Niklas Luhmann
Die Religion der Gesellschaft
Suhrkamp 2002

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...wenn man nach Unterscheidungen fragt, fragt man nach dem, der sie trifft - nach dem Beobachter. Die Frage lautet dann: wer ist der Beobachter der Religion? Theologen werden vielleicht die überraschende Antwort geben: Gott. Um es nicht selbst sein zu müssen?

Unterscheiden - Beobachten - Beobachter

III.
Mit dem nächsten Schritt müssen wir uns der Frage stellen, wie die Welt Unterscheidungen generiert. Wieso und wie bildet sich überhaupt diese merkwürdig-asymmetrische Form, bei der die eine Seite für anschlußfähige Operationen zur Verfügung steht, während die andere genau dadurch notwendig mitwirkt, daß sie unmarkiert bleibt ?

Und außerdem: was wird aus der Welt selbst, wenn sie, wie im Akte der Schöpfung, erlaubt, daß Unterscheidungen getroffen werden? Himmel und Erde. Und wieso dieser Anfang und kein anderer ? Wieso fängt es mit einer Einteilung an, das heißt: einer Unterscheidung von irreflexivem Sein ? Weil nur so der, der die Unterscheidung trifft, es vermeiden kann, in die Unterscheidung selbst einzutreten ?

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Wir hatten zunächst mit der Antwort gearbeitet, daß es ein Beobachter ist, der die Unterscheidung trifft. Und daß man folglich den Beobachter beobachten muß, wenn man wissen will, welche Unterscheidung er trifft und wie er seine Sinnmittel spezifiziert. Wir wollen bei dieser Terminologie bleiben, müssen sie dann aber in einem Prozeß der Selbstanwendung klären, denn es handelt sich um ein autologisches Konzept.

Die Unterscheidung von Beobachter und Unterscheidung ist selbst eine Unterscheidung, und die Frage ist dann: wer ist hier der Beobachter?, oder genauer: wie muß ein Beobachter beschaffen sein, daß er in der Lage ist, seine Unterscheidungen und sich selbst zu unterscheiden?

George Spencer Brown stößt bei seinem Versuch, aus der Weisung »
draw a distinction« einen Kalkül zu entwickeln, der Fragen der Arithmetik und der Algebra mit nur einem Operator behandeln kann, ebenfalls auf dieses Problem - und löst es in Identität auf.(Siehe Laws of Form, Neudruck New York 1979, S. 76: »An observer, since he distinguishes the space he occupies, is also a mark...We see now that the first distinction, the mark, and the observer are not only interchangeable, but, in the form, identical.« Vgl. auch (in enger Anlehnung an Spencer Brown) Louis H. Kauffman, Self-Reference and Recursive Forms, in: Journal of Social and Biological Structures 10 (1987) S.53) : »At least one distinction is involved in the presence of self"). Das braucht jedoch weiteres Fragen nicht zu blockieren. Denn für alle differenz-theoretischen Analysen ist Identität ein eher beunrunigendes Konzept.

Wir setzen den Fortgang bei der Überlegung an, daß Operationen im allgemeinen und Beobachtungen im besonderen nicht als Einzelereignisse möglich sind, sondern rekursive Netzwerke voraussetzen, mit deren Hilfe sie sich reproduzieren und damit zugleich diesen Reproduktionszusammenhang gegen eine Umwelt abgrenzen, die keine Operationen, sondern nur Ressourcen und Störungen beisteuert.

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Dieser Ausgangspunkt verweist auf Systembildung, und genauer: auf die Bildung operativ geschlossener, autopoietischer Systeme, die unter weiteren Bedingungen fähig sein können, sich selbst nicht nur auszudifferenzieren, sondern im Anschluß daran sich selbst von ihrer Umwelt zu unterscheiden. Die Unterscheidung von System und Umwelt wird dabei in sich selbst hineingedoppelt; und dies, wie sich aus unseren Prämissen ergibt, auf derjenigen Seite, die Anschlussfähigkeit bereithält

