Niklas Luhmann
Soziale Systeme
Grundriss einer Allgemeinen Theorie
Suhrkamp 1984

Sclüsselbegriffe: Sinn - Die Co-evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als unerläßliche, unabweisbare Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese evolutionäre Errungenschaft „Sinn“. - Sinnbegriff als "differenzlosen" Begriff, der sich selbst mitmeint, einzuführen - Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Etwas steht im Blickpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns - Sinn stattet das je aktuell vollzogene Erleben oder Handeln mit redundanten Möglichkeiten aus - Mit jedem Sinn, mit beliebigem Sinn wird unfassbar hohe Komplexität (Weltkomplexität) appräsentiert und für die Operationen psychischer bzw. sozialer Systeme verfügbar gehalten. Sinn bewirkt dabei einerseits: daß diese Operationen Komplexität nicht vernichten können, sondern sie mit der Verwendung von Sinn fortlaufend regenerieren. - Jede Sinnintention ist selbstreferentiell insofern, als sie ihre eigene Wiederaktualisierbarkeit mitvorsieht, in ihrer Verweisungsstruktur also sich selbst als eine unter vielen Möglichkeiten weiteren Erlebens und Handelns wieder aufnimmt. Sinn kann überhaupt nur durch Verweisung auf jeweils anderen Sinn aktuale Realität gewinnen; es gibt insofern keine punktuelle Selbstgenügsamkeit und auch kein »per se notum« -




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Kapitel 2
Sinn
Auch das zweite Kapitel greift noch über den engeren Bereich der Theorie sozialer Systeme hinaus und behandelt ein Thema, das psychische und soziale Systeme gemeinsam betrifft.

Psychische und soziale Systeme sind im Wege der Co-evolution entstanden. Die jeweils eine Systemart ist notwendige Umwelt der jeweils anderen. Die Begründung dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemarten ermöglichenden Evolution. Personen können nicht ohne soziale Systeme entstehen und bestehen, und das gleiche gilt umgekehrt. Die Co-evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als unerläßliche, unabweisbare Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese evolutionäre Errungenschaft „Sinn“.

Schon der »Behaviorismus« hatte die einseitig auf Bewußtsein bezogene Fassung des Sinnbegriffs überwunden - freilich nur mit Hilfe des Gegenbegriffs »behavior«, der seinerseits nicht ausreicht, weil er (1) zu stark einschränkt und (2) Konsens und Verhaltensabstimmung als Sinngrundlage ungebührlich hervorhebt. Statt hier anzuschließen, ise es besser, allen Objektbezug, der ja immer etwas ausschließt, zunächst zu vermeiden, und den Sinnbegriff als „differenzlosen“ Begriff, der sich selbst mitmeint, einzuführen. Was Sinn ist, läßt sich am besten in der Form einer phänomenologischen Beschreibung vorführen. Eine Definition zu versuchen, würde dem Tatbestand nicht gerecht werden, da bereits die Frage danach voraussetzt, dass der Fragende weiß, worum es sich handelt.

Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Etwas steht im Blickpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit. Die Verweisung selbst aktualisiert sich als Standpunkt der Wirklichkeit, aber sie bezieht nicht nur Wirkliches ein, sondern auch Mögliches (konditional Wirkliches),und Negatives (Unwirkliches, Unmögliches). Die Gesamtheit der vom sinnhaft intendierten Gegenstand ausgehenden Verweisungen gibt mehr an die Hand, als faktisch im nächsten Zuge aktualisiert werden kann. Also zwingt die Sinnform durch ihre Verweisungsstruktur den nächsten Schritt zur Selektion. Diese Zwangsläufigkeit der Selektion geht mit in das Sinnbewußtsein und für soziale Systeme mit in die Kommunikation über Sinnhaftes ein, so daß die pure Faktizität des aktuellen Lebensvollzugs weder dem Bewußtsein noch der Kommunikation letzte Anschlussicherheit mitgeben kann.

