Niklas Luhmann
Soziologie

GEO-WISSEN   
November 1993

Für den Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann ist die Vorstellung, ein so komplexes gesellschaflliches System wie Wirtschaft planen zu wollen, völlig naiv. Nach seiner Theorie organisieren sich soziale Systeme selber: Sie entwickeln, erhalten und verändern sich nicht durch Planung und Beschlüsse, sondern durch Evolution - und zwar jedes System nach seiner eigenen Gesetzlichkeit.

Am Anfang jedes Gemeinwesens steht der “Gesellschaftsvertrag”: der freie Entschluß vieler Menschen, sich zu einer Gemeinschaft gegenseitigen Nutzens zusammenzufinden. 1762, ein Vierteljahrhundert vor der Französischen Revolution, verkündete der Philosoph Jean-Jacques Rousseau diese Staatstheorie. Mit seinen englischen Vorläufern Thomas Hobbes und John Locke gehört Rousseau zu den geistigen Urvätern all jener, die glauben, daß Gesellschaften durch souveräne Beschlüsse begründet und gelenkt, aber auch zum Besseren verändert werden können. Besonders Philosophen des 19. Jahrhunderts - unter ihnen bis heute besonders nachwirkend: Karl Marx - waren überzeugt, daß die Gesellschaft- nur vernünftiger organisiert zu werden brauche, um das Glück aller Menschen auf Erden zu garantieren. 

Für Niklas Luhmann sind solche Vorstellungen völlig naiv. Wer etwa durch eine neue Ethik oder politische Reformen die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen versuche, möge besten Willens sein. Doch das ist auch das einzig Positive, das Luhmann den wohlmeinenden Gesellschaftsveränderern zubilligt. Denn der gute Wille reicht nicht, ja: Er führt in die Irre wie der scharfsinnige Kontrahent des linken Sozialphilosophen Jürgen Habermas und Verfasser vieler Bücher argumentiert: “Systeme” wie Staatsverwaltung, Wirtschaft oder Kirche, aber auch einzelne Menschen und andere Organismen entstehen und funktionieren nach schwer zu beeinflussenden internen Gesetzen, welche sie gegen geplante Veränderungen nahezu immun machen. 

“Selbstorganisation” heißt das Zauberwort, das Luhmann den gutwilligen Predigern entgegenhält: Systeme entwickeln, erhalten und verändern sich nicht durch rationale Planung und Beschlüsse, sondern durch Evolution- jedes System nach seiner eigenen Gesetzlichkeit, die es erst einmal zu verstehen gelte. 
Der Soziologe mokiert sich darüber, daß Kritiker oft diese so notwendige Analyse vergessen und aufs Geratewohl moralische oder sonstige Forderungen an die Gesellschaft stellen, “als ob sie kein System wäre”. Wer hätte denn beispielsweise bei der Entstehung der Gesellschaft etwas planen und beschließen sollen? Luhmann macht immer wieder darauf aufmerksam, daß alle Theorien, die solche Ursprünge beschreiben wollen, scheitern müssen. Denn sie setzen etwas voraus, was es vor allem anderen zuerst einmal zu erklären gilt: daß Menschen sich versammeln und etwas beschließen - eine soziale Welt also. 

Die klassischen Theoretiker von Aristoteles bis Kant von Plato bis Rousseau haben sich damit beholfen, daß sie von bestimmten Annahmen über die “Natur des Menschen” ausgegangen sind. So glaubten sie, daß im Menschen ein Streben wirke, in Gemeinschaften leben zu hatte dann zu erklären, wodurch ein gedeihliches Zusammenleben gestört wurde. Jean-Jacques Rousseau identifizierte beispielweise das Eigentum und die Familie als Ursache allen Übels.

Solche Theorien haben, so Luhmann, eine Schwäche: Werde menschliche Gemeinschaft von etwas abgeleitet das selbst nicht menschliche Gemeinschaft sei, etwa von einem “natürlichen Gemeinsinn”, dann werde die Gesellschaft mit dafür ungeeigneten Begriffen gedeutet. 