Und um zu verdeutlichen, was damit geschehen ist: wir haben der Tautologie der Unterscheidung, die sich selber unterscheidet, eine andere Unterscheidung unterschoben, nämlich die von System und Umwelt. Dabei bleibt die Welt das »Worin« dieses Geschehens: der durch diese oder jene Unterscheidung nicht markierte Zustand, der für jede Markierung die andere Seite bildet. Die Substitution einer anderen Unterscheidung ist logisch nicht zu begründen; doch wer es auf die vorgeschlagene Weise nicht tun will, muß es auf eine andere Weise tun, will er nicht an der Paradoxie der Tautologie (das Verschiedene ist Dasselbe) hängen bleiben. Die Operation des Substituierens ist keine logische Operation; aber sie ist weltkompatibel. Und man kann sie an ihren Früchten erkennen.

Die Identität des »markierten« Beobachters ist also die Identität eines Systems. Das darf allerdings nicht zu dem voreiligen Schluß verleiten, daß das System nur seine Umwelt beobachte. Wieweit das für Tiere gilt und wieweit auch für menschliche Wahrnehmungen, wäre zu diskutieren; aber die komplexe Theoriearchitektur, auf die wir uns eingelassen haben, bewahrt uns vor jenem Fehlschluß. Der Beobachter kann, als Bewußtsein oder als soziales System, sich an der in ihn selbst hineincopierten Unterscheidung von System und Umwelt, also von Selbstreferenz und Fremdreferenz orientieren; und er muß dies (obwohl er alle Referenzen intern produziert), weil er andernfalls eigene Zustände ständig mit denen der Umwelt verwechseln würde und sich durch die Umwelt dann nicht einmal irritieren lassen, also auch nicht lernen könnte.

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Gerade wenn es sich um ein operativ geschlossenes System handelt, das mit keiner eigenen Operation in die Umwelt ausgreifen oder sie auch nur kontaktieren kann, gerade dann hängt das Überleben (= Fortsetzung der Autopoiesis) ganz und gar von der intern disponiblen Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ab, die Lernprozesse steuert.

Was immer damit an Strukturen aufgebaut wird, bleibt internes Kondensat, bleibt Konstruktion; und es gibt genügend Beispiele dafür, daß Konstruktionen sich nicht bewähren und Systeme sich durch ihre eigene (obwohl eigene!) Konstruktion selbst zugrunde richten. Ein aktuelles Beispiel ist die Staats- und Wirtschaftskonstruktion des kommunistischen Sozialismus. Andererseits ist jedoch die Selbstbestimmung (Selbstorganisation) durch den Unterschied von Selbstreferenz und Fremdreferenz unerläßliche Voraussetzung für evolutionäre Selektion. Alle höheren Formen des Bewußtseins und alle soziale Kommunikation bleiben darauf angewiesen. Keine Gesellschaft wäre auch nur in Gang gekommen, wenn man nicht gelernt hätte, zwischen Worten (Selbstreferenz) und Dingen (Fremdreferenz) zu unterscheiden.

Verglichen mit dem Unterscheiden schlechthin, das als Operation aus dem unmarked space der Welt auf etwas Bezeichnetes zugreift und dies dadurch vom unmarkierten Bereich der Welt unterscheidet - im Unterschied also zu dieser Normalform des Unterscheidens hat die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz den bedeutenden Vorzug, auf beiden Seiten anschlussfähig zu sein.

Das System kann beobachten, daß es beobachtet. (Dies war der Ausgangspunkt der »
second order cybernetics«. Siehe dazu das Interview mit Heinz von Foerster in: Cybernetics and Human Knowing 4 (1997), S. 3) Es kann Beobachtungssequenzen auf die Umwelt, aber auch auf sich selber beziehen. Es kann auch ständig hin und her krenzen, also die Grenze Selbst/Fremd überschreiten und zurückkehren, ohne dabei die Orientierung zu verlieren.

Spencer Browns »law of crossing« gilt unter dieser Sonderbedingung also nicht. (Es lautet: »The value of a crossing made again is not the value of the crossing«. Oder anders gesagt: die Seiten können sich nicht wechselseitig spezifizieren; man kann nichts herüberbringen, sondern muß wenn man Information akkumulieren oder korrigieren will, auf der Innenseite der Form bleiben. Nur wenn die andere Seite als unmarked state unbestimmbar bleibt, gilt auch das »form of cancellation«.)