Mit einer etwas anderen Formulierung läßt sich auch sagen, Sinn stattet das je aktuell vollzogene Erleben oder Handeln mit redundanten Möglichkeiten aus; dadurch wird die Unsicherheit der Selektion zugleich auch wieder kompensiert. Redundanz hat eine Sicherheitsfunktion. Man kann sich Fehlgriffe leisten, weil die Möglichkeiten damit noch nicht erschöpft sind. Man kann zum Ausgangspunkt zurückkehren und einen anderen Weg wählen.

Bei einem Rückblick auf das, was oben zum Thema Komplexität gesagt worden ist, ist unschwer zu erkennen, daß diese Formvorschrift Sinn auf das Problem der Komplexität bezieht. Damit kehren wir von der phänomenologischen Beschreibung zur problembezogenen funktionalen Analyse zurück.

Mit jedem Sinn, mit beliebigem Sinn wird unfassbar hohe Komplexität (Weltkomplexität) appräsentiert und für die Operationen psychischer bzw. sozialer Systeme verfügbar gehalten. Sinn bewirkt dabei einerseits: daß diese Operationen Komplexität nicht vernichten können, sondern sie mit der Verwendung von Sinn fortlaufend regenerieren. Der Vollzug der Operationen führt nicht dazu, daß die Welt schrumpft; man kann nur in der Welt lernen, sich als System mit einer Auswahl aus möglichen Strukturen einzurichten. Andererseits reformuliert jeder Sinn den in aller Komplexität implizierten Selektionszwang, und jeder bestimmte Sinn qualifiziert sich dadurch, daß er bestimmte Anschlussmöglichkeiten nahelegt und andere unwahrscheinlich oder schwierig oder weitläufig macht oder (vorläufig) ausschließt.

Sinn ist mithin - der Form, nicht dem Inhalt nach - Wiedergabe von Komplexität, und zwar eine Form der Wiedergabe, die punktuellen Zugriff, wo immer ansetzend, erlaubt, zugleich aber jeden solchen Zugriff als Selektion ausweist und, wenn man so sagen darf, unter Verantwortung stellt.

Ebenso wie das Problem der Komplexität tritt auch das Problem der Selbstreferenz in der Form von Sinn wieder auf. Jede Sinnintention ist selbstreferentiell insofern, als sie ihre eigene Wiederaktualisierbarkeit mitvorsieht, in ihrer Verweisungsstruktur also sich selbst als eine unter vielen Möglichkeiten weiteren Erlebens und Handelns wieder aufnimmt. Sinn kann überhaupt nur durch Verweisung auf jeweils anderen Sinn aktuale Realität gewinnen; es gibt insofern keine punktuelle Selbstgenügsamkeit und auch kein »per se notum«. Schließlich wird insofern das allgemeine Problem der Selbstreferenz copiert, als es auch im Bereich des Sinnhaften unergiebig wird, in der bloßen Selbstbezüglichkeit oder in kurzgeschalteten Tautologien zu zirkulieren. Diese Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, sondern mitangezeigt. Man kann denken: diese Rose ist eine Rose, ist eine Rose, ist eine Rose. Aber ergiebig ist die Benutzung eines rekursiven Weges nur, wenn sie sich von bestimmten Bedingungen abhängig macht, also nicht immer auf jeden Fall sofort erfolgt. Interdependenzen müssen, um Aufbauwert für komplexe Systeme zu gewinnen, der allgemeinen Bedingung des Konditioniertseins genügen.

Der Sinnzwang, der allen Prozessen psychischer und sozialer Systeme auferlegt ist, hat Konsequenzen auch für das Verhältnis von System und Umwelt. Nicht alle Systeme verarbeiten Komplexität und Selbstreferenz in der Form von Sinn; aber für die, die dies tun, gibt es nur diese Möglichkeit. Für sie wird Sinn zur Weltform und übergreift damit die Differenz von System und Umwelt. Auch die Umwelt ist für sie in der Form von Sinn gegeben, und die Grenzen zur Umwelt sind Sinngrenzen, verweisen also zugleich nach innen und nach außen. Sinn überhaupt und Sinngrenzen insbesondere garantieren dann den unaufhebbaren Zusammenhang von System und Umwelt, und dies in der für Sinn eigentümlichen Form: durch redundantes Verweisen.

