - als Form mit zwei Seiten:

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Denn
Beobachten heißt ja weder vorgegebene Weltstrukturen abzubilden (was richtig oder falsch erfolgen könnte), noch etwas Entsprechendes herzustellen (was je nach Modell oder Zweck gelingen oder mißlingen könnte). Sondern Beobachten ist Herstellung von Anschlußfähigkeit durch Unterscheiden; und dann entscheidet das Weitermachenkönnen und die erreichbare Komplexität über die Ergiebigkeit des Anfangs.

Beobachten kann nur auf der Seite des Beobachtbaren stattfinden (auch wenn es diese Seite nur gibt, weil es auch die andere gibt). Es geht auch nicht darum, das Unbeobachtbare beobachtbar zu machen - es abzubilden, darzustellen usw. Dies wäre schlicht ein Kategorienfehler bzw. ein Übergang zu einer anderen Art von Unterscheidung. Es kann sich nach allem nur um das re-entry der Form in die Form, das heißt: der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene handeln. Mit anderen Worten:
Im Beobachtbaren (wo sonst?) muß die Differenz von beobachtbar/unbeobachtbar beobachtbar gemacht werden.
Es geht nicht um die eine oder die andere Seite dieser Unterscheidung, sondern um ihre Form: um die Unterscheidung selbst.


Transjunktion

Jede Unterscheidung gibt, wenn sie einmal markiert ist, die Freiheit, sich anderen Unterscheidungen zuzuwenden. Gerade die Markierung hat diesen Effekt, dass sie, im Unterschied zum bloßen Vorstossen auf das, was man bezeichnet, eine Unterscheidung unterscheidbar macht. In der Sprache von Gotthard Günther wäre dies eine „
transjunktionale“ Operation, das heißt: eine Operation, die darüber entscheidet, ob eine Unterscheidung angenommen oder abgelehnt wird.

Boe: vgl. Gotthard Günther: Transjunktion Seite 71, 323

Luhmann-Religion36

Grenze - Kreuzen der Grenze - Negation - Nichts

37 Die
Grenze zwischen der einen und der anderen Seite einer Unterscheidung ist überhaupt nur vorstellbar, wenn man mitdenkt, dass sie überschritten und dass auch die andere Seite bezeichnet werden könnte.

Deshalb lässt sich das
Kreuzen der Grenze, das „crossing“ im Sinne von Spencer Brown, auch nicht als Negation auffassen. Entsprechend ist, bei Spencer Brown, das „cross“ die Bezeichnung der Bezeichnung, weil das Bezeichnen ein Überschreiten (und damit ein Reproduzieren) der Grenze zwischen unmarked und marked space erfordert.

37
Der unmarked space ist nicht beobachtbar, aber deswegen noch kein Nichts.

Negation ist nach alldem eine sehr voraussetzungsvolle Operation. Sie setzt vor allem Spezifikation des Negierten voraus (da man die Welt und den Sinn der Operation des Negierens nicht negieren kann), und sie setzt Gedächtnis voraus, da das zu Negierende identisch bleiben muss mit dem, was auch bejaht werden könnte. Über Möglichkeiten der Negation verfügen also nur hinreichend komplexe Systeme.

Boe: vgl. Gregory Bateson und Spencer Brown AUM
Negation gibt es nur für sprachfähige Lebewesen - und nur sie können "kommunizieren".


Codierung - Sprache - Bewusstsein

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Für die Einrichtung binärer Codierungen (cf. Seite53f.), ist dagegen Negation eine konstitutive Komponente gerade weil das crossing möglich bleibt und vorgesehen ist. Negation ist hier und nur hier die Reflexion des crossing, die Dauerverfügbarkeit der Möglichkeit, die Grenze zu überschreiten oder nicht.

Das erklärt zugleich die sprachlichen Schwierigkeiten, mit denen wir es laufend zu tun haben. Denn Sprache ist keineswegs nur eine grammatisch geordnete Menge von Zeichen, sondern vor allem eine binär codierter Form der Kommunikation, die für alles, was mitgeteilt werden soll, Ja-Fassungen und Nein-Fassungen zur Verfügung stellt.

