Niklas Luhmann
Gesellschaftsstruktur und Semantik
Suhrkamp 1999

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Wechsel der Systemreferenz

Theorie selbstreferentieller Systeme

Schon im 17.Jahrhundert hatte man im Begriff des Gleichgewichts einen Ausweg mit Hoffnung auf mehr Präzision und Meßharkeit gesucht und diesen Begriff zugleich auf die Seele und, zum Beispiel im Begriff des balance of trade, auf soziale Verhältnisse angewandt. Dabei war zunächst die aristotelische Lehre noch präsent, die Gleichgewicht, weil unschlüssig in bezug auf die Richtung der Bewegung, als korrupten Naturzustand angesehen hatte. So spricht Edward Reynolds, ebenfalls im Kontext einer Lehre von den Passionen der Seele, von »Corruptions of knowledge« - »when the understanding is left floating, and as it were in Aequilihrio, that it cannot tell which way to encline, or what Resolutions to grow into«.'2 Andererseits denkt man bei Gleichgewichten, wie im Falle der Waage, bereits an hochempfindliche Instrumente, deren Sinn darin liegt, Störungen zu registrieren und zu messen. Eine Erbse genügt, um sie zu derangieren. Von Stabilität also keine Rede - es sei denn im Zustand des Ungleichgewichts. Immerhin verlockt die Metapher dazu, in der Wiederherstellung des Gleichgewichts eine sinnvolle Operation zu sehen. Dafür fehlt jedoch jede Grundlage in empirischen Theorien. Selbst in der Wirtschaft muß es offenbar entweder zu viele Warenangebote geben, so daß Käufer knapp sind, oder zu viele Käufer, so daß Waren knapp sind, wenn man einigermaßen stabile Grundlagen für Planungen gewinnen will.

Die eigentlich interessanten Theorieentwicklungen haben jedoch diesen Rahmen gesprengt. Sie haben dem Begriff der Störung einen neuen Namen gegeben, nämlich Irritation (manchmal auch: Perturbation, auch Piagets Begriff der accomodation kann im Sinne einer Verarbeitung von Irritation/Perturbation interpretiert werden) um anzudeuten, daß man weder die Metapher noch die Mathematik des Gleichgewichts voraussetzen muß, sondern sich statt dessen auf die Differenz von System und Umwelt zu konzentrieren hat. Die Veränderungen des Theoriekontextes, auf die hier angespielt wird, haben deutlich kontraintnitive Züge. Sie sind kontrovers geblieben, aber selten adäquat diskutiert worden. An dieser Stelle können sie nur thesenartig vorgeführt werden.

(1) Lebende Systeme, neurophysiologische Systeme, Bewußtseinssysteme und soziale Systeme haben eine gemeinsame Grundcharakteristik: Sie sind selbstreproduktive oder »autopoietische« Systeme, die ihre eigenen Operationen benutzen müssen, um ihre eigenen Operationen zu reproduzieren. Das heißt auch: es sind operativ geschlossene Systeme, die mit ihren eigenen Operationen nicht in der Umwelt operieren, also auch nicht in die Umwelt eingreifen können.

(2) Systeme dieser Art sind strukturdeterminierte Systeme. Sie können nicht durch ihre Umwelt determiniert werden, sondern müssen ihre eigenen Zustände durch ihre eigenen Strukturen festlegen, die sie durch ihre eigenen Operationen erzeugt haben und ständig erneuern oder durch andere ersetzen. Schon einfachste mathematische Rechnungen zeigen, daß jede andere Lösung völlig ausgeschlossen ist - und zwar sowohl materiell als auch informationell.

(3) Trotz, ja wegen operativer Schliessung müssen solche Systeme in der Lage sein, sich selbst von ihrer Umwelt zu unterscheiden. In diesem Sinne kann man von Selbstbeobachtung sprechen.

Da auch dies nur als Operation durchgeführt werden kann, können diese Systeme ihre Identität nicht als Gegenstand von Erkenntnis fixieren, sondern müssen sie ständig erneut überprüfen, und dies mit Bezug auf eine sich laufend ändernde Umwelt.