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Man kann unter dieser Bedingung also extern zugerechnete Spezifikationen benutzen, um die eigenen Zustände (zum Beispiel eigene Bewegungsmöglichkeiten) besser zu verstehen. Und man kann umgekehrt eine Modifikation der eigenen Zustände berücksichtigen, wenn man die Erfahrung macht, daß die Umwelt daraufhin andere Seiten zeigt. Nur unter dieser stark einschränkenden Bedingung sollte man von Information und Informationsverarbeitung sprechen - Information im Sinne von Bateson verstanden als "a difference that makes a difference".

Wir hatten den klassischen Begriff des Subjekts durch den Begriff des Beobachters ersetzt, um klarzustellen, daß die Operationen, die das Medium Sinn produzieren und reproduzieren, in der realen Welt ablaufen und nicht in einer transzendentalen Sphäre außerhalb der Realität. Das hat freilich Konsequenzen für den Begriff der Realität. Realität wird damit zu einem rhetorischen Konstrukt, zur »conformity to orthodox practices of writing and reading«. Mit dieser Form verfügt die Kommunikation über die Möglichkeit, einen Gegenbegriff zu Realität zu bilden - sei es Idealität, sei es Subjektivität.

Aber: wo bleibt der Beobachter, der diese Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz benutzt, um den durch operative Schliehung erzeugten »Realitätsverlust« auszugleichen? Es wäre nach allem, was wir gesagt haben, ein schlichter logischer Fehler, das »Selbst« der Selbstreferenz für den Beobachter zu halten. Mit dieser Vermutung hat die Subjekt-Philosophie ihre Enttäuschungen erlebt, und wir brauchen das nicht zu wiederholen.(34: Siehe hierzu die Unterscheidung des cartesischen Zweifels, der in Richtung auf die Selbstbestätigung des denkenden »Ich«, also durch Selbstbezeichnung behoben werden kann, und des »Großen Zweifels« der buddhistischen Religion bei Nishitani, a.a.O., S. 55ff. Man sollte allerdings nicht nur an Descartes denken. Begriffe wie »spirit« bei Berkeley und »pour soi« bei Sartre beziehen sich auf das im bewußten Operieren mitbewußte Bewußtsein, das für sich selbst aber noch nicht Objekt, also noch nicht Erkenntnis ist. Siehe George Berkeley, Of the Principles of Human Knowledge, Part 1, II, zit. nach der Ausgabe der Everyman's Library, London 1957 S.114 zu »mind, spirit, soul, or myself«: »By which words I do not denote any one of my ideas, but a thing entirely distinct from them, wherein they exist, or, which is the same thing, whereby they are perceived«. Zu Sartre: L'etre et le néant: Essai d'ontologie phenomenologique, 30. Aufl. Paris 1950, S.115ff. Auch die Religionssoziologie hatte, von Simmel bis Luckmann, Religion immer auf subjektives Bewußtsein bezogen und dabei ein sich seiner selbst bewußtes Bewußtsein vorausgesetzt.)

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Der Beobachter ist die Einheit der Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz. Er kann sich daher nicht selber bezeichnen. Er bleibt für sich selbst unsichtbar. Und ebenso die Welt, die für ihn als Einheit der Differenz von System und Umwelt fungieren müßte.

Die ganze Beobachtungsapparatur des doppelseitig bezeichnungsfähigen Unterscheidens findet sich in den unmarked space der Welt eingebaut, aus dem heraus auch der Beobachter beobachtet. Daran ändert sich durch diese evolutionäre Errungenschaft »Sinn«, die Bewußtsein, Gesellschaft, Sprache, Kultur (und dürfen wir schon sagen: Religion?) überhaupt erst möglich macht, nichts. Man darf konzedieren, daß die Intention auf Beobachtung der Einheit der Differenz möglich bleibt und in der Sinnwelt Sinn macht. Aber dieser Sinn nimmt die Form des Paradoxes an, die Form des Grundparadoxes der Selbigkeit des Verschiedenen.