39 Das Bewusstsein leistet eine Externalisierung der (intern erarbeiteten) Resultate neurophysiologischer Operationen. Es leistet die
Konstitution einer „Aussenwelt“ und operiert daher mit der Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz. Es bleibt deshalb an das Subjekt/Objekt-Schema gebunden und kann auch in reflexiver Einstellung sich selbst nur dinganalog, nur als Subobjekt, nur als Seele, Geist, Selbst, Ich vorstellen

Es gibt mächtige Mythen, etwa dem Mythos des menschgewordenen Gottes oder den
Mythos der Subjektivität des Ich, die den Einzelmenschen darüber hinweg trösten, dass er nur einer unter sehr vielen ist. Aber es gibt diese Mythen nur als Kondensat von Kommunikation.

40 Wir können deshalb, im Kontext einer soziologischen Theorie,
Religion ausschließlich als kommunikatives Geschehen auffassen. Dass auch Bewusstseinsprozesse mitwirken, soll in keiner Weise bestritten werden. Ohne Bewusstsein keine Kommunikation. Aber die Realisation von Religion, ebenso wie die Realisation sozialer Ordnung schlechthin, ist nicht als Aggregat von (jeweils in sich geschlossenen) Bewusstseins-operationen zu begreifen.

Das Entstehen, aber auch die laufende Erhaltung und Reproduktion einer sozialen Ordnung ist nur aufgrund einer genau dies bewirkenden Operation zu erklären - eben aufgrund von tatsächlich stattfindender, sich selbst reproduzierender Kommunikation.

Boe: Sinnsuche ist basal ein Kommunikationsphänomen - Quintessenz der "Umschrift".

Luhmann-Religion53


Codierung - Formenanalyse - marked/unmarked - beobachtbar/unbeobachtbar

Kapitel 2: Codierung

Was immer Religion sein mag: sie ist darauf angewiesen,
Formen im Medium von Sinn zu bilden. Wie jedes andere Prozessieren von Sinn auch.
Das lässt zunächst noch nicht erkennen, worin das Spezifische von Religion liegen könnte. Wir können gleichwohl, zur Überleitung, auf die im vorigen Kapitel begonnen Formenanalyse zurückgreifen.


53 ...
dass jeder Formgebrauch Religion involviert, da jeder Formgebrauch einen unmarked state erzeugt.

(Ohne Markierung gäbe es selbstverständlich auch nichts „Unmarkiertes“; die Welt muss immer zuerst durch die Unterscheidung markiert/unmarkiert in einen imaginären Raum transformiert werden.)

Boe: marked/unmarked - beobachtbar/unbeobachtbar

Aber dennoch hat Religion bei universaler Sinnzuständigkeit eine spezifische Unterscheidung im Auge, eben die von marked/unmarked (beobachtbar/unbeobachtbar). Doch wie kann dies als eine Unterscheidung bezeichnet, als eine Form markiert werden, wenn sich die andere Seite, die Außenseite der Unterscheidung, der Markierung entzieht und genau dies die Bedingung der Markierung selbst ist?

Wir geben diesem Problem eine Zweitfassung, indem wir nach dem
Code der Religion fragen. Eine Codierung setzt voraus, dass beide Seiten der Unterscheidung, die als Code dient, bezeichnet werden können, wenngleich nur mithilfe der Unterscheidung eines positiven und eines negativen Wertes.

Das ausgeschlossen-eingeschlossene Dritte

54 Eigentlich müssten jetzt beide Seiten des Codes gegen je ihren unmarked state unterschieden werden. Zwei unmarked states kann es nicht geben, da dies Digitalisierung, also Markierung voraussetzen würde. Offenbar handelt es sich also um das aus logischen Ordnungsgründen ausgeschlossene Dritte, um das in einer ordentlichen Welt nicht zulassbare Chaos.
Aber war es denn nicht die Welt selbst gewesen, die jetzt aus der Welt ausgeschlossen ist? Wie kommt es zur
Welt in der Welt, zum Einschluss des ausgeschlossenen Dritten?

Eine andere Lösung: die Welt selbst für unterscheidbar zu halten. Sie wird bezeichnungsfähig, wenn man ihr etwas anderes gegenüberstellt - sei es den einen Gott, sei es das eine Nichts.

Man kann dann die Nichtwelt-Seite dieser Unterscheidung mit einer Symbolik aufladen, die Unverstehbarkeit signalisiert. Das scheint zu genügen, um die Welt selbst im Modus der Beobachtbarkeit voraussetzen zu können.