(4) Operative Schliessung schließe selbstverständlich kausale Interdependenzen zwischen System und Umwelt nicht aus. Aber angesichts der Endlosprobleme kausaler Zurechnung setzt jede Bezeichnung bestimmter Ursachen oder bestimmter Wirkungen einen Beobachter voraus, der diese Selektion selbst vollzieht. Beobachtungen mit Hilfe des Kausalschemas sind daher immer einem Beobachter zuzurechnen, der seinerseits als ein operativ geschlossenes System fungieren muß.

(5) Jede Kognition setzt funktionierende Autopoiesis, also operative Schliessung voraus. Kognition ist also nur auf Grund operativer Schließung, also nur deshalb möglich, weil das System keinen Kontakt mit der Umwelt hat. Gleichwohl lässt Realität sich in alter Weise durch Erfahrung von Widerstand definieren; aber es kann sich dabei nicht um Widerstand der Außenwelt handeln, sondern nur um Widerstand von Systemoperationen gegen Operationen desselben Systems, also zum Beispiel um Widerstand von Kommunikationen gegen Kommunikationen. Um Kognition zustandezubringen, müssen dann noch weitere Bedingungen hinzukommen, vor allem Gedächtnis im Sinne laufender Konsistenzprüfung an Hand von wiederverwendbaren Identitäten.

(6) Unter der Bedingung operativer Schliessung nimmt die Beziehung zwischen System und Umwelt die Form struktureller Kopplungen an - so wie das Gehirn nur durch einen winzigen Ausschnitt physikalischer Tatsachen gereizt werden kann oder Kommunikation nur durch den (ebenfalls winzigen) Weltausschnitt aktueller Bewußtseinszustände. Strukturelle Kopplung heißt, mit anderen Worten, Indifferenz gegenüber fast allem bei Kanalisierung spezifischer Abhängigkeiten, die aber nicht strukturdeterminierend wirken können.

(7) Deshalb nimmt das systeminterne Korrelat von strukturellen Kopplungen die Form der Irritation an. Der Begriff beschreibt also einen rein systeminternen Zustand, der aber im Zuge der Aufarbeitung der Irritation sowohl intern (auf eigene Strukturen) als auch extern zugerechnet werden kann. Die Umwelt selbst ist nie über sich selbst irritiert (obwohl es in der Umwelt natürlich irritable Systeme geben kann). Ein operativ geschlossenes System muß aber, um Irritation erfahren und auflösen zu können, zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden können. Und es kann mit Hilfe eingebauter Reflexionsschleifen zu kontrollierter Selbstirritation übergehen, so daß auch das Fehlen von Irritation zu irritieren vermag.

(8) Da autopoietische Systeme über Gedächtnis verfügen (denn anders könnten sie nicht auf die Determiniertheit durch ihre eigenen Strukturen reagieren), haben sie die zweifache Möglichkeit: zu vergessen oder zu erinnern. Wenn Unbekanntes und Überraschendes auftaucht, löst das typisch eine Kanalisierung in die eine oder andere Bahn des Gedächtnisses aus: Man kann die Irritation als einmalig, als situativ bedingt einstufen und damit ihr Vergessen erleichtern. Man kann aber auch mit Wiederholung rechnen, also für Erinnerung sorgen und die Irritation damit in Gewöhnung überführen. In beiden Fällen ist keine Selbstanalyse erforderlich, die die Bifurkation Vergessen/Erinnern ohnehin zerstören würde. Das System löst auch dieses Problem strukturdeterminiert, das heißt auf Grund von Anhaltspunkten, die gerade zur Hand sind.

(9) Die systeminterne Auflösung der Irritation kann mit dem von Gregory Bateson vorgeschlagenen Informationsbegriff beschrieben werden. Eine Irritation ohne Informationswert wäre dann der noch nicht digitalisierte Zustand des Systems, in dem es nicht einmal sich selbst von seiner Umwelt unterscheiden kann. Und Information wäre ein Unterschied (nämlich die sich einstellende Irritation), der einen Unterschied macht (nämlich den Übergang in einen anderen Systemzustand veranlasst). Auch Information gibt es daher nur in Systemen und nicht als eine Entität, die in der Umwelt schon so ist, wie sie ist, und dann nur noch ins System transportiert werden müßte. (Gregory Bateson Oekologie des Geistes Suhrkamp 1981 pg 582: "Information is a difference that makes a difference".)

Niklas Luhmann

Systemtheorie






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