IV. Wir haben die Unbeobachtbarkeit der Welt und des Beobachters beobachtet. Wir haben damit begonnen, Religion zu beobachten. Es bedarf allerdings noch einiger Präzisierungen. Wir müssen erneut Unterscheidungen unterscheiden.

Die Unterscheidung Beobachter/Welt unterscheidet sich von der Unterscheidung Beobachter/Beobachtetes. Diese Unterscheidung läuft auf die Unterscheidung unbeobachtbar/beobachtbar hinaus, mit der die Welt (man weiß nicht wer, man weiß nicht wie) sich selbst beobachtet.

Boe: vgl. Spencer Brown LoF105

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Ein Beobachter kann beobachten, daß und wie ein Beobachter beobachtet. Es gibt durchaus beobachtbare Beobachtungen zweiter Ordnung. Doch welcher Ordnung immer: die Beobachtungsoperation stösst aus dem Unbeobachtbaren ins Beobachtbare vor.

Die Weisung Spencer Browns:
draw a distinction! ist die Anweisung zum Kreuzen dieser Grenze. Um eine solche erste Unterscheidung kommt man auf keiner Ebene des Beobachtens herum - auch dann nicht, wenn man Beobachter beobachtet, und auch dann nicht, wenn man sich selbst als Beobachter beobachtet. Einfacher gesagt: die Operation des Beobachtens bleibt für sich selbst unbeobachtbar.

Sie benutzt eine Unterscheidung. Deren Asymmetrie vertritt und verdeckt ihre Asymmetrie. Das Beobachten bewegt sich innerhalb, nicht außerhalb seiner Unterscheidung. Für alles Beobachten gilt: »Distinction is perfect continence«. Es selbst ist jedoch
das ausgeschlossene Dritte, die Einheit der Unterscheidung, die in der Unterscheidung selbst nicht unterscheidbar ist. Es benötigt, sagt man, einen »blinden Fleck«. Oder in transzendentaltheoretischer Sprechweise: die Unbeobachtbarkeit der Beobachtung ist die Bedingung der Möglichkeit von Beobachtung, die Bedingung des möglichen Zugriffs auf Gegenstände.

Wenn man Beobachter als Beobachter (und nicht als Dinge; als »Subjekte« und nicht als »Objekte«) beobachtet, muß dies auf beiden Ebenen in Rechnung gestellt werden. Der Beobachter zweiter Ordnung kann einen Beobachter erster Ordnung nur dann als Beobachter (und nicht als Ding) beobachten, wenn er sieht, daß dieser Beobachter nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht. Formulieren (Beobachten) kann man dies nur mit Hilfe von Negationen. Aber gerade dies wird dem Tatbestand nicht gerecht. Denn die Operation Beobachtung operiert (auch wenn sie negiert) negationsfrei. Sie tut, was sie tut. Darin besteht ihre Realität.

Man kann solche Befunde traditional formulieren etwa als Freiheit des anderen Beobachters, oder als Norm der Achtung vor der Art, wie er sich entscheidet, oder als »innere Unendlichkeit« des Subjekts. Man findet sich dann in der Nähe von Moral.

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Und vor der Notwendigkeit, Einschränkungen vorzusehen. Aber solche Formulierungen benutzen bereits soziale Zurechnungskonventionen, und sie treffen auch nur auf psychische, nicht auf soziale Systeme zu (die wir immer miteinbeziehen, wenn wir von Beobachtern reden). Von hier aus könnte man deshalb nur kulturspezifische, nur geschichtsspezifische Begriffe von Religion gewinnen. Deren Recht soll natürlich nicht bestritten werden, aber wir wollen uns andere Möglichkeiten offenhalten.

Wir vermuten in diesem Bereich der Unbeobachtbarkeit, in dem Beobachten und Welt als Voraussetzung des Beobachtens nicht unterschieden werden können (im unmarked state also), den Ausgangspunkt der Probleme, die dann als Sinnformen der Religion behandelt und der Evolution ausgesetzt werden. Diese Vermutung hat noch keinen spezifizierten Inhalt. Aber sie ist durch unsere Analyse des Mediums Sinn gedeckt. Denn dieses Medium bietet genau jene Überschusskapazität an, nach der hier gefragt ist.