Jahrhundertelang verstanden Philosophen die Gesellschaft als eine Art “Organismus”: Sie war als Ganzes mehr als die Summe ihrer Teile, und jeder hatte seinen unverwechselbaren Platz in ihr. So schön solche Theorien sind, sie haben in Luhmanns Augen den Nachteil, daß sie sich im Detail kaum sinnvoll entfalten lassen: Wo ist beispielsweise das “Ganze” der Gesellschaft anschaubar, und wer sagt, wer wo seinen Platz in diesem Organismus hat? Für Theoretiker der linken politischen Seite ist es ganz selbstverständlich, daß Gesellschaftstheorie den Sinn hat, Gerechtigkeit, Gleichheit und auch die Emanzipation des Individuums zu fördern. Luhmann steht solchen Ideen als Basis wissenschaftlicher Arbeit mit leichtem Erstaunen gegenüber. Erstens glaubt er, daß mit Hilfe einer solchen “alteuropäischen Gesellschaftsphilosophie” das Zusammenleben der Menschen kaum wirklich zu begreifen ist . 

Zweitens kann er sich nicht vorstellen, daß etwa das Wirtschaftssystem durch eine “Ethik” steuerbar sein soll,  die seinen eigenen Gesetzen fremd ist. Denn “jedes System”, so lautet der Befund “kann sich nur selbst steuern” . Mit seiner scheinbaren politischen Indifferenz rührt Luhmann an Tabus. Wird ihm, wie von Rolf Dahrendorf, “verspielter Zynismus” vorgehalten, ist das noch eine der freundlichen Reaktionen. 

Luhmann seinerseits ist auch nicht zimperlich, wenn er sich darüber lustig macht, dass bei den Forschungen der meisten Soziologen so gar nichts Neues mehr herauskommt. Die Mehrzahl seiner Kollegen nage, so Luhmann, an den “alten Knochen der Klassiker” oder aber produziere Daten, die “keinerlei theoriegeleitete Fragestellung erkennen lassen”. Als vorrangige Aufgabe der Soziologie sieht er die möglichst zutreffende Beschreibung sozialer Systeme, wie sie entstehen und funktionieren. 

Um zu verstehen, wie Luhman zu seinen Vorstellungen kommt, die dem Wunschdenken so vieler Menschenfreunde widersprechen, müssen zunächst seine zentralen Begriffe vorgestellt werden - Begriffe, die nicht zufällig jenen ähneln, mit denen Naturwissenschaftler komplexe, dynamische Systeme beschreiben: 
 

Soziale Systeme entstehen, erhalten und verändern sich ähnlich wie biologische durch “Selbstorganisation”, durch - im Fachjargon der Systemtheoretiker - “Autopoiesis”. Jedes System läßt sich charakterisieren durch eine ganz spezielle “selbstreferentielle” - sprich: rückgekoppelte - Grundoperation, durch die es seine vergänglichen Bestandteile und damit sich selbst reproduziert. Der Rückgriff auf die naturwissenschaftlichen Theorien komplexer Systeme ermöglicht Luhmann vor allem, eine allgemeine Theorie zur Selbstorganisation sozialer Systeme zu entwerfen. 

Wichtige Anregungen hat er von den chilenischen Biologen Francisco Varela und Humberto Maturana bekommen, deren Theorie zufolge Organismen sich “autopoietisch” entwickeln: durch Reaktion auf interne Veränderungen, weitgehend abgeschottet von der Umwelt. Zur Illustration dieses Gedankens erzählen die beiden Chilenen in ihrem Buch “Der Baum der Erkenntnis” ein Gleichnis: Jemand beobachtet von einem Strand aus, wie sich ein U-Boot nähert und die zahlreichen Klippen äußerst geschickt umschifft. Der Steuermann, mit dem der Beobachter über Funk Kontakt aufnimmt, versteht gar nicht warum dieser ihn so bewundert: Er habe von Klippenund Riffen noch nie etwas gesehen oder gehört. Statt dessen erzählt der Steuermann von den vielen Zeigern und Hebeln im U-Boot und davon, daß er die Zeiger durch Hebelbewegungen in bestimmten Stellungen zu halten habe. Die Pointe der Geschichte ist klar: Das U-Boot enthält Messinstrumente, die auf Klippen reagieren. Der Steuermann weiß davon aber nichts. Er weiß nur, in welchen Bereichen er die Zeiger halten soll. Diese Geschichte wirkt wie eine moderne Fassung von Platos Höhlengleichnis: Auch da erkennen die Menschen in der Höhle nicht die Wirklichkeit, sondern nur die Schatten, welche die Sonne auf die Rückwand der Höhle projiziert. 