Kein Sinnsystem kann sich in der Umwelt oder in sich selbst endgültig verlieren, da immer Sinnesimplikate mitgegeben sind, die über die Grenze zurückverweisen. Die Ausdifferenzierung des Systems mit Hilfe besonderer Sinngrenzen artikuliert einen weltuniversalen Verweisungszusammenhang mit der Konsequenz, daß für das System feststellbar ist, womit es sich selbst und womit es seine Umwelt intendiert. Aber die Grenze selbst ist durch das System bedingt, so daß die Differenz des Systems zur Umwelt ihrerseits als Leistung des Systems reflektiert, nämlich in selbstreferentiellen Prozessen thematisiert werden kann.

Sinn korrespondiert als evolutionäres Universale schließlich auch mit der These der Geschlossenheit selbstreferentieller Systembildungen. Geschlossenheit der selbstreferentiellen Ordnung wird hier gleichbedeutend mit endloser Offenheit der Welt. Diese Offenheit wird nämlich durch die Selbstreferentialität von Sinn konstituiert und durch sie laufend reaktualisiert. Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem hinaus auf etwas anderes. Systeme, die an Sinn gebunden sind, können daher nicht sinnfrei erleben oder handeln. Sie können die Verweisung von Sinn auf Sinn nicht sprengen, in der sie selbst unausschließbar impliziert sind. Innerhalb der sinnhaft-selbstreferentiellen Organisation der Welt verfügt man über die Möglichkeit des Negierens, aber diese Möglichkeit kann ihrerseits nur sinnhaft gebraucht werden. Auch Negationen haben, nur dadurch sind sie anschliessbar, Sinn. Jeder Anlauf zur Negation von Sinn überhaupt würde also Sinn wieder voraussetzen, würde in der Wek stattfinden müssen.. Sinn ist also eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie. Ihre Aufhebung wäre im strengsten Sinne „annihilatio“ - und das wäre Sache einer undenkbaren externen Instanz.

"Sinnlosigkeit" kann deshalb nie durch Negation von Sinnhaftigkeit gewonnen werden. Sinnlosigkeit ist ein Spezialphänomen, es ist überhaupt nur im Bereich der Zeichen möglich und besteht in einer Verwirrung von Zeichen. Ein Durcheinanderbringen von Objekten ist niemals sinnlos, ein Trümmerhaufen zum Beispiel ist sofort als solcher erkennbar.

Mit dieser These universeller, selbstreferentieller Formbindung allen sinnhaften Prozessierens ist natürlich nicht gesage, daß es außer Sinn nichts gibt. Das würde den systemtheoreeischen Rahmenbedingungen der Analyse der Funktion von Sinn widersprechen, und das widerspräche auch direkt zugänglichen Erfahrungsgehalten, die in literarischen und philosophischen Traditionen mit Titeln wie Genuß, Faktizität, Existenz benannt worden sind. Nicht zuletzt wäre an die religiöse Erfahrung der Transzendenz zu erinnern. An die Stelle solcher Titel, deren Sinn das nicht decken kann, was sie meinen, könnte heute die Einsicht treten, daß die Genese und Reproduktion von Sinn einen Realitätsunterbau voraussetzt, der seine Zustände ständig wechselt. Sinn entzieht diesem Unterbau dann Differenzen (die als Differenzen nur Sinn haben), um differenz orientierte Informationsverarbeitung zu ermöglichen. Allem ist dadurch temporalisierte Komplexität und Zwang zur laufenden Aktualitätsverlagerung aufgenötigt, ohne daß der Sinn selbst diesem Unterbau entsprechend vibriert. Die Vibrationen werden durch emergente selbstreferentielle Systeme ausgeschaltet. Den gleichen Sachverhalt belegt Gregery Bateson mit dem nicht ungefährlichen Titel "mind", in der deutschen Übersetzung sogar "Geist". (Siehe: Mind and Nature: A Necessary Unity, deutsch: Geist und Natur: Eine notwendige Einheit, Frankfurt 1982)

Niklas Luhmann

Systemtheorie

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