Auch Unbeobachtbares - wie anders könnten wir hier davon handeln - kann als Sinn in Operationen eingebaut werden, denn Sinn hat keine Exklusionsmöglichkeiten. Man mag dem, was unzugänglich bleibt, die Form der Negation geben oder, bei logisch höheren Ansprüchen, die Form des Paradoxes. Man mag es bezeichnen, wohl wissend, daß die Bezeichnung das Gemeinte nicht trifft, und daraus mag sich ein Verständnis für Symbole entwickeln, die genau diese Unangemessenheit gezielt reflektieren. Mit Begriffen der älteren Kybernetik formuliert geht es um ein Problem der »requisite variety«, und der Ausgangspunkt für jede Lösung scheint in dem Versuch zu bestehen, ein Mysterium durch ein anderes zu kontrollieren.

Dafür gibt es natürlich keine sichere, einzig-richtige Anweisung. Die Mehrheit solcher Möglichkeiten gibt uns einen Vorbegriff für Analysen der Evolution der Religion. Im Augenblick halten wir jedoch nur fest, daß die im Beobachten selbst liegende strukturelle Sperre des Beobachtens in den Sinnkosmos als Irritationsfaktor, als Sinngebungsaufforderung par excellence eingeschlossen werden kann. Religion hat es mit diesem Einschluß des Ausgeschlossenen, mit der zunächst gegenständlichen, dann lokalen, dann universellen Anwesenheit des Abwesenden zu tun.

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Aber all das, was hier und anderenorts, in der Religion und in ihrer soziologischen Analyse darüber gedacht und gesagt wird, kann nur eine Chiffre sein für das, was gemeint ist.

V. Noch einmal hilft uns an dieser Stelle ein Begriff Spencer Browns weiter, und zwar der Grenzbegriff seines Kalküls, der Begriff des "re-entry". Von re-entry kann mit Bezug auf sehr verschiedene Unterscheidungen die Rede sein. Wir hatten oben von der Möglichkeit eines re-entry der Unterscheidung von System und Umwelt ins System gesprochen. Im Falle der Religion geht es dagegen um ein re-entry der Unterscheidung beobachtbar/unbeobachtbar ins Beobachtbare.

Das einfache Beobachten erfordert nur das Kreuzen der Grenze, die das zu Bezeichnende unterscheidet von allem anderen. Diese Grenze gibt es nicht vorher, sie entsteht überhaupt erst, indem man sie kreuzt. Die Unterscheidung muß ein Moment der Operation sein (sonst könnte man nichts im Unterschied zu anderem bezeichnen), aber sie muß nicht als Form markiert werden.

Das wird im Falle eines re-entry anders, denn diese Operation kann nur vollzogen werden, wenn die Unterscheidung bezeichnet wird, die in ihren selbstgeschaffenen Bereich wiedereintritt.

In Spencer Browns Terminologie: das »cross« (Anweisung zu kreuzen) muß als »marker« (Bezeichnung der Form) benutzt werden. Und das kann man tun, ohne den marker zum Kreuzen zu benutzen.

Die mathematisch voraussetzungsvollen Bedingungen (die operative Vorgeschichte im Kalkül) dieser Möglichkeit eines re-entry brauchen uns hier nicht zu beschäftigen. Wichtiger ist die Form der damit ermöglichten Operation. Das re-entry ist eine paradoxe Operation, da es zwei Unterscheidungen als dieselbe benutzt und die Unterscheidung cross/marker ambivalent werden läßt; aber es ist zugleich eine Operation, die sich von dem imaginären Raum, den sie voraussetzt, unterscheidet.

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Der Raum wird durch die Unterscheidung gespalten - und dadurch als Einheit unbeobachtbar. Diese Unterscheidung wird als Form markiert - als Form mit zwei Seiten. Dann wird die Unterscheidung in die eine Seite der Form hinübercopiert; und eben dafür muß man jenen imaginären Raum unterstellen, der dem gespaltenen Raum jene Selbstbeweglichkeit (oder Selbstbezeichnungsfähigkeit) konzediert. Vielleicht müßte man sagen, daß dieser imaginäre Raum erst im Vollzug des re-entry entsteht. Aber wie immer: die Spezifizität der Operation ist durch die Spezifizität der Unterscheidung - diese und keine andere - garantiert, mit der sie vollzogen wird.