55 Hinter jeder bestimmenden Bezeichnung steckt immer die für sie unbeobachtbare Einheit ihrer Differenz. Und das heißt: eine Paradoxie.

Boe: Sowohl-als-auch - Logik

II. Wenn eines gewiss ist, dann dies: nie kann eine Paradoxie sinnverlustlos in eine Identität umgewandelt werden. Weder in die Identität eines erlösenden Gottes, noch in die Identität eines erlösenden Nichts, noch in die Identität eines Prinzips. Wenn man eine Paradoxie in anschlussfähige Identitäten auflösen, bedarf es dazu eine Unterscheidung.

Für das schwarze Loch der Paradoxie, die keine Information aus sich heraus lässt, müssen
unterscheidbare Identitäten substituiert werden, die einschränken, was ihnen anschließend zugemutet werden kann.

56 Identität konstituiert sich durch Wiederholung, aber Wiederholung ereignet sich in anderen Situationen, aktiviert andere Kontexte, oft sogar andere Unterscheidungen die dasselbe an anderen
Gegenbegriffen profilieren. In der Wiederholung wird das, was sich darin als identisch erweist, zugleich kondensiert und komprimiert, zugleich auf einen Sinnkern (Wesen, essentia) reduziert und durch Erweiterung seiner „Bedeutung für…“ konfirmiert. Die ontologische Metaphysik hatte dem durch die Unterscheidung von substantiellen und akzidentiellen Bestimmtheiten Rechnung getragen. So kann es zu Identitätsbildungen kommen, die sich selbst überleben, zu bewahrenswerter Semantik, die bewahrenswerte Kommunikation vertritt.

Boe: Iteration - v.Foerster: Eigenwerte - Emergenz von Ordnung - Wolfram: CA - Quanteninformation?
"andere Gegenbegriffe": Auflösung meiner Gegensatzpaar-Problematik - "Umschrift" für den Linguisten!!


Spaltung der Welt - Realitätsverdoppelung - die reale und die imaginäre Realität

58 III. In einer ersten Überlegung greifen wir zurück auf die
These, dass die Sinnwelt (oder in anderen Worten: die Realität) gespalten werden muss, soll etwas beobachtet werden. Aber das besagt zunächst nur, dass jede Beobachtung von einer operativ vollzogenen Unterscheidung abhängt. Bei religiöser Kommunikation geht es um einen besonderen Fall, den wir (immer noch zu allgemeinen) als Realitätsverdoppelung bezeichnen können. Irgendwelchen Dingen oder Ereignissen wird eine besondere Bedeutung verlieren, die sie aus der gewöhnlichen Welt (in der sie zugänglich bleiben) herausnimmt und mit einer besonderen „Aura“, mit besonderen Referenzkreisen ausstattet.

59 ...Für für die Welt hat das zunächst zur Folge, dass der
Begriff der Realität einen qualifizierenden Sinn annimmt. Erst dadurch entsteht überhaupt Realität, die bezeichnet, das heißt: von anderen unterschieden werden kann. Die Welt enthält dann etwas, was nicht in diesem engeren Sinne real ist, aber gleichwohl als Position eines Beobachters dienen und seinerseits beobachtet werden kann. Es ist dann nicht mehr einfach alles, was ist, real, indem es ist, wie es ist, sondern es wird eine besondere, sagen wir reale Realität dadurch erzeugt, dass es etwas gibt, was sich von ihr unterscheidet.

Für einen Beobachter entsteht erst dann Realität, wenn es in der Welt etwas gibt, wovon sie unterschieden werden kann; erst dadurch kann Realität gewissermaßen gehärtet werden im Vergleich zu einer eher fluiden Welt der Imagination
. Und erst dann kann man Mutmaßungen anstellen über Beziehungen, Spiegelungsverhältnisse oder intervenierende Aktivitäten, die diese beiden Weltteile, die
reale und die imaginäre Realität, miteinander verbinden. Insofern dürfte es die primäre Leistung der Religion gewesen sein, Realität zu konstituieren, indem sie etwas für Beobachtung bereitstellt, was nicht unter diese Kategorie fällt.