“Grenze” zwischen System und Umwelt

Luhmann glaubt, daß die Sozialwissenschaft Systeme nur dann adäquat betrachten kann, wenn sie die “Grenze” zwischen System und Umwelt untersucht. Systeme leben - so Luhmann - keineswegs in unendlichem Austausch und in immer neuer kurzfristiger Anpassung an die Vielfalt ihrer Umgebung, sondern praktisch von ihr abgeschottet. Ihr Kontakt mit der Außenwelt beschränkt sich auf wenige, spezielle “Meßfühler” . Sie zeigen manche, vielleicht für das System wichtige Umweltveränderungen als “systeminterne Diferenzen” an, registrieren aber die meisten nicht. Um die Dynamik eines Systems zu verstehen, ist es mithin nötig, die jeweiligen Meßfühler zu erkennen und zu begreifen: bei der Wirtschaft etwa die Preise. Mit deren Hilfe nimmt die Wirtschaft jedoch weniger die “tatsächliche” Umwelt wahr, sondern konstruiert sich ihre eigene: den Markt . 

Diese Betrachtungsweise bedeutet eine Kehrtwendung in der soziologischen Systemtheorie. Sie hatte anfänglich zum Beispiel eine Gruppe steinzeitlicher Sammler und Jäger wie eine Maschine beschrieben, die aus der Umwelt mit Energie und Rohstoffen versorgt wird und darauf reagiert. 
Von der Kybernetik inspirierte Soziologen entwarfen in den sechziger Jahren die Vorstellung, daß auch die zunehmende Vielschichtigkeit einer Gesellschaft - im Fachjargon: die Ausdifferenzierung eines Systems zu höherer Komplexität - eine Reaktion sei: eine Antwort auf die Komplexität der Umwelt. Demnach spezialisierten sich Mitglieder früher Gesellschaften immer stärker, um den komplexen Anforderungen des Uberlebens besser genügen zu können. Doch das simple Input- Output-Schema war, wie sich bald herausstellte, nicht in der Lage, die Eigenart sozialer Systeme zu erfassen. Denn diese reagieren ganz unterschiedlich auf Veränderungen der Umwelt, und meistens, so Luhmann, überhaupt nicht: Sie erhalten und entwickeln sich in ihrer Isolation, indem sie mit sich selbst beschäftigt sind. Um ein Bild ihrer eigenen Situation zu erhalten, beschreiben Systeme nicht die “wirkliche” Umwelt, sondern sich selbst. Der Markt ist beispielsweise die selbsterzeugte “innere Umwelt” der Wirtschaft. Was nicht in der Sprache des Marktes und der Preise ausgedrückt ist, kann diese nicht wahrnehmen. Selbst wenn die Handelnden Menschen privat viel umfassender nachenken: “ Ein System kann nicht sehen”, sagt Luhmann, “was es nicht sehen kann.” Deshalb heissen solche Systeme “selbstreferentiell”. Sie koppeln sich von der Umwelt ab und beziehen sich auf sich selbst. 

Komplexe soziale Systeme existieren nur im “Fliessgleichgewicht”.
Die Abschottung der Systeme von der Umwelt hält Luhmann für besonders wichtig: Sie ermöglicht die spezifische innere Dynamik, die Entwicklung und kreative Ausdifferenzierung eines Systems wie etwa der menschlichen Gesellschaft . “Evolutionstheoretisch gesehen wird man sogar sagen können, daß die sozio-kulturelle Evolution darauf beruht, daß die Gesellschaft nicht auf ihre Umwelt reagieren muß und daß sie uns anders gar nicht dorthin gebracht hätte, wo wir uns befinden. Die Landwirtschaft beginnt mit der Vernichtung von allem, was vorher da wuchs.“

Was eine Gruppe oder ein Einzelner tut, ist nicht zwangsläufig eine vorhersehbare Reaktion auf eine jeweilige Umwelt. Es kann etwas Neues sein und genau daran scheitern: “Man muß mindestens auch mit der Möglichkeit rechnen”, sagt Luhmann, “daß ein System so auf seine Umwelt einwirkt, daß es später in dieser Umwelt nicht mehr existieren kann“. 