Die Darstellung des re-entry, die seinem Namen folgt, erweckt den Eindruck, daß zunächst die Ausgangsunterscheidung getroffen und dann in ihr das re-entry vollzogen werden muß. Zuerst muß die Bühne errichtet werden, auf der das Stück aufgeführt werden soll; und sie muß vom Zuschauerraum getrennt werden, so daß klar ist, wo Realität und wo vorgetäuschte Realität zu verorten sind. Aber dann kann auch auf der Bühne Täuschung, Irrtum, Unbeobachtbarkeit aufgeführt werden. Und der Zuschauer sieht und versteht die aufgeführte Differenz von Wahrheit und Täuschung als Realität, wenn er davon absieht, daß sie selbst in Wahrheit eine Täuschung ist. Nur über ein re-entry, das daran gehindert wird, sich selbst zu annullieren, kann das Theater die Welt symbolisieren.

Aber wenn das so ist: kann man dann nicht ebensogut umgekehrt vorgehen und der Form in der Form den Primat geben? Wird nicht, könnte man vermuten, die Ausgangsunterscheidung als Rahmen des Rahmens hinzuerfunden, wenn man mit der Welt, wie sie sich repräsentiert, zum Beispiel mit der Unterscheidung sakral/profan, nicht mehr auskommt? Kann man nicht in einer Art von »framing up« eine Unterscheidung nach außen projizieren, so daß sie sich selbst enthält ?

Fragen dieser Art sind zweitrangig. Vielleicht hat die Konstruktion eines mathematischen Kalküls hier andere Prioritäten als die soziokulturelle Evolution. Daß wir uns diese Frage offenhalten können, ja müssen, ist durch den Begriff der Beobachtung als Unterscheidungsgebrauch vorbestimmt.

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Denn Beobachten heißt ja weder vorgegebene Weltstrukturen abzubilden (was richtig oder falsch erfolgen könnte), noch etwas Entsprechendes herzustellen (was je nach Modell oder Zweck gelingen oder mißlingen könnte). Sondern Beobachten ist Herstellung von Anschlußfähigkeit durch Unterscheiden; und dann entscheidet das Weitermachenkönnen und die erreichbare Komplexität über die Ergiebigkeit des Anfangs. Für unsere Zwecke genügt es zunächst, das Problem zu sehen und Vorentscheidungen für die eine oder die andere Sequenz zu vermeiden.

Aber konzentrieren wir uns auf den anstehenden Fall. Es geht, davon gehen wir aus, um die Unterscheidung beobachtbar/unbeobachtbar. Andere Unterscheidungen können folgen je nachdem, wie das Beobachtungsfeld Religion sich entwickelt, aber beginnen muß man mit der Unterscheidung beobachtbar/unbeobachtbar. Die Unterscheidung lässt kein sinnvolles (ergiebiges) Kreuzen der Grenze zu. Wenn man kreuzt, gilt das »law of crossing« mit dem »form of cancellation«. Wenn man zurückkehrt, steht man so da, als ob nichts gewesen wäre, denn Beobachten kann nur auf der Seite des Beobachtbaren stattfinden (auch wenn es diese Seite nur gibt, weil es auch die andere gibt).

Es geht auch nicht darum, das Unbeobachtbare beobachtbar zu machen - es abzubilden, darzustellen usw. Dies wäre schlicht ein Kategorienfehler bzw. ein Übergang zu einer anderen Art von Unterscheidung. Es kann sich nach allem nur um das re-entry der Form in die Form, das heißt: der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene handeln. Mit anderen Worten: Im Beobachtbaren (wo sonst?) muß die Differenz von beobachtbar/unbeobachtbar beobachtbar gemacht werden. Es geht nicht um die eine oder die andere Seite dieser Unterscheidung, sondern um ihre Form: um die Unterscheidung selbst.




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