Boe: Evolution von Zeichen - von Sprache - von Kommunikation

60
Schon mit der sprachlichen Verwendung von Zeichen muss eine solche Revolutionierung verbunden gewesen sein, die dann kaskadenhafte Folgen hatte. Einerseits wird Kognition mit Irrtumsfähigkeit ausgestattet und Kommunikation mit der Fähigkeit zur Lüge. Man kann an Realitäten beobachten, wie, wenn wir so formulieren dürfen, nicht referenzreal sind. Aber damit nicht genug: man kann außerdem die Realität artifiziell und konsensuell verdoppeln, das heißt: reduzieren und erweitern. Ebendarum geht es in den genannten Fällen von Spiel, Kunst, Statistik, Religion. Anders als im Falle des Irrtums ist diese Doppelung nicht für ein Wiederauslöschen bestimmt, sondern wird positiv konotiert und als bewahrenswert reproduziert.sie projiziert gleichsam das erste Gebot allen Beobachtens: Triff eine Unterscheidung!,auf die Welt mit der Folge, dass man dann immer angeben muss, auf welcher Seite der Unterscheidung man weitere Unterscheidungen, Bezeichnungen, Beobachtungen an schließt.

Das führt auf die weitere Frage: wie wird eine solche ernst gemeinte Unterscheidung zwischen Realität und Imagination (die gleichwohl kein Irrtum sein soll) reproduziert? Es muss Zeichen geben, die vor einer Konfusion bewahren – etwa Quasi-Objekte wie Propheten oder Fußbälle, die erkennen lassen dass Sequenzen dem Doppel der Realität zugeordnet sind, oder die Regeln des Spiels oder die Regeln der Statistik, die sicherstellen, dass man im Bereich des Wahrscheinlichen/Unwahrscheinlichen bleibt und nicht etwa dem Fehler macht, auf konkrete Ereignisse zu schließen. Aber muss es, gerade im Falle der Religion, nicht auch Möglichkeiten geben, Konfusion zuzulassen, ja sie in bestimmten Situationen, etwa in der Form ekstatischer Kulte, planmäßig zu erzeugen?

Die vielleicht bemerkenswerteste, sicher aber eine sehr frühe Form der Kennzeichnung einer imaginären Realität findet man in der Einschränkung von Kommunikation durch die Form des Geheimnisvollen

Begriff das Codes - Tertium non datur

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IV Der Begriff des Code soll eine Form bezeichnen, mit der dieses Problem der Realitätsverdoppelung und Neustiftung der realen Realität in Operationen umgesetzt werden kann. Codierung ist keineswegs ein bloßes Erkennen, ein bloßes Bezeichnen der Realitätsverdopplung. Der Code projektierte eine andere Art von Unterscheidung, aber eine solche, die erst aufgrund der Realitätsverdopplung möglich wird und sie in die Einheit einer gespaltenen Weltsicht zurückführt.

Ein Code ist eine Leitunterscheidung, mit der ein System sich selbst und sein eigenes Weltverhältnis identifiziert.

Unter Code soll hier
ein strikt binärer Schematismus verstanden werden, der nur zwei Positionen oder Werte kennt und alles weitere im Sinne eines „tertium non datur“ ausschließt.

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Binäre Codes sind Unterscheidungen besonderer Art. Sie sind nicht einfach Bezeichnungen, die sich dadurch unterscheiden, dass sie etwas durch sie bestimmtes gegen den unmarked state isolieren. Sie sind andererseits auch nicht qualifikative Duale wie Himmel und Erde, Mann und Frau oder Stadt und Land, die auf beiden Seiten äquivalente Spezifikationsmöglichkeiten (= Anschlussmöglichkeiten) in Aussicht stellen. Sie legen das System vielmehr auf eine Asymmetrie fest, die üblicherweise als Unterscheidungen eines positiven und eines negativen Wertes vorgestellt wird (wie: gut/schlecht; wahr/falsch).

Gotthard Günther bezeichnet die positive Seite der Unterscheidung als Designationswert und die negative als Reflexionswert. Darin kommt bereits ein (logischer) Funktionsunterschied zum Ausdruck: die Designation dient nur der Bezeichnung dessen was in ontologische Sprache Sein oder Seiendes heißt. Der nicht-designierende Wert bleibt somit frei für andere Aufgaben, die sich zunächst allgemein als Reflexion der Einsatzbedingungen des Designationswertes begreifen lassen. Übersetzt man diese Unterscheidung aus der Logik in die empirische Systemforschung, bekommt der positive Werte im Sinn, die Anschlussfähigkeit der Operationen des Systems für Operationen des Systems zu bezeichnen. Das System kann nur auf dieser Seite operieren. Der negative Wert ist dann wiederum frei, um den Sinn solcher Operationen als Information beobachtbar zu machen mit der Maßgabe, dass auch die Beobachtung nur in der Form eines Systeminternenoperationen erfolgen kann.