Naturwissenschaftler haben in den letzten Jahrzehnten erkannt, daß komplexe dynamische Strukturen nur als “Fließgleichgewichte” bestehen können: Stets müssen Energie und Materie von außen zufließen - bei Pflanzen etwa Sonnenlicht und Nährstoffe. Auch Luhmann betont, daß kein System ohne eine Umwelt existieren kann, von der es “gehalten” wird. Oder, paradox formuliert: Abgeschottete Systeme sind offen. Allerdings determiniert die Umwelt nicht, was im System passiert - ebenfalls eine Erkenntnis aus den Naturwissenschaften. So “hält” zwar die Sonnenenergie das Leben, doch die Evolution verläuft fast unvorhersehbar, durch Selbstorganisation nach systeminternen Regeln. 
 

Alle komplexen dynamischen Systeme erhalten und entwickeln sich, wie Naturwissenschaftler in den letzten Jahrzehnten erkannt haben durch “Rückkopplung”: Das Grundelement des Systems sorgt - da es selbst vergänglich ist - dafür, daß es selbst immer wieder neu entsteht So gibt es Leben nur, weil Erbsubstanz neue Erbsubstanz erzeugt, die wieder neue Erbsubstanz hervorbringt. Luhmann begreift auch soziale Systeme als kreative, sich unvorhersehbar entwickelnde Fließgleichgewichte . Sie sind stets in Gefahr zu zerfallen, wenn die Umwelt sie nicht mehr “hält” oder die grundlegende Rückkopplung nicht mehr funktioniert. So bricht die Wirtschaft zusammen, wenn nicht ständig Zahlungen neue Zahlungen ermöglichen, die wiederum Zahlungen erlauben. Die “Zahlung” entspricht in der Wirtschaft dem, was die Erbinformation für das Leben bedeutet. Und folglich ist die Erzeugung immer neuer Zahlungsmöglichkeiten für die Dynamik der Wirtschaft so wichtig wie die Erzeugung immer neuer Erbsubstanz für die Dynamik des Lebens. 

Eine weitere Parallele zwischen biologischen und sozialen Systemen sieht der Bielefelder Professor in der Fähigkeit, immer differenziertere Strukturen zu bilden - die ungeheure Vielfalt des Lebens wie der menschlichen Gesellschaft. Ein dynamisches System kann sich arbeitsteilig in Subsysteme aufspalten und so immer effektiver und flexibler auf seine systemeigene Umwelt - also auf sich selbst - reagieren. So differenziert etwa unsere Gesellschaft auch sein mag: Ihre Teile können als Systeme im System nur ihre jeweils eigene Umwelt über ihre spezifischen Meßfühler wahrnehmen.
 
Im U-Boot zum Beispiel gibt es Echolot und Radar, Kompaß und Funkgerät. An all diesen Apparaten sitzen Spezialisten, die nur gelernt haben, ihr Gerät zu bedienen. Sie nehmen nur wahr, was ihr Gerät anzeigt - wobei sie noch nicht einmal wissen, was die Anzeige “wirklich” bedeutet. Trotzdem gelangt das Boot heil durch die Klippen. So ähnlich, meint Luhmann funktioniert auch die Gesellschaft: Da gibt es Verwaltungen und politische Einrichtungen, Wirtschaft und Wissenschaft, Religion und Medizin und alle möglichen sonstigen Institutionen. Alle diese Subsysteme reagieren immer nur auf das, wofür sie da sind. Sie können nicht auf das reagieren, was in ihnen selbst nicht vorkommt. Denn alles, was ein System tut, dient - wenn es nicht sich selbst zerstören soll - der Erhaltung seiner charakteristischen Rückkopplung. So kann die Wirtschaft als solche nichts anderes tun, als immer wieder neue Zahlungsmöglichkeiten zu schaffen. Dadurch unterscheidet sie sich ja von allen anderen Bereichen der Gesellschaft. Ihre “Meßfühler” - die Preise - sind diesem Zwang angepaßt und können nicht durch andere ersetzt werden, die etwa ökologische Signale übermitteln. Die wirkliche Umwelt eines Systems ist, so argumentiert Luhmann, stets komplexer als ihre Repräsentation im System. Die Meßfühler und die “interne Umwelt”, die das System zur Selbstbeschreibung benutzt, sind an dieser Komplexität gemessen primitiv. Das hat Vorteile: Die Vereinfachung ermöglicht es, überhaupt auf die Umwelt zu antworten. Und Nachteile: Systeme sind blind für Ziele anderer Systeme, also auch für übergeordnete Ziele. 