Binäre und in sich asymmetrisch gebaute Code haben ein komplexes Verhältnis zu anderen Unterscheidungen, auf die die operative Schließung eines Systems sich gründet. Vor allem ist wichtig, dass sie quer stehen zur Unterscheidung von System und Umwelt bzw. Selbstreferenz und Fremdreferenz.

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Codes sind eine genaue Kopie des Paradoxes, zu dessen Entfaltung sie dienen. Auf den ersten Blick ist daher kein Gewinn zu erkennen. Sobald man fragt, worin denn die Selbigkeit des positiven und des negativen Wertes bestehe, oder: was die Einheit der Unterscheidung ausmache, stößt man wieder auf das Grundparadox der Selbigkeit des Differenten. Auch hier muss also die Frage entfragt, der Rückgang auf Einheit untersagt werden. Der Vorteil ist aber (und das ist entscheidend), dass es mehrere Codierung gibt: gut/schlecht; aber auch wahr/unwahr; Eigentum/Nichteigentum. So kann man die Codes durch Unterscheidung voneinander identifizieren, anstatt die Frage nach ihrer inneren Einheit zu stellen.

Luhmann-Religion70


Logik - Logik der Selbstreferenz - Günther: Transjunktion - Übergang von einer Beobachtung erster Ordnung zu einer Beobachtung zweiter Ordnung

In einer funktional differenzierten Gesellschaft, in der die Systemdifferenzierung auf unterschiedlichen Codierungen beruht,… müsste eine Logik bereitgehalten werden, die poly-kontexturale Beschreibungen (Gotthard Günther) ermöglicht.

...Rückgang auf das Paradox der Indifferenz des Differenten; man stößt auf eine fast Zwangshaft der
Angst vor dem Paradox, die dazu führt, dass die Logik der Selbstreferenz, das heißt die Anwendung des Codes auf den Code selbst, nicht mitvollzogen wird.

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Auch die Logik muss, wenn sie Positiv/Negativ-Unterscheidungen operativ, und das heißt: als Einheit, behandeln will, wieder auf eine Unterscheidung rekurrieren, und das klassische Angebot lautet: Konjunktion oder Disjunktion. Nie versteht sich eine Einheit von selbst.

Wie Gotthard Günther zeigt, besteht jedoch ein Bedarf für strukturreichere Logik, die nicht auf die Sachdimension fixiert sind, sondern auch die Sozialdimension (für Günter heißt das: Mehrheit von Subjekten, Du-Subjektivität) und die Zeitdimension (für Günther vor allem: das geschichtlich Neue) einbeziehen können. Günter nennt die zusätzlich einzuführende Operation
Tranjunktion.

Ihre Leistung besteht darin, Positiv/Negativ-Unterscheidungen zu selegieren. Sie gibt, anders gesagt, die in der klassischen zweiwertigen Logik nicht konstruierbare Freiheit, Unterscheidungen zu akzeptieren bzw. abzulehnen. Damit wird, ganz abgesehen von den Konsequenzen für die Logik, der
Übergang von einer Beobachtung erster Ordnung zu einer Beobachtung zweiter Ordnung vollzogen.

Es wird deutlich, dass codierte Systeme zwar unter der Voraussetzung strikter Zweiwertigkeit operieren (beobachten) müssen - und sei es nur, weil dies die schnellste Art ist, Ordnung aufzubauen. Sie können also auf das „tertium non datur“ nicht verzichten.

Aber zugleich zeigt die logische wie die gesellschaftstheoretische Reflexion, dass dabei Indifferenz gegen alle anderen Codierungsangebote vorausgesetzt ist, so dass eine
vollständige logische Beschreibung einen Dritten Wert hinnehmen muss, der die Akzeptanz des eigenen Code unter Rejektion aller anderen bezeichnen kann.

72 Für Beobachter gibt es keine Abschlussoperation, keine Ruhe, keinen Fixpunkt ihrer Kalkulationen. Sie stoßen auf der Suche nach Einheit zwangsläufig auf ein Paradox, und das heißt: auf die Aufforderung weiterzumachen. Denn Beobachter sind autopoietische Systeme, die ihre Operationen nur unter der Voraussetzung produzieren können, dass andere Operationen folgen; und ihre Welt ist daher eine Endloswelt, ein „Horizont“, der immer weitere Möglichkeiten in Aussicht stellt.

Die gesellschaftstheoretische Relevanz dieser unvermeidlich abstrakten Analyse ergibt sich aus der Einsicht, dass die Unterscheidung zwischen Akzeptieren und Rejizieren eines Code auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung erfolgt. Es geht also nicht um Ablehnung des Systems, das (oder der Person, die) einen bestimmten Code benutzt. Es geht nicht um Provokation zu einer Gegenrejektion,
nicht um Gegensätze, nicht um Konflikte.

Schließlich muss man sich darüber verständigen,
dass die gesellschaftliche Ordnung der Codierungen und ihrer Rejektionswerte nicht nur die zweiwertigen Logik, sondern auch die Meta-codierung der Tradition sprengt, nämlich die Metacodierung durch die Unterscheidung Sein/Nichtsein.

Im operativen Konstruktivismus muss infolgedessen der logische Satz der Identität umformuliert werden. Er lautet dann nicht mehr „A ist A“, sondern „wenn A dann A“. Damit ist gesagt, dass Identität nur in operativen Sequenzen konstruiert werden kann und dann als Strukturbedingung dafür fungiert, dass eine hoch selektive, sich selbst abgrenzende (unterscheidende) Sequenzbildung überhaupt möglich ist.

Und auch dies führt wieder auf eine Unterscheidung zurück. Jede Wiederholung muss das Wiederholte identifizieren und dabei kondensieren auf das, was aus dem vorigen Kontext übernommen wird. Und sie muss diese Identität konfirmieren, also sicherstellen, dass sie auch zu einem anderen Kontext passt. Damit werden die Voraussetzungen für eine weitere Unterscheidung geschaffen, nämlich die von Generalisierung und Respezifikation.
(Die Unterscheidung condensation/confirmation stammt von George Spencer Brown und wird von ihm auf elegante Weise durch eine weitere Unterscheidung erläutert, nämlich die, dass man die Gleichung ┐┐_┐ von links nach rechts (condensation) und von rechts nach links (confirmation) lesen kann (LoF10). Hier wie immer: unter der Voraussetzung eines Beobachters, der diese Lesarten unterscheiden und sich in dieser Unterscheidung entscheiden kann. Der gleiche Gedanke lässt sich auch mit Wittgensteins Begriff der Regel formulieren, die Anwendbarkeit auf mehr als einen Fall voraussetzt, oder mit Deridas Begriff der différance.)

76...nur in dem Maße, als Religion sich im Hinblick auf Situationen, Rollen, Kulte, Sinnformeln, sozialkritischer Distanz und Systematisierung der Lehre ausdifferenziert, können abstraktere Fassungen des religionsspezifischen Code einleuchten. Ebenso müssen aber alle Autonomiegewinne und muss erst recht jede kritische Distanz zu den Alltagsgeschehnissen „dieser Welt“ in dieser Welt erläuterungsfähig sein, und daraus ergibt sich für die Religion ein
Anlass zu differenzorientiertem Denken. Die Ausdifferenzierung begünstigt den Code, der Code begünstigt die Ausdifferenzierung. Evolution ist folglich eine Evolution dieses Zusammenhanges, und erst die moderne Gesellschaft benötigt einen sowohl abstrakten als auch analytisch komplexen Begriff des Codes, um verständlich zu machen, was Religion für sie bedeutet.

Boe: Anlass zu differenzorientiertem Denken - Alltagstauglichkeit - Wer bin ich? - vgl. Fuchs: Psychotherapie PDF - bearbeitet in Fuchs: Psychotherapie
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Sich ernsthaft zu befassen mit psychischen Sinnsystemen und ihrer Therapie, bedeutet: unabschließbare Interpretation, die nicht das Ziel der einen gültigen Interpretation verfolgt, sondern eher das Ziel von Umcodierungen bzw. Recodierungen, die die Viabilität von, sagen wir, Lebensführungen betreffen".

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Die Psyche ist die soziale Interpretation von Hirnereignissen. Das bedeutet auch, daß – sobald Sinn durch Sozialisation verfügbar wird – die Welt psychischer Systeme sinnförmig wird. Eine Formulierung von Heidegger variierend, könnte man sagen: Wir wohnen im Haus des Sinns. Und: Es ist ein unverlaßbares Haus. Eine Konsequenz ist, daß wir an die Tiefe Null, wie Spencer-Brown es sagen würde, nicht herankommen. Wir erreichen die Primärprozesse nicht, durch die der uns mögliche Sinn konstelliert wurde. In gewisser Weise verdeckt Sinn die Selektivität seiner Selektivität, weil er in Betrieb ist".


Immanenz/Transzendenz

77 VI. Zur Bezeichnung der beiden Werte des religionsspezifischen Code eignet sich am besten die
Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz.

Man kann dann auch sagen, dass eine Kommunikation immer dann religiös ist, wenn sie Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet. Dabei steht Immanenz für den positiven Wert, für den Wert, der Anschlussfähigkeit für psychische und kommunikative Operationen bereitstellt, und Transzendenz für den negativen Wert, von dem aus das was geschieht, als kontingent gesehen werden kann. In Günthers Terminologie: Immanenz ist Designationswert und Transzendenz ist der Reflexionswert des Codes. Wir erinnern: darin kommt keine Präferenz zum Ausdruck (obwohl es durchaus Präferenzcode geben kann). Das positive ist nicht in irgendeinem Sinne besser als das Negative. In der Einheit des Code setzen beide Werte einander wechselseitig voraus.

Sinngebung ist dann auch die spezifische Funktion der Transzendenz. Sie hat keine Existenz für sich. Sie ist die Überschreitbarkeit jeder Grenze in Richtung auf ein Anderes. Aber auf der Grenze kann man nicht wohnen und im immer anderen keine "feste Burg" bauen.

Dass es Religionen, vor allem Gottesreligionen gibt, die hier anders urteilen, wird damit nicht bestritten. Aber Existenzurteile sind Urteile eines Beobachters erster Ordnung, und sie haben an dieser Stelle, so könnte ein Beobachter zweiter Ordnung sagen, die Funktion, das re-entry des Codes in den Code zu vollziehen und zu verdecken, nämlich die Differenz von Immanenz und Transzendenz, denkbar und sagbar zu machen.

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Für die abendländische Tradition wäre vor allem das Verhältnis der codierten Religion zur ontologischen Metaphysik zu klären. Dabei genügt es nicht nachzuzeichnen, wie sehr die religiöse Kosmologie mit metaphysischen Grundannahmen gearbeitet ist. Entscheidend ist vielmehr, dass sowohl die Ontologie als auch ihre Logik auf der Unterscheidung von Sein und Nichtsein und damit auf der Annahme einer logischen Zweiwertigkeit aufgebaut waren, die Restprobleme undiskutiert lässt.

Alles Denken, alles Bemühen um Erkenntnis kommt danach im Sein zur Ruhe, und umgekehrt gibt es kein logisch nicht erschließtbares Sein. Es fehlt, anders gesagt, eine strukturreichere Logik, um darin ein Problem zu sehen. Die ontologische Metaphysik geht von einer einzigen Leitunterscheidung aus; sie beschreibt die Welt (im Gotthard Günther Begrifflichkeit) monokontextual.

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Das Problem liegt im Ausschließungseffekt der logisch-ontologischen Zweiwertigkeit oder, anders gesagt, in der Unsichtbarkeit des Beobachters, der dieses Schema unkritisch angenommen hat und sich selbst nicht bezeichnen kann. Hier bleibt eine Welt, eine Realität unbeobachtet, von der die Metaphysik mit ihrer Zweiwertigenlogik nicht einmal sehen (formulieren) kann, dass sie nicht sieht, was sie nicht sieht. Insofern schleppt, was immer die geistlichen Formulierungen der Theologie besagen mögen, die Metaphysik gleichsam auf ihrem Rücken einen Bedarf für Religion in die Neuzeit.

Wenn man dies als Struktur und als Problem einer hoch entwickelten Semantik akzeptiert, bleibt immer noch die Frage, wie die Religion ihren Code und damit sich selbst in die Realität einfügt, die in der gesellschaftlichen Kommunikation unterstellt und akzeptiert wird. Unser Ausgangspunkt liegt in der These einer Realitätsunterscheidung, die das eigentliche Reale von einer imaginären, nicht unmittelbar zugänglichen Welt absondert und damit, wie oben gezeigt, harte Realität in der Welt konstituiert. Das geschieht zunächst und auf lange Zeit sicher nicht in der perfekten Form einer Codierung, sondern, wahrnehmungsnah konstruiert, als Einteilung der Welt in einen vertrauten, bekannten, operational zugänglichen Bereich und eine andere Welt.
Wir wollen, ohne damit schon gleich Codierung zu implizieren, diese Gegenwelt der Realität Transzendenz nennen, weil man sich das
Überschreiten einer Grenze vorstellen muss, wenn man sie bezeichnen will.

Boe: Transzendenz = Gegenwelt der Realität wird zugänglich (benennbar) durch das Überschreiten einer Grenze zum Unerreichbaren.

Dieser Begriff der Transzendenz bietet sich an als Vergleichsgesichtspunkt für sehr unterschiedliche religiöse Semantiken, besonders auch der Religionen primitiver Gesellschaften, die damit als Religionen ernster genommen werden, als es in manchen eher folkloristischen Forschungen der zuständigen Fachwissenschaften geschieht. Transzendenz ist zunächst eine Richtungsangabe, sie verweist auf ein Überschreiten von Grenzen.

80 Aber gemeint sind von Anbeginn nicht territoriale Grenzen (auch wenn Ort der Sack realisiert werden), sondern Grenzen zum Unerreichbaren nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Gesellschaft, von der man ausgeht. Transzendenz ist und verdeckt durch ihre Fixierung zugleich das unheimliche, das jeden Sinn zersetzen, auflösen, überschreiten kann. Wir interpretieren Transzendenz deshalb als eine so nicht formulierbare, ja durch Religion gerade versteckte Duplikation des Vorhandenen, Erreichbaren, Vertrauten in einen anderen Sinnbereich.

Ein operativ unzugänglicher Bereich, eine zweite Welt, setzt zunächst der Phantasie keine Schranken. Man könnte alles behaupten, denn nichts lässt sich prüfen - so wie man generell mit Negationen zügellos umgehen kann. Das Transzendieren erzeugt einen Überschuss an Sinnmöglichkeiten und entsprechend einen Bedarf für Einschränkung. Nicht zufällig liegt der Wortgeschichte von religio die Vorstellung einer Wieder-Bindung zu Grunde, und nicht zufällig betont Durkheim im Begriff des sacré die Sanktion einer Einschränkung. Aber Einschränkung dessen was als Transzendenz heilig zu halten ist, erzeugt immer (wie jede bezeichnende Operation) eine neue Grenze, die man überschreiten könnte. Womit sich zeigen würde, dass die Transzendenz noch gar nicht
die Transzendenz ist, die ins Unbegrenzbare ausfliesst.

Boe: der andere Sinnbereich? - das Unbegrenzbare!

88 Nur im Bereich des Vertrauten, nur in dem Bereich, der (im Unterschied zu Transzendenz) dann Immanenz heißen darf, kann man Beobachtungen machen. Nur hier kann man etwas bezeichnen, kann man etwas in Unterscheidung von allem anderen hervorheben und für anschließende Operationen bereithalten.

Das heißt auch: alle Unterscheidungen, die jemals getroffen werden können, sind immanente Entscheidungen - auch die von Sein und Nichtsein, auch die von sakral und profan, auch die von Gott und Mensch. Sie gewinnen Realität nur durch Kommunikation.

Das, wovon aber alle Bezeichnungen und alle Unterscheidungen unterschieden sind, bleibt als
unmarked space zurück. Und im unmarked space bleiben, wie bereits ausgeführt, die Welt und der Beobachtern als blinder Fleck seiner Beobachtungen zurück - unbeobachtbar, weil ununterscheidbar.

Religion kann als der Versuch angesehen werden, dies Unvermeidliche nicht bloß hinzunehmen. Deshalb wird die durch Unterscheidung beobachtbare Welt dupliziert und schließlich mit der Leitdifferenz von Immanenz und Transzendenz in die strenge Form eines Codes gebracht. Codierung ist nichts anderes als ein
Umschreiben der Realitätsunterscheidung in eine andere, strenger gekoppelte, besser unterscheidbare Form.


Niklas Luhmann

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