Je feiner sich die Gesellschaft also durch Selbstorganisation differenziert, je stärker sie sich in Subsysteme aufspaltet, desto flexibler und effektiver kann sie auf viele Probleme reagieren. Aber gleichzeitig wird sie - so Luhmann - auch immer schwerer lenkbar . Ein aktuelles Beispiel: In unserer Gesellschaft sind viele Menschen dafür, die Umwelt besser zu schützen. Doch der gute Wille ist sehr schwer in die Tat umzusetzen: Ein Jurist darf in seiner täglichen Arbeit nichts anderes tun, als Umweltschäden nach der gesetzlich definierten “Zurechenbarkeit” zu bewerten; ein Wirtschaftler ignoriert sie, solange sie seine Bilanzen nicht beeinflussen; ein Arzt erkennt Umweltschäden an dem Gesundheitszustand seiner Patienten, ein Chemiker sieht erst da Probleme, wo bestimmte Grenzwerte überschritten werden. Jeder hat also, selbst wenn ihm der Schutz der Natur privat am Herzen liegt, im öffentlichen Handeln seinen “blinden Fleck”, jeder trifft andere Unterscheidungen, jeder muß andere Rücksichten nehmen. Jeder Mensch ist auch selbst ein “psychisches System”, das auf seine eigene Weise die Welt deutet. Niemand hat den totalen Überblick. Und selbst wenn: Es gibt keine Möglichkeit, der Gesellschaft als Ganzer Vernunft, Moral oder auch nur ökologisches Bewußtsein beizubringen. Es gibt, mit anderen Worten, keine Erlösung durch Ethik. Politiker können zwar versuchen, ökologische Moral zu verwirklichen, indem sie die einzige Sprache sprechen, welche die Wirtschaft versteht - ökonomische Maßnahmen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß ihr dies nicht immer gelingt. Denn zum einen spielt die Wirtschaft als einer der mächtigsten “Umweltfaktoren” der Politik eine entscheidende Rolle. Zum andern lassen sich ökologische Vorstellungen oft nur sehr schwer oder überhaupt nicht in fiskalische oder juristische Maßnahmen umsetzen. Wenn jedoch Politiker es trotz aller Hindernisse gelegentlich schaffen und in Sachen Umwelt etwas in Gang setzen, können sie sich leicht irren - und das Gegenteil des erwünschten Effektes bewirken. Das gilt, sagt Luhmann, auch für ähnliche gutgemeinte Vorhaben: “Verwerfliches Handeln kann willkommene Auswirkungen haben. aber ebenso können auch die besten Absichten zu schlimmen Folgen führen.” Selbst in der beliebten Suche nach dem Schuldigen - etwa bei ökologischen Sünden - sieht der Wissenschafter nur eine Uebung, mit der die Gesellschaft sich ihre Unfähigkeit, nach ethischen Prinzipien zu handeln, verleugnen kann: Der Schuldige ist der, “den man greifen kann”. Die Jagd nach dem Sündenbock nutzt im Endeffekt wenig. “Die Gesellschaft ist schuld”, spottet der Mann, dem seine Kritiker Zynismus unterstellen. ,,Und das wissen wir sowieso.” 

Niklas Luhmanns Theorie zeichnet eine Gesellschaft “ohne Subjekt, ohne Vernunft”, wie ein Rezensent scharfsinnig bemerkt. Der Bielefelder Soziologe drückt seine Überzeugung, daß ein öffentlicher, vernünftiger Diskurs die Gesellschaft nicht voranbringen könne, drastischer aus: “Es gibt nur Ratten im Labyrinth, die einander beobachten und eben deshalb wohl zu Systemstrukturen, nie aber zu Konsens kommen können. Es gibt kein labyrinthfreies, kein kontextfreies Beobachten. Und selbstverständlich ist auch eine Theorie, die dies beschreibt eine Rattentheorie.” 